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  • DER LIEBEVOLLE NACHBAR

    Neulich, an einem sehr heißen Tag im Sommer. Bea war zusammen mit drei Freundinnen in eine Wohngemeinschaft in einer Kleinstadt im Süden gezogen. Hier wollte sie nur für die Zeit des Studiums leben. Sie waren zu Viert in der Wohnung, jede von ihnen hatte ein etwa 13 Quadratmeter großes Zimmer, es gab eine kleine Wohnküche in der Wohnung und einen Balkon.  Es wohnten lauter Studenten in dem Wohnblock, viele von ihnen lebten auch alleine in kleinen Appartements, die, die es sich nicht leisten konnten, wohnten zu mehreren in kleinen Wohnungen. Bea fand es schön, mit den anderen zusammen zu wohnen. Sie genoß es jeden Tag, wenn sie zufällig mit Karen, eine französische Studentin, einen Kaffee auf dem Balkon trinken konnte. Karen hatte einen so herrlichen französisch-deutschen Akzent und erzählte ihr oft von Gepflogenheiten der Französinnen.

    Vor ein paar Tagen erst, da hatten sie am Abend gemeinsam ihre Mitbewohnerin Romy ins Krankenhaus gebracht, die sich den Fuß ziemlich böse verstaucht hatte. Eine etwas zickige ältere Krankenschwester behandelte die vier Freundinnen etwas abfällig und unfreundlich, weil sie trotz des “Unglücks” kicherten. Bea und ihre Freundinnen fanden die Krankenhausatmosphäre total unangenehm und kicherten, um die steife Atmosphäre damit zu vertreiben. Die Krankenschwester machte noch einmal eine ermahnende Bemerkung und ging dann mit Romy zum Röntgen. Kaum dass sie verschwunden war, sagte Karen in ihrer nüchternen französischen Art: “In Frankreich hätten wir über solche Frauen gesagt, die ist schlecht gebumst”. Kichernd brachen die drei vor Lachen zusammen. Derartige Bemerkungen und Erlebnisse würde Bea nie vergessen.

    Es war immer etwas los, und wenn es nur Geschrei gab wegen der Krümmel, die auf dem Küchenboden herumlagen. Aber eines Tages war Bea ganz alleine in der Wohnung, die drei Freundinnen waren zu ihren Freunden oder Eltern nach Hause verreist. Zum ersten Mal seit langem spürte Bea ein Einsamkeitsgefühl. Sie setzte sich auf den Balkon und versuchte die Ruhe und die Sonne zu genießen. Karen fehlte ihr, hier auf dem Balkon. Überhaupt fehlte ihr jemand, jemand der sie in den Arm nahm, jemand, den sie lieben konnte. Das fiel ihr auf, jetzt, wo sie alleine war, und sie verfiel in eine Traurigkeit, so dass ihr die Tränen aus den Augen schossen. Und sie merkte gar nicht, dass sie dabei beobachtet wurde. Sie ließ ihren Tränen freien Lauf, draußen auf dem Balkon in der Sonne.

    Das Einsamkeitsgefühl kam nicht überraschend, Bea kannte es, seit sie ihren Vater durch einen tödlichen Unfall verloren hatte. Das war noch gar nicht lange her, sie war damals 15 Jahre alt gewesen. Sie kam aus der Schule nach Hause, vor dem Haus, es war eines der neuen modernen Hochhäuser, kam ihr ein Junge aus dem Haus entgegen gelaufen und rief ihr zu: “Dein Vater, er ist tot, er ist von eurem Balkon gefallen”. Bea weiß noch wie damals, wie sie die Luft anhielt und dachte “Der Spinner”. Als sie dann aus dem Fahrstuhl im elften Stockwerk stieg, auf der ihre Wohnung damals lag, kamen ihr viele Männer entgegen, Polizisten, da ahnte sie, dass das was der Junge gesagt hatte, wahr war. Ihre Mutter lag verzweifelt weinend im Bett, ihr kleiner Bruder saß auf dem Teppich in seinem Zimmer herum und redete gar nicht. Ab da hatte sie vergessen,  zu fühlen, zu leben, weil sie nicht glauben wollte, dass das, was sie gerade erlebt hatte, wahr war.

    Danach war alles anders, alles, es gab keinen Halt, keine Perspektive, keine Fröhlichkeit mehr. Mit 19 zog sie aus, um in der Kleinstadt zu studieren, wo sie jetzt lebte, um endlich weg von dem Unglück zu kommen, um all das zu vergessen, aber sie hatte ein schlechtes Gewissen gehabt, als sie wegging, weil sie ihre Mutter und ihren Bruder alleine zurückließ. Dennoch war sie froh, hier zu sein, hier im Süden in der Wohngemeinschaft mit ihren Freundinnen. Und wenn sie nicht gerade alleine war, dachte sie nicht an ihre Familie, sie war froh, weit weg zu sein. Bea hatte schon einige Freunde gehabt, aber seit ihr Vater verunglückt war, hatte sie nie mehr das Gefühl, sich wirklich an jemanden binden zu wollen. Zur Zeit war sie solo.

    Bea wusste nicht, wie lange sie so in Gedanken alleine auf dem Balkon gesessen hatte. Irgendwann hörte sie es an der Wohnungstür klingeln. Überrascht ging sie zur Tür und öffnete. Vor der Wohnungstür stand ein junger Mann, schnell wischte Bea sich die letzten Tränenspuren aus den Augen. Er schaute sie sehr liebevoll an und sagte ihr, dass er ein Nachbar von gegenüber sei. Er arbeitete gerade an einer Hausarbeit und konnte sich gar nicht mehr konzentrieren, weil er sie die ganze Zeit über von seinem Schreibtisch aus beobachtet hatte. Er würde gerne wissen, warum sie so traurig ist und ob er ihr helfen könne. Bea schaute ihn nur an, die Tränen schossen ihr schon wieder in die Augen, sie stand wie angewurzelt da und wusste nicht, was sie ihm sagen sollte. Da machte er einen Schritt auf sie zu, nahm sie in die Arme, hielt sie fest, streichelte ihr über den Kopf und wartete, bis sie sich beruhigt hatte. Später saßen sie dann zusammen bei einer Tasse Kaffee noch lange, sehr lange auf dem Balkon und Bea redete zum ersten Mal über ihre Einsamkeit, über ihre Traurigkeit und über ihre Geschichte. Der Nachbar blieb noch lange an diesem Abend, und er kam häufig zu Besuch, sie redeten viel, tranken Kaffee, manchmal weinte Bea auch ein wenig, bis sie eines Tages spürte, dass sie sich in ihn verliebt hatte.

    Ella

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    May 29, 2009 | Filed Under Geschichten 

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