11. Klarheit
Carmens Kopf sank vor Erschöpfung auf ihre Brust. Seit unzähligen Stunden saß sie an Carlos Bett und hoffte auf eine Reaktion seines Körpers. Nur das Summen und Piepen der Überwachungsgeräte war zu hören. Carlo lag still und regungslos in den weißen Kissen, die Augen geschlossen. In welcher Sphäre zwischen Leben und Tod er sich befand, wagte niemand zu sagen. Carmen hatte sich bittere Vorwürfe gemacht, als Fernando sie angerufen und ihr von dem Unfall berichtet hatte. Sie hatte seinen aggressiven Unterton gespürt und wusste, dass auch er sie für den Unfall verantwortlich machte, ohne es auszusprechen.
Als sie in der Klinik eintraf und er ihr von dem Ausgang der Operation berichtete, machte er keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen sie und ließ sie mit den Worten “Wenn Carlo stirbt, mache ich dich dafür verantwortlich” einfach stehen.
Seitdem war sie nicht mehr von Carlos Seite gewichen. Mehrfach schon hatte das Dienst habende Personal sie angesprochen. “Senora Rodriguez, fahren Sie nach Hause und ruhen Sie sich aus. Sie können ihrem Freund nicht helfen. Es liegt jetzt alles in Gottes Hand.” Aber Carmen blieb.
Sie schreckte hoch, als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte und drehte sich um. “Ich löse dich ab. Geh nach Hause” vernahm sie knapp Fernandos Worte. Sie hatte keine Kraft mehr und wusste, dass er Recht hatte. Müde und mit bleiernen Knochen erhob sie sich, nickte ihm kurz zu und wandte sich zum Gehen. “Ruf mich bitte sofort an, wenn sich etwas verändert”, bat sie ihn flüsternd.
Nachdenklich sah Fernando ihr nach …
„Mareike” … Immer wieder hörte Fernando in den kommenden Stunden diesen Namen aus Carlos Mund. Was hatte das zu bedeuten? Warum flüsterte Carlo ständig diesen Namen? Fernando sah grübelnd vor sich hin. Er wurde aus der ganzen Sache nicht schlau. War es nicht Carmen, die Carlos Gehirn dermaßen vernebelt hatter, dass dieser keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte? Was war aber mit Mareike? Sicher, die junge Frau war eine nicht zu übersehende Erscheinung, aber mit Carmen nicht zu vergleichen. Fernando war noch mit seinen Gedanken beschäftigt, als genau diese Mareike den Raum betrat. „Hallo Fernando, wie geht es Carlo?”, fragte Mareike vorsichtig. „Keiner kann im Moment eine sichere Antworten geben”, antwortete Fernando und sah Mareike prüfend an. „Warum bist du hier Mareike?” „Ich musste immer wieder an den Unfall denken und möchte dir gern helfen Fernando.” Fernando schüttelte den Kopf. „Mareike, im Moment müssen wir abwarten, was die kommende Zeit bringt, aber vielleicht kann Carmen von uns allen am besten helfen, Carlo aus diesem schweren Trauma zu erlösen.” „Carmen? Wer ist das?”, fragte Mareike. „Carlos Geliebte”, war die kurze Antwort. Komisch, diese Aussage gefiel Mareike überhaupt nicht. Wo kam diese Geliebte so plötzlich her? Mareike stand unschlüssig vor Fernando und dachte nach. Eigentlich sollte sie doch jetzt beruhigt wieder gehen können, doch irgendetwas hielt sie zurück. Deutlich sah sie Carlo vor sich und konnte seine blitzenden Augen und seinen Charme noch intensiv spüren. Mareike schüttelte den Kopf. Was ging sie denn Carlo an, wenn Julio auf sie wartete. Julio mit seiner ungezügelten Leidenschaft und seinen Händen, die das Paradies versprachen. Mareike verabschiedete sich knapp von Fernando und verließ den Raum. Sie musste zu ihrer neuen Arbeitgeberin.
Wütend schloss Mareike die Tür des Hotel Pelinor hinter sich. Eins, zwei, drei und einmal tief durchatmen. Sie entdeckte eine kleine Bodega und schritt zielstrebig darauf zu. Nach diesem bisher anstrengenden Tag und dem unerfreulichen Gespräch mit Senora Alfaro musste sie sich erst einmal stärken.”Buenas tardes”, erwiderte sie knapp auf die freundliche Begrüßung des Kellners, der zielstrebig auf sie zugesteuert war, nachdem sie Platz genommen hatte. “Un cafe con leche y un Quarenta y Tres, por favor.”
Als der Likör durch ihre Kehle rann und seinen lieblichen Geschmack verbreitete, wurde sie ein wenig ruhiger und ließ das Gespräch mit der Senora Revue passieren.
Mareike saß am goldgelben Terresitas-Strand in Santa Cruz und schaute gedankenverloren aufs Meer hinaus. Tief in ihrem Inneren hatte sie plötzlich Sehnsucht nach Hause.
Ihre Idee, Deutschland zu verlassen und sich auf Teneriffa ein neues Leben aufzubauen, kam ihr plötzlich widersinnig vor. Sie hatte ihre Brücken in Hamburg noch nicht abgebrochen. Die Wohnung hatte sie noch nicht gekündigt, ihre Freunde waren im Glauben, sie sei für einige Wochen in Urlaub und bei ihrem Arbeitgeber hatte sie für drei Monate unbezahlten Urlaub genommen. Was hinderte sie eigentlich daran, nach ihrem Urlaub zurückzukehren, als sei nichts weiter gewesen? Martin hatte sie den Laufpass gegeben. Julio war eine Sünde wert gewesen, aber da gab es eine Ehefrau und einen Sohn, die sie beide nicht aus ihrem Gedächtnis und ihren Empfindungen streichen konnte. Carlo hatte sie innerlich ebenso berührt wie Julio, aber er war schwer verletzt und würde vielleicht nicht überleben.
Sie musste eine Entscheidung treffen. Entweder sie nahm unter veränderten Bedingungen die neue Stelle an und blieb oder sie teilte Senora Alfaro ihre definitive Entscheidung mit, den Vertrag unter beiderseitigem Einverständnis aufzulösen. Morgen früh um neun Uhr erwartete die Senora ihren Anruf und ihre Entscheidung
Die Füße taten ihr vom vielen Laufen weh und sie sehnte sich nach einer heißen Dusche und ihrem Bett. Aber ihr Innerstes war aufgeräumt, sie hatte sich entschieden, Senora Alfaro eine Absage zu erteilen und Teneriffa als das zu sehen, was es bisher immer für sie war: ihre Lieblingsinsel, auf der sie ihren Urlaub verbringen wollte, so oft sie dazu Zeit hatte. Mit ihren Ersparnissen konnte sie sich noch ein paar unbeschwerte Urlaubswochen leisten, um dann mit neuer Kraft und gut erholt in ihr altes Leben, allerdings ohne Martin, zurück zu kehren. Martin - sie erinnerte sich plötzlich daran, dass er heute Abend vorbei kommen und mit ihr reden wollte. Das hatte sie ganz vergessen. Nun war es fast acht Uhr und er war sicher wieder gegangen, denn länger als eine Viertelstunde wartete Martin nicht. Und er war auch der Letzte, den sie heute Abend noch sehen wollte.
Als sie ihren Garten betrat, sah sie eine Gestalt im Halbdunkel vor ihrer Eingangstür sitzen und verlangsamte ihren Schritt. Saß er da tatsächlich und wartete auf sie?
Mareike überlegte fieberhaft, wie sie ihn elegant loswerden konnte. Gleichzeitig ärgerte sie sich über sich selbst. Sie würde ihm klar sagen, dass sie heute Abend keine Lust auf ihn hätte und ihn wegschicken. Sollte er doch selbst sehen, wie er damit klar kam. Sie hatte ihn ja nicht eingeladen.
Als sie jedoch näher kam, hob die Gestalt vor ihrer Tür den Kopf und schaute sie mit tränenverschleierten Augen an. “Carlo ist tot.”
„Tot”, fragte Mareike entsetzt. Fernando ließ sich auf die kleine Bank sinken, die neben ihm stand. „Nicht direkt”, kam die leise Antwort. „Carlo lebt, aber eigentlich auch nicht. Er ist querschnittsgelähmt. Die Ärzte können zwar nicht genau sagen warum, aber Carlo wird ab jetzt sein Leben in einen Rollstuhl verbringen müssen. Mareike, er will dich sehen.” „Warum?”, kam die erstaunte Antwort. „Carlo will, dass du ihm beim Schreiben seines Buches hilfst.” Mareike setzte sich neben Fernando und wusste keine Antwort. Was ging sie die Probleme der Brüder an? Sie hatte schon genug eigene. Allerdings …bot sich hier nicht die Gelegenheit, auf der Insel zu bleiben und der hochmütigen Senora Alfaro eine Absage zu erteilen? „Fernando, ich werde mit deinem Bruder reden. Ich weiß nicht, ob ich in der Lage bin, den Wünschen deines Bruders nachzugeben, aber dazu muss ich tatsächlich erst mit ihm sprechen. Sag ihm, ich komme morgen. Und noch etwas Fernando, denke daran, dein Bruder ist am Leben, auch wenn er an den Rollstuhl gefesselt ist. Vielleicht kann er diesen ja auch mal wieder verlassen, wenn man die Ursache für die Lähmung gefunden hat und ihn gezielt behandeln kann.” Fernando nickte, erhob sich von der Bank und verließ das Grundstück.
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