2. Böses Erwachen
Schon fast zehn Minuten stand Martin vor der verschlossenen Haustür. Mehrmals hatte er auf den obersten Klingelknopf gedrückt, doch die Tür öffnete sich nicht.
“Wo steckt sie denn bloß?” Martin überlegte angestrengt, ob Mareike irgend etwas von einem Termin gesagt und ihn er in seiner Schusseligkeit mal wieder vergessen hatte. Ihm fiel nichts ein. ‘Komisch’, dachte er, ’sonst ist sie doch um diese Zeit am frühen Abend schon zu Hause’.
Er musste sich eingestehen, dass er Mareike nicht immer konzentriert zuhörte, wenn sie sich mit ihm unterhielt. Meist gingen diese Gespräche ja auch nur um die Beziehung zwischen ihnen, in der sich Martin sehr wohl fühlte. Er kam zu Mareike, wenn er Lust auf Zweisamkeit hatte und blieb in seiner Junggesellenwohnung, wenn es ihm danach war. Für ihn bedeutete die Beziehung zu Mareike auf der einen Seite, die Vorteile zu genießen, die eine Partnerschaft mit sich brachte, auf der anderen Seite aber durchaus die Freiheiten eines Singles auszuleben.
Nochmals drückte er auf den Klingelknopf… Wieder nichts! Er zog sein Handy aus der Tasche, wählte Mareikes Nummer…”Guten Tag. Hier ist der Anschluss … Leider bin ich im Moment nicht in der Lage ans Telefon zu gehen…” Martin musste grinsen. Wie oft klingelte das Telefon, wenn sie beide nicht in der Lage waren ans Telefon zu gehen….!
Martin wählte erneut, diesmal Mareikes Handynummer, doch auch hier meldete sich nur die Mailbox. Er schüttelte verständnislos den Kopf – er musste etwas vergessen haben!
Während er in Gedanken die Gespräche der letzten Tage Revue passieren ließ, öffnete sich die Haustür von innen. “Oh – guten Abend, Herr Thiel. Sie wollen bestimmt zu Frau Kramer,” – es war Mareikes Nachbarin. “Da werden Sie heute aber Pech haben… heute morgen… mit Koffern… im Taxi!” Martin hörte den Worten nicht wirklich zu. “Was haben Sie gerade gesagt?”, ihm wurde das Wort ‘Koffer’ bewusst.
“Ja, mit Koffern ist sie in einem Taxi weggefahren… heute morgen … ganz früh!” wiederholte die Nachbarin ihre Worte.
Mit einem Mal verstand Martin die Welt nicht mehr. Mareike war weg – ohne ihm auch nur ein Sterbenswörtchen davon zu sagen. Er wusste nicht was er davon halten sollte.
„Mh, also…ja…danke”, stotterte Martin und ging langsam und nachdenklich zu seinem Auto. So etwas war ihm ja noch nie passiert. Bisher wusste er immer ganz genau, wo sich Mareike aufhielt. Sie konnte doch nicht einfach verschwinden. Verschwinden, ohne ihm etwas zu sagen. Er war sich sicher, dass Mareike nichts von einem heutigen Termin erwähnt hatte. Langsam wurde Martin wütend. Er hatte sich auf einen schönen Abend und vor allem auf eine leidenschaftliche Nacht gefreut. Immerhin hatte er heute extra Zeit für Mareike eingeplant. Martin zog noch einmal sein Handy aus der Tasche und wählte Mareikes Nummer, erreichte aber wieder nur den Anrufbeantworter. Zornig stieg Martin in seinen Wagen, auf den er so stolz war. Er hatte sich den Abend so schön vorgestellt. Eine Fahrt in ein exklusives Restaurant und ein Essen bei Kerzenschein. Immerhin wusste Martin, dass Mareike auf solche Dinge stand. Er hatte eindeutig andere Interessen. Bisher gab es da mit Mareike auch keine Probleme. Martin schaute unschlüssig auf die Straße. Hier länger rumstehen brachte auch nichts, also startete Martin, lies den Motor seines BMWs aufheulen und schoss auf die Straße. Im nächsten Moment krachte es fürchterlich. Na das hatte Martin gerade noch gefehlt. Ein kleiner roter Ford hing am Kofferraum seines geliebten Autos. Die Schuldfrage war klar, er hatte nicht auf die Fahrbahn geachtet. Aber eigentlich war es ja nicht seine Schuld, sondern die von Mareike. Wäre sie zu Hause gewesen, säße er gemütlich auf ihrem Sofa und müsste jetzt nicht mit dem Wesen diskutieren, welches aus dem Ford kletterte. Zuerst sah er lange Beine, die energisch aus dem Auto geschoben wurden. Dann kam ein Kopf mit zornig, blitzenden Augen zum Vorschein. „Können sie denn nicht aufpassen”, fuhr in die junge Frau an. „Sie können doch nicht so einfach ausparken, ohne sich vom Freisein der Fahrbahn zu überzeugen.” Martin seufzte innerlich. „Na na na, der Schaden ist doch nicht sehr groß”, äußerte er kleinlaut. „Die kleine Beule ist doch kein Problem. Ich habe einen Freund, der sich morgen darum kümmert. Vielleicht kann ich sie zum Abendessen einladen. Da können wir uns bestimmt einigen.”
“Nein, so einfach kommen Sie mir nicht davon”, zornig griff sie in ihr Täschchen, das sie vom Beifahrersitz gefischt hatte, holte ihr Handy heraus und wählte mit spitzen Fingern die Nummer der Polizei.
“Nora van Melin… Ich hatte einen Unfall! … Ja, der Unfallgegner ist schuld…!” Martin zuckte bei ihrer knallharten Schilderung des Unfallhergangs zusammen. “Sie kommen nicht?… Nein, kein Personenschaden – nur eingebeultes Blech! … Hallo? … Ich denke, … ach ja – Freund und Helfer?” und mit einem schnippischen “na dann eben nicht!” klappte sie ihr Handy zu.
Beim Gedanken an den anderen Gesprächspartner musste Martin unwillkürlich lachen. Es wäre interessant gewesen, zu wissen, welches Bild sich dieser wohl von der Anruferin gemacht hatte. Von seiner Unfallgegnerin erntete er für dieses Lachen einen strafenden Blick.
“Martin Thiel – möchten Sie meinen Ausweis sehen?” Im gleichen Augenblick biss er sich auf die Lippe. Er hatte keine Papiere dabei, da war er sich ganz sicher. Gut, dass die Polizei den Unfall nicht aufnehmen wollte, dann hätte er ein weiteres Problem gehabt.
Nora van Melin war nun damit beschäftigt, das Kennzeichen seines Autos auf einen kleinen Zettel zu schreiben und mit ihrem Handy Fotos von beiden Autos zu machen.
“Wenn Sie denken, Sie können den Schaden beurteilen, irren Sie sich! Das macht eine Fachfirma und keine Hinterhof-Werkstatt!” Bei diesen Worten sah sie Martin geringschätzend von oben nach unten an.
Warum hatte er den Eindruck, dass sie ihm in dieser Situation weit überlegen war? “… Und mit wem ich essen gehe, das suche ich mir selbst aus!” Peng! – Das hatte gesessen! Geknickt und schwer in seiner männlichen Eitelkeit verletzt, sah er wortlos zu, wie Nora van Melin in ihr Auto stieg, ihm dabei kurz zurief, dass er von ihrem Anwalt hören würde und zügig davon rauschte.
Wie gelähmt starrte Martin noch einige Minuten später in die Richtung, die der Ford beim Wegfahren eingeschlagen hatte. Vielleicht käme sie ja noch einmal zurück – doch diese Hoffnung hatte er bald aufgegeben.
Langsam ging er zu seinem Wagen, dabei schaute er auf seine Uhr. Es war noch früh am Abend -Mareike hatte ihn allein gelassen. Was sprach also gegen einen Ausflug in das Nachtleben?
Eigentlich nichts. Aber irgendwie war seine Stimmung verdorben. Was war los? Sein Selbstwertgefühl hatte einen nicht unbeachtlichen Dämpfer erhalten: Mareike ohne Vorankündigung weg – Aufenthaltsort unbestimmt – die Frau mit dem roten Auto – mein Gott! – eine klare Abfuhr. Das war er nicht gewohnt. Zum Teufel mit den Frauen!!! Nun gut, er würde sich zu Hause bei einem guten Whiskey einer weiteren Analyse seiner Lebenssituation unterziehen. Das erschien ihm dringend erforderlich.
Nachdem er sein Auto in die Tiefgarage gefahren hatte, nahm er den Lift in das oberste Stockwerk, schloss die Tür seiner Penthouse-Wohnung auf und gewohnheitsmäßig fiel sein erster Blick auf den Anrufbeantworter. Dieser jedoch hatte während seiner Abwesenheit keine Nachricht verzeichnet, was Martin missmutig hinnahm. “Ok, alter Freund”, sagte er laut zu sich selbst, “das wird ja ein einsamer Abend werden…” Konnte er sich die Geschehnisse der letzten Stunde nicht einfach wieder gerade biegen? Vielleicht war irgend etwas in Mareikes Familie geschehen, was ihre überstürzte Abreise erforderlich gemacht hatte. Ja, nur so konnte es gewesen sein, sie würde sich bei ihm melden und ihm alles erklären. Und der kleine Crash von vorhin – einfach lächerlich, vollkommen überzogene Reaktion dieser Vamellin – oder wie hieß sie noch gleich? Ach ja, er würde es ja durch ihren Anwalt ganz genau erfahren. Vielleicht hatte aber auch sie nur einen schlechten Tag gehabt… Vielleicht, vielleicht, er machte sich etwas vor, all seine Scheinargumente hatten keine Wirkung, beruhigten ihn in keinster Weise. Deshalb ließ er die Whiskeyflasche stehen, nahm seine Autoschlüssel und entschied sich kurzfristig, seinen Eltern einen längst überflüssigen Besuch abzustatten. Sein Magen meldete sich deutlich, auf ein ‘Dinner for one’ verspürte er keine Lust und in Mutters Kühlschrank fand sich sicherlich etwas, was ihn essensmäßig befriedigen würde
Martin Thiel war ‘von Beruf Sohn’. Als einziges Kind eines renommierten Rechtsanwaltes und einer kompetenten Gynäkologin hat ihm in seiner Kindheit nur eines gefehlt, eine strenge Hand und ein liebevolles Familienleben, das durch das berufliche Engagement der Eltern zeitlich immer etwas zu kurz kam.
Die Kindermädchen wechselten häufig, da Martin es sich zur Angewohnheit gemacht hatte, stets seinen Kopf durchzusetzen. Nachdem er mehrere Jahre in einem Züricher Internat gelebt hatte und mit einem exzellenten Abiturdurchschnitt nach Hause zurückgekehrt war, gab es dir ersten ernsthaften Auseinandersetzungen mit dem Herrn Papa.
Martin sollte einmal die Anwaltskanzlei übernehmen, doch ein Jurastudium war das letzte, wofür sich Martin interessierte. Er beschloss, Lehrer zu werden. Das Leben als Student machte ihm Spaß. Er lebte sorglos in den Tag hinein, mal studierte er eifrig, mal zog er tagelang um die Häuser und genoss die Freuden des Lebens, besonders in der weiblichen Hemisphäre. Dank Papas vollem Geldbeutel ging das auch lange gut. Aber als der Geldfluss zu versiegen drohte – denn ein Lehrerstudium dauerte nicht lebenslang, meine Papa – setzte er sich auf den Hosenboden, schaffte seine Examina mit guten Noten und kam alsbald als frisch gebackener Referendar an ein elitäres Gymnasium. Mit Idealen und Optimismus vermittelte er seinen Schülerinnen und Schülern das, was sie in seinen Augen für ihr späteres Leben bräuchten. Aber welcher Schüler wollte schon wissen, wie das Bodenprofil eines Podsols aussah oder warum man französische Verben konjugieren soll? Ungeachtet der fachlichen Problematik fand er sich oft in der Rolle des seelischen Mülleimers oder Blitzableiters pubertierender Schüler, setzte sich in langen Gesprächen mit den Eltern dieser kleinen Monster auseinander, meist ohne das befriedigende Gefühl, etwas Greifbares erreicht zu haben.
Innovative Ideen und neue Unterrichtsformen stießen im Kollegium oft auf taube Ohren. Wozu etwas reformieren, was sich über Jahrzehnte bewährt hatte? Es lebe der Frontalunterricht! Martin beendete sein Referendariat und hängte das Lehrerdasein erst mal an den sinnbildlichen Nagel. Sich mit den Kindern fremder Leute herum zu ärgern und sich in einem rückständigen Kollegium eine Blase zu laufen, war nicht sein Lebensziel.
Papas Geldbörse öffnete sich wieder, nachdem er sich überzeugt hatte, dass Sohnemann den falschen Beruf ergriffen und für seine Selbstfindung noch Zeit brauchte, wenn er ohne seelische Blessuren durchs Leben kommen wollte.
Ein neues Studium fing an…..
Helga Thiel war überrascht, als ihr Sohn vor der Tür stand. “Na, Heimweh?”, fragte sie und musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um ihm einen Schmatzer aufzudrücken. Martin schnupperte den verführischen Duft von »Cajun Tomatoes«, einem leckeren Sommergericht, das es daheim oft gab, wenn es schnell gehen musste. “Irgendwie schon…”, antwortete er und begab sich mit seiner Mutter gleich in die gemütliche große Wohnküche. “Bleibst du zum Essen? Dein Vater kommt auch gleich, er zieht sich nur schnell um.” Wortlos nickte er und setzte sich an den Tisch, der für zwei Personen gedeckt war. Aus der Karaffe goss er sich Rotwein in ein Glas und nippte erst einmal vorsichtig. “Nun, was gibt’s, was ist nicht in Ordnung? Ich kenne dich doch!”, begann sie das Gespräch. “Nichts, Maminka, alles ist gut, ich merke nur, wie ich alt werde, und das ist deprimierend. Ich werde alt, obwohl ich noch so jung bin, verstehst du?” Martin füllte nun das zweite Weinglas und reichte es Helga, die ihn verständnislos ansah. “Könntest du dich bitte mal ein bisschen deutlicher ausdrücken…?” “Nein, Maminka, kann ich nicht. Frag nicht weiter, ich möchte keinen Rat und keine Diagnose, ich möchte heute einfach nur bei euch sein…ich weiß selbst nicht, was mit mir ist.”
Die letzten Worte hatte Henry Thiel noch gehört, der sich sehr wunderte, warum sein Sohn so unverhofft aufgetaucht war, wo er doch diesen Abend mit seiner Frau verbringen wollte – und zwar allein – sie hatten etwas Wichtiges zu besprechen.
Bereits zum dritten Mal fuhr Nora van Melin mit geringer Geschwindigkeit, nach einem Parkplatz suchend, durch die enge Nebenstraße. Man musste schon großes Glück haben, um diese Zeit noch einen Parkplatz zu ergattern, da die meisten Anwohner längst zu Hause waren.
‘Spießige Gesellschaft – jetzt sitzt alles mit einem Bier vor dem Fernseher!’, war Noras verächtliche Vorstellung der Freizeitgestaltung ihrer Nachbarn, die sie allesamt als arbeitsscheu, Hartz IV-Empfänger, asoziale kinderreiche Familien oder fremdländische Mitbürger einstufte.
‘So ein Sch…-Tag!’, fluchte sie in Gedanken, wendete ihr Auto in einer kleinen Einfahrt und stellte es schließlich – mit zwei Rädern auf dem Gehweg geparkt – ab. Das Risiko, am nächsten Morgen einen Strafzettel hinter dem Scheibenwischer zu haben, war ihr nicht neu. “Auch egal! Darauf kommt es nun auch nicht mehr an!” stellte sie zynisch fest.
Die wenigen Schritte bis zum Hauseingang legte sie schnell zurück. Zum Glück war ihr niemand begegnet. Es lag ihr nichts am nachbarschaftlichen ’small talk’ – die Menschen ihrer Umgebung waren für sie bedeutungslos – nicht beachtenswert.
Mit einem lauten Knall flog ihre Wohnungstür ins Schloss. Nora atmete tief durch. Hier würde sie es nicht mehr lange aushalten! Doch alle Anzeichen deuteten darauf hin, dass ihr wohl vorerst nichts anderes übrigbleiben würde.
Sie kickte ihre Schuhe in die Ecke, lief barfuß ins Wohnzimmer, warf sich auf einen schäbigen Sessel. Mit vor Wut zitternden Händen holte sie einen zerknitterten Briefumschlag aus ihrer Handtasche. Das ebenfalls zerknitterte Schreiben, das daraus zum Vorschein kam, ließ sie vor Zorn beben.
‘Fristlose Kündigung!’ – was hatte sich ihr Chef dabei eigentlich gedacht? Das war nur ein Teil eines Komplotts gegen sie, eingefädelt von ihrem Vater. Erst warf er sie aus dem Haus, strich ihr jegliche finanzielle Unterstützung, drohte damit, sie zu enterben und hatte schließlich auch noch bei der Kündigung ihres Arbeitsverhältnisses die Hände mit im Spiel.
Sie erhob sich, goß sich ein Glas Rotwein ein und wurde in diesem Moment an das kleine Schwarz-Weiß-Foto erinnert, das sich ebenfalls noch in der Handtasche befand.
‘Herzlichen Glückwunsch!…Sie sind schwanger!’, Nora schienen die Worte ihres Gynäkologen wie Hohn in den Ohren zu klingen. Einmal, nur einmal hatte sie sich auf ein Abenteuer eingelassen… und nun das! Sie stützte den Wein hinunter – auch egal – waren dabei ihre Gedanken.
Sie öffnete nochmals ihre Handtasche. Ein kleiner weißer Zettel fiel heraus, darauf das Autokennzeichen ihres Unfallgegners vom frühen Abend. Nora drehte und wendete den Zettel in der Hand. Martin Thiel – so war doch der Name, oder irrte sie sich?
‘Du bist mir gerade zur rechten Zeit über den Weg gelaufen’, stellte sie maliziös fest.
Nora nahm ihr Handy und wählte Martins Nummer. Sie musste ein Weilchen warten, bis er sich meldete. „Hier ist van Melin”, säuselte sie in das Telefon. „Melin?”, fragte Martin erstaunt. „Na Ihr Unfallopfer”, fauchte Nora. „Ach so! Ja sicher,ich hatte Ihren Namen nicht verstanden.” Nora verdrehte die Augen. Typisch, dass sich so ein Windhund keine Namen merken konnte. „Ich muss Sie noch einmal sprechen”, teilte Nora ihrem Gesprächspartner mit. „Wie wäre es mit morgen?” „Ja, morgen passt mir gut”, antwortete Martin und beendete schnell das Gespräch. Nora verzog genüsslich das Gesicht. Es wäre doch gelacht, wenn sie aus dem Unfall keinen Nutzen ziehen konnte. Nora ging ins Bad und lies Wasser in die Wanne laufen. Sie gab etwas Badeöl dazu und verteilte es. Anschließend entkleidete sie sich und glitt geschmeidig in das warme Wasser. Sie schloss die Augen und dachte nach. Eigentlich hatte sie sich das mit Anton ganz anders vorgestellt. Sicher liebte sie ihn nicht, aber er konnte ihr den Reichtum und Glanz bieten, nachdem sie strebte. Teure Klamotten und schicke Reisen waren ganz nach Noras Geschmack. Anton hatte mit ihr Paris und andere exklusive Orte besucht. Es war zwar nicht sehr angenehm, von ihm berührt zu werden, aber was tat man nicht alles für ein bisschen Luxus. Nora seufzte. Leider war sie sehr leichtsinnig gewesen, als sie sich auf eine Affäre mit Antons Sohn einließ. Anton hatte sie beide in einer delikaten Situation überrascht. Sämtliches Flehen hatte nichts geholfen, Anton wollte nichts mehr von ihr wissen. Dazu war sie nun auch noch schwanger. Ihren Vater würde Nora sicher nicht um Unterstützung bitten, dies käme nicht in Frage. Außerdem war sie nicht ganz mittellos. Dank des Geldes, was ihre Mutter ihr hinterlassen hatte, brauchte sie im Moment noch keinen neuen Job. Nora lachte böse. Es gab ja noch diesen Martin. Sicher lies sich aus dem einiges herausholen, wenn sie es geschickt anstellte. Nora vertraute da ganz auf ihre Fähigkeiten. Sie öffnete eine Flasche Sekt und prostete ihrem Spiegelbild zu.
Heute war wirklich nicht Martins Tag. Mareikes öminöses Verschwinden, der völlig sinnlose Unfall mit dieser Nora von Dingsbums und nun schon seit einer Stunde der Besuch bei seinen Eltern, den er innerlich schon bereute. Sein Vater wollte wieder einmal wissen, wie lange Martin noch auf seine Kosten in diverse Studiengänge hineinschnuppern wollte. Noras Anruf war die willkommene Unterbrechung, bevor die nächste Frage nach fester Arbeit, Geld verdienen und Familie gründen kam.
“Entschuldigung,” brachte Martin hervor, bevor er sein Handy in der Jackentasche verstaute. “Ich hatte heute ein Malheur mit meinem Auto und nun hat sich meine Unfallgegnerin für morgen mit mir verabredet.
“Ist das die moderne Art, eine Frau kennenzulernen?” brubbelte Herr Thiel vor sich hin. Aber seine beruflich geschulten Antennen in Punkto Recht und Gerechtigkeit arbeiteten bereits auf Hochtouren und nachdem Martin ihm haarklein erzählt hatte, wie der Unfall passiert war, hatte Herr Thiel alle väterlichen Ratschläge gegeben, damit sein Sohn ohne Schaden aus dieser Angelegenheit käme. “Ich habe dir ja schon immer gesagt, studiere Jura und werde Anwalt.”
Das war der Punkt, an dem Martin sich verabschiedete, bevor die nächste Grundsatzdiskussion losgetreten wurde und fuhr zurück in seine Junggesellenwohnung. Diesen Tag verbuchte er insgeheim für sich unter Ulk.
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