14. Verwicklungen
Nora hatte den Termin mit Michael platzen lassen, da Julio sie wieder einmal voll in Anspruch genommen hatte. Sicher, diese Stunden mit Julio wollte sie nicht missen, aber es war gar nicht so einfach gewesen, Michael zu einem neuen Treffen zu überreden. Mit viel Geschick war es ihr gelungen und nun saßen sie gemeinsam in einem sündhaft teuren Restaurant. Der Abend ging in die Nacht über und Nora war es noch immer nicht gelungen, Michaels volle Aufmerksamkeit zu erringen. Zwischenzeitlich hatte sie immer das Gefühl, beobachtet zu werden. Wieder einmal ließ sie ihre Blicke vorsichtig durch das Restaurant wandern. Nora befürchtete, dass Julio sie immer noch beobachtete. Das machte sie unsicher und störte die Unterhaltung mit Michael. Kam es ihr nur so vor, oder langweilte sich dieser in ihrer Gesellschaft? Nora konzentrierte sich auf ihren Gesprächspartner. Ihr musste es gelingen, Michael von ihr abhängig zu machen. Gerade, als sie diesem Gedanken nachhing, kam Martin in das Restaurant. Er schaute sich suchend um und sein Blick fiel auf Nora. Es war Martin anzusehen, dass er nicht begeistert von ihrem Anblick war. Nora verzog das Gesicht zu einem boshaften Lächeln. „Michael, bitte entschuldigen Sie mich, aber ich habe einen Bekannten entdeckt. Es ist der Bruder meiner Freundin. Ich möchte ihn nur kurz begrüßen.“ Michael nickte zustimmend und Nora ging auf den wartenden Martin zu. „Hallo mein Schatz“, flötete sie zur Begrüßung. „Ich habe noch eine geschäftliche Besprechung, aber ich würde gern mit dir über unsere Hochzeit sprechen.“ „Was wollen Sie von mir Nora? Wir kennen uns doch überhaupt nicht. Uns verbindet ein Autounfall…mehr nicht.“ „Den du verschuldet hast. Dazu noch Fahrerflucht und Gefährdung meines…ach nein, unseres Kindes.“ Martin blieb förmlich die Sprache weg. Welche Welle rollte da auf ihn zu? „Welches Kind?“, konnte er nur stammeln. „Unseres, mein Süßer. Falls du gedenkst, mich nun in Stich zu lassen, werde ich dafür sorgen, dass du und deine so geachtete Familie ein Problem bekommen.“ Martin sah sprachlos auf die Frau, die im Begriff war, sein Leben zu zerstören. Nora drehte sich um und begab sich triumphierend an den Tisch, wo Michael sie fragend ansah. „Gab es Probleme?“, wollte er wissen. „Nein, es ist alles geregelt“, antwortete Nora. Ein zufriedenes Lächeln lag auf ihrem Gesicht, was aber nicht lange anhielt, weil sie in diesem Moment genau in Julios Augen sah. Genervt stöhnte Nora auf. Langsam war sie sich sicher, mit diesem Mann einen Fehler begangen zu haben. „Michael, ich würde gern das Restaurant verlassen. Haben Sie Lust, mit mir einen Spaziergang zu machen? Ich brauche jetzt frische Luft.“ Verwundert nickte Michael, beglich aber die Rechnung und verließ mit Nora das Restaurant. Geschickt lenkte sie ihn zu einem Taxi. Bevor Michael zum Nachdenken kam, fuhr das Taxi los. Nora hatte die Adresse ihres Hotels angegeben. Ihr würde sicher auf der Fahrt eine glaubhafte Erklärung für ihr Handeln einfallen. Ein Blick aus dem Taxi zeigte ihr, dass Julio fassungslos auf der Straße stand und dem Taxi nachsah. Nora machte sich darüber keine weiteren Gedanken. Sie genoss das Alleinsein mit Michael. Sie war sich sicher, dass die nächsten Stunden eine Entscheidung bringen würden. Martin und Julio waren ihr egal, aber Michael konnte ihr das Leben bieten, was sie wollte. Es sollte ihr doch nicht schwer fallen, Martin von ihren Reizen zu überzeugen. Weiter kam sie aber nicht mit ihren Gedanken, da ein schmerzhaftes Ziehen durch ihren Körper jagte…
Senora Alfaro schüttelte Anna die Hand. “Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit und erwarte Sie am Montag pünktlich um sieben Uhr.” “Ganz meinerseits”, antwortete Anna und verließ beschwingt das Zimmer der Senora, die ihrer neuen Hotelmanagerin erwartungsvoll hinterher sah. Die Senora war mit der Entwicklung der Dinge sehr zufrieden. Ihr Plan war aufgegangen. Sie hatte von Anfang an das Gefühl gehabt, dass diese Mareike nicht in ihr Haus gepasst hätte. Ein Hotel, das seit mehreren Generationen im Familienbesitz war und dessen kanarische Tradition sorgsam gepflegt würde, ließ sie nicht von einer jungen Deutschen umkrempeln. Das Hotel in Santa Cruz hatte in erster Linie internationale, spanische und kanarische Gäste, die den Ruf des Hauses schätzten. Senora Alfaro stand dem zunehmenden Tourismus auf der Insel sehr skeptisch gegenüber. Sie sah durchaus die Bedeutung der Devisen, die auf die Insel kamen, verschloss aber auch die Augen nicht vor den Nachteilen. Ihre Familie lebte seit Generationen in und um Santa Cruz und aus der einstigen wichtigen Hafenstadt war eine lärmende Großstadt geworden, die immer mehr über ihre eigentlichen Grenzen hinauswuchs. Wie überall auf der Insel wurden die Hotels aus dem Boden gestampft, neue Straßen und neue Autobahnen gebaut und das milde Klima zog die Touristen das ganze Jahr über hierher. Hier gab es keine Hauptsaison, nach der die Insel zur Ruhe kommen konnte und die Einheimischen unter sich waren. Nur einer blieb ständig derselbe, der Pico del Teide, der mit seinen knapp viertausend Metern majestätisch von oben auf die Insel herab sah. Sollte der Vulkan wieder mal ausbrechen, hatte wohl auch er von dem Touristenrummel den Krater voll. Besorgt war Senora Alfaro auch über die ständige Zunahme von Menschen, die sich auf Teneriffa ansiedelten, um den Lebensabend hier zu verbringen oder Aussteiger, die hier die große Chance suchten, neu zu beginnen. Mit den vielen Menschen aus aller Welt kamen auch neue Sitten und Gewohnheiten auf die Insel, die von den Einheimischen der älteren Generation nicht gerne gesehen wurden. Das alles veranlasste die Senora, sich nach einer neuen Hotelmanagerin umzusehen. Die Änderung von Mareikes Arbeitsvertrag war nur vorgeschoben, in der Hoffnung, dass Mareike von sich aus vom Vertrag zurückträte. Somit hatte sie nach Mareikes telefonischer Absage freie Bahn, die angepasste und von Teneriffa stammende Anna einzustellen.
Zufrieden klappte die Senora ihren Terminkalender zu, nahm ihre Handtasche und machte sich auf den Weg zu ihrem Auto. Ihr Neffe Carlo wartete in der Reha-Klinik auf ihren Besuch.
Erleichtert verließ Anna nach ihrem Gespräch mit Senora Alfaro das Hotel. Sie hatte endlich einen guten Job gefunden! Was aber im Moment für sie noch viel mehr von Bedeutung war, es bot sich vielleicht die Chance, dem Neffen der Hotelbesitzerin näher zu kommen.
Durch Zeitungsberichte war Anna auf Carlo aufmerksam geworden und hatte sich sofort unsterblich in sein Bild verliebt. Wie ein Schwamm sog sie alle Informationen über Carlo in sich auf und in ihren Tagträumen führte sie bereits ein Leben an seiner Seite. Niemand aber hatte bisher von ihrer unerfüllten Liebe zu Carlo erfahren. Anna hatte Angst sich lächerlich zu machen: Carlo ein bekannter spanischer Schriftsteller, sie selbst jung, schüchtern, unerfahren und unscheinbar - es gab wenig Gemeinsamkeiten Und trotzdem, Anna war sich sicher. Sie würde einen Weg zu Carlos Herz finden!
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