4. Albträume
Mareike schreckte hoch, blickte hektisch um sich und wusste im ersten Moment nicht, wo sie war. Ihr Gesicht war von kaltem Schweiß überzogen und ihr Herz raste. Das Fenster ihres Schlafzimmers war angekippt und im schwachen Schein des Mondes erkannte sie die Gardinen, die sich sachte hin- und her bewegten. Alle ihre Sinne waren hochgradig sensibilisiert. Da – was war das? Unweit ihres Fensters vernahm sie Stimmen – männliche, flüsternde Stimmen, es schienen mindestens zwei zu sein. Sie stieg aus dem Bett, schlich barfuß ans Fenster und hockte sich nieder, um nicht gesehen zu werden. Die Stimmen kamen eindeutig von draußen, aus dem Teil des Gartens, dessen Begrenzung eine gelb blühende Hibiskushecke bildete. Sie konnte, so sehr sie sich auch anstrengte, nur einzelne Wortfetzen verstehen. Die Männer sprachen Spanisch und ihre Unterhaltung klang sehr aufgeregt.
Mareike wurde es immer unbehaglicher zumute. Sie hatte das Gefühl, in einer Falle zu sitzen. Würde sie jetzt noch weggehen, träfe sie auf Carlo, der sich sicher wundern würde. Nachts um zwei war wahrlich auch auf Teneriffa noch kein Sonnenaufgang zu bewundern. Würde sie ihre Wohnung durch das Fenster verlassen, liefe sie den Männern sicher in die Arme und würde durch ein offen stehendes Fenster jeden Einbrecher persönlich einladen. „Scheiße”, entfuhr es Mareike und mit einem Seufzer ließ sich sich ganz auf den Boden gleiten und saß nun unterhalb der Fensterbank. Wieder lauschte sie den Stimmen und war sich nach einer Weile ganz sicher, Fernandos Stimme herauszuhören. Sie zog sich mit zitternden Händen einen Jogginganzug an, nahm all ihren Mut zusammen und schloss leise ihre Schlafzimmertür auf. Was war schon dabei, nachts in seinen Garten zu gehen und mit dem Nachbarn zu plaudern? Sie musste die Hürde ‘Carlo’ nehmen, hoffte, dass er schlief und ihren Weggang nicht bemerkte. Sie hatte das Gefühl, jeder müsse ihr Herz pochen hören, ihr den Blutdruck in schwindelerregenden Höhen ansehen und ihre hektischen Flecken sehen, die sich unter Stress wie Pilze auf ihrem gesamten Körper ansiedelten.
Leise öffnete sie die Tür ihres Schlafzimmers und betrat das angrenzende Wohnzimmer. Es wurde nur spärlich durch das fahle Licht des Mondscheins erhellt. Mareike versuchte sich zu orientieren und nahm die Silhouette einer Person am Tisch sitzend wahr. Selbst in diesem schummrigen Licht konnte sie die blauen Pumps an den Füßen der Person entdecken. Sie hörte einen lauten Atemzug und im gleichen Moment blitzte die Flamme eines Feuerzeuges auf. Für ein paar Sekunden fiel ein Lichtschein auf ein schmutzverschmiertes Gesicht, dessen glasige Augen in ihre Richtung zu starren schienen. ‘Eine Täuschung’, wies Mareike ihre Angst von sich, ‘nur durch das Licht und meine momentane Stimmung!’ Doch die Situation blieb unheimlich, denn der Weg schien ihr nun vollends versperrt. Sie zog sich vorsichtig in ihr Schlafzimmer zurück, um so etwas wie einen klaren Gedanken zu fassen. Die glasigen Augen im schmutzverschmierten Gesicht sprachen eine eindeutige Sprache. Doch ein toter Mensch saß nicht auf einem Stuhl, zumindest nicht in dieser Körperhaltung. Wessen Atemzug hatte sie gehört und wer hatte das Feuerzeug entzündet?
Ihr blieb keine andere Wahl, als aus dem Schlafzimmerfenster zu klettern und sich selbst erst mal in Sicherheit zu bringen. Auf allen Vieren kroch sie zum Fenster und lauschte. Die Stimmen von vorhin waren nicht mehr zu hören. Leise zog sie die Gardine beiseite, öffnete das Fenster und kletterte hinaus. Geduckt kroch sie durch die Hibiskushecke, bis sie den äußersten Teil des Gartenzaunes erreicht hatte und kletterte darüber.
In diesem Teil von Puerto de la Cruz lag alles in tiefem Schlaf, nur das Zirpen der Grillen und das entfernte Rauschen des Meeres unterbrachen die Stille. Mareike rannte, als sei der Teufel hinter ihr her. Atemlos erreichte sie die Avenida del Generalissimo, eine breite und gut beleuchtete Palmenallee, die sie direkt zur Promenade führte. Um diese Nachtzeit war auf jeden Fall eine Lokalität noch geöffnet, das Casino Taoro. Ein hell erleuchteter, mit Palmen geschmückter Fußweg führte von der Promenade auf die kleine Insel im Lago Martianez. Dort arbeitete Julio, ein alter Bekannter, der lange Zeit in Deutschland gelebt hatte. Mareike hatte ihn vor vielen Jahren in Hamburg kennengelernt. Als er wieder nach Teneriffa zurückgekehrt war, hatten sie noch sporadischen Kontakt und trafen sich regelmäßig, wenn Mareike auf Teneriffa Urlaub machte.
Nach Julios Hochzeit mit Conchetta war bald das erste Kind unterwegs und die kleine Familie zog nach Los Realejos. Mareike kaufte Julio seine alte Wohnung ab, ihre Ferienwohnung, aus der sie in dieser Nacht überstürzt flüchten musste.
Mareike betrat das Casino im Lago Martianez und steuerte zielstrebig auf die Rezeption zu. “Buenas noches,” begrüßte sie den graumelierten Spanier an der Rezeption. Anstelle einer Antwort schaute er sie missbilligend von oben bis unten an und verzog leicht spöttisch grinsend den Mund. Schlagartig wurde Mareike klar, dass sie in diesem Aufzug, in Jogginganzug und Turnschuhen, nicht gerade die passende Kleidung für dieses Ambiente gewählt hatte. Sie blickte sich um, Herren in dunklen Anzügen, weißen Hemden und Krawatten und Damen in eleganten Kleidern gaben hier den Ton an. Sie beugte sich vor und raunte ihrem Gegenüber zu “Bitte, ich muss mit Julio Ramirez sprechen. Es ist dringend.” Sie legte alle Überzeugungskraft in ihre Stimme und der Ausdruck in ihren Augen tat sein Übriges. „Senor Ramirez ist da, aber er ist im Moment unabkömmlich. In Ihrem Outfit kann ich Sie auch nicht hineinlassen. Aber ich werde ihm Bescheid sagen. Wir schließen in einer halben Stunde und ich schlage Ihnen vor, Sie warten draußen auf ihn. Wen darf ich melden?” “Mareike Kramer, er weiß Bescheid.” “Sie können sich darauf verlassen, Senora.” Mareike war sehr erleichtert, dass Julio da war und wandte sich zum Gehen. “Buenas noches y muchas gracias, Senor.” Draußen umfing sie die frische Nachtluft. Sie setzte sich auf eine Bank unweit des Einganges, zündete sich eine Zigarette an und beobachtete die Touristen, die das Casino verließen und zu ihren Hotels gingen. Ja, sie wollte Urlaub machen und nun? Sie kam sich vor wie in einem Psychothriller.
Sie brauchte nicht lange zu warten. Julio kam auf sie zu, nahm sie in die Arme und begrüßte sie mit einem Küsschen rechts und einem links. “Hola Mareike. Schön, dich zu sehen. Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte.” Julio hielt sie auf Armeslänge von sich weg und schaute ihr prüfend in die Augen. “Du zitterst ja und bist ganz blass. Was ist los mit dir?” “Ich bin so froh, dass du da bist,” antwortete Mareike leise, “ich bin da in etwas hineingeraten und weiß gar nicht, was ich machen soll. Ich habe nur noch Angst.” “Komm, lass uns etwas trinken gehen und dann erzählst du mir in Ruhe, was los ist, ja?”. Mareike nickte und während sie gemeinsam den Weg zum Plaza del Charco einschlugen, versuchte Julio ungezwungen mit ihr zu plaudern, um sie ein wenig von ihren scheinbar gravierenden Problemen abzulenken.
Julios Augen weiteten sich immer mehr, je mehr Mareike ihm von den sonderbaren Vorfällen in ihrer Ferienwohnung erzählte. Am liebsten wäre er mit ihr sofort zur Polizei gegangen und in deren Begleitung zur Wohnung gefahren. Mareike war vollkommen erschöpft und zitterte am ganzen Körper.” Du kommst erst mal mit zu uns nach Hause und schläfst ein paar Stunden” schlug Julio vor. “Komme ich dann nicht in Schwierigkeiten oder sogar in Verdacht, wenn wir nichts unternehmen?” antwortete Mareike müde. Den Gedanken hatte Julio auch schon gehabt und zögerte…
„Bist du dir sicher, dass die Frau tot ist?”, fragte Julio. Er konnte sich nicht vorstellen, dass gerade in Mareikes Ferienwohnung ein Mord stattgefunden haben sollte. Vielleicht hatte Mareike einfach nur eine viel zu lebhafte Fantasie. Allerdings sah sie immer noch ziemlich verstört aus. Julio wusste nicht, ob es wirklich ratsam wäre, Mareike mit zu sich nach Hause zu nehmen. Vielleicht sollte er mal telefonieren. „Mareike, kannst du kurz warten?”, redete Julio beruhigend auf Mareike ein. „Ich muss telefonieren. Dann sehen wir weiter. Wir finden eine Lösung.” Julio trat ein paar Schritte zur Seite, damit Mareike das Gespräch nicht verfolgen konnte. Er nahm sein Handy aus der Tasche und aktivierte eine nur ihm bekannte Nummer. Als er das Rufzeichen hörte, trat Julio von einem Fuß auf den anderen. „Los, geh schon ran!”, murmelte er. Plötzlich knackte es in der Leitung. „Ja, Carlo hier”, hörte Julio die Stimme, die ihn immer wieder den Schweiß auf die Stirn trieb.
Julio informierte Carlo mit ruhigen, aber bestimmten Worten, dass Mareike die Nacht bei ihm zu Hause verbringen würde. “Nein, … sie ist hier! … Ja, morgen früh! … Buenas noches!”, Julio beendete das Gespräch, klappte sein Handy zu und wandte sich wieder Mareike zu. Er griff ihre Hand und beide bemerkten den Schauer, den diese Berührung auslöste.
“Komm, lass uns gehen! Es wird Zeit für ein paar Stunden Schlaf!” Julios Stimme klang heiser. Schweigend und widerstandslos folgte Mareike ihm zu seinem Auto. Sie schlief bereits, als der Wagen in Los Realejos vor Julios Haus anhielt. Schlaftrunken folgte sie ihm ins Gästezimmer und sank erschöpft auf die Bettcouch.
Im Haus war alles still und dunkel. Mareikes Atemzüge wurden tief und gleichmäßig. Sie merkte nicht mehr, dass Julio eine Decke über sie legte und ihr dabei mit einer Hand leicht über den Körper strich. Julio seufzte tief. Sein Herz pulsierte, er beugte sich über sie und hauchte einen Kuss auf ihre Stirn. Mit Mühe bekämpfte er seine Erregung und zwang sich, in das Schlafzimmer zu seiner Frau zu gehen.
Carlo saß unterdessen grübelnd in Mareikes Schlafzimmer. Die Nachtischlampe beleuchtete seine markanten Züge. Grimmig schaute er auf sein Handy. Mareike war jetzt also bei Julio. Das passte überhaupt nicht in Carlos Plan. Vor allem wusste er nicht, wie viel Mareike im Garten gesehen hatte. Zu dumm, dass er nicht geschickter zu Werke gegangen war. Nun kam ihm auch noch dieser Trottel Julio in die Quere. Carlo erhob sich von Mareikes Bett und wanderte unruhig in dem Zimmer umher. Er dachte an, Carmen die ihn ja unbedingt heiraten wollte. Doch das kam für Carlo gar nicht in Frage. Was sollte er mit einem so verzogenen Biest, was ihm nur mit Partys und Kleidern in den Ohren lag. Die endlosen Diskussionen waren einfach nicht mehr zum Aushalten und als sie vorhin wie eine Furie auf ihn losgegangen war, hatte er die Beherrschung verloren. Carlo ging stöhnend zu der kleinen Minibar und goss sich einen Whisky ein. Nachdem er ihn mit einem Ruck hinuntergekippt hatte, griff er erneut zu seinem Handy, aktivierte eine Rufnummer und wartete, bis sich der Teilnehmer meldete. „Ich bin es”, sagte Carlo mit scharfer Stimme. „Ich brauche deine Hilfe. In zehn Minuten bin ich bei dir.” Carlo wartete keine Antwort ab, nahm seine Jacke vom Stuhl und verließ kurz darauf Mareikes Wohnung. In der Hand hatte er den blauen Damenschuh.
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