18. Schicksalhafte Begegnung
Mareikes Gespräch in der Redaktion der “Teneriffa Nachrichten” hatte sie in eine solche Euphorie versetzt, dass sie die Tür mit einem kräftigen Schubs aufschwang. “Können Sie denn nicht aufpassen?” Ein schlanker, dunkelhaariger Mann mit Brille hielt sich schmerzend die Stelle am Kopf, die gerade mit der Tür Bekanntschaft gemacht hatte. “Wenn ich Hellseherin wäre, könnte ich mein Geld anders verdienen”, konterte Mareike. “Tut´s sehr weh?” setzte sie sogleich mitfühlend nach. “Entschuldigen Sie bitte, es war nicht meine Absicht, Ihnen weh zu tun.” Innerlich musste sie grinsen und fragte sich, ob er an der Tür gelauscht hatte oder für einen Moment die Brille nicht aufhatte. Unerklärlich für sie, wie das passieren konnte. Ihr Gegenüber sagte gar nichts, sondern war mit dem langsam wachsenden Horn an seiner Stirn zutiefst beschäftigt. “Kann ich irgend etwas für Sie tun?” fragte Mareike mehr aus Höflichkeit, denn sie hatte keine Lust, hier Wurzeln zu schlagen. Er schüttelte nur den Kopf und schaute sie mit einem Blick an, als hätte er ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. ‘Weichei! Davon stirbt man nicht’, dachte sie im Inneren, überlegte sich, ob sie ihm noch einen Tipp geben sollte, wie er seine Stirn am besten kühlen könne, um nicht eine komplette Farbpalette im Gesicht zu haben, drehte sich dann aber mit einem “Adios” um und verließ die Redaktion.
Was sie jetzt brauchte, war ein ruhiges und sonniges Plätzchen, einen Cafe con Leche und einen Tia Maria mit Eis. Das alles würde sie bei Francisco am Plaza del Charco finden. Plötzlich stoppte sie. Hatte sie das im Vorbeigehen richtig gelesen? Sie ging ein paar Schritte zurück und blieb vor dem Eingang des Hotel Marte stehen. Ungläubig schaute sie auf eine Anzeige an der Tür zur Eingangshalle. ‘Suche ab sofort eine deutsche Hotelmanagerin mit sehr guten Führungsqualitäten, Teamgeist und guten Fremdsprachenkenntnissen in Wort und Schrift…..’. Unschlüssig blieb sie stehen, ging dann ein paar Schritte zurück und nahm das ganze Gebäude in Augenschein. Das Drei-Sterne-Hotel machte einen sauberen und gepflegten Eindruck. Auf dem Flachdach waren vermutlich ein Pool und eine Liegeterrasse mit einer bezaubernden Sicht über die Stadt, auf das Meer und den Teide. Neugierig geworden trat sie näher und warf einen Blick durch die geöffnete Tür in die Eingangshalle mit rustikaler dunkler Holzeinrichtung. Direkt gegenüber wies ein Schild zur Sauna und zum Fitness-Bereich. Mareike war auf einmal völlig unentschlossen. Noch immer innerlich mit dem Gespräch in der Redaktion befasst, stand sie nun vor einer neuen Herausforderung. Sie hatte nur noch ein paar Schritte bis zur Bodega, speicherte die Telefonnummer des Hotels in ihr Handy und ging mit schnellen Schritten weiter. Während des Kaffeetrinkens hatte sie genügend Zeit nachzudenken.
Carlo schaute nachdenklich aus dem Fenster. Durch seinen Kopf jagten die unterschiedlichsten Gedanken. Doch immer wieder musste er an Mareike denken. Er musste nur die Augen schließen und schon sah er ihr Gesicht deutlich vor sich. Kopfschüttelnd dachte er an Carmen. Wieso hatte er so viel Zeit mit dieser Frau verbracht. War sie es wert gewesen? Nein! Carlo nahm sein Handy und tippte Mareikes Nummer. Er musste warten, bis Mareike sich meldete. „Hier ist Carlo, hast du Zeit, mich heute zu besuchen?” Es dauerte lange, bis Mareike antwortete. „Carlo, ich suche gerade einen neuen Job, um auf Teneriffa leben zu können.” „Warum suchst du einen Job, Mareike? Du sollst mir doch bei meinem Buch helfen. Ich brauche dich als Managerin. Ich werde dich auch dafür bezahlen. Allerdings musst du rund um die Uhr für mich da sein. In meinem Haus gibt es eine Gästewohnung. Dort hast du deine Privatsphäre. Lass mich nicht allein und hilf mir.” Carlo wartete Mareikes Antwort nicht ab, sondern unterbrach die Verbindung. In dem Moment öffnete sich die Tür und Anna kam herein.
Carlo warf Anna einen anerkennenden Blick zu. Die strahlend blauen Augen in ihrem zarten, leicht gebräunten Gesicht, schauten ihn freundlich an. In ihrem dunkelroten ärmellosen Sommerkleid wirkte sie so zierlich und gebrechlich. Aber die wahren Kräfte dieser mädchenhaft schlanken Frau hatte Carlo in den letzten Tagen zu spüren bekommen, nachdem er seine Reha beendet hatte. Nach einer langen und endlosen Auseinandersetzung mit Senora Alfaro, bis zu seiner Genesung – an die Carlo nicht glaubte – nach Santa Cruz in das Hotel seiner Tante zu ziehen, hatte Carlos Sturheit gesiegt. Senora Alfaro hatte ihm ein Angebot gemacht. Anna wurde auf unbestimmte Zeit von ihrer neuen Arbeitgeberin freigestellt, erhielt jedoch ihr volles Gehalt als Hotelmanagerin und versorgte Carlo in allen Belangen.
Anna selbst hatte den Vorschlag gemacht. Als stets neugierige und lerneifrige Tochter eines Arztes hatte sie grundlegende Kenntnisse in der Pflege von Kranken. Und das entscheidende Argument, das Carlo und Senora Alfaro überzeugte, war die Erfahrung Annas, die sie in der Pflege ihrer Großmutter nach einem Schlaganfall bis zu deren Tod gesammelt hatte.
Sie selbst vermied tunlichst alles, was ihre wahren Gefühle für Carlo auch nur angedeutet hätten. Sie selbst war mit der Entwicklung der Dinge höchst zufrieden. Ihm den ganzen Tag nahe zu sein und für ihn zu sorgen, war mehr als sie erwartet hatte. Und wenn er ihre Gefühle nur annähernd erwiderte, würde seine Pflege ihre Lebensaufgabe werden.
Nach einem ausgiebigen zweiten Frühstück, drei Cafe con Leche und einem Tia Maria stand Mareikes Rangfolge fest. Die Tätigkeit als Hotelmanagerin war das, was sie am meisten reizte. Die Redaktion hatte ihr längerfristig eine Stelle in Aussicht gestellt. Dafür musste sie aber erst einige Beiträge einreichen und deren Prüfung abwarten. Sie hatte sich für die Gebiete Teneriffas entschieden, die bisher vom Tourismus noch nicht entdeckt waren. Sie wollte noch heute mit ihrer Fotoausrüstung und ihrem Laptop losfahren. Und Carlo? Sie hatte ihm versprochen, zu helfen und das würde sie auch tun, aber nicht als Full-Time Job sondern sofern sie Zeit hatte und schon gar nicht gegen Bezahlung, sondern als Freundschaftsdienst. Und bei ihm einzuziehen kam erst recht nicht für sie in Betracht. Sie hatte ihre Wohnung, in der sie sich zu Hause fühlte. Nachdem Anna seine Pflege übernommen hatte, wusste Mareike Carlo gut versorgt. Warum machte er Anna das Angebot nicht, seine Gästewohnung zu beziehen? Das wäre in dieser Situation doch für beide von Vorteil.
Es wurde Zeit, Taten folgen zu lassen. „ La quenta, por favor” rief sie dem Kellner zu, bezahlte, warf noch einmal einen kritischen Blick in ihren kleinen Handspiegel und machte sich auf dem Weg zum Hotel.
Nach ein paar Schritten blieb sie erstaunt vor der Terrasse eines kleinen Frühstückscafes stehen. An einem kleinen Tisch saß er, auf seiner Stirn ein deutliches Horn. Einen Augenblick war Mareike versucht, zu ihm zu gehen. Als sie jedoch sah, dass er telefonierte und alles andere als entspannt und guter Dinge war, wollte sie weiter gehen. Einige Gesprächsfetzen schnappte sie jedoch auf …” dann sag bitte alle weiteren Termine ab…- … immer noch auf der Suche…..- …Hotel alleine lassen … unmöglich…”
Mareike blieb ein paar Meter weiter stehen. Das Hotel, in dem sie sich bewerben wollte, lag hinter der nächsten Straßenecke. Gab es etwa eine Verbindung zwischen dem Hotel und diesem unbekannten Deutschen?
Die freundliche Dame an der Rezeption bat Mareike Platz zu nehmen. Sie hatte ihren Chef telefonisch von einer Interessentin unterrichtet und er wollte in einigen Minuten da sein. Mareike nutzte die Zeit, die Empfangshalle detailliert in Augenschein zu nehmen.
Das Ambiente war gepflegt und sauber, strahlte eine freundliche Atmosphäre aus und Mareike begann sich vorzustellen, wie es sich hier arbeiten ließe. Die Hotelgäste, die ein und aus gingen, machten einen sehr zufriedenen Eindruck und wurden von der Dame am Empfang herzlich begrüßt und verabschiedet.
Die Eingangstür öffnete sich. Erwartungsvoll schaute Mareike zur Tür. Die “Beule” kam herein und schaute sich fragend in der Halle um. Ein kaum unmerkliches Kopfnicken der Empfangsdame in Mareikes Richtung, neugierig suchende braune Augen hinter einer dunklen Hornbrille, die farblich mit dem Oberlippenschnäuzer überein stimmten und dann der überraschte Gesichtsausdruck in seinem Gesicht. “Sie?” fragte er lang gezogen, merkte aber sogleich, dass das wohl nicht die passende Ansprache für eine Bewerberin war.
Er trat auf Mareike zu, gab ihr die Hand und stellte sich vor. “Michael Schubert, ich bin der Hotelbesitzer. Entschuldigen Sie bitte meine plumpe Begrüßung, aber bei Ihrem Anblick denke ich gleich an meine Kopfschmerzen.” Mareike konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, stellte sich ihrerseits vor und folgte seiner freundlichen Einladung in sein Büro.
Gerade als sie das Büro betreten wollte, klingelte ihr Handy. Mareike entschuldigte sich und nahm das Gespräch an. Am anderen Ende war Carlo, der sie unbedingt sehen wollte. Mareike kaute auf ihrer Unterlippe und wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Michael schaute abwartend auf Mareike und begab sich dann in sein Büro. Mareike stöhne leise und konzentrierte sich auf Carlo. „Ich denke, Anna ist bei dir und unterstützt dich”, flüsterte sie leise. „Ich kann sie nicht ertragen”, war die Antwort von Carlo. „Ständig schwirrt sie um mich herum. Nirgendwo bin ich allein. Ich habe schon mit ihr gesprochen. Morgen kümmert sie sich wieder um ihre eigenen Belange.” Mareike schloss genervt die Augen. Irgendwie musste sie ihr Leben wieder in den Griff bekommen. Dazu gehörte nun mal ein sicherer Job auf Teneriffa und den konnte ihr dieser Michael sicher bieten. “Carlo, ich komme heute noch zu dir und wir besprechen alles ganz genau. Überstürze nichts und nimm die Hilfen von Anna an.” „Nein, Mareike, ich will, dass du bei mir bist. Ich brauche dich und ich liebe dich.” Mareike verschlug es bei dieser Aussage die Sprache. Sicher, Carlo war ein Mann, der die Frauenherzen höher schlagen ließ. Daran konnte auch seine Behinderung nichts ändern. Er war charmant und gefährlich. So ganz konnte Mareike sich seiner Aura nicht entziehen. „Carlo, sobald ich hier fertig bin, komme ich zu dir.” Wo bist du Mareike?” „Ich bewerbe mich um einen Job als Managerin in einem Hotel hier auf Teneriffa.” „Wozu? Ich biete dir eine Arbeit hier bei mir.” „Carlo, ich brauche eine Tätigkeit, die mich ausfüllt. Versteh das bitte. Ich kann dir doch trotzdem bei deinem Buch helfen.” „Gut Mareike, wenn du dein Einstellungsgespräch beendet hast, komm bitte zu mir. Ich warte auf dich. Wir müssen reden.” Mareike wollte noch etwas erwidern, aber Carlo hatte das Gespräch schon beendet. Mareike betrat das Büro ihres hoffentlich zukünftigen Arbeitgebers. Der schaute sie fragend an.
Carlo steckte das Handy in seine Hosentasche. Danach erhob er sich mühevoll aus seinem Rollstuhl. Vorsichtig griff er nach seinen Krücken und bewegte sich langsam zu seinem Fitnessraum. Dort begann er mit Übungen, die seinen Körper wieder zu dem machen sollten, was er mal war. Carlo wusste, er würde es schaffen. In den letzten Tagen hatte er schon enorme Fortschritte gemacht. Keiner wusste davon…dabei sollte es auch bleiben. Carlo hatte keine Lust, sich mit ehemaligen „Freunden” zu befassen. Nur Mareike wollte er sehen. In einsamen Stunden träumte er von ihr. Er konnte sie spüren, sie schmecken und sie fühlen. Nicht mehr lange, und Mareike würde in seinen Armen liegen. Dafür würde er schon sorgen. Er brauchte sie. Er wollte sie. Er würde sie haben. Carlo sehnte sich nach ihrer Stimme und ihrem liebevollen Wesen. Wenn er die Augen schloss, konnte er die Kerzen riechen, den Champagner schmecken und Mareikes Haut fühlen. Sie würde ihm gehören. Sie MUSSTE ihm gehören. Carmen war nichts im Vergleich zu dieser Frau. Zum ersten Mal dachte Carlo an Familie und Kinder. Erschrocken starrte Carlo auf seine Hände, welche Mareike so gern berühren wollten. Das konnte doch nicht wahr sein. Das Leben hatte doch sicher noch viele schöne Seiten zu bieten…doch…Mareike war die Frau, die er schon immer gesucht hatte. Carlo ließ sich auf seinem Trainingsgerät nieder und schlug die Hände vor das Gesicht. Er musste nachdenken.
Das Gespräch zwischen Mareike und Michael Schubert verlief in einer angenehmen und entspannten Atmosphäre, wozu die ‘Kollision’ beider mit Sicherheit beigetragen hatte. Michael erkannte schnell, dass er in dieser jungen, hübschen Frau die ideale Hotelmanagerin für sein Hotel gefunden hatte und dass er sich auf eine Zusammenarbeit freute. Deshalb war er auch bereit, auf alle Forderungen ihrerseits einzugehen, wenn sie nur den angebotenen Job annehmen würde. Er atmete tief durch. “Könnten Sie sich vorstellen, dieses Hotel zu führen?” Auf diese direkte und abschließende Frage Michaels konnte es nur ein ‘Ja’ oder ‘Nein’ geben. ‘Sag bitte ja’, fügte er in Gedanken hinzu. Ganz selbstlos war seine Hoffnung natürlich nicht. Wenn Mareike sich entschließen würde, die Leitung des Hotels zu übernehmen, konnte er sich selbst verstärkt um Nora kümmern – Nora, beim Gedanken an diese Frau wurde es Michael warm ums Herz. Sie war seine große Liebe! ‘Nur nicht so schnell antworten’ – ihr Gegenüber sollte nicht merken, wie froh sie war, einen Job gefunden zu haben. “Ja…. ich werde es probieren!”, Mareikes etwas zögerliche Antwort unterbrach seine Gedanken und ließ ein freudiges Lächeln über sein Gesicht huschen.
Er streckte Mareike seine Hand hin – “Auf eine gute Zusammenarbeit!”. Mareike ergriff seine Hand. “Ich freue mich auf die Arbeit!” Mareike lächelte ihn freundlich an und Michael war in diesem Moment so erleichtert, dass er sie am liebsten in den Arm genommen hätte.
“Wann können Sie anfangen – morgen?” Michael blickte Mareike fragend an”. Jederzeit – wann Sie es wünschen!” Diese Antwort klang hervorragend. “Na dann – wie wär’s morgen sieben Uhr?” “Einverstanden!” Mareike nickte zustimmend. “Alle weiteren Formalitäten klären wir dann, ja?” Michael war froh über den Ausgang des Gesprächs und es zog in nun in das Krankenhaus zu Nora. Auch Mareike fühlte sich gut. Jetzt wollte sie schnell zu Carlos und ihm über ihr erfolgreiches Bewerbungsgespräch berichten. Mareike und Michael verabschiedeten sich und jeder machte sich auf zu dem Menschen, der eine bedeutende Rolle im weiteren Leben spielen sollte.
Mareike genoss die Strahlen der Sonne und setzte sich in den feinen Sand des belebten Strandes. Bevor sie zu Carlo ging, musste sie noch ein Weilchen allein sein. Das Gespräch mit Michael ging ihr nicht aus dem Kopf. Hatte sie richtig gehandelt? Wollte sie wirklich auf Teneriffa bleiben? Fragen über Fragen und doch keine sicheren Antworten. Gerade als sich Mareike erheben wollte, bemerkte sie Julio. Mit gerunzelter Stirn sah sie ihm entgegen. „Was willst du?”, fragte Mareike, kaum dass Julio vor ihr stand. Ihm fiel es sichtlich schwer, die richtigen Worte zu finden. „Mareike, ich wollte mich bei dir entschuldigen”, kam es trotzig von seinen Lippen. „Können wir die ganze Sache mit der anderen Frau nicht vergessen? Ich sehne mich nach deiner Zärtlichkeit und Leidenschaft.” Mareike starrte sprachlos auf ihr Gegenüber. „Das ist nicht dein Ernst Julio?”, brach es fassungslos aus ihr heraus. Mareike wartete keine Antwort ab, sprang auf und verließ eilig den Strand. Julio schaute ihr verblüfft nach. Was hatte sie denn? Nun hatte er sich schon entschuldigt und Mareike spielte immer noch die Beleidigte. Eigentlich war Julio nur noch halbherzig an Mareike interessiert. Sicher, ein paar nette Stündchen mit ihr hätten Spaß gemacht, aber eigentlich wollte er Nora. Nur war die sicher noch im Krankenhaus. Julio zuckte mit den Schultern, schob seine Sonnenbrille zurecht und betrachtete die Strandschönheiten. Eine dieser Damen erregte sein besonderes Interesse. Julio fuhr sich durch seine dichten Haare und machte sich auf den Weg zu ihr.
Unterdessen sprintete Mareike die Straßen entlang. Immer noch entrüstete waren ihre Gedanken bei der Begegnung mit Julio. Der Mann musste doch … Mareike dachte den Satz lieber nicht zu Ende. Auf einmal wurde ihr bewusst, dass sie in ihrer Empörung den Weg zu Carlo gewählt hatte. Mareike brauchte nur noch die Straße überqueren und schon stand sie vor seiner Haustür. Carlo musste sie erwartet haben, denn kaum hatte Mareike auf den Klingelknopf gedrückt, öffnete sich die Haustür. Carlo schaute sie mit seinen samtbraunen Augen an. Etwas mulmig wurde es Mareike bei diesem Blick schon. Immerhin war Carlo für sie immer noch undurchschaubar. Carlo ließ Mareike eintreten. Er saß wieder in seinem Rollstuhl und schaute sie prüfend an. Mareike räusperte sich und fragte: „ Was hast du heute den ganzen Tag gemacht? Wie geht es mit deinem Buch voran?” Carlo antwortete nicht gleich, sondern konzentrierte sich auf Mareikes Aussehen. Sie sah wieder süß aus in der hautenden Sommerhose und der duftigen Bluse. Er überlegte unwillkürlich, was sie darunter trug. Kaum hörbar seufzte Carlo und lud Mareike zum Hinsetzen ein. Mareike folge seiner Aufforderung und nahm in einem hübschen Korbsessel Platz. „Mareike, kannst du diese Nacht bei mir bleiben? Ich brauche deine Nähe…”
Mareike sah fragend zu Carlo. Eigentlich wollte sie nicht in seiner Nähe bleiben. Noch immer konnte Mareike ihre Gefühle für diesen Mann nicht einordnen. „Mareike, überlege nicht lange und bleibe heute bei mir. Wir können über mein Buch sprechen und uns bei einem Glas Wein entspannen.” Mareike dachte über ihre Pläne für diesen Abend nach. Sicher, die kleinen Termine ließen sich verschieben. Doch wollte sie wirklich bei Carlo bleiben? Nach kurzem Überlegen, stimmte sie schließlich zu. „ Wenn du willst und genügend im Kühlschrank hast, kann ich uns etwas zum Abendessen zubereiten”, schlug Mareike bereitwillig vor. Carlo nickte und führte Mareike in die Küche. Mareike wollte seinen Rollstuhl schieben, aber er ließ es nicht zu. In der Küche zeigte Carlo Mareike, wo sie alles finden konnte. Mareike nickte und suchte sich Geräte und Zutaten zusammen. Leise verließ Carlo die Küche und fuhr auf die Terrasse. Für ihn stand es fest, dass Mareike heute Nacht in seinen Armen liegen würde. Carlo wusste nur noch nicht, wie er ihr beibringen sollte, dass er wieder laufen konnte. Sie dachte ja noch, dass er gelähmt war. Carlo hatte Angst, dass Mareike ihn sofort wieder verlassen würde, wenn sie von seiner wieder gewonnenen Bewegungsfreiheit erfuhr.
Aus der Küche stieg ihm ein leckerer Duft in die Nase. Er hörte, wie Mareike den Tisch deckte. Carlo fuhr langsam in den Wohnbereich zurück und sah ihr zu. Mareike bemerkte seine Blicke und lächelte ihn an. „Das Essen ist fertig Carlo. Du kannst dir schon einen Platz am Tisch suchen. Ich bin gleich bei dir.” Carlo folgte ihrer Auforderung. Kurze Zeit später ließen sich beide Mareikes einfaches Mahl schmecken. Nach dem Essen räumte Mareike auf und Carlo kümmerte sich um den Wein. Als beide wenig später auf der Terrasse saßen, leuchteten die Kerzen mit der untergehenden Sonne um die Wette. Warmer Wind rauschte durch Bäumen und Sträuche . Carlo hob das Glas und stieß mit Mareike an. „Wollen wir jetzt über dein Buch sprechen?”, fragt sie in diesem Moment. Carlo nickte, obwohl er mit Sicherheit nicht vorhatte, über das Buch zu sprechen. „Mareike, kannst du mal ganz nah zu mir kommen?” Mareike schaute verwundert auf ihr Gegenüber, erhob sich aber und setzte sich ganz dicht neben Carlo. Er zog Mareike dich zu sich heran. Bevor Mareike zum Denken kam, lag sie schon in seinen Armen und spürte seine heißen Küsse auf ihrem Mund, seine streichelnden Hände auf ihrem Körper. Mareike wollte sich wehren und Carlo von sich stoßen, aber er hielt sie fest und zog sie weiter zu sich heran. Langsam entspannte sich Mareike und begann seine Küsse zu genießen. Sie fing ebenfalls an, ihn zu berühren und zu erkunden. Mareike hatte aufgehört zu denken und gab sich ihren Empfindungen hin.
Als beiden das bloße Berühren nicht mehr reichte, nahm Carlo Mareike auf den Arm und trug sie in sein Schlafzimmer. Mareike merkte überhaupt nicht, das Carlo den Rollstuhl verlassen hatte.
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