Entscheidungen
‚Carlo!’ – Mareike wurde schlagartig bewusst in welcher Gefahr sie sich wirklich befunden hatte. Das Entsetzen, das in ihren Augen aufleuchtete, machte Stefan betroffen. Er fühlte, dass er Mareike mit seinen Fragen an etwas erinnert hatte, das ihr Angst machte. „Du musst es mir nicht erklären, wenn du nicht willst!“, er bemühte sich seiner Stimme einen unbefangenen Klang zu geben, doch Mareike hatte sich abgewendet. Stefan sollte die Tränen nicht sehen, die ihr in die Augen geschossen waren.
Stefan zögerte einen Moment, dann trat er hinter Mareike und legte seine beiden Hände auf ihre Schultern. „Du kannst mir vertrauen, Mareike. Ich werde dich nicht weiter bedrängen, mir alles zu erklären! Aber eine Frage solltest du mir doch beantworten!“ Mareike hatte sich wieder zu Stefan gedreht, seine Hände lagen noch immer auf ihren Schultern. Ein warmes, wohliges Kribbeln lief, trotz der winterlichen Temperaturen und dem kalten Wind, Mareikes Rücken hinunter, während sie Stefans Frage gespannt erwartete. „Ja?“ „Warum bist du heute hier her gekommen?“ Stefans Worte klangen erwartungsvoll.
„Ich wollte einen guten Freund treffen!“ Mareike betonte die beiden Wörter ‚guter Freund’ ganz besonders. „Ach, so!“ Stefan nahm ohne zu zögern seine Hände von Mareikes Schultern. Ihre Antwort hatte ihn entmutigt. Beinahe hätte er ihr seine Gefühle eingestanden.
„Lass uns umkehren, mir ist kalt und mein Vater wartet bestimmt auch schon auf mich!“ Sie ging ein paar Schritte. „Mareike,…!“ „Was?“ fragte sie kurz und bündig. „Mareike, ich…!“ Wo waren all seine vorbereiteten Worte und Erklärungen? Warum stand er jetzt hier und fühlte sich wie ein Teenager beim ersten Rendezvous?
„Nun bleib doch einmal stehen!“ wandte sich Stefan trotzig an Mareike. „Ich, … ich…! Meinst Du…!“ Stefan stotterte aufgeregt. „Kannst du auch ganze Sätze sprechen?“ Mareike blickte amüsiert zu Stefan „Mareike, ich liebe…!“ „Paaapaaa!!!“ lautes Rufen unterbrach Stefans wohl entscheidenden Satz. Juliane rannte auf ihn zu, gefolgt von ihren Großeltern. Mit Schwung warf sie sich Stefan an den Hals. „Wir wollten auch spazieren gehen!“ erklärte Juliane mit unschuldigem Blick.
„Tut uns leid, Stefan. Juliane wollte unbedingt zum Hafen und war nicht davon abzubringen!“ Ruth Haasler hatte die Situation sofort überblickt. „Stellst Du uns die junge Dame auch mal vor?“ Stefans Vater war neben Mareike getreten, musterte sie wohlwollend und streckte seine Hand aus.
„Das ist eine gute Freundin von Papa!“, mischte sich Juliane vorlaut ein. „Wir haben sie gestern schon getroffen! Sie hat nur einen kleinen Weihnachtsbaum!“ Im Gegensatz zu Stefan und Mareike, die sich gegenseitig sprachlos anblickten, war Juliane sehr redefreudig.
Mareike fand zu erst ihre Stimme wieder: „Mareike Kramer, Stefan hat meinem Vater und mir einmal sehr zur Seite gestanden!“ Sie vermied es, weiter genauere Erklärungen zu geben und begrüßte mit einem unverbindlichen, freundlichen Lächeln Stefans Eltern. Dann wandte sie sich zu Juliane, „hallo, wir kennen uns ja schon!“
„Du kennst meinen Vater schon lange?“, Juliane platzte fast vor Neugier. „Juliane!“, auch Stefan mischte sich nun in die Unterhaltung ein und warf seiner Tochter einen strengen Blick zu, aber Juliane ließ sich nicht beirren.
„Wir haben einen großen Weihnachtsbaum! Warum kommst du nicht zu uns?“ „Weil Mareike mit ihrem Vater Weihnachten feiert!“, beantwortete Stefan schnell Julianes Frage, ohne Mareike Zeit für eine Antwort zu geben. Mareike nickte bestätigend.
„Ooch, dann muss sie ihn eben mitbringen!“, Juliane hatte für Probleme immer eine kindlich, einfache Lösung parat.
Stefan gefiel die Idee seiner Tochter und auch seine Eltern schauten zustimmend abwechselnd von Mareike zu ihrem Sohn.
„Was meinst du?“ wollte Stefan nun von Mareike wissen. „Ich muss erst mit meinem Vater reden. Er hatte sich auf ein ruhiges Weihnachtsfest mit mir gefreut!“, erwiderte Mareike überlegt.
„Ich würde mich auch sehr freuen!“ Stefan griff Mareikes Hand und blickte sie erwartungsvoll an. „Wir auch!“, quäkte Julianes Kinderstimmchen.
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