Stufen der Lust

Der helle Mond tauchte die öde Landschaft der Canadas in ein gespenstisches, beängstigendes Licht. Auf ihrem Weg über die Landstraße drehte Charlotte sich immer wieder um. Sie hatte Angst – wusste nicht, wie sie mit dieser Situation umgehen sollte. Hatte sie Julio mit dem Schlag auf den Kopf wirklich getötet? Sie hatte sich doch selbst in diese Situation gebracht, nur weil sie Michael eins auswischen und ihn eifersüchtig machen wollte.

Doch Michael hatte sich nur abgewandt! Würde er sie überhaupt vermissen? Charlotte lief es eiskalt über den Rücken. Sie beschleunigte ihre Schritte. Sie wollte fort – weg von diesem unwirklichen Ort und weg von den Geschehnissen der vergangenen Stunden. Immer wieder suchten ihre Augen die Landschaft nach einem Licht ab, doch sie konnte lediglich Schatten entdecken, die vom Mondlicht auf den Boden gezeichnet wurden. Bizzare Gestalten schienen ihr zuzugrinsen.

War es Einbildung oder hörte Charlotte tatsächlich Stimmen flüstern – “Lauf!” gefolgt von einem höhnischen Lachen.

‘Zum Teufel! Was ist das?’, fragte sie sich selbst und wie zum Trotz begann sie ein Lied zu pfeifen, so wie sie es als Kind getan hatte, wenn sie im Dunklen allein war.

Charlotte begann zu rennen. Ein Gefühl panischer Angst trieb sie an. Die eiskalte Luft brannte in ihrer Lunge. Sie bemühte sich weitgehend kontrolliert zu atmen, doch ihre Kraft ließ stetig nach.

‘Ich muss dringend etwas für meine Kondition tun’, schoss es ihr durch den Kopf und es erstaunte sie selbst, dass sie in dieser gefährlichen Lage zu solch banalen Gedanken fähig war.

Wieder hörte sie ein Geräusch – war es der auflebende Wind oder verfolgte sie doch jemand?

Charlotte drehte sich erneut um. Nein, da war nichts – sie war sich sicher!

Das Auto, dass ihr mit ausgeschalteten Scheinwerfern im großen Abstand langsam folgte, sah sie nicht.

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