13. Leben im Rollstuhl

Carlo saß im Garten der Reha- Klinik und sah zwei Vögeln zu, die sich schnäbelnd in den Ästen eines Baumes vergnügten. Heute war wieder ein Tag, an dem er sich fragte, warum er noch am Leben war. Er saß in seinem Rollstuhl und sah den Tierchen zu, die voller Lebenslust den Tag ausnutzten. Carlo schlug die Hände vor sein Gesicht und war den Tränen nah. Er wusste, dass Carmen nun kein Interesse mehr an ihm hatte. Das tat weh, doch hatte sie nicht immer schon mit ihm gespielt? Er war süchtig nach ihr. Doch war er das wirklich? Carlo machte die Augen zu und dachte nach. Es gab eine Zeit, da konnte er von Carmen nicht genug bekommen. Doch seit er Mareike kannte, war er ins Grübeln gekommen. Diese Frau beherrschte sein Denken in einer Art, die er noch nicht kannte. Carlo dachte an sie und schon hatte er das Gefühl, seine Wunden heilten. Carlo stöhnte. Er hatte kein Recht, in dieser Art an Mareike zu denken. Schon gar nicht, seit er in diesem verdammten Rollstuhl saß. Sicher, die Ärzte räumten noch eine Chance ein, dass er irgendwann mal wieder dieses Ding verlassen konnte, aber Carlo zweifelte daran. Jeden Tag mühte er sich ab, über seine Beine die Kontrolle zu bekommen, aber es wollte nicht funktionieren. Hatte sein Leben noch einen Wert? Carlo nahm ein kleines Fläschchen, dass er in seiner Tasche versteckt hatte. Sicher würde ihm der Alkohol helfen, seine Verzweiflung zu bekämpfen. Er wusste, sein Bruder würde ihm diese Schwäche nie verzeihen. Doch was sollte er tun? Mareike hatte sich noch nicht gemeldet. Carlo wusste also nicht, ob sie gemeinsam mit ihm sein Buch weiterschreiben wollte. Es war alles hoffnungslos. Carlo nahm einen tiefen Zug aus der Flasche. Wollte er wirklich noch leben? Trübsinnig schaute er auf die kleinen Vögel, die immer noch zwitscherten. Schaute auf die Sonne, die hell am Himmel schien und hörte das Lachen der Kinder, die hinter ihm über den Rasen liefen. Carlo löste die Bremsen seines Rollstuhles und wollte zum Meer fahren, das ihn schon immer fasziniert hatte, aber in diesem Moment fiel sein Blick auf Mareike, die sich ihm mit schnellen Schritten näherte.
Mareikes Herz zog sich zusammen, als sie Carlo von Ferne sah und den hoffnungslosen Ausdruck in seinem Blick bemerkte. In sich zusammen gesunken schien jegliche Lebensfreude aus seinem Körper gewichen zu sein. Sie hatte Scheu gehabt, ihn zu besuchen, denn irgendwie war er ein Fremder für sie, andererseits kam es ihr vor, als würden sie sich schon ewig kennen. Es war so viel in den wenigen Tagen auf Teneriffa geschehen, für das sie eine Erklärung erwartete. Die mysteriösen Begebenheiten in ihrer Wohnung hatten sie zutiefst erschreckt, ihr Leben durcheinander gebracht und ihr die ersten wertvollen Urlaubstage zerstört. Sie wollte wissen, was da los gewesen war. Als sie Carlo jedoch in seinem Rollstuhl sitzen sah, wusste sie, dass es noch keinen Zweck hatte, ihn zu fragen. Er schien erst einmal Trost und Zuspruch zu brauchen. Seine Augen leuchteten auf, als sich ihre Blicke begegneten. “Danke, dass du mich besuchst”, flüsterte er und hielt ihre Hand mit beiden Händen umklammert. ”Wie geht es dir?” “Unkraut vergeht nicht, wie du siehst.” Er machte ihr was vor, das spürte sie sofort. Von weitem hatte sie gesehen, das er etwas in der Hand gehabt hatte, dessen Resultat sie in seinen Augen ablesen konnte. Sie ging darüber hinweg. Mareike schob den Rollstuhl zu einer kleinen Bank und setzte sich Carlo gegenüber. Erwartungsvoll schaute sie ihn an, ob er von sich aus zu einer Erklärung der Umstände, die ihn hierher gebracht hatten, bereit war. Aber Carlo sagte nichts. “Fernando hat mir erzählt, dass ich dir vielleicht helfen könnte, dein Buch zu Ende zu schreiben”, setzte sie vorsichtig an. Carlos Augen schauten sie erwartungsvoll an. ”Und - würdest du?” “Ich werde womöglich bald nach Deutschland zurück fliegen, daher kann ich dir diese Frage im Moment nicht beantworten.” “Aber du wolltest doch hier bleiben und in Santa Cruz arbeiten”, entgegnete Carlo, den Fernando über Mareikes Pläne aufgeklärt hatte. “Ja, das hatte ich vor. Ich bin von diesem Arbeitsvertrag zurück getreten. Eigentlich will ich ab jetzt noch Urlaub machen und dann in mein altes Leben zurück kehren. Du solltest dich jetzt erst mal von den Folgen deines Unfalls erholen und dann erst wieder an die Arbeit denken.” “Die Arbeit ist das Einzige, was meinem Leben noch einen Sinn gibt, schau mich doch an. Darüber hinaus sitzt mir mein Verleger im Nacken, ich stehe unter Zeitdruck.” Carlos Stimme war deutlich leiser geworden und die Resignation war nicht zu überhören. “Schade, aber eigentlich ist es auch egal. Mein Leben ist zu einem Trümmerhaufen geworden und hat sowieso keinen Sinn mehr.” “Das darfst du nicht sagen, du lebst und hast eine zweite Chance.” Mareike biss sich auf die Lippen. Carlo war ohne Zweifel in einem bedauernswerten Zustand, aber er hatte den Unfall überlebt und musste nun lernen, sich neu zu orientieren. Männer, die vor Selbstmitleid zerflossen, brachten sie auf die Palme. Nun musste es raus. “Bevor wir darüber reden, ob ich dir helfe, bist du mir eine Erklärungs schuldig, was sich in meinem Haus und Garten unmittelbar vor deinem Unfall abgespielt hat.”

Carlo sah Mareike lange an. Hatte es einen Sinn, ihr von Carmen zu erzählen? Sie würde es kaum verstehen, allerdings verstand er es schon selbst nicht mehr. Carlo hatte die letzten Tage viel nachgedacht. Durch seinen Unfall hatte er viel Zeit, sich mit den verschiedenen Stationen seines Lebens zu beschäftigen. Er verstand es selbst nicht mehr, warum ihn eine Frau wie Carmen gereizt hatte. Leise begann Carlo von den Jahren zu erzählen, die er mit Carmen verbracht hatte, von der Hasslieben, die sie beide verband…nein verbunden hatte. Carlo beschönigte nichts. Er versuchte, Mareike zu erklären, warum Carmen dieses Spiel im Garten inszeniert hatte und dass sie durchaus noch am Leben war. Mareike hörte Carlo aufmerksam zu. Langsam begriff sie die Zusammenhänge. „Hilf mir Mareike“, bat Carlo mit trauriger Stimme. „Lass mich jetzt nicht allein. Ich weiß, wir kennen uns noch nicht sehr lange und ich kann meine Gefühle für dich nicht klar umfassen, aber ich möchte, dass du mir hilfst, wieder neuen Lebensmut zu finden. Schreibe mit mir das Buch.“ Mareike fühlte sich etwas unter Druck gesetzt. Eigentlich wollte sie nach Deutschland zurück. Doch konnte sie Carlo diese Bitte abschlagen? Sinnend schaute sie auf den gebrochenen Menschen, vor dem sie sich gefürchtet hatte, der ihr mit seinen erotischen Anspielungen auf die Nerven gegangen war. Mareike stand auf und lief zu dem kleinen Teich, der neben der Bank in der Sonne glänzte. Carlo sah ihr verunsichert nach. Wenn Mareike ihn jetzt im Stich ließ, wollte er nicht mehr leben. „Mareike, gib mir eine Antwort!“, forderte er. Mareike drehte sich um und sah Carlo ins Gesicht. „Gut, ich bleibe bei dir …erstmal jedenfalls…und wir schreiben dein Buch.“ Zum ersten Mal seit Tagen stahl sich ein Lächeln in Carlos Gesicht. „Danke“, flüsterte er so leise, dass Mareike nicht sicher war, ob er wirklich etwas gesagt hatte.

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