DER MORGEN

Es ist noch dunkel am frühen Morgen im Winter. Während des Fußmarsches zur Straßenbahn registriere ich jedesmal erfreut die Ruhe des Morgens, bevor der große Ansturm auf den Tag losgeht. Die Menschen sind zwar wach - ihre Körper – aber der Geist genießt den Dämmerzustand am Morgen. Diesen so lange wie möglich festzuhalten, bevor die Unruhe losgeht, ist ein kurzes Vergnügen. Der Motor der Menschen springt nur langsam an, nicht wie der eines Autos mit Vollstart; der Tag ist lang und die Energie begrenzt.

Dann sitze ich zusammen mit vielen Menschen in der Straßenbahn, auf dem Weg zur Arbeit. Einige Menschen lesen die ersten Informationen des neuen Tages, andere lassen sich noch ein wenig tragen von diesem Dämmerzustand. Plötzlich springt neben mir ein Mann auf, erwacht aus diesem Zustand. Eigentlich kann ich nicht sagen, er erwachte. Sein Aufspringen von Null auf Hundert war ein Zustand, den ich als unter Volldampf sein empfinde.

Die letzte Haltestelle gerade verlassen, fuhr er von seinem Sitz hoch und sprintete zur Tür. Offensichtlich wollte er an der nächsten Haltestelle austeigen. Zuerst. Da stand er nun an der Tür, sein Spiegelbild in der Scheibe betrachtend. Er trägt einen blauen Lodenmantel und hält einen Aktenkoffer in der rechten Hand. Seine Brille sitzt eng auf seinem Nasenrücken. Er zeigt keinerlei Regung im Gesicht. Augenscheinlich steht er ruhig da, völlig konzentriert auf den nächsten Schritt. Er wirkt nicht nervös oder ärgerlich. Er hat alles im Griff, selbstbewusst sieht er sich in der Scheibe.

Andere Menschen haben sich von ihm nicht irritieren lassen, denn die nächste Haltestelle ist noch ein wenig entfernt. Also noch Zeit genug, um den Dämmerzustand langsam ausklinkgen zu lassen. Ich warte gespannt auf den Moment, wenn die Bahn zum Stehen kommt und die Tür sich an der nächsten Haltestelle öffnen wird. Wird er in Bewegung geraten? Zur Zeit sieht es so aus, dass sein Motor aus ist. Null, Zero!

Wir fahren in den U-Bahnhof ein, die nächste Haltestelle ist nun in Sicht. Weitere Menchen erheben sich, allmählich. Ich bleibe noch sitzen. Die Bahn hält, die Tür öffnet sich – und er versäumt keine Sekunde, um aus der Bahn zu kommen. Ich vermute, dass ich ihn aus den Augen verlieren würde, so schnell nicht hinterherkomme. Da sehe ich noch seinen Körper die Treppe hochwetzen und spüre, wie froh ich bin, aus seinem Bann zu sein. So steige ich die Treppen hinauf an den Tag, der inzwischen heller, unruhiger und lauter geworden ist. Der Morgen ist erwacht.

Da stehe ich und versuche, mich zu orientieren. Mein Tempo wiederzufinden. Loslassen, von dem eben Gesehenen. Ich schaue mich um. Und wen sehe ich da die Treppe hochkommen? Den Hektiker: Völlig gelassen und ruhig steigt er nach mir hinaus an den Tag. Er hat jetzt außerdem Zeitung in der Hand. Er sieht fast glücklich aus. Entspannt. Da verstehe ich: Er hat sein Ziel noch erreicht. Bevor sein Tagespensum losgeht, wollte er noch unbedingt die Zeitung am Kiosk ergattern. Minuten durch seinen Sprint herausholen. Geschafft. Da ist er seinem Plansoll so nachgerannt, um nun hinter seiner Zeitung zu versinken. Sich dann Entspannung verschaffen. Nun ja, jeder Mensch macht sich zu Tagesbeginn schon seine Ziele, und sei es, eine Zeitung am frühen Morgen zu ergattern.

Menschen haben am Tag sehr viele Ziele, Vorgaben, die es zu erreichen gilt. So durchläuft man den Tag in einem Tempo entgegen seines Gefühls. Ein Tagessoll zu erreichen ist menschlich. Aber auch mit Ruhe und Gelassenheit erreicht man sein Ziel. Und der Morgen beginnt morgen und danach wieder in der Dämmerung…

Ella

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