Stufen der Lust
Carlo ließ den Wagen langsam auf die Einfahrt zur Finca zurollen und bedeutete Julio mit einem leichten Kopfnicken in Richtung der Finca, dass sie am Ziel angekommen seien. Nach Charlottes Empfinden hatte die Fahrt eine Ewigkeit gedauert. Julio stieg aus dem Auto, ging um den Wagen herum und öffnete Charlotte die Tür zum Aussteigen.
Ohne ein weiteres Wort ließ Carlo den Wagen an und fuhr langsam davon. Er hatte seinen Auftrag erfüllt und stand nun nicht länger in Julios Schuld. Was der mit der deutschen Touristin vorhatte, ging ihn nichts an.
Sobald Carlo mit dem Auto außer Sichtweite war, nahm Julio Charlotte den Schal von den Augen. Sie blinzelte mehrmals, bevor sie überhaupt irgend etwas wahrnehmen konnte. Das helle Licht des Vollmondes schien auf die kahle Mondlandschaft der Canadas, in der die Zeit seit den letzten Vulkanausbrüchen auf der Insel stehen geblieben zu sein schien. Sie erschrak – um sie herum nichts, außer einem kleinen Steinhäuschen, das sich in diese bizarre Landschaft verirrt zu haben schien.
„Na, gefällt es dir hier?“ fragte Julio mit spöttischem Lächeln. „Frage mich am Tage noch einmal, wenn das Tageslicht mir die Landschaft vollends präsentiert,“ konterte sie schlagfertig, obwohl ihr eine panische Angst fast die Kehle zuschnürte. Sie fror ganz erbärmlich. Während sie in Puerto abends mit einem leichten Jäckchen bestens versorgt war, pfiff hier ein eiskalter Wind,
der ihr ein Temperaturempfinden im Bereich des Gefrierpunktes gab.
Julio löste ihr die Handfesseln und merkte, wie sie zitterte. „Lass und reingehen, bevor du dir hier den Tod holst. Ein kräftiger Schuss Rum wird dir die Lebensgeister wieder wachrütteln“.
Charlotte hatte keine andere Wahl, als ihm zu folgen, an Flucht war zu dieser Nachtzeit und in dieser Umgebung erst einmal nicht zu denken.
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