Träume sind absolut. Unnötig. Quatsch. Illusion. Fern und doch so nah. Einmalig. Unwiderbringbar. Träume sind dein Glück. Sie bringen deine Gefühle in Bildern zurück. Sie erinnern dich an deine Wünsche. “Träume dich reich”, und du wirst nie wieder arm sein.
Und wieder einmal ein Geburtstag, wieder ein Jahr älter, wieder ein Jahr vergangen, wieder ein Jahr, das viel zu schnell vorbei war. Jedesmal hält Nora am Geburtstagsmorgen die Luft an, um zu testen, ob sie es noch genauso lange schaffen würde, wie in den Jahren zuvor. Sozusagen ein Älterwerdentest, den sie auf jeden Fall bestehen will, und von dem ihre Stimmung für den ganzen Geburtstag abhängt. Sie hält die Luft an, zwanzig Sekunden, dreizig Sekungen, jetzt wird es langsam kritisch, im Vorjahr hat sie siebenunddreizig Sekunden geschafft. Siebenunddreizig Sekunden, die Nora zur Verzweiflung oder zur Erleichterung bringen können, siebenunddreizig Sekunden, in denen sie innerlich Resumee für ihr ganzes Leben hält, sich testet, ob sie noch Puste hat, für den Rest ihres Lebens.
Nora ist Schauspielerin. Bekanntlicherweise übertreiben es Schauspieler gerne mit allen Ereignissen, zelebrieren diese, als würden sie eine Theatervorstellung geben. Nora hat einen Schauspielkollegen, der jedes Jahr an seinem Geburtstag den Kopf in einen Eimer mit kaltem Wasser steckt, um so zu testen, ob er noch die Power hat, weiterzumachen, oder ob er aufgibt und so lange unter Wasser bleibt, bis er nicht mehr atmen kann. Das findet Nora doch ein wenig übertrieben. Man sagt zwar immer, Künstler seien nur wirklich gut, wenn sie extrem leben oder empfinden, aber mit dem Leben zu spielen, um sein Leben zu spielen, dazu hat Nora zu viel erlebt, um das nötig zu haben.
Als sie acht Jahre alt war begann sie in der Schule mit einer Theater-AG. Dort bekam Nora zum ersten Mal das Gefühl, eine Ahnung, dass sie Schauspielerin werden würde. Sobald sie ihre Rollen zwei- bis dreimal gespielt hatte, kannte sie ihre Texte, ihren Einsatz, ihre Gesten. Es fiel ihr leicht und sie hatte großen Spaß daran, in andere Rollen zu schlüpfen, Texte zu sprechen, die sie so nie gesprochen hätte, und sie begann von großen Rollen in Kinofilmen zu träumen. Sobald sie die Schule beendet hatte, wollte sie auf eine Schauspielschule gehen. Aber ihre Eltern hatten dafür kein Geld, die Schauspielschulen waren enorm teuer, so unerschwinglich für Leute, die nicht aus Bekanntheits- oder sonstigen Gründen aufgenommen wurden. Inzwischen rieten ihre Eltern ihr ab, es gäbe so viele erfolglose Schauspieler, ob sie nicht sicherheitshalber etwas vernünftiges lernen wollte. Aber Nora wusste nicht, was sie sonst werden sollte, sie spürte ja nur, dass sie nichts anderes werden konnte außer Schauspielerin.
Es folgten brotlose Jahre, in denen Nora sich mit kleinen Nebenrollen über Wasser hielt, Rollen, in denen kein Nachweis einer Talentschmiede notwenig war, Rollen, für die sie ihr Talent nicht benötigte. Sie hielt einfach durch, weil sie den Traum nicht loslassen konnte, den Traum davon, eine großartige Schauspielerin in einem großartigen Kinofilm. Und sie sprach immer wieder an den einschlägigen Schauspielschulen vor, immer wieder, drei Jahre, vier Jahre vergingen, und nie erhielt sie einen der begehrten Ausbildungsplätze. Im fünften Jahr dann wurden Stipendien eingeführt, die Plätze lichteten sich langsam, und dafür bewarb sie sich dann. Sie sprach und spielte vor und sie bekam einen Stipendienausbildungsplatz an der Schauspielschule.
Aber Nora wird diese Jahre des Hoffens, Wartens und Glaubens nie vergessen, die Kraft, die nötig gewesen ist, um an ihrem Glauben und an ihrem Traum festzuhalten. In den siebenunddreizig Sekunden des Luftanhaltens spürt sie jedes Mal wieder die Kraft, diese Kraft des Glaubens an ihren Traum. Und jedes Jahr an ihrem Geburtstag macht sie sich wieder bewusst, das alles was sie werden wollte, kein Traum ist, den sie mit jedem Atemzug ihres Lebens genießen will.
Ella
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