Caro ist umgezogen, endlich, endlich hatte sie die heißersehnte Dachmaisonettewohnung mit Blick auf den nah gelegenen Fluss bezogen. Nach langer Zeit hat sie mal wieder das Gefühl, angekommen zu sein. Sie hatte zahlreiche Wohnungen besichtigt, bis sie endlich diese, die schönste gefunden hatte. Während der Besichtigung dieser Dachwohnung pochte ihr Herz vor Aufregung, diese Wohnung sollte es sein. Eine Wohnung ist wie eine dritte Haut, sie bietet Schutz wie die eigene Haut und die Kleidung, die du trägst. Jetzt hatte sie nur noch einen Gedanken: Nie mehr umziehen, nie mehr alle Sachen zusammenpacken, neu sortieren, ausmisten, hoch- und runterschleppen. Alles sieht danach aus, dass sie sich sesshaft einrichten kann. Die Wohnung ist schön aufgeteilt: Im unteren Bereich befindet sich eine großer Wohnessraum mit abgetrennter Einbauküche. Die breite Glasfront lässt viel Licht herein und den Blick in den Himmel und über die Dächer zu. Neben dem Wohnungseingang befindet sich eine Gästetoilette. Im oberen Bereich sind zwei kleinere Zimmer, eines davon nutzt Caro als Arbeitszimmer, eines als Schlafzimmer. Ein Manko jedoch hatte die neue Wohnung: Der Bodenbelag im Wohnessbereich sieht abgenutzt, schmudelig und unschön aus, den musste sie unbedingt erneuern. Doch leider hat Caro handwerklich so gar nichts drauf. Und sie hatte auch keine Lust darauf zu hoffen, dass irgendjemand aus ihrem Bekanntenkreis sich erbarmen würde, ihr einen neuen Fußboden zu verlegen. Also erst einmal das tun, was sie tun kann, Kartons auspacken, Bilder aufhängen, putzen, sortieren und einräumen.
Ein paar Wochen später, als das meiste Geschirr bereits in die Küchenschränke geräumt war, die Bilder an den Wänden hingen und nur noch wenige unausgepackte Kartons in Caros Schlafzimmer herumstanden, setzte sie sich mit einer Tasse Kaffee auf ihre Dachterrasse und blätterte in der Stadtrevue. Sie schaute sich die Kleinanzeigen an. Unter “Jobs” fands sie eine Anzeige, mit der ein Handwerker seine Hilfe beim Verlegen von Parkettarbeiten anbot. Das ist die Lösung, dachte sich Caro. Sofort griff sie zum Telefon und wählte die angegebene Handynummer.
Als sie am nächsten Tag von der Arbeit nach Hause kam, stand wir verabredet der Handwerker vor ihrer Tür, den sie tags zuvor auf Grund der Anzeige angerufen hatte. Er war ein dunkelhäutiger kräftig gebauter Mann mit kohlrabenschwarzen glatten Haaren – ein südländischer Typ. Er lächelte nett und begrüßte Caro mit einem “Hola” und nannte seinen Namen. Pablo, ein Südamerikaner, sprach nur gebrochen Deutsch und mischte immer wieder mal, wenn er Fragen stellte, deutsche und spanische Wörter in einen Satz. Nachdem Pablo sich einen Überblick über die anstehenden Arbeiten im Wohnessraum verschafft hat, nannte er seinen Preis und teilte mit, dass er sofort morgen mit den Verlegearbeiten beginnen könne. Er bot sich auch an, noch heute mit Caro in den Baumarkt zu fahren, um das nötige Material zu besorgen. Die Werkzeuge und Maschinen, die er für die Verlegearbeiten für das neue Parkett benötigte, würde er mitbringen. Caro war begeistert und sie fuhren sofort mit ihrem Auto in den nächstgelegenen Baumarkt. Während des Einkaufs konzentrierte sich Pablo ausschließlich auf die zu besorgenden Dinge: Parkett, Dämmschutz, Leisten und vieles mehr. Caro verlies sich voll und ganz auf Pablo und legte alles in den Einkaufswagen, war er ihr in die Hand gab. Wieder zu Hause angekommen trugen sie gemeinsam die Sachen in die Wohnung. Pablo grinste sie mit einem Lächeln an, so als wolle er sagen, dass er sehr zufrieden mit sich und diesem Job ist. In seinem halb Spanisch- halb Deutsch bat er sie noch um den Wohnungsschlüssel, damit er gleich morgen früh, an einem Donnerstag morgen, wenn sie aus dem Haus war, mit den Arbeiten beginnen konnte.
Caro kam ziemlich erledigt am Donnerstag von der Arbeit nach Hause. Fast hatte sie vergessen, dass Pablo bei ihr zu Hause rumwerkelte, es fiel ihr erst wieder ein, als sie die Haustür aufschloss. Einen kurzen Moment war sie genervt, weil sie nun nicht wie gewohnt dem nachgehen konnte, was sie sonst so tat, wenn sie von der Arbeit nach Hause kam. Außerdem hatte sie Hunger und wollte erst einmal etwas kochen. Vielleicht war Pablo ja auch schon für heute fertig mit seiner Arbeit bei ihr in der Wohnung. Im Treppenhaus vernahm sie allerdings Sägegeräusche, die nur aus ihrer Wohnung kommen konnten. Pablo war also noch da. Sie betrat die Diele ihrer Wohnung und war sofort von dem Staub, der durch die Luft wirbelte, und dem Sägegeräusch völlig eingenommen, und ging deutlich genervter in den Wohnessraum. Pablo stand mit dem Rücken zu ihr vor seiner Sägemaschine und bemerkte sie gar nicht. Aus einem mit weißer Farbe besprenkelten Kassettenrecorder hörte sie leise Salsamusik. Viel war auf dem Boden noch nicht getan, es lag nur unendlich viel Staub und Holzreste herum. Hier war an Kochen gar nicht zu denken. Sie fragte Pablo, ohne ihn begrüßt zu haben, wie lange er denn heute noch arbeiten wollte. Er schaute sie ruhig mit seinen braunen Augen an, grinste sein stolzes Handwerkergrinsen, sagte kurz ”Hola” und konzentrierte sich wieder auf die Sägearbeiten. Nach ein paar Minuten machte er die Maschine aus, fuhr sich mit einer Handbewegung über die Haare, um sie vom Staub zu befreien, und teilte ihr mit, dass er für heute Schluss macht.
Pablo kam am Freitag, am Samstag und am Montag wieder zum Arbeiten. Mittlerweile hatte sich Caro schon daran gewöhnt, ihn mit seinen verstaubten Haaren und breitem Grinsen in ihrer Wohnung vorzufinden und die immer gleiche Salsamusik zu hören. Doch heute hörte sie keine Arbeitsgeräusche mehr, als sie die Wohnungstür aufschloss, lediglich die Salsamusik lief. Vorsichtig betrat sie ihr Wohnesszimmer. Das neue Parkett funkelte ihr entgegen, die Sonne strahlte auf den wunderschönen neuen Holzfussboden, nichts lag weiter darauf herum, alles war staubfrei, keine Maschine stand im Weg, und Pablo lehnte seelenruhig an der Theke zur ihrer Küche mit einer Tasse Kaffee in der Hand. Eine weitere Tasse stand auf der Theke, die er ihr wortlos reichte. Viele Worte hatten sie in den vergangenen Tagen sowieso nicht gewechselt.
Pablo hatte bislang den Eindruck gemacht, dass er ein eher ruhiger wortkarger Typ ist. Stolz schaute er Caro an, stolz betrachtete er den glänzenden Holzfussboden. Dann grinste er wieder sein offenes fröhliches Grinsen und trat zwei Schritte näher an sie heran. Er nahm ihr die Kaffeetasse wieder aus der Hand, stellte beide Tassen auf der Küchentheke ab, nahm Caros rechte Hand in seine linke Hand, streckte ihrer beider Arme aus, zog Caro noch ein wenig näher an sich heran und deutete ihr Tanzschritte an, Salsatanzschritte. Caro hatte noch nie Salsa getanzt. Sie hatte überhaupt noch nie in irgendeiner ihrer Wohnungen mit einem Mann irgendeinen Tanz getanzt. Sie spürte, wie sich kleine Schweißperlen auf ihrem Nasenrücken ansammelten, sich bei ihr eine innere Hitze durch die Nähe von Pablos Körper ausbreitete. Pablo blieb ruhig und steuerte sie leicht und sicher über den Parkettboden, immer im Rhythmus der Salsamusik. Nach ein zwei Musikstücken fiel der erste Stress von Caro ab, sie entspannte sich in Pablos Armen und zur Musik und folgte immer sicherer seinen Schritten und dem Rhythmus. Pablo war inzwischen so tatkräftig geworden, dass Caro gar nicht mehr nachdenken konnte, welche Schritte sie machen musste, sie tanzte, tanzte, wirbelte herum, grinste ihn an, fühlte die Hitze, sah das glänzende Parkett unter ihren Füßen und hatte ein ebenso breites Grinsen im Gesicht, wie Pablo.
Caro konnte nicht sagen, wie lange sie getanzt hatten, doch irgendwann einmal war die CD abgelaufen und man hörte nur noch ihre Atemzüge im Raum. Sie hatten die ganze Zeit noch kein einziges Wort gesprochen. Caro griff zu dem inzwischen kaltgewordenen Kaffee und trank ihn mit einem Schluck herunter. Schweißperlen liefen ihr den Hals herunter, sie war vom Tanzen völlig verschwitzt. Pablo trat wieder auf sie zu und wischte ihr den Schweiß mit der ebenso leichten Bewegung von der Stirn, wie sie es die Tage zuvor immer wieder bei ihm gesehen hatte, wenn er sich den Staub von seinen Haaren wischte. Dann spürte sie seine Hand in ihrem Nacken und den leichten Druck, der ihr andeutete, dass sie näher kommen sollte, sie dachte, er wolle weiter tanzen und schaute zu ihm hoch, stellte die Tasse hastig auf die Theke ab und automatisch den Fuß zu einem ersten Tanzschritt nach vorne. Doch er drückte ihr nur einen leidenschaftlichen langen, sehr langen innigen Kuss auf ihre Lippen und zog sie herunter auf den neuen glänzenden Parkettboden.
Ella
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