Dunkle Schatten
Die Vorbereitungen zur Operation Viktors liefen in routinemäßiger Gelassenheit ab. Alle Beteiligten hatten eine solche Notoperation schon häufig genug durchgeführt, nur Viktor fühlte eine unangenehme Spannung – einerseits durch seine immer stärker werdenden Schmerzen und die Nervosität vor dem bevorstehenden Eingriff, auf der anderen Seite belastete ihn die Drohung Stefans. Er war ihm in seiner momentanen Situation völlig ausgeliefert.
“Schwester?”, rief er ziemlich kleinlaut in den kalten, hell erleuchteten Raum der Notaufnahme. “Ja, es geht ja gleich los – wir müssen erst die Messer wetzen!”, kam es unwirsch und mit – für Viktor sehr gewöhnungsbedürftigen Humor – barsch zurück.
Die Schwester war an den Untersuchungstisch getreten. “Was kann ich noch für Sie tun?”, ihre Stimme klang jetzt ein wenig verbindlicher. “Ich brauche ein Blatt Papier und einen Umschlag, bitte!”
“So schlimm ist es nun auch nicht, dass Sie gleich ihren letzten Wunsch aufschreiben müssen”, Schwester Anke hatte kein besonderes Gefühl für die richtigen Worte zur richtigen Zeit. “Unser Doktor wird das schon hin kriegen – darauf können Sie sich verlassen!” Daran zweifelte Viktor in keinster Weise, nur mit welchen Ausgang für ihn – das stellte er in Frage.
Wenig später brachte ihm Schwester Anke das Papier nebst Stift und Umschlag, half Viktor fürsorglich, sich aufzurichten und stützte seinen Rücken während Viktor schnell ein paar Worte auf das Papier kritzelte, das Blatt faltete und in den Umschlag steckte.
“Bitte geben Sie diesen Brief Dr. Haasler!” und mit einem bittenden Blick hielt Viktor den Umschlag Schwester Anke vor die Nase. Sie griff ihn, nickte und steckte ihn in ihre Kitteltasche.
In diesem Moment war der Anästhesist an den Untersuchungstisch getreten. “Dann wollen wir mal versuchen, Sie von den Schmerzen zu befreien! Sie werden jetzt für ein paar Stunden tief und fest schlafen. Wir werden auch nicht zuhören, was Sie uns alles im Schlaf zu erzählen haben!” Viktor stand kalter Schweiß auf der Stirn. Seit Stefans Drohung hatten alle Äußerungen einen doppelten Sinn. Er spürte, wie eine Kanüle in die Vene der Hand gestochen wurde und nur wenige Sekunden später wurde er von Dunkelheit umgeben.
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