DER GROßSTADTPRINZ

Grundsätzlich werden Männer vom Älter- und Einsamwerden überrascht, sie sind nicht darauf vorbereitet, achten auch nicht auf die ersten Anzeichen, nein, sie stellen urplötzlich fest, dass sie sich körperlich und gefühlsmäßig verändert haben. So auch der Großstadtprinz. Er lebt seit vielen Jahren in einem wunderschönen durch einen hohen Zaun abgeschirmten Stadthaus inmitten der Stadt. Dort hat er sich sein Reich so eingerichtet, dass es seinem Status als Unternehmer entspricht: Prunkvolle Designermöbel, die seinen Reichtum widerspiegeln, eine großartige Musik- und Videoanlage, zahlreiche Skulpturen und Gemälde, die die Räume und Wände schmücken, ein großes Bett, das einzig in einem Zimmer mit einem Fenster zum Himmel steht. Die Küche lässt technisch keine Wünsche übrig, ist aber meistens unbenutzt, denn er isst immer auswärts. Ein Zimmer dient als Klavierzimmer; hier steht ein schwarzlackierter Flügel, an dem er ab und zu musikalisch seinen Gefühlen freien Lauf lässt. Eine Kühlheit steckt in den Räumen, eine Kühlheit, die so kühl ist, dass selbst er ab und zu davon erschüttert wird.

Manchmal lädt er sich eine Prinzessin in sein Haus ein, zeigt ihr die Räume, und erzählt ihr von seinem Älterwerden und seiner Einsamkeit. Seinem unverfüllten Traum von einer Frau, mit der er gemeinsam alt werden möchte. Dann spielt er ihr ein wenig auf seinem Klavier vor, ein paar anspruchsvolle klassische Stücke, für die er jahrelang Klavierunterricht genommen hat. Jedesmal erhofft er sich, dass eine Prinzessin derart von seinem Reichtum, seiner Intelligenz und seinen Fähigkeiten so beeindruckt ist, dass sie bleibt und sein Haus mit Leben füllt. Aber bis jetzt lebt er dort alleine und richtet sich immer mehr so ein. Im Badezimmer liegen keinerlei Kosmetika herum, nirgendwo unaufgeräumte Kleinigkeiten, die eine Frau so herumliegen lässt. In der Küche duftet es nie nach frischgekochten Mahlzeiten und die rechte Seite seines übergroßen Bettes ist meistens kalt. Oft sind die Frauen beeindruckt, oft verlieben sie sich in ihn, aber bis jetzt ist nie eine lange bei ihm geblieben. Meistens fand er nicht lange Gefallen an ihnen. Meistens aber fühlten sie auch seine Kühlheit.

Dann, wenn er zu deutlich spürt, dass er immer älter und einsamer wird, fährt er mit seinem Sportwagen zum Flugplatz und steigt dort in sein Flugzeug, erhebt sich in die Lüfte, hoch über die Kumuluswolken, so hoch oben, dass die Einsamkeit natürlich wird. Dort oben findet er es lächerlich, diese einfachen Bedürfnisse eines Erdenmenschen zu sehnen, nichts kann ihm dort etwas anhaben. So lenkt er sich ab, lenkt sein Flugzeug jedesmal ein wenig höher, und wenn er nach vielen Stunden zurückkehrt, spürt er nur noch das Gefühl des Abgehobenseins. Dann hält er es wieder ein wenig aus, in seiner Einsamkeit, in seinem Stadthaus, auf Erden, dort wo Menschen sich nach der Nähe und Wärme von Menschen sehnen. Auch das bringt das Älterwerden so mit sich, den Wunsch nach einem Menschen, der einen um Seinetwillen liebt. Aber das kann auch ein Großstadtprinz sich nicht kaufen, nicht befehlen und erzwingen. Das allein ist Sache der Natur, so wie das Älterwerden eben auch.

Ella

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