Sehnsucht
Mareike hatte frei und überlegte bei einem ausgiebigen Frühstück auf der Terrasse, wie sie den Tag verbringen würde. Das quietenschende Gartentor kündigte einen unangemeldeten Besucher an. “Hola, hast du noch einen Kaffee für mich?” Fernando setzte sich Mareike gegenüber und schaute sie erwartungsvoll an.
“Was ist los mit dir, Mareike? Du wirkst in letzter Zeit so angespannt. Hast du Probleme?” Mareike kannte Fernando lange genug und wusste, dass sie ihm vertrauen konnte. Sie überlegte einen kurzen Moment, dann sah sie Fernando offen in die Augen. “Ja, das Problem ist dein Bruder Carlo. Ich habe Angst vor ihm. Ich weiß nicht, ob er akzeptiert hat, dass es zwischen uns vorbei ist. Erst hat er mich bedroht und sich aufgeführt wie ein Geisteskranker und nun ist er wie vom Erdboden verschwunden. Das alles kommt mir unheimlich vor.”
Fernendo schwieg und räusperte sich, bevor er antwortete. “Carlo ist zur Zeit in einer Klinik in Barcelona, du brauchst keine Angst zu haben, er kommt vorläufig nicht zurück.” “Was macht er da?” fragte Mareike, sichtlich erleichtert.
“Carlo ist mein Halbbruder, trotzdem habe ich ihn immer wie einen richtigen Bruder gesehen. In der Familie seines Vaters gibt es eine Erbkrankheit, eine Krankheit, die nach und nach die Gehirnzellen absterben lässt. Wir wissen das seit langem, aber wir haben selten darüber gesprochen, bis Carlos Verhalten in den letzten Monaten immer seltsamer wurde. Er selbst hat sehr darunter gelitten, hatte immer mehr Aussetzer und hat die Kontrolle über sich zunehmend verloren. Vor wenigen Wochen hat sich eingehender untersuchen lassen. Diese Krankheit ist nicht heilbar, aber ihr Verlauf lässt sich durch Medikamente verlangsamen.”
Mareike schwieg. Eine Welle der Erleichterung durchflutete ihren Körper und ihr Innerstes erlebte eine Wandlung wie vom schwersten Sturm zur lauen Brise.
“Das tut mir Leid”, mehr brachte sie nicht hervor und war sich nicht sicher, ob sie das wirklich meinte. Sie konnte plötzlich wieder tief durchatmen, das warme Sonnenlicht auf ihrer Seele spüren und ihre innere Ruhe ein wenig zurück gewinnen.
“Seine Krankheit hat ihn nicht nur körperlich beeinträchtigt, sie hat ihn auch seelisch fertig gemacht. Ich habe ein paar Manuskripte gefunden, in denen er seinen Zustand zu beschreiben versucht hat. Es muss die Hölle für ihn gewesen sein. In diesen Phasen hat er Kontakte zu Leuten geknüpft, mit denen er normalerweise nichts zu tun haben wollte.” Leise setzte Fernando hinzu “Ich glaube sogar, er ist in kriminelle Handlungen verstrickt.”
Mareike fröstelte plötzlich. Wie hatte sie sich von diesem gutaussehenden, interessanten Mann blenden lassen?
Sie war immer der Meinung, eine recht gute Menschenkenntnis zu besitzen, aber von Martin hatte sie sich ins Bockshorn jagen lassen, für Julio war sie nur ein weiteres Abenteuer, Carlo war ein Irrer.
Und Stefan? Zu ihm hatte sie sich hingezogen und bei ihm hatte sie sich geborgen gefühlt. Aber so lange Stefan seine Vergangenheit nicht hinter sich gelassen hatte, gab es für sie beide keine Chance.
Die Nachricht, dass Carlo ausser Reichweite war und ihr nicht mehr gefährlich werden konnte, erfüllte sie mit so einer Freude, dass sie Fernando zu einem festlichen Abendessen einlud.
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