22. Schicksalsschläge
Als das Flugzeug zur Landung ansetzte, erwachte Mareike aus ihrem kurzen Schlaf. Unsicher sah sie zu ihrem Nachbarn. Jetzt war sie doch tatsächlich in seinen Armen eingeschlafen. Stefan lächelte ihr beruhigend zu. Mareike sah schnell aus dem Fenster. Ihre Gedanken wanderten wieder zu ihrer Mutter und schon war der Mann neben ihr vergessen. Kaum war die Maschine gelandet, als Mareike schon aus ihrem Sitz sprang und dem Ausgang zustrebte. Zum Glück war das Flugzeug nur mäßig besetzt, so dass sie schnell im Flughafengebäude ankam. Dort sah sie sich nach einem Taxi um. Doch nirgends konnte Mareike eins entdecken. Seltsam, sonst gab es doch immer welche. Mareike erinnerte sich an ihren Abflug und musste seufzen. So viel war seither geschehen. Sie musst an Carlo denken. Sicher war der nicht begeistert, dass sie ohne ein Wort nach Deutschland geflogen war. Heute Abend wollte sie ihn anrufen. Doch nun musste erst einmal ein Taxi her, das Mareike ins Krankenhaus brachte. „Kann ich Ihnen helfen?”, fragte eine bekannte Stimme hinter ihr. Mareike drehte sich um und sah in Stefans blaue Augen. „Ich suche ein Taxi und kann keins finden”, fauchte Mareike zornig. „Wohin müssen Sie denn Mareike? Vielleicht kann ich sie mitnehmen.” „Ich muss in die Uniklinik. Dort liegt meine Mutter auf der Intensivstation.” Bei diesen Worten begannen Mareike Tränen aus den Augen zu stürzen. Langsam hielten das ihre Nerven nicht mehr aus. „Dann kommen Sie zu meinem Wagen. Wir haben den gleichen Weg. Mein vollständiger Name ist Dr. Stefan Haasler. Wir haben die gleiche Richtung.” Mareike schaute zweifelnd auf den jungen Mann. Das sollte ein Doktor sein? Eigentlich konnte sie doch nicht ohne weiteres mit einem Fremden mitfahren. Doch die Angst um ihre Mutter ließ Mareike nicht länger zögern. Sie nahm das Angebot an und ging mit Stefan zum Parkplatz. Er geleitete sie zu einem schwarzen Jeep, warf das Gepäck in den Kofferraum und forderte Mareike zum Einsteigen auf. Als Mareike ihren Platz eingenommen hatte, klingelte ihr Handy. Seufzend und angstvoll meldete sich Mareike. In kurzen Worten teilte man ihr mit, dass ihre Mutter die nächsten Stunden nicht mehr überleben würde. Wenn möglich, sollte sie sofort ins Krankenhaus kommen. Mareike ließ das Handy sinken und sah Stefan voller Entsetzen an. „Ich muss sofort ins Krankenhaus”, flüsterte sie tonlos. Stefan manövrierte den Jeep aus der Parklücke und sauste in Richtung Klinik. Mareike saß erstarrt auf ihrem Sitz. Sie bekam von der Fahrt nicht viel mit. Erst als Stefan die Autotür öffnete, begriff Mareike, dass sie am Krankenhauseingang angekommen waren. Sie wollte gerade das Auto verlassen, als sie ihren Vater sah. Er saß auf eine Bank, hatte die Hände vor dem Gesicht und Mareike konnte seine Schultern zucken sehen. Ihr Vater weinte. Mareike hatte ihren Vater selten weinen sehen. Der Anblick versetzte ihr einen zusätzlichen Schock. Sie sprang aus dem Wagen und rannte zu dem Verzweifelten. Vor ihm ging sie in die Hocke und legte beide Arme um seinen Körper. Ihr Vater hob sein Gesicht und sah Mareike mit tränenüberströmtem Gesicht an. „Sie ist tot”, war alles, was er sagte. Mareike erhob sich und das Krankenhaus begann sich vor ihren Augen zu drehen. Sie wäre gestürzt, wenn Stefan sie nicht aufgefangen hätte.
Dr. Haasler hatte bereits viele Situationen erlebt, in denen er Angehörigen eines soeben verstorbenen Menschen beistehen mußte. Ohne Umschweife stellte er sich Mareikes Vater vor und während er Mareike fest hielt, bat er ihn, ihm zu folgen.
Mareike waren die Worte ihres Vaters noch nicht ins Bewußtsein gelangt. Sie betraten einen sterilen Flur, auf dem ein paar Krankenschwestern leise hin und her huschten und ihren Dienst versahen. Vor einer Tür hielten sie an. „Dr. Stefan Haasler, Chirurg und Oberarzt der Inneren Abteilung” war auf einem Schild links neben der Tür zu lesen. Stefan führte Mareike und ihren Vater in ein gemütliches Zimmer, in dem neben einem mahagonifarbenen Schreibtisch und dazu gehörigen Bücherregalen eine hell lederne Sitzgruppe mit einem Couchtisch zum Verweilen einlud. „Bitte, nehmen Sie Platz, ich bin sofort wieder da. “Er kam mit drei Tassen voller duftendem Kaffee und einer Schale Keksen zurück und brachte Mareikes Vater mit einfühlsamen Worten dazu, zu erzählen, was passiert war. Mareike hörte ihrem Vater zu, ohne wirklich zu begreifen. Erst jetzt erfuhr sie, dass ihre Mutter in den letzten Monaten zwei leichte Schlaganfälle gehabt hatte, von denen sie sich ohne bleibende Schäden jedoch schnell wieder erholt hatte. Sie hätte sich mehr schonen müssen, hatte sich aber nicht an die Anweisungen ihres Arztes gehalten und wollte unbedingt mit Mareikes Vater nach Teneriffa zu ihrer einzigen Tochter fliegen.
Mareike dachte fieberhaft nach. Hatte sie etwas überhört, als sie mit ihren Eltern telefoniert hatte? Einen besorgten Unterton in Mutters oder Vaters Stimme nicht wahrgenommen? Es schien immer alles in Ordnung zu sein, während sie telefonierten oder war Mareike zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt gewesen, dass sie die Sorgen ihrer Eltern nicht mehr wahr genommen hatte? Sie fing an zu zittern, nahm die Hand ihres Vaters in ihre und blickte Stefan an. „Ich möchte meine Mutter noch einmal sehen.”
Stefan griff nach dem Hörer, wählte die Intensivstation an und sprach dort mit dem Dienst habenden Kollegen. „Sie müssen noch ein wenig Geduld haben, in etwa einer halben Stunde kann ich Sie zu ihr bringen.”
Während Mareikes Vater teilnahmslos vor sich hinstarrte, begann Mareikes Verstand dahingehend zu funktionieren, dass sie überlegte, was jetzt alles zu erledigen sei – einen Bestatter aufsuchen, Beerdigungstermin festlegen, Traueranzeigen verschicken, ein Gespräch mit dem Pfarrer führen… Teneriffa, Carlo, ihre Arbeit, das war jetzt Lichtjahre von ihr entfernt. Sie raffte sich auf, um wenigstens Michael anzurufen, damit er morgen früh nicht vergeblich auf sie wartete und er oder eine Kollegin ihren Dienst übernahm.
Mareike ließ ihren Vater in Stefans Obhut und suchte ein Telefon. Die Verbindung nach Teneriffa war schnell hergestellt. Michael hörte sich Mareikes, durch Tränen unterbrochene Bitte, für sie Ersatz zu besorgen, ruhig an. Er versprach, alles zu regeln und bat Mareike, sich sofort zu melden, wenn sie eine Entscheidung bezüglich ihrer Rückkehr nach Teneriffa getroffen hatte. Mareike stimmte zu und beendete das Gespräch. Grübelnd schaute sie auf das Telefon. Carlo wartete sicher auch auf eine Erklärung. Warum sollte sie den Anruf weiter hinausschieben. In den nächsten Tagen hatte sie bestimmt keine Zeit, um Telefonate zu führen. Kurz entschlossen wählte Mareike Carlos Nummer auf Teneriffa. Sie musste nicht lange warten und der Hörer wurde abgenommen. „Hier bei Carlo”, schnurrte eine verführerische Stimme. Mareike ließ den Hörer sinken und schaute entsetzt aus dem Fenster. Wer war diese Frau? Ohne nachzudenken legte Mareike vorsichtig auf. Irgendwoher kannte sie diese Stimme. Wie im Trance wankte Mareike zu ihrem Vater zurück. Sie fühlte sich leer und ausgebrannt. Der Schmerz um ihre Mutter und nun auch noch diese fremde Frau in Carlos Wohnung waren einfach zu viel. Doch das mit Carlo musste warten. Erst einmal brauchte ihr Vater sie jetzt. Mareike drückte den Rücken durch, verbot sich zu weinen und marschierte entschlossen auf die Arzttür zu. Als sie in den Raum kam, sah sie ihren Vater zusammengesunken auf dem Sofa sitzen. Sie ging zu ihm und berührte vorsichtig seine Schulter. Mareikes Vater erhob sich von dem Sofa. “Ich danke Ihnen Dr. Haasler für Ihre Auskunft. Meine Tochter und ich werden jetzt zu meiner Frau gehen. Wir möchten sie noch einmal sehen.” Stefan nickte zustimmend. Als Mareike telefonierte, hatte er sich die Krankenakte kommen lassen und vorsichtig versucht, Mareikes Vater den Grund für den plötzlichen Tod seiner Frau zu erklären. Eine Nachfrage auf der Intensivstation ergab, dass die Hinterbliebenen zu der Verstorbenen konnten. Stefan führte Vater und Tochter zur Intensivstation. Ein letztes Mal schaute Mareike in das Gesicht der geliebten Mutter. Eigentlich sah sie wie eine Schlafende aus. Nichts deutete darauf hin, dass die Augen für immer geschlossen blieben. Vorsichtig streichelte Mareike über das Gesicht ihrer Mutter. Kindheitserinnerungen kamen und gingen. Mareike bemerkte nicht die Tränen, die ihr unaufhörlich aus den Augen liefen. Sie sah sich und ihre Mutter beim Weihnachtsplätzchen backen, ihre Mutter lachend, als der Weihnachtsbaum im vergangenen Jahr umgekippt war und ihr Vater sprachlos danebenstand. Mareike drehte sich um und verließ die Krankenstation. Draußen legte sie den Kopf an die Wand und wartete auf ihren Vater. Es dauerte lange, bis er mit Dr. Hassler zu ihr kam. Schweigend gingen alle drei den Flur entlang. Stefan begleitete die Trauernden auf deren Wunsch zu der kleinen Krankenhauskapelle. Dort verabschiedet sich der Arzt und ging mit kräftigen Schritten zu seiner Station zurück. Mareike sah im nach. „Wenn du mich brauchst, melde dich. Ich bin für dich da”, hatte er zum Abschied gesagt. Mareike nahm ihren Vater an die Hand und gemeinsam betraten sie die kleine Kirche.
Eine beruhigende Stille umfing sie in dem kleinen Raum. Nur der Altarraum war schwach durch das Ewige Licht auf dem Tabernakel erleuchtet. Links vor dem Altarraum erhob sich die freundlich blickende Marienstatue, zu deren Füssen einige Kerzen brannten. Mareike nahm eine Kerze aus dem Ständer, zündete sie an einer anderen Kerze an und stellte sie zu den anderen. Lange verharrte sie mit ihrem Vater in der kleinen Kapelle und hing ihren Gedanken nach. Als sie ein Kind war, hatte sie mit ihren Eltern durch den Beruf ihres Vaters bedingt, viele Reisen in fremde Länder gemacht. Sie war mit allen Religionen konfrontiert und vertraut gemacht worden, aber jetzt fühlte sie sich angekommen und fand ein wenig Trost in diesen Räumen. Hatte sie oft daran gezweifelt, ob es ein Leben nach dem Tod gab, so fühlte sie eine zunehmende innere Ruhe in sich und den Hauch einer Antwort auf diese Frage, dass der Tod nicht das Ende sei. „Komm”, sagte sie nach einer Weile, die wie eine Ewigkeit schien, nahm behutsam ihren Vater an die Hand und fuhr mit ihm nach Hause.
„Ruhe in Frieden”. Während der Pfarrer die letzen Worte sprach und der Sarg in die Tiefe hinabgesenkt wurde, tanzten Sterne vor Mareikes Augen und sie hatte das Gefühl, mit in die Tiefe gezogen zu werden. Unendlicher Schmerz tobte in ihr und tief in ihrem Inneren steckte ein tiefer Kloß, der ihr fast die Luft zum Atmen nahm.
In den letzten Tagen hatte sie alles geregelt, was zu regeln war. Sie hatte funktioniert, kaum etwas gegessen, wenig geschlafen und ihren Vater geschont, der sei dem Tod seiner Frau entweder lethargisch im Sessel saß, kaum redete oder unruhig durch das Haus wanderte.
Viele Verwandte, Freunde und Bekannte waren zur Beisetzung gekommen und Mareike genoss es, bei der anschließenden Feier im Hause ihrer Eltern mit jedem ein paar persönliche Worte zu wechseln. Mareike hatte gar nicht in Erinnerung gehabt, so viele direkte und entfernte Verwandte zu haben. Manche hatte sie jahrzehntelang nicht mehr gesehen und fast vergessen.
Als das Haus abends wieder leer und still war, öffnete Mareikes Vater eine Weinflasche und bat Mareike ins Wohnzimmer. „Wir sollten offen miteinander reden, wie es weitergehen soll.” Er goss den dunkelroten Wein ein, hielt Mareike das Glas zum Anstoßen hin und sagte mit zitternden Lippen „Danke für alles. Ohne dich hätte ich das alles nicht durchgestanden.”
„Mareike…”, setzte er zögernd an, „ich werde aus Hamburg weggehen. Ich halte es hier ohne deine Mutter nicht aus, die Erinnerungen werden mich immer einholen. Erinnerst du dich an die kleine Ferienwohnung auf Sylt, in der wir so gerne Urlaub gemacht haben? Sie steht zum Verkauf und ich habe vor, sie zu kaufen und meinen Lebensabend dort zu verbringen. Ich habe mit dem Besitzer schon verhandelt und er hat mir ein attraktives Angebot gemacht. Du solltest dir überlegen, was wir mit dem Haus machen. Es ist dein Erbe und du kannst hier einziehen, wenn du möchtest oder wir verkaufen es. Das mußt du für dich entscheiden.”
Mareike war sprachlos. In den letzten Tagen hatte das Verhalten ihres Vaters sie sehr beunruhigt, sie hatte das Gefühl, er wolle sich aufgeben. Und sie hatte Zweifel, ob sie überhaupt nach Teneriffa zurück kehren und ihn alleine lassen konnte. Innerlich atmete sie auf und bestärkte ihren Vater in seinem Vorhaben. „Lass uns das Haus verkaufen, auch meine Erinnerungen würden mich hier immer wieder einholen. Ich…” Sie stockte, sie konnte ihrem Vater jetzt nicht ins Gesicht sagen, dass sie nach Teneriffa zurück wollte. „Du kannst das Geld gut auf Teneriffa gebrauchen, es sei denn, du landest hier doch noch in einem sicheren Hafen,” setzte er mich einem Anflug von Lächeln hinzu. „Wie meinst du das?” fragte Mareike verunsichert. „Glaubst du, dass der Doktor aus dem Flugzeug zufällig auf der Beerdigung war? Er kannte deine Mutter doch gar nicht.”
Mareike hatte nichts davon bemerkt, dass Stefan auf dem Friedhof war.
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