16. Abschied

Martin hatte seinen Koffer gepackt, bis auf das, was er heute Nacht und morgen früh brauchte. Um  halb acht musste er am Flughafen sein. Er hatte Mareike eine SMS geschickt. In kurzen Worten hatte er ihr mitgeteilt, dass er morgen nach Deutschland zurück flöge und sich kurz von ihr verabschieden wollte und ob ihr 18 Uhr recht sei. Die Antwort war kurz und bündig: “Okay”.
Er hatte geglaubt, innerlich mit Mareike abgeschlossen zu haben.  Doch je näher der Zeitpunkt ihres Wiedersehens rückte, desto nervöser wurde er. Es war nicht nur die Angst, Mareike könnte etwas mit Julio haben, sondern seine eigenen Gefühle meldeten sich allzu deutlich. In der Woche, die er auf Teneriffa verbracht hatte, war ihm genug Zeit zum Nachdenken geblieben und er musste sich eingestehen, dass er grobe Fehler gemacht und   Mareikes Wünsche zu sehr ignoriert hatte. Er war jemand, der bisher immer kalte Füße bekommen hatte, wenn sich eine Frau enger an ihn binden wollte.  Die Stichwörter ‘heiraten’,  ‘Kinder kriegen’ und ‘ein Häuschen im Grünen’ waren ein rotes Tuch für ihn. Er wollte Spaß und guten Sex haben, er brauchte jemanden, an den er sich auch mal anlehnen konnte, der ihm zuhörte, er liebte es, mit einer Partnerin um die Häuser zu ziehen, Freunde zu haben – aber feste Bindungen mit Verantwortung und Verpflichtungen, dafür glaubte er noch sehr lange Zeit zu haben.
Inzwischen dachte er anders. Er wusste, dass Mareike das Gefühl brauchte, angekommen zu sein. Eine feste Beziehung und Kinder gehörten zu ihrer Lebensplanung. Umso weniger verstand  er, dass sie vorhatte, ihr Leben in Zukunft hier zu verbringen. Und eine Affaire mit Julio – unmöglich, das war nicht ihr Stil. Oder war sie im Bett nicht mit ihm zufrieden gewesen?
Er konnte es drehen und wenden, wie er wollte, er hatte sie verloren. Er, der ewig große Junge, ohne rechte berufliche und private Perspektive, was wollte er ihr sagen, damit sie es sich vielleicht noch einmal anders überlegen würde?
Nach einer ausgiebigen Dusche zog er sich an, nahm seine immer noch ungeöffnete Flasche Vino Tinto, den extra zusammen gestellten Strauß Strelizien und machte sich auf den Weg.
Mareike öffnete ihm die Tür. Sie sah bezaubernd aus in ihren weißen hautengen Capri-Hosen und der duftenden Seidenbluse. Ihre Haut war tief gebräunt und ein Lächeln spielte um ihren Mund, als sie ihn begrüßte und herein bat.
Sie hatte gekocht und alles auf der Terrasse vorbereitet. “Setz dich schon mal”, forderte sie ihn mit Blick auf den gedeckten Tisch auf. “Ich schaue nur noch mal nach dem Essen und stelle die wunderschönen Blumen ins Wasser.”
Martin sah ihr nachdenklich nach. Er verfluchte schon jetzt den nächsten Morgen, wenn der Flieger ihn wieder in die Hamburger Realität zurück brachte.

Mareike eilte in die Küche und überprüfte den Inhalt ihrer Töpfe und Pfannen. Das Essen war fertig und konnte aufgetragen werden. Als sie sich umsah, stand Martin in der Küchentür. Wehmütig schaute er auf Mareike. Unzählige Male hatte Mareike schon für ihn gekocht. Allerdings hatte er sich darüber nie große Gedanken gemacht. Nun schien es dafür zu spät zu sein. Mareike sah glücklich aus. Es war lange her, dass sie so sorglos gelacht hatte. Ob Julio tatsächlich die Ursache für Mareikes Veränderung war? Martin konnte sich das nicht vorstellen, da er die Ansicht vertrat, dass Julio für Mareike eine Nummer zu groß war. Doch hatte das wohl nichts zu sagen, wenn es um Sex und Leidenschaft ging. Mareike füllte die Teller mit verschiedenen kleinen Vorspeisen. Martin lief das Wasser im Mund zusammen. „Martin, nimmst du den Wein?” fragte Mareike und schwebte schon mit den Tellern an ihm vorbei. Martin konnte nur nicken und nahm die Flasche, auf die Mareike gezeigt hatte. Langsam folgte er ihr in den Wohnbereich. Mareike hatte die Kerzen angezündet und sah Martin abwartend an. „Willst du nicht die Gläser füllen?”, fragte sie sanft. Martin kam ihrer Aufforderung nach und goss den rubinfarbenen Wein in die Kristallgläser. Alles sah nach einem intimen Zusammensein aus. Doch Martin wusste, dass die kommenden Minuten das Ende seiner Beziehung zu Mareike besiegeln würden. Mareike plauderte unterdessen über die Schönheiten von Teneriffa. Julio erwähnte sie mit keiner Silbe. Martin hielt es nicht länger aus und unterbrach Mareikes Wortschwall. „Mareike, ich liebe dich. Ich weiß, ich habe mich dir gegenüber nicht immer korrekt benommen, aber ich würde dir gern beweise, wie wichtig du mir bist, wenn du mir noch eine Chance gibst.” Mareike ließ ihre Gabel sinken und schaute Martin lange an. „Tut mir leid Martin, aber ich empfinde nichts mehr für dich. Lass uns Freunde bleiben!”, antwortete sie leise. Doch daran war Martin nicht interessiert. Er stand auf und verließ kurz darauf grußlos die Wohnung. Mareike schlug die Hände vor ihr Gesicht und fing bitterlich an zu weinen. Eine Liebe hatte ihr Ende gefunden. Eine Liebe, die schön begonnen und durch Unachtsamkeit geendet hatte. Müde erhob sich Mareike von ihrem Stuhl und räumte den Tisch ab. Als sie aus dem Fenster sah, fiel ihr Blick auf Martin, der rauchend am Gartentor lehnte und traurig zu ihr hinüber blickte. Mareike wollte gerade in den Garten laufen, doch in diesem Moment trat Martin seine Zigarette aus und verschwand in der beginnenden Dunkelheit.
Ohne Nachzudenken rannte Mareike los. “Martin, so warte doch.” Sie hörte weit vor sich schnelle Schritte und hoffte inständig, er würde warten. Die Schritte vor ihr verlangsamten sich und kurz darauf holte sie ihn ein. “Lass uns nicht so auseinander gehen”, bat sie ihn. “Lass uns wenigstens noch zusammen essen.” “Also gut”, sagte er so beiläufig wie möglich, innerlich aber doch sehr erleichtert. Er hätte sich schon wieder ohrfeigen können, dass er so kampflos das Feld verlassen hatte. Aber so war er schon immer gewesen, in schwierigen Situationen schmiss er schnell das Handtuch, anstatt zu kämpfen. Er half Mareike, den Tisch wieder zu decken. Fieberhaft überlegte jeder für sich, was er dem anderen noch sagen wollte. Er begann, von seiner Entdeckung der Insel zu erzählen, von seiner Wanderung durch die Canadas, dem weiten Rund der riesigen Caldera, dem steilen Gipfelpfad, der ihn zum Gipfelkreuz des Teide führte und dem Gefühl, dort dem Himmel ganz nahe zu sein, obwohl die Schwefeldämpfe das Atmen in dieser Höhe erschwerten. Er hatte die Schäden gesehen, die die Waldbrände in den Wäldern hinterlassen hatten und der Insel ein großes Stück kostbare Natur genommen hatten, hatte das malerische Bergdorf Masca besucht, das vor einigen Jahrzehnten nur mit Mauleseln oder zu Fuß erreichbar war. Eine Rundfahrt hatte ihm die Insel mit ihren vielen Gesichtern, unterschiedlichen Klima- und Vegetationszonen, Gebieten voll mit Touristen und Landstriche, in denen die Einheimischen unter sich waren, gezeigt und ihn begeistert. Ja, er konnte Mareikes Liebe zur Insel verstehen, aber nicht ihren Entschluss, hier zu bleiben. “Was hält dich hier? Ist es ein Mann?” Er schaute ihr dabei direkt in die Augen und bemerkte ihre Überraschung. “Ja und nein”, antwortete sie zögerlich. “Ich habe jemandem, der nach einem Unfall sehr krank ist versprochen, sein angefangenes Buch mit ihm und für ihn zu beenden. Dann werde ich weitersehen.” “Ist er  auch  ein Jäger und Sammler?” Das klang schärfer, als er gewollt hatte. “Was meinst du damit?” “Ich frage mich, ob seine Sammelleidenschaft sich ausschließlich auf Touristinnen bezieht. Das kommt ja schließlich überall da vor, wo allein reisende Touristinnen sind. Mein spanischer amigo Julio, mit dem ich vorgestern Abend in Los Realejos versackt bin, sammelt Touristinnen für sein Bett wie andere Leute Jagdtrophäen.” Dabei beobachtete er Mareike genau. Bingo! Der Name Julio und der Ort Los Realejos hatten ein leichtes Aufflackern ihrer Augen erzeugt. “Ich war ja auch nie ein Kind von Traurigkeit, bevor ich dich kennen lernte, aber wenn man verheiratet ist und ein Kind hat, sollte man sich seiner Verantwortung bewusst sein oder lieber alleine bleiben.” Mareike sagte kein Wort und so fügte Martin, ohne sie dabei anzusehen, hinzu “Nimm dich vor ihm in acht. Er ist ein netter Kerl, der Typ, auf den Frauen scheinbar fliegen, aber er verbringt seine Freizeit, wenn er nicht gerade im Casino arbeitet, in irgendwelchen Betten mit netten, süßen Betthäschen.”  Mareike versuchte sich nichts anmerken zu lassen, aber innerlich zitterte sie. Alles passte auf ihren Julio. Konnte sie so naiv sein, sich einzubilden, er mache sich ernsthaft etwas aus ihr? Sie wusste, dass er verheiratet war und sie hatte Skrupel, denn sie kannte Conchetta. In was war sie da nur wieder herein geraten?
Martin hatte indirekt eine Antwort auf seine Vermutung bekommen und das machte ihm den Abschied noch schwerer.
Und so nahm er all seinen Mut zusammen und verabschiedete sich von Mareike, nicht ohne ihr zu versichern, dass sie alle Zeit habe, es sich noch einmal anders zu überlegen. Er würde auf ein Zeichen von ihr warten, sich selbst aber nicht melden. Für ihn käme nur eine feste Beziehung mit Zukunftsperspektive in Frage, keine Freundschaft. Dieses Stadium hatten sie lange hinter sich. Er wollte eine Familie, und zwar mit ihr.
Mareike konnte kaum glauben, was sie da hörte,  das war nicht der Martin, den sie kannte. Hätte er ihr das vor wenigen Wochen gesagt, wäre sie nicht aus Deutschland geflüchtet.
Sie lagen sich lange stumm in den Armen, ohne ein Wort zu sagen. Dann löste sich Martin von ihr, küsste sie auf beide Wangen und ging, ohne sich noch einmal umzudrehen.

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