Dunkle Schatten

Stefans Augen glitten über die Zeilen. Sorgfältig erfasste er Wort für Wort, zwischendurch schüttelte er seinen Kopf oder strich sich über die Stirn. Obwohl er den Brief mehrmals las, konnte er dessen Sinn und Zusammenhang nicht begreifen. Alles was er verstand war, dass es in einen Zusammenhang mit Mareike und seinem Aufenthalt auf Teneriffa stehen musste. Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und schloss die Augen. ‚Mareike’ – er versuchte sich ihr Bild in seine Erinnerung zurückzurufen. Das Bild, das aber vor seinem geistigen Auge auftauchte, war das Bild seiner verstorbenen Frau und er versank in seinen Gedanken…. Stefan war sich der Zeit nicht bewusst, die er gedankenverloren an seinem Schreibtisch gesessen hatte. Auf jeden Fall hatte er nicht bemerkt, dass Chefarzt Dr. Glasbrenner in das Zimmer getreten war und ihn durch seine Brille beobachtete. Das Räuspern Dr. Glasbrenners holte ihn in die Wirklichkeit zurück. „Dr. Haasler!“, er holte tief Luft, „ich dachte, Sie würden gar nicht mehr wach werden!“ Stefan setzte sich aufrecht in seinen Sessel, fuhr sich einmal mit beiden Händen durch die Haare und murmelte ein etwas verlegenes „Entschuldigung!“ „Sind Sie aufnahmebereit?“, fragte der Chefarzt streng und zog seine linke Augenbraue nach oben. Stefan nickte wortlos. „Es wird eine Untersuchung geben!“ …. „Sie sind vorerst vom Dienst befreit!“ Die knappen Informationen erreichten Stefan nur oberflächlich. Erst als Dr. Glasbrenner grußlos das Zimmer verlassen hatte, wurde Stefan die Tragweite seiner Worte bewusst. Man würde eine Untersuchung einleiten, die Presse würde mit Sicherheit darüber berichten und er würde sich in allen Punkten rechtfertigen müssen. Schnell faltete er den Brief wieder zusammen und steckte ihn in seine Hosentasche. Stefan erhob sich, zog seinen Kittel aus, hängte diesen an den Haken, griff das Bild seiner Frau und das seiner Tochter. Vorsichtig legte er beide Bilder in seinen Aktenkoffer und klappte diesen energisch zu. Sein Blick schweifte noch einmal durch sein Arztzimmer, dann ging er zur Tür. Als er das Krankenhaus verlassen hatte, atmete er mit einem tiefen Seufzer die frische Luft ein. Sein Blick richtete sich gegen den Himmel, an dem dunkle Wolken aufzogen.

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