9. Die Ernüchterung
Julio betrat Mareikes Wohnzimmer und ließ sich auf das Sofa fallen. Er sah Mareike an und suchte nach den richtigen Worten. „Mareike, ich kann die nächsten Tage nicht mit dir verbringen. Ich muss mich um meinen Sohn kümmern. Die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen. Die Ärzte wissen nicht, woher die Schmerzen kommen.” Mareike schaute traurig auf Julio. Sie hatte sich die nächsten Tage schon in den schönsten Farben ausgemalt. Allerdings verstand sie, dass der Platz von Julio jetzt bei seinem Sohn war. Deshalb ging sie langsam zu Julio, nahm ihn in die Arme und flüsterte: „Schade, dass du nicht bei mir sein kannst, aber ich kann verstehen, dass dein Sohn jetzt wichtiger ist.” Julio schloss die Augen und atmete tief Mareikes wunderbaren Duft ein. Er sehnte sich schon jetzt schmerzhaft nach ihrer Nähe. Die letzte Nacht hatte ihm mehr gebracht, als er sich je hatte träumen lassen. Hin- und hergerissen von seinen Gefühlen zog er Mareike stürmisch in seine Arme. Er bedeckte ihr Gesicht mit wilden Küssen und ließ seine Hände auf Wanderschaft gehen. Ihn reizten ihre weiblichen Formen und die Leidenschaft, zu der Mareike fähig war. Er konnte nicht genug von ihr bekommen. Mareike war ihren Gefühlen hilflos ausgeliefert. Gerade als sie sich Julio ohne eigenen Willen hingeben wollt, klingelte es an der Tür.
Es fiel Mareike schwer, sich aus Julios Armen zu lösen, die sie leidenschaftlich, aber auch fest umfangen hielten. Ihr Körper spannte sich an. Sie legte ihre Handflächen auf Julios Brust und schob ihn sanft von sich. Julio drehte sich zur Seite, damit Mareike seine wilde Begierde und die wachsende Erregung nicht bemerken konnte. In diesem Moment fühlte er zum ersten Mal angespannten, schwelenden Zorn .”Beim nächsten Mal stellst du bitte die Klingel ab!”, forderte er mit ernstem Blick und begehrendem Funkeln in den Augen. Mareike lächelte schuldbewusst, zupfte ihre Kleidung zurecht, fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und ging Richtung Eingangstür. Auch ihr war die Störung nicht angenehm. Sie befürchtete, dass der noch unbekannte Besucher an ihrem Gesicht ablesen konnte, wobei er gerade gestört hatte.
Unsicher, was sie erwarten würde, öffnete Mareike die Tür nur einen Spaltbreit. Zu ihrer Verwunderung befand sich niemand vor der Tür. Sie blickte nach links und rechts, nichts. Ganz entfernt, so schein es ihr, waren leise, sich entfernende Schritte zu hören. Gerade, da sie im Begriff war die Tür wieder zu schließen, fiel ihr Blick auf einen kleinen Karton, der auf der Fußmatte stand. Sie bückte sich und hob den Karton auf. Mit ungelenken Buchstaben war ihr Name, sowie ihre Adresse auf die Oberseite geschrieben. Ein Absender aber fehlte. Mareike schüttelte das Päckchen ein wenig, doch das leise klappernde Geräusch konnte ihr auch keinen Hinweis auf den Inhalt geben. Mit einem Achselzucken schloss sie die Tür und kehrte zu Julio ins Zimmer zurück. Sie hielt Julio den Karton hin. “Das stand einfach so vor meiner Tür! – Ohne Absender!” erklärte sie Julio, dessen Blick auf die mit der Hand geschriebene Adresse fiel. Irgendwo waren ihn diese eigentümlich geschriebenen Buchstaben schon einmal begegnet. Zu Mareikes Erstaunen zog Julio ein Klappmesser aus seiner Hosentasche, griff nach dem Karton und ritzte mit zwei schnellen Schnitten das Klebeband auf. Langsam und vorsichtig öffnete er den Karton. Doch was Mareike und Julio in diesem Moment sahen, ließ beiden den Atem stocken.
Mareike griff in den Karton und holte einen Stapel Fotos heraus. Fotos, die sie und Julio in einer eindeutigen Situation zeigten. Mareike erinnerte sich schmerzhaft an die Tatsache, dass einige Fenster ihrer Wohnung keine Gardinen hatten und somit jeder in der Lage war, Einblicke in bestimmte Zimmer zu bekommen, somit auch in ihr Wohnzimmer. Mareike konnte sich noch deutlich erinnern, wie sich Julio und sie am großen Kamin geliebt hatten. Keiner von beiden hatte an die offenen Fenster gedacht. Was nun? Julio sah an Mareike vorbei und grübelte. Sicher, er wollte sich von seiner Frau trennen, aber er wollte aus dieser Trennung auch noch Kapital herausholen. Das ging natürlich nicht, wenn seine Frau vorher diese Fotos zu Gesicht bekam. Julios Gesichtsausdruck verwandelte sich in eine böse Grimasse. Ihm würde schon etwas einfallen, allerdings musste er sich nun wieder auf den Weg nach Hause machen. „Mareike, ich muss die Sache mit den Fotos klären. Versuche du herauszubekommen, wer dafür verantwortlich ist. Ich kümmere mich um meine Frau.” Julio wartete keine Antwort ab und verließ zügig die Wohnung. Mareike stand noch immer mit den Fotos in der Hand auf der gleichen Stelle. Geschockt war sie von den Bildern, aber auch von Julio. Sie kannte ihn nur zärtlich und liebevoll, vorhin hatte er aber eine andere Seite seines Wesens gezeigt. Sie wusste nicht, ob ihr dieser Julio gefiel, denn sein Gesichtsausdruck hatte ihr Angst gemacht. Angewidert legte sie die Fotos auf den Kamin und dachte nach. Es gab kaum jemanden, der sie hier auf Teneriffa kannte. Wer also sollte diese Fotos gemacht haben? Auch musste sie daran denken, dass sie bei den intimsten Kontakten mit Julio einen Beobachter hatte. Ihr stieg bei diesen Gedanken die Schamröte ins Gesicht. Julio hatte sie sehr eindeutig und intensiv berührt und geliebt. Solche Momente waren nicht für die Öffentlichkeit. Mareike ging langsam in den Garten und setzte sich auf ihre Lieblingsbank. Sofort sprang sie wieder auf. Sie hatte sich auf das Treffen mit Carla Alfaro vorzubereiten.
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