6. Am Abgrund
Carlo sprang in sein Auto und fuhr zu seinem besten Freund. Beim Fahren grübelte er weiter über die letzten Stunden nach. Die Sache mit Carmen ging ihm nicht aus dem Kopf. Wo war das Biest bloß? Sicher, er hatte ihr eine Ohrfeige gegeben und sie war dabei ins Gebüsch geflogen, aber mit Sicherheit war sie nicht tot. Carlos konnte sich noch gut an die Flüche erinnern, die sie ihm nachgeschickt hatte, als er wortlos gegangen war. Weshalb wollte Mareike sie also tot im Garten gesehen haben? Carlo begriff das alles nicht. Er starrte auf den Schuh, der auf dem Beifahrersitz lag. Carlo kannte diesen Schuh. Er gehörte tatsächlich Carmen. Kurz vor dem Haus des Freundes verlangsamte Carlo das Tempo seines Wagens und rollte zur Haustür. Er sprang aus dem Wagen und klopfte heftig an die Tür. Diese wurde geöffnet und Carlo erstarrte, als er die Person erkannte, die vor ihm stand. „Was machst du hier?”, fragte Carlo gefährlich leise. Als Antwort erhielt er ein ironisches Lachen. „Was du hier machst, will ich wissen”, forderte Carlo mit lauter werdender Stimme. „Na, nach was sieht es denn aus?”, fragte Carmen. „Ich besuche meinen neuen Liebhaber.” Carlo knallte ihr den Schuh vor die Füße. „Wieso hast du dich in Mareikes Garten tot gestellt?”, wollte er von Carmen wissen. Carmen zündete sich langsam eine Zigarette an und sah über den Rauch zu Carlo. „Tja, mein Lieber”, säuselte sie. „Das ist meine Rache für dein unmögliches Verhalten mir gegenüber. Soll die Kleine doch denken, dass ich tot bin. Ich bin gespannt, wie du sie nun überzeugen kannst, dass du kein Mörder bist.” Grinsend machte sie auf dem Absatz kehrt und schwebte ins Haus. Carlos Lust auf ein Gespräch mit seinem Freund war vergangen. Er drehte sich um und ging zu seinem Wagen.
Es dämmerte schon, Carlo beschloss nach Hause zu fahren und wenigstens noch ein paar Stunden zu schlafen. Nach Hause? Es war die Ferienwohnung von Mareike und nicht sein Zuhause! Letztendlich aber musste er froh sein, dort unterschlüpfen zu können, nach all den vergangenen Ereignissen.
Während er den Motor startete und langsam losfuhr, wanderten seine Gedanken zurück: Carmen – sie hatte ihn immer nur benutzt, immer nur ihre Vorteile aus der langjährigen Beziehung zu ihm gezogen. Sie suchte ihre Befriedigung darin, ihn zu demütigen. Lange Zeit hatte Carlo sich damit abgefunden; schließlich jedoch erreichte er einen Punkt, an dem er sich in seinem Wesen als Mann erniedrigt und angeekelt fühlte. Unbewusst trat Carlo kräftiger auf das Gaspedal und sein Auto schoss durch den frühen Morgen.
Carmen forderte ihn heraus – immer und immer wieder! Zu ihrer Belustigung oder war es reine Provokation? Er musste sich selbst aber zugeben, dass ihm die Dominanz dieser Frau gefiel. Mit Strenge und harter Hand führte sie ihn zu Höhepunkten der Erregung, um ihn dann sofort wieder in eine Unterwürfigkeit zu zwingen. Die Erinnerung an diese Stunden ließ ihm einen wohligen Schauer über den Rücken laufen. Wie gern hätte er in diesen Minuten seine Wünsche und Vorlieben ausgelebt. Carmen jedoch ließ ihm dafür keinen Raum.
Der Wagen wurde immer schneller; immer tiefer versank Carlo in seine Gedanken, aus denen ihn unvermittelt ein dumpfer Schlag in die Gegenwart zurückbrachte. Carlo riss das Lenkrad herum, der Wagen schleuderte erst nach rechts, Sekunden später nach links, um dann mit noch immer sehr hoher Geschwindigkeit einen Abhang hinunter zu rasen.
Nachdem sich Carlos Auto mehrere Male überschlagen hatte, blieb er auf dem Dach liegen. Die Räder drehten sich noch für eine Zeit, die Scheinwerfer erhellten weiterhin die Umgebung und auch der Motor lief noch.
Plötzlich verbreitete sich eine unwirkliche Stille über dem Szenario, nur ganz von fern konnte man das erste leise Gezwitscher der Vögel vernehmen.
Mareike erwachte, als die Vögel langsam anfingen, den Morgen zu begrüßen. Es dauerte eine Weile, bis sie sich in ihrer Umgebung zurechtfand. Stimmt, sie war bei Julio und Conchetta zu Hause. Mareike setzte sich langsam auf und sah gedankenverloren aus dem Fenster. Es war einfach zu viel gewesen, was sie seit ihrer Ankunft auf Teneriffa erlebt hatte. Eigentlich hatte sie große Lust, den nächsten Flug nach Hause zu nehmen. Doch war sie sich nicht sicher, ob das wirklich das war, was sie wollte. Immerhin gab es da noch Martin und dem wollte sie nie wieder begegnen. Noch einmal ließ sie sich nicht von ihm ausnutzen. Entschlossen stand Mareike auf. Es war noch zu früh, um Julio zu wecken, also suchte sie ein Stück Papier und einen Stift. In kurzen Worten bedankte sie sich für Julios Gastfreundschaft, nahm ihre Sachen und verließ leise die Wohnung. Kaum war sie ein paar Schritte gegangen, hielt ein Auto mit quietschenden Reifen neben ihr. Aus dem Wageninneren sprang Fernando und lief auf Mareike zu. „Mareike”, rief er ganz aufgeregt. „Du musst mitkommen, Carlo hatte einen Unfall. Es steht sehr schlimm um ihn.” Mareike runzelte die Stirn. Was hatte sie mit diesem Mann zu tun? Da Fernando aber wartend auf sie schaute, ließ sich Mareike langsam auf den Beifahrersitz fallen und schnallte sich an. Fernando startete den Wagen und raste mit verbissenem Gesicht zur Unfallstelle. Die Fahrt dauerte nicht sehr lange. Mareike wurde es ganz mulmig. Warum war Fernando so panisch? Kannte er Carlo näher? Als beide an der Unfallstelle ankamen, sahen sie einen Menschenauflauf, Polizei- und Krankenwagen. Fernando rannte zu dem erstbesten Arzt und fragte nach dem Unfallopfer. Was er hörte, ließ ihm Schauer über den Rücken laufen. Carlo war nicht tot, aber sein Zustand war besorgniserregend. Fernando fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. „Was ist mit Carlo?”, fragte Mareike leise. Fernando hatte sie nicht kommen hören, war aber froh, dass sie neben ihm stand. „Die Ärzte wissen noch nichts genaueres”, flüsterte Fernando. Gequält sah er Mareike an. „Er darf nicht sterben. Er ist doch mein Halbbruder.”
Mit Blaulicht raste der Krankenwagen zur Clinica y Centros Medicos Vida nach Puerto de la Cruz. Fernando begleitete seinen Bruder. Mareike, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen, blieb noch eine Weile an der Unfallstelle. Polizei und Krankenwagen waren weg, die Schaulustigen, die zu dieser frühen Morgenstunde unterwegs waren, zog es wieder nach Hause oder weiter. Mareike blickte von der Straße, auf der Carlo die Kontrolle über seinen Wagen verloren hatte, hinunter auf den kleinen Ort Garachico. Direkt am Meer, auf einer halbrunden Lavazunge gelegen, reckten sich die weißen Häuser mit den roten Ziegeldächern der frühen Morgensonne entgegen. Alles war still und ruhig, bis auf das gelegentliche Motorengeräusch der vorbeifahrenden Autos, Touristen, die früh unterwegs waren, die Schönheiten der Insel zu entdecken. Wie konnte das passieren, fragte Mareike sich. Die Straße war gut ausgebaut, breit genug und ohne nennenswerte Hindernisse. Die einzige plausible Erklärung war eine überhöhte Geschwindigkeit. Mareike stieg in Fernandos Wagen. Sie hatten ausgemacht, dass sie Fernandos Auto nach Puerto fahren und ihn vor seinem Haus abstellen wollte. Von dort war es nicht weit bis zur Klinik. Das war alles nicht das, was sie sich unter Urlaub vorgestellt hatte. Sie hatte nur noch wenige Tage, bis sie ihre neue Stelle in Santa Cruz antreten würde. Wollte sie das wirklich? Oder war das nur eine Flucht? Sie liebte die Insel und hatte sich immer vorgestellt, hier mal zu leben und alt zu werden. Sie startete das Auto, aber anstatt nach Hause zu fahren, schlug sie die entgegengesetzte Richtung ein. Sie brauchte jetzt einen klaren Kopf. Und den bekam sie nur durch ein ausgiebiges Frühstück und eine lange Wanderung im Teno-Gebirge.
Fernando saß in der Klinik und wartete auf das Ende der OP. Ständig schaute er auf die Uhr. Die Zeiger wanderten träge vorwärts. Fernando dachte an Zeiten, die schon so lange vorbei waren. Carlo war sein Halbbruder, den sein Stiefvater mit in die Ehe brachte, als Carlo noch ein Baby war. Carlos Mutter war bei der Geburt gestorben. Er konnte sich an eine kurze Kindheit erinnern, die ausgefüllt war mit Liebe und Geborgenheit. Bis zum Flugzeugabsturz der Eltern waren er und Carlo unzertrennlich, aber nach dem Unglück hatte sich Carlo verändert. Er konnte sich dem strengen Tagesablauf der Tante, Carla Alfaro, die sich um die Waisen kümmern musste, nicht anpassen. Immer wieder gab es Streit und Auseinandersetzungen. Fernando litt unter diesem Klima, denn er liebte seinen Bruder. Fernando wusste, dass Carlo Schriftsteller werden wollte. Kaum das Fernando volljährig war, nahm er jeden Job an und sparte für die Wünsche seines Bruders. Carlo schrieb die ersten kleinen Romane und Fernando sorgte für die Veröffentlichung. Carlos Schreibstil war brillant. Es dauerte nicht lange und Carlo war ein sehr beliebter Schriftsteller. Fernando war glücklich über diese Entwicklung und es schien, als ob Carlo seinen Platz im Leben gefunden hatte…doch dann kam Carmen.
Carlo und Carmen hatten sich auf der Insel Lanzarote kennengelernt. Sie war von Beruf Architektin und Bildhauerin und arbeitete unter der Leitung des berühmten Künstlers Cesar Manrique. Nach dessen tragischen Unfalltod hielt sie nichts mehr auf der Insel. Und so kam es ihr sehr gelegen, mit Carlo, der seinen neuesten Roman auf der Insel vorstellte und anschließend dort ein paar Tage Urlaub machte, nach Teneriffa überzusiedeln. Sie erlebten eine Beziehung voller Leidenschaft. Carmen achtete anfangs sehr darauf, dass Carlo seinen Beruf weiterhin ernst nahm, obgleich er in ihrer Gegenwart alles andere als das Schreiben im Sinn hatte. Irgendwann wich Carmens Stolz auf Carlo einer immer größer werdenden Eifersucht. Sie hatte ihren Beruf und damit ihr Hobby aufgegeben. Finanziell war sie durch eine Erbschaft abgesichert und musste nicht arbeiten. Carlo jedoch hatte Erfolg und wurde immer berühmter, während sie untätig herumsaß und ihr Leben immer ärmer zu werden schien. Leidenschaft und Sinnlichkeit verloren immer mehr an Bedeutung, aus Liebe wurde Hass. Es war eine Beziehung, geprägt von Machtkämpfen, Hass-Liebe, Abhängigkeit gepaart mit Dominanz. Sie saßen beide wie in einem Spinnennetz gefangen, unfähig zu fliehen. Es ging nicht mehr miteinander, aber auch nicht ohne den anderen…
Endlich, nach quälenden Stunden des Wartens öffneten sich die automatischen Türen des OP-Bereiches vor denen Fernando in sich zusammengesunken döste. Sofort war er hellwach, sprang auf und lief auf das Bett zu, das von zwei Krankenschwestern vorsichtig den Flur entlang geschoben wurde.
“Wie geht es ihm? wandte er sich an eine der ernst blickenden Krankenschwestern. “Der Arzt kommt gleich um mit Ihnen zu reden!” Die Stimme der Krankenschwester klang sehr zurückhaltend.
Fernando beugte sich über das Bett. Mit bestürztem Blick nahm er Carlos fest bandagierten Kopf wahr und seine blutunterlaufenen, geschlossenen Augen. Mit dem Mut der Verzweiflung griff Fernando nach Carlos Hand, wurde aber in diesem Moment von der Krankenschwester konsequent beiseite geschoben. “Der Patient braucht absolute Ruhe!” und mit diesen Worten schoben beide Schwestern das Bett mit Carlo an Fernando vorbei zur Intensivstation. Fernando bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen. Seine Schultern zuckten, der Anblick seines verletzten Bruders hatte ihn erschüttert. Er weinte.
So merkte er nicht, dass sich die Türen der OP-Abteilung ein zweites Mal geöffnet hatten und ein kleiner, älterer Mann in blütenweißer Kleidung neben ihn getreten war und ihm vorsichtig die Hand auf die Schulter legte. “Senor Luengo? Sie sind mit Carlo Luengo verwandt?” Fernando räusperte sich. “Ja, Carlo ist mein jüngerer Bruder! Bitte sagen Sie mir, wie es ihm geht!”
“Nun, die Operation hat er überstanden. Die nächsten vierundzwanzig Stunden werden zeigen, ob er die Kraft hat, das Dunkel zu durchbrechen, in dem er sich im Moment befindet! Sie müssen abwarten!” Der Arzt rückte seine Brille zurecht und sah Fernando mit ernstem Blick an. “Über weitere Folgen des Unfalls können wir zu diesem Zeitpunkt nur spekulieren!” Fernando nahm die Worte des Arztes nicht mehr bewusst wahr.
“Ich will zu Carlo!” Der Arzt nickte. Vielleicht war es das Beste, was er augenblicklich für die beiden Brüder tun konnte. Alles andere lag nicht mehr in seinen Händen und würde sich in den nächsten Stunden entscheiden.
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