12. Lust auf Abenteuer

Langsam öffnete Martin die Augen. Das helle Sonnenlicht, das durch seine geöffnete Balkontür hereinfiel, blendete ihn. Rasch zog er die Decke über den Kopf und drehte sich um. Er wollte nichts sehen und hören. Langsam sickerte die Erinnerung an den gestrigen Abend in sein Gehirn. Er konnte nicht sagen, was schlimmer war, seine Enttäuschung, dass Mareike ihn versetzt und er wie ein Volltrottel eine Ewigkeit vor ihrer Wohnung gestanden hatte oder der Kater, der sich nach etlichen Bieren und einigen Schnäpsen in seinem Körper austobte.
Er war sich einer Versöhnung mit Mareike sicher gewesen und hatte seine Zahnbürste in die Jackentasche gesteckt. Martin litt unter einer Zahnputzphobie. Er wäre eher drei Tage in der gleichen Unterhose herum gelaufen, als sich nicht mindestens fünf Mal am Tag die Zähne putzen zu können. Und da er sicher war, die Nacht in Mareikes Bett zu verbringen, ihren warmen Körper zu spüren und sie leidenschaftlich zu lieben, war die Zahnbürste das Wichtigste, das er aus seinem Hotelzimmer mitnahm. Mit einer Flasche Vino Tinto unter dem Arm stand er vor Mareikes Tür. Er wartete genau zwanzig Minuten, dann ging er. Er hatte einen Bärenhunger und so führte ihn sein Weg in die Altstadt ins Mil Sabores.
Martin war dankbar, als sich zum Essen ein Berliner  Urlauberpärchen an seinen Tisch setzte. Er kannte sich in Puerto nicht aus und hatte schon Sorge, sein Hotel nicht wiederzufinden. Während des lebhaften Gespräches vergaß er seinen Kummer ein wenig. Petra und Bernd konnten ihn nach dem Essen ohne große Mühe  überreden, mit ihnen an der Playa Jardin Richtung Punta Brava zu laufen. In der Bar Julian gab es heute Livemusik. Martin vergaß alles um sich herum. Der laue Sommerabend, das Rauschen der Wellen, Musik und ein ständig steigender Alkoholspiegel vertrieben auch seine düstersten Gedanken. Er erinnerte sich dunkel, mit einer schwarzhaarigen Schönheit eng umschlungen getanzt zu haben. Ein Taxi - ja, daran erinnerte er sich auch - muss ihn zum Hotel gefahren haben. Er fingerte so lange auf seinem Nachttisch herum, bis er die Packung Aspirin und eine angefangene Mineralwasserflasche fand.
Nur noch etwas Schlaf, bis der Kopf wieder klar war, das war das Einzige, was er sich momentan wünschte.

Nora hatte sich erst einmal von Michael verabschiedet, um eine Bleibe für die nächsten Tage zu suchen. Abends wollten sie sich in einem kleinen Restaurant treffen, welches Michael als vorzüglich beschrieben hatte. Nora würde sich diese Chance sicher nicht entgehen lassen. Immerhin bot dieser Michael ihr eine Chance, für längere Zeit auf Teneriffa zu bleiben. Zufrieden stieß Nora einen kleinen Entzückensschrei aus und tanzte auf der Stelle. Gerade, als sie sich wieder gefangen hatte, bemerkte sie dunkle Augen, die intensiv ihren Körper abtasteten. Verwundert schaute Nora auf den Mann, der seine Augen keine Sekunde von ihr lösen konnte oder wollte. Langsam kam der Mann auf sie zu. „Haben Sie ein paar Minuten Zeit, um ein Glas Champagner mit mir zu trinken?“, fragte er mit einer sehr sinnlichen Stimme. Nora überlegte. Eigentlich hatte sie noch genügend Zeit, um sich um eine Unterkunft und Martin zu kümmern. Deshalb nickte sie mit einem verführerischen Blick. „Ja, ich könnte etwas Zeit einrichten, wenn es sich lohnt.“ „Es wird sich lohnen“, antwortete der geheimnisvolle Mann. „Gut, wir können uns bei einem Gläschen kennen lernen“, säuselte Nora. Gemeinsam betraten beide fünf Minuten später ein elegantes Restaurant. Nora fühlte sich in dieser Umgebung in ihrem Element. Sie flirtete mit ihrem Gegenüber und unterhielt sich prächtig. Perlendes Lachen zeigte, dass Nora schon kräftig dem Champagner zugesprochen hatte. „Kommst du mit zu mir?” Diese Frage bekam Nora mit der nächsten Flasche Champagner serviert. Nora überlegte nicht lange. Sie wollte Spaß haben und dieser Mann sah so aus, als ob sie diesen Spaß bekommen würde. „Ich komme mit“, war Noras kurzer Kommentar. „Du wirst es nicht bereuen. Ich heiße übrigens Julio.“
Nora und Julio verließen das Restaurant. Eng umschlungen begaben sie sich zu Julios Wohnung, die er nur für besondere Stunden angemietet hatte.  Nora musste immer wieder kichern, da Julio ihr erotischeAnspielungen ins Ohr flüsterte und der viele Champagner ihr Denken beeinflusste. In Julios Wohnung warf sich Nora auf Julios breites Sofa und sah in unter halb geschlossenen Augen verführerisch an. „Komm“, raunte sie mit heiserer Stimme. Julio hatte nicht vor, diese Aufforderung zu ignorieren. Er näherte sich dem Sofa und forderte: „Zieh dich aus!“ Nora lachte laut und begann, ihre Bluse ganz langsam zu öffnen, so dass Julio die hauchzarte Spitze sehen konnte, die Nora unter der Bluse trug. Julio fing an zu schwitzen. Lange konnte er sich nicht mehr beherrschen. Nora sah das und fuhr mit den Fingern aufreizend an ihrem Körper entlang. „Zieh dich endlich für mich aus!“, forderte Julio eine Spur unwilliger. Nora kam seiner Aufforderung nach und entkleidete sich vor seinen Augen. Julio betrachtete ihren Körper und setzte sich zu Nora auf das Sofa. Nora zog ihn zu sich herunter und fing an, Julio leidenschaftlich zu küssen. Julio konnte sich nicht mehr zurückhalten, griff nach Noras Brüsten, deren Nippel sich ihm schon entgegenstreckten. Julio nahm sie in den Mund und begann, erbarmungslos daran zu saugen. Dabei wanderten seine Hände suchend über ihren Körper. Als Julio merkte, dass sie bereit für ihn war, entledigte er sich seiner Sachen und drang hart und fordernd in Nora ein. Mareike war nur noch eine Erinnerung. Nora wollte wie er hemmungslose Begierde ausleben. Julio würde schon dafür sorgen, dass Nora in der nächsten Zeit nichts anderes wollte. Vor allem war sich Julio sicher, dass Nora keine Gefahr für seine Ehe darstellte. Weiter kam Julio mit seinen Gedanken nicht. Sein Denken setzte aus und sein letzter Stoß schaffte ihm die Erfüllung, die er brauchte. Egal, wer unter ihm lag.
Es dauerte lange, bis Nora in die Wirklichkeit zurück fand. Wow - so einen Sex hatte sie noch mit niemandem erlebt und sie war wahrhaftig kein Kind von Traurigkeit. Ein wissender Blick durch die kleine Wohnung verriet ihr, dass Julio hier nicht dauernd lebte, sondern die Wohnung nur gelegentlich nutzte. Sie wollte auch gar nicht mehr von ihm wissen. Es reichte ihr, dass er im Bett ein feuriger Liebhaber war, dem es nicht an Fantasie mangelte und der sie in die erotischsten Höhen brachte.
Ein Blick auf ihre Armbanduhr verriet ihr, dass es höchste Zeit war, sich für das Treffen mit Michael zurecht zu machen.
“Julio, ich habe noch einen Termin. Meine Cousine erwartet mich und ich möchte mich ungern verspäten. ” Sie stand auf, zog sich an und bemerkte nicht den harten Zug um Julios Augen. Voller Begierde wollte er Nora ein zweites Mal nehmen, als sie plötzlich aufstand. Das hatte noch nie eine Frau gewagt. Er biss sich auf die Lippen, schluckte seine aufkeimende Wut hinunter und sagte nur “Schade, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.”
Er hatte telefonisch vorher ein kleines Hotel unweit des Hafens angerufen, dessen Besitzer er  kannte und für Nora ein Zimmer mit Sonderpreis gebucht. So hatte er sie unter Kontrolle, war von seiner eigenen Arbeitsstelle im Casino Taoro in wenigen Minuten zu Fuß da und wollte sich für die Zeit ihres Aufenthaltes  nichts weiter vornehmen, als viele Stunden mit dieser aufregenden Touristin zu verbringen. Wenn sie in zwei bis drei Wochen wieder abreiste, fand sich sicher schnell etwas Neues.
Nora nahm ihre Reisetasche und machte sich auf den Weg ins Puerto Azul, das nur zwei Straßen von Julios Liebesnest entfernt lag. In Windeseile packte sie ihre Tasche aus, duschte sich ausgiebig und zog sich einen dezenten Hosenanzug an. Darunter trug sie, außer einer luftigen Seidenbluse und einem hauchdünnen, hautfarbenen BH nichts. Ihr Treffen mit Michael war rein geschäftlich, was danach kam, stand in den Sternen. Ein letzter Blick in den Spiegel, das Make-up saß perfekt, der Lippenstift betonte ihre sinnlichen Lippen und der entspannte Blick um den Mund und die Augen verrieten nur einem  geübten Beobachter, dass inzwischen etwas mit ihr geschehen war. Als sie ihren Schlüssel an der Rezeption abgab, wartete bereits das Taxi zum Restaurant La Papaya auf sie. Sie schaute dem Treffen mit Michael erwartungsvoll entgegen und bemerkte nicht, dass Julio dem Taxi mit dem eigenen Auto folgte.

Michael erwartete sie bereits. Anerkennend glitt sein Blick diskret an Nora herab. “Schön, dass Sie hergefunden haben”, begrüßte er sie freundlich und streckte ihr die Hand entgegen.
Nora nahm keine Rücksicht auf ihre Schwangerschaft und stimmte begeistert zu, als Michael eine Karaffe Sangria bestellte. Sie ließ sich auch vertrauensvoll von ihm in die Geheimnisse der kanarischen Küche einführen und folgte bei ihrer Bestellung seinen Empfehlungen. Da ihre weitere Existenz in Michaels Händen lag, war sie sorgsam darauf bedacht, sich ganz auf ihn einzustellen und so bemerkte sie nicht, dass Julio in einem Winkel des Restaurants saß und sie beide beobachtete.
Als Nora hell auflachte und Michael ihr Glas zum Anstoßen hinhielt, schoss Julio aus seinem Versteck hervor und ungeachtet der anderen Gäste, nahm er Nora das Glas aus der Hand, stellte es auf den Tisch und fuhr sie an “Das also ist deine Cousine? Mich lügt man nicht an!” Und an Michael gewandt setzte er hinzu “Nora ist meine Geliebte. Lassen Sie die Finger von ihr.”
Ohne ein weiteres Wort abzuwarten, drehte er sich um und verließ das Restaurant.
Peinliche Stille, auch drum herum, denn den Gästen an den benachbarten Tischen war dieser Auftritt Julios nicht entgangen. Michael räusperte sich und schob seine dunkle Brille zurecht, bevor er sich weiterhin seinem Knoblauch-Kaninchen zuwandte. “Das war wohl Ihre dringende Angelegenheit auf Teneriffa?” murmelte er und schaute Nora fragend an.
“Eigentlich hatte ich diese Angelegenheit längst geregelt, aber offenbar nicht deutlich genug. Bitte, verzeihen Sie diesen peinlichen Auftritt meines Ex-Freundes.” Nora versuchte, so gleichmütig wie nur eben möglich auszusehen. Der Anblick Julios hatte ihren Körper in sofortige Schwingungen versetzt, sein Auftritt jedoch die Wut in ihr aufkochen lassen. Was bildete sich dieser Macho eigentlich ein?
“Nun, Ihre privaten Angelegenheiten gehen mich nichts an. Sollten Sie jedoch für mich arbeiten, trennen Sie bitte Privates und Berufliches voneinander. Mein Hotel hat einen sehr guten Ruf und von meinen  Angestellten  erwarte ich,  diesen Ruf zu bewahren.”
Nora setzte das  ehrlichste Lächeln auf, zu dem sie in der Lage war. “Selbstverständlich, darauf können Sie sich verlassen.” Sie war sich ganz sicher, dass sie auf Teneriffa alles finden würde, was sie brauchte,  finanzielle Sicherheit, aufregenden Sex und einen Vater für ihr Kind.
Julio lief zornig die nächtlichen Straßen entlang. Was er gerade erlebt hatte, nagte an seinem Ego. Was dachte sich dieses Miststück von Nora eigentlich? Erst verbrachte sie mit ihm den Nachmittag im Hotel und nun vergnügte sie sich mit einem anderen Mann und ließ ihn kalt abblitzen. So etwas war Julio noch nie passiert. Grimmig schaute er auf das Meer. Leise plätscherten die Wellen zu der romantischen Musik, die aus irgendeiner Strandbar zu ihm drang. Julio lief zum Strand und setzte sich in den Sand. Grübelnd hörte er auf die vielen nächtlichen Geräusche. Irgendwo maunzte eine Katze. Ein Hund bellte zu den Tönen einer Gitarre. Julio war wütend auf Nora. Wieso wollte sie jetzt nicht bei ihm sein? Die gemeinsamen Stunden mussten doch auch bei ihr Wirkung gezeigt haben. Julio nahm einen Stein und warf ihn ins Wasser. Seine Gedanken wanderten zu Mareike. Er dachte an die Stunden, die er mit ihr verbracht hatte. Mareike war eine Frau, die sanft und liebevoll war. Nora war fordernd und verlangend. Julio seufzte. Er brauchte Nora. Diese Frau erfüllte seine Wünsche und ließ ihn erbeben. Der Sex mit ihr war traumhaft. Er wollte es noch einmal mit ihr tun. Julio hing noch seinen Gedanken nach, als das Handy in seiner Hosentasche klingelte. Unwillig griff Julio danach und meldete sich. Es war seine Frau, die wissen wollte, wann er nach Hause kam. „Ich bin gleich bei euch“, versprach Julio. Doch kaum hatte Julio sich verabschiedet, klingelte das Handy noch einmal. „Ja, hier Julio“, meldete er sich genervt. „Na Süßer, wie geht es dir?“, hörte er Noras Stimme. Sofort war Julio hellwach. „Was willst du?“, fragte er zähneknirschend. „ Ich will dich sehen“, lachte Nora. „Komm zu mir. Du weißt, wo ich dich erwarte“, zischte Julio in das Handy. Mehr konnte er nicht sagen, denn Nora hatte ihn weggedrückt. Julio erhob sich aus dem Sand und lief fast rennend zu der von ihm gemieteten Wohnung. Doch er kam nicht weit, da plötzlich Mareike vor ihm stand.“ Da bist du ja Julio“, seufzte sie erleichtert. „Ich brauche dich jetzt. Kommst du mit mir?“, fragte sie und schaute liebevoll auf ihren vermeintlichen Liebhaber. Julio dachte fieberhaft nach. Was sollte er jetzt tun? Er wollte zu Nora, aber Mareike schien ihn immer noch zu reizen. Süß sah sie aus, wie sie so erwartungsvoll vor ihm stand. „Was ist Julio?“, fragte Mareike unsicher. Julio trat von einem Fuß auf den anderen und wusste nicht, wie er sich aus der Situation winden sollte. Da fiel ihm seine Frau ein. „Tut mir leid Mareike, ich muss nach Hause. Es gibt Probleme mit meinem Sohn.“ Mareike schaute sehnsüchtig zu Julio. „Das verstehe ich. Du musst dich um deinen Sohn kümmern. Telefonieren wir Julio?“. Julio nickte und verabschiedete sich hastig von Mareike.  Sie schaute Julio traurig nach, als der sich mit schnellen Schritten von ihr entfernte.
Julio hatte Mareike schon längst wieder vergessen. Sein Ziel war der Ort, den er für sich und Nora reserviert hatte.

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