“Ich hab´keinen Bock mehr, verdammt, ihr könnt mich mal”, fluchte Merle vor sich hin, während sie die herumliegenden Zeitungen vom Fußboden ihrer Wohnung aufsammelte. Marc hatte – wie jeden Morgen – alles einfach liegen gelassen. Er kümmerte sich nie um die banalen Alltäglichkeiten in ihrer gemeinsamen Wohnung. “In Ordnung”, dachte sie wortwörtlich, “ich glaube, ich muss in meinem Leben etwas in Ordnung bringen. Irgendwie bin ich aus der Spur geraten.” Und ohne lange zu überlegen, packte sie ein paar persönliche Dinge und ihre Lieblingsklamotten in eine Reisetasche, legte einen Zettel auf den Fußboden für Marc mit den Worten “Melde mich, bin einige Zeit weg”, und verließ die Wohnung.
Vor der Haustür drehte Merle den Kopf einmal nach rechts und einmal nach links und entschied sich dann nach links zu gehen. Sie hatte gar keinen Plan, wohin sie wollte, aber genau das wollte sie, keinen Plan haben, alles mal laufen lassen, raus aus dem Alltagstrott, Verpflichtungen, Terminen, Zwängen…
Mittlerweile war es dunkel geworden. Schon vor ein paar Tagen hatte Merle daran gedacht, wegzufahren, hatte aber dann wieder die Vernunft walten lassen, da zu viele berufliche Termine in ihrem Job als Marketingleiterin anstanden und überhaupt viele Verpflichtungen. Jetzt hatte sie den Punkt überschritten, sie hatte eine irre Wut in sich, über sich selbst und die anderen, weil sie ihr immer so viel abverlangten, immer erwarteten, dass sie alles meisterte. Sie kam am Hyatt Hotel vorbei. Dort wollte sie schon immer mal übernachten, hatte Marc oft genug zu verstehen gegeben, wie schön sie es fände, wenn er sie einmal damit überraschen würde, dass er sie beide im Hyatt einquartiert hätte. Marc ignorierte ihre Wünsche, täglich, und von je her. “Eigentlich ist er ein riesiger Egoman”, dachte Merle so bei sich und ging entschlossen auf die Eingangstür des Hyatt zu. Als sie die Eingangshalle des Hotels betrat bekam sie sofort das Gefühl, dass sie hier richtig war, und nahm sich ein Zimmer für diese Nacht.
Sie schlief wunderbar in dieser Nacht, entspannt und tief, so dass sie sich am nächsten Morgen wie selten zuvor energiegeladen und ausgeglichen fühlte. Sie blieb noch lange im Bett liegen, bis sie Hunger und einen großen Drang nach einem Kaffee verspürte. Noch hatte sie keine Idee, wie es weiter gehen sollte, aber sie fühlte sich gut, richtig gut, und das war zunächst erst mal wichtig. Erst jetzt nahm sie wahr, dass sie sich nicht mehr wohlgefühlt hatte mit Marc, mit ihrem Leben in der gemeinsamen Wohnung, mit den vielen Terminen, ob privat oder beruflich. Nun war Merle ganz klar, dass sie etwas ändern musste, sie allein konnte das ändern, und sie würde es auch tun. Ihr fiel es nicht leicht zuzugeben, dass das Leben, was sie jetzt führte, nicht wirklich mit ihr mit ihrem Gefühl zu tun hatte. Das hatte sie vorher nicht gewusst, sie hatte immer davon geträumt, ein Leben wie das jetzige zu führen, und sie hatte immer geglaubt, dass sie dann glücklich werden würde. Sie hatte das alles so gebraucht, um zu erkennen, dass es nichts für sie ist. Eigentlich wollte sie lieber in einem kleinen ruhigen Örtchen im Grünen leben, mit wirklich netten interessierten Menschen um sie herum, einen Garten anlegen, Kinder haben, Familie, Liebe auf echtem Niveau…
Entschlossen stand Merle aus dem Bett auf, freute sich auf den Kaffee, das Leben, was sie sich eben ausgemalt hatte, das Leben, das sie von nun an gewillt war zu führen. Als ihr Fuß den Boden berührte schrie sie laut “Aua”. Sie schaute unter ihren Fuß, sie war auf einen harten Gegenstand getreten, und wunderte sich sehr, was sie dort fand: Eine kleine schwarze Perle. “Seltsam”, dachte Merle, “sehr seltsam”! Sie hob die kleine Perle auf, betrachtete sie von allen Seiten, die schwarzglänzende Perle schimmerte zwischen ihren Fingern, sie hielt sie hoch gegen die Sonne, Merle konnte gar nicht aufhören, diese schöne Perle zu betrachten, die ihr wohl für immer und ewig ein Symbol sein würde für ihre Entschlossenheit, ihr Leben zu ändern.
Ella
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