DER LOVER

Kaum hatte Bella die Haustür aufgeschlossen, klingelte das Telefon, dreimal, viermal, wann hörte das Klingeln endlich auf, fünfmal, sechsmal, sie versuchte es zu ignorieren, sie wollte nicht mit ihm sprechen. Klar, er wusste, wann sie von der Arbeit nach Hause kam, er kannte ihren Tagesablauf, sie, ihre Gewohnheiten. Aber es war aus, Schluss, Finito. Das wollte er nicht akzeptieren. Sie hatte keine Lust, ihm das täglich und mit den immer gleichen Worten zu erörtern, warum sie Schluss gemacht hatte, warum sie sich mit ihm nicht mehr wohl fühlte, eingeengt gefühlt und keine Lust mehr auf ihn hatte.

Letztes Jahr war Bella auf einer Party eingeladen, eine dieser immer gleichen Partys, mit den immer gleichen Leuten, immer gleichen Gesprächsthemen und immer gleichen Häppchen. Man saß am Tisch herum, aß und trank bei belanglosem Geplänkel. Jedes Mal bemerkte Bella, dass noch nicht mal Musik angestellt wurde, irgendeine schöne Hintergrundmusik, zu der man sich die Party schönträumen konnte, nein, es lief den ganzen Abend keine Musik. Für Bella war das keine Party, eine Party ohne Musik. Sie konnte die Leute eh nicht verstehen, die sich immer nur andauernd den ganzen Abend unterhalten wollten.

Obwohl, wenn sie die anwesenden Paare betrachtete…

Im letzten Jahr also kam dann auch Markus mit seiner Frau, später, als alle anderen, so spät, dass die Häppchen fast schon aufgegessen waren. Er setzte sich dennoch einfach zu Bella auf die Bierbank, ihr genau gegenüber, und sagte in einem nasalen Stimmton zu ihr: “Endlich kann ich auch mal mit dir sprechen”. Sofort wurde die Party für Bella stimmungsvoller, daran erinnerte sie sich noch genau, wie sie sofort von seiner Art infiziert war, aus welchem Grund auch immer. Markus trug an der rechten Hand einen zarten Goldring, den sie nüchtern registrierte. Das war sie ja gewohnt, dass sie umgeben war von gebundenen Männern, die sich mit ihr unterhalten wollten.

Mehr war dann auch nicht. Sie unterhielten und verabschiedeten sich, weit nach Mitternacht, gelassen, irgendwie war ja klar, dass man sich irgendwie und -wo wiedersehen würde, und wenn es auf der nächsten Geburtstagsparty war.

Und dann ging er ihr sehr lange nicht mehr aus dem Kopf, oder Bauch, oder überhaupt…

Bis sie es geschafft hatte. Und dann war schon wieder die nächste Geburtstagsparty. Und wieder kam er spät, er, der viel beschäftigte Unternehmer, mit seiner Frau, die immer in seinem Hintergrund erschien, unscheinbar, blass, und kaum redete. Ja, seine Frau war eine der Frauen, die wenig redete, kritisch und streng guckte, keine Miene verzog, und mit da hinging, wo er hinging, auch auf einer Party immer hinter ihm blieb. Markus schlich zwei-, dreimal um den Tisch herum, an dem Bella saß, aber es gab keinen freien Stuhl mehr. Bella registrierte das mit einem inneren Schmunzeln und mit dem Gefühl, auf der sicheren Seite zu sein. Kein Platz für ihn, wie symbolisch. Aber später am Abend, als die meisten schon gegangen waren, kaum dass ein Stuhl frei wurde, saß er ihr gegenüber, mit dem gleichen Blick, den sie nicht recht verstand, und mit der gleichen nasalen Stimme, die ihr so tief in den Bauch ging.

Noch später dann, verabschiedete er sich diesmal mit einer sehr intensiven Umarmung von ihr, trotz, dass seine Frau hinter ihm stand, ein wenig angetrunken, und flüssterte ihr ins Ohr, dass sie sich doch unbedingt mal bei ihm melden sollte…

Tagelang lag ihr das im Ohr. Tagelang sagte ihr ihr Kopf, dass sie sich nie nie niemals bei ihm melden würde. Warum auch, was sollte das? Andererseits, warum sollte sie sich nicht mit ihm unterhalten, einfach unterhalten, verbalen Sex, verbalen Orgasmus mit ihm haben. Orgasmus im Kopf. Sie kannte das von früher, von der Zeit, als sie noch verheiratet andere Männer kennenlernte und sich immer nur mit ihnen unterhielt. Mehr nicht, das war tabu, aber sie zehrte davon, regte ihre Fantasien, ihren Geist, ihre Lust mit den vielen Gesprächen an. Sicher war das bei ihm auch so. Nächtelang träumte sie unruhig, schlief mit ihm in ihren Träumen, und dann nach einigen Wochen rief sie ihn an. Sie hatte sich etwas zurecht gelegt, einen Grund, weshalb sie sich bei ihm melden musste.

Unmittelbar nach dem Telefonat saßen sie in einem gemütlichen Straßencafé, tranken Wein und unterhielten sich. Als es zu dämmern begann, sagte er zu Bella, dass er sie jetzt aber mal in den Arm nehmen müsste. Und als ihr Kopf dann so an seiner Schulter lag, sagte ihre lose Zunge ihm ins Ohr, dass sie in Gedanken bereits mit ihm geschlafen hätte. Hemmungslos küsste er sie daraufhin, in aller Öffentlichkeit, in aller Lust.

Aber er musste nach Hause zu seiner Frau, sie musste weg, weg von einer unerfüllenden Affäre. Er schaute sie noch einmal sehnsüchtig an. Doch diesmal hielt sie ihre Zunge im Zaum. Es war ja nichts passiert. Zwei Tage später aber rief er sie an, er wollte bei ihr vorbei kommen, ob das in Ordnung wäre. Ihr Kopf rief noch nein, nein, doch nicht nach Hause zu ihr, aber da hatte ihre lose Zunge schon wieder Ja geantwortet.

Er kam, er rief immer wieder an, immer wenn er kommen konnte…

Bella war enttäuscht, enttäuscht, über sich selbst, sich darauf eingelassen zu haben, und enttäuscht über seine Liebesart, die so eigenwillig und besitzergreifend war, dass sie unbefriedigt blieb. Nicht so, wie in ihren Träumen, erfüllt und lustvoll. Und erst dann, erst nach einigen seiner Besuche, sprach der Bauch nicht mehr auf ihn an, blieb still und ruhig, und sie konnte das Telefon klingeln lassen, so oft es wollte.

Ella

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