Roman

Ganz von ferne hörte Nora eine Stimme. “… aus Sicherheitsgründen bitten wir Sie, den Sicherheitsgurt anzulegen, bis wir die Schlechtwetterfront hinter uns haben.” Sie schaute aus dem Fenster. Weit und breit nur dunkle Wolken. Das fing ja gut an.
“Na, ausgeschlafen?” hörte sie die tiefe Stimme ihres linken Nachbarn. Als wenn den das was anginge, dachte sie. Und mit einem flüchtigen Blick nach links und einer scharfen Antwort auf den Lippen stutzte sie. Hatte dieser Leckerbissen die ganze Zeit schon neben ihr gesessen? Sie schaute in graugrüne Augen, die ihren Blick erwiderten und schluckte ihre spitze Bemerkung runter.
“Ja, danke, ich hoffe, ich habe Sie nicht gestört” antwortete sie ein wenig verunsichert. “Und ich hatte schon Angst, ich hätte Sie gestört, als ich mich einfach auf den leeren Platz gesetzt habe. Aber neben mir saß ein hyperaktives Kind, das mir fast den letzten Nerv geraubt hat. Und da schien mir der Platz neben Ihnen wie eine Rettung in der Not.”
Statt einer direkten Antwort fragte Nora nur “Sind wir bald da?”
“Eine gute Stunde müssen Sie sich noch gedulden. Haben Sie es so eilig, Ihren Urlaub zu beginnen?” “Ich habe einige dringende Angelegenheiten auf Teneriffa zu erledigen, da wird für Urlaub wenig Zeit bleiben” gab sie wichtig zurück. “Da haben wir ja was gemeinsam. Mir geht es ähnlich. In meinem kleinen Hotel ist der personelle Notstand ausgebrochen und nun muss ich mich auf die Suche nach Ersatz machen. Und das in der Hauptsaison…” den Rest nahm Nora gar nicht mehr wahr. Mein Hotel… Personalsuche.. waren die einzigen Worte, die sie intensiv beschäftigten. Verstohlen sah sie ihren Nachbarn genauer an.
Volles mittelblondes Haar, Oberlippenbart, dunkle Brille, feingliedrige gepflegte Hände, kein Ehering, schlank, weiße Jeans, dazu ein blau gestreiftes Polohemd, weiße Socken in weißen Slippern. Er mochte höchstens 35 sein.
Noras Gedanken überschlugen sich. Fast beiläufig fragte sie “An welchem Personal mangelt es Ihnen denn?” Verwundert schaute er sie an. “Ich hatte eine Perle von einer Empfangsdame. Sie ist im dritten Monat schwanger. Risikoschwangerschaft, das bedeutet, sie wird bis zum Mutterschutz und länger komplett ausfallen. Eines der Zimmermädchen hat sich gestern ein Bein gebrochen und meine Animateurin für Sport- und Spiel hat sich in der Kasse bedient und ist fristlos gekündigt. Da meine Gäste überwiegend aus England, Deutschland und Finnland kommen, brauche ich jemanden, der zumindest perfekt Englisch und Deutsch und natürlich etwas Spanisch kann.”

Nora überlegte nicht lange. “Mit Deutsch und Englisch kann ich dienen, mit etwas Schwedisch auch und Spanisch lernt man hier sicher ganz schnell nebenbei, wenn man sich für Sprachen interessiert.” “Ja, haben Sie Erfahrung und vor allem Zeit? Sie haben doch selbst etwas zu erledigen” antwortete er zögerlich.
Auch in seinem Kopf routierten die Gedanken. Sie war hübsch, gepflegt, selbstbewusst und schien zu wissen, was sie wollte. Warum also nicht einen Versuch wagen?
“Ich heiße übrigens Michael. Wenn Sie Lust haben, dann nehme ich Sie vom Flughafen aus gleich mit nach Puerto de la Cruz und Sie können sich alles in Ruhe anschauen, das heißt, wenn Sie am Flughafen nicht erwartet werden.”
“Ich heiße Nora” antwortete sie, bemüht, sich ihre innere Aufregung nicht anmerken zu lassen.

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