23. Turbulenzen

Auf Teneriffa ging gerade die Sonne auf, als die Maschine aus Deutschland landete. Der Feuerball strahlte schon eine angenehme Wärme aus. Die Passagiere verließen in kleinen Gruppen das Flugzeug und wurden zum Terminal gebracht. Besonders auffällig war eine junge Frau, die energisch mit ihrem Koffer dem Ausgang zustrebte. Vor der Tür sah sie sich suchend nach einem Taxi um. Als sie eins entdeckte, eilte sie darauf zu und riss die Tür auf. Der Taxifahrer sah erschrocken auf seinen Fahrgast. Von oben herab teilte dieser ihm sein Ziel mit. Kopfschüttelnd startete der Fahrer seinen Wagen und ordnete sich in den Straßenverkehr ein. Die Fahrt dauerte nicht lange und das Taxi hielt vor einem Hotel. Bevor der Fahrer die Türen öffnen konnte, stand die Dame schon auf der Straße und zerrte ihren Koffer aus dem Auto. Danach drückte sie dem verdutzten Mann einen größeren Geldschein in die Hand. „Stimmt so”, war alles, was sie noch sagte. Dann steuerte sie auf den Hoteleingang zu. In der Eingangshalle schaute sie sich suchend um und trat dann an die Rezeption. „Verständigen Sie Michael, dass ich hier auf ihn warte!” Die Hotelangestellte schaute den neuen Gast erstaunt an. „Wenn darf ich denn melden?”, fragte sie höflich. „Es reicht, wenn Sie sagen, dass Charlotte hier ist. Beeilen Sie sich. Ich habe nicht viel Zeit.” Nervös klopfte Charlotte mit ihren Fingern auf den Tresen, hinter dem gerade mit Michael telefoniert wurde. Es dauerte auch nicht lange und Michael kam um die Ecke gebogen. „Was willst du hier?”, fragte er unwirsch. Charlotte sah ihn mit strahlendem Lächeln an. „Ich dachte, wir müssen noch einmal miteinander reden”, gurrte sie. „Ich wüsste nicht, was wir noch zu besprechen haben. Es wäre schön, wenn du wieder gehen würdest.” „Tja mein Lieber, so ohne weiteres geht das nicht.” Etwas hinterhältig schaute sie in Michaels Gesicht. „Was soll das heißen, so ohne weiteres geht es nicht? Charlotte, was willst du noch von mir?” „Du kannst dich mit mir freuen Michael. Wir bekommen ein Kind. Ich bin so glücklich. Endlich können wir eine richtige Familie gründen.” Michael hatte es die Sprache verschlagen. Das durfte doch nicht wahr sein. Er wollte weder ein Kind noch die Ehe mit dieser Frau. Wenn er jemanden heiraten wollte, dann Nora. Allerdings musste er die erst mal finden. „Hast du gar nichts zu sagen?”, fragte Charlotte. Michael schaute auf die Frau, die er mal geliebt hatte. Ihm war unklar, wie er sich hatte je in sie verlieben können. „Ich bringe dich erst einmal auf dein Zimmer. Heute Abend reden wir in Ruhe über deine Mitteilung.” „Du bringst mich in mein Zimmer? Ich dachte, ich wohne bei dir”, schmollte Charlotte. „Entweder du nimmst das Zimmer, oder du
suchst dir ein anderes Hotel”, war die knappe Antwort. Charlotte furchte die Stirn. Hier lief irgend etwas schief. Sie hatte mit keiner Abfuhr gerechnet. Vor allem nicht, weil sie Michael doch von diesem Baby erzählt hatte, was sie gar nicht erwartete. Doch das musste er nicht wissen. Charlotte war sich sicher, dass sie nach den ersten Nächten mit Michael schwanger wurde. Außerdem wozu gab es Siebenmonatskinder. Allerdings musste sie jetzt erst einmal hinter Michael hinterhereilen. Er hatte ihr noch nicht einmal den Koffer abgenommen. Zornig knallte sie das Teil auf den Tresen. „Sorgen Sie dafür, dass man mir meinen Koffer aufs Zimmer bringt”, fauchte Charlotte und rannte hinter Michael her. Sie würde diesen Mann bekommen. Da war sich Charlotte sicher. Vor allem würde sie niemandem erlauben, sie wie ein wertloses Stück zur Seite zu legen.
Julio zog noch einmal tief an seiner Zigarette, bevor er diese in den neben ihm stehenden Aschenbecher warf. Hinter einem Pfeiler in der Hotelhalle verborgen, hatte er dem Gespräch zwischen dem Paar am Hotelempfang lauschen können.
Die junge, attraktive Frau war ihm bereits am Flughafen aufgefallen. Julio verbrachte viel Zeit am Flughafen. Er beobachtete die ankommenden Urlauber und sein besonderes Interesse galt alleinreisenden, jungen Touristinnen. Nachdem ihm Mareike eine Abfuhr erteilt und er keinen Nerv mehr für eine quengelnde, kränkelnde Nora hatte, versuchte er eine neue Gespielin auf Zeit unter den Touristen zu finden. Seine Erfahrung schien ihm Recht zu geben. Einige der Frauen erwiderten seinen abschätzend sinnlichen Blick mit einem einladenden Lächeln und ließen sich auf Julio ein. Doch sehr oft verliefen dann weitere Treffen nicht nach Julios Vorstellungen, da er nicht in der Lage war, seine Begierde zurückzustellen, sondern diese bereits am ersten Abend ausleben wollte.
Doch bei dieser Frau war er sich sehr sicher. Julio schloss die Augen: Schwarze Haarsträhnen umrahmten ein Gesicht mit dunkelbraunen Augen, deren Ausdruck Julio mit funkelnder Leidenschaft deutete und einem Mund mit üppig-fülligen Lippen, deren Feuer er auf seinem Mund zu spüren schien. Diese Frau schien stark und wach in ihren Empfindungen. Ihre Gesten schienen genau überlegt, dennoch konnten sie ihr Temperament nicht verbergen.
Julio fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Er ballte seine Hände zu Fäusten und all sein Verlangen lag in seinem Blick, mit dem er der jungen Frau folgte. “Charlotte” – so hatte er den Namen verstehen können – war für den Moment sein neues Ziel. Heftig arbeitete es in seinem Kopf. Wie konnte er diesem Ziel näher kommen?
Charlotte stürmte ins Hotelzimmer, wo ihr Exverlobter schon wartete. Sie wollte gerade den Mund aufmachen und Michael eine Standpauke halten, als der sie zur Seite schob und das Zimmer verließ. Charlotte starrte ihm mit offenem Mund nach. Dann griff sie eine Blumenvase und schmetterte sie an die geschlossene Tür. Zornig schaute sie auf das Wasser, das sich langsam seinen Weg zum Fußboden suchte. Danach griff sie ihre Handtasche und eilte aus dem Zimmer. Das würde Michael bereuen. So ging man mit ihr nicht um. Vor der Tür stoppte Charlotte ihre Schritte. Nachdenklich zog sie die Lippen zwischen ihre Zähne. Mit Wut würde sie sicher nicht weit kommen. Vielleicht wäre es besser, das anschmiegsame Weibchen zu spielen. Auf so etwas stand Michael doch. Langsam betrat Charlotte wieder ihr Zimmer, nahm Zigarette und Feuerzeug aus ihrer Handtasche und genoss den ersten Zug. Es klopfte an der Tür. Schnell drückte Charlotte die Zigarette aus und öffnete in der Hoffnung, Michael davor vorzufinden, aber es war der Hausdiener, der ihren Koffer brachte. Charlotte nahm ihn gnädig entgegen und schlug ohne ein Wort die Tür zu. Sie warf den Koffer auf ihr Bett, zerrte ihren Bikini heraus, stopfte diesen in eine überdimensionale große Badetasche, warf noch ein paar andere wichtige und unwichtige Sachen hinterher und verließ nun doch ihr
Zimmer. Michael war nirgends zu sehen. Charlotte schlenderte zum hoteleigenen Badestrand. Die bewundernden Blicke einiger Herren ließen ihre Laune sprunghaft ansteigen. Sie wusste, dass sie so manches Männerherz zum Schmelzen bringen konnte. Lockend schaute sie abwechselnd nach rechts und links. Dann entdeckte Charlotte ein ruhiges Plätzchen, welches trotzdem gute Aussicht auf den ganzen Badestrand bot und auch sie nicht im Verborgenen lag. Charlotte zog ihren Bikini an, breitete ihr Badetuch aus und machte es sich darauf bequem. Schade, dass sie gerade niemanden zum Einölen hatte. ‚Na ja, man konnte es auch mal allein machen’, ging es ihr durch den Kopf. Als Charlotte mit dieser mühevollen Arbeit fertig war, streckte sie sich lang auf dem Tuch aus und schloss die Augen. Ein Plan musste her, wie sie Michael vor den Traualtar bekam. Vielleicht war es nicht schlecht, vor ihm ab und zu in Ohnmacht zu fallen oder mal kurz auf die Toilette zu rennen. Es wäre doch gelacht, wenn sie es nicht schaffen würde, sein Verantwortungsbewusstsein zu aktivieren. Charlottes Gesicht überzog ein zufriedenes Lächeln. Nachher wollte sie gleich mit ihrem „Programm” beginnen. Mitten in ihre Überlegungen fiel ein Schatten auf ihr Gesicht. Langsam öffnete sie ihre Augen und sah auf eine attraktive männliche Erscheinung. Charlotte erhob sich geschmeidig von ihrem Badetuch, so dass sie nun saß. „Kann ich etwas für Sie tun?”, fragte sie mit verlockendem Augenaufschlag. Der junge Mann wollte gerade den Mund öffnen, als ein kleines Mädchen rief: „Papa, hast du den Ball gefunden?” Im nächsten Moment stand das Kind ebenfalls vor Charlotte. „Entschuldigen Sie bitte die Störung”, begann der Vater des Kindes, „wir suchen den Ball von meiner Tochter. Wir glauben, er ist in ihre Richtung gesprungen.” Charlotte hatte ihren Schock über das Auftauchen des Kindes zwar noch nicht ganz verdaut, schaute sich aber suchend um. „Ich kann ihn nirgends sehen”, meinte sie dann entschuldigend. „Dann müssen wir wohl weitersuchen”, bekam Charlotte zur Antwort. „Ich kann Ihnen ja bei der Suche helfen”, bot Charlotte ihre Hilfe an. „Danke, das wäre sehr nett von Ihnen.” Gemeinsam suchte Charlotte in der nächsten halben Stunde mit Vater und Tochter den Ball. Dann sahen sie alle drei gleichzeitig den lustig bunten Ball, der sich hinter einer Palme versteckt hatte. Das kleine Mädchen nahm glücklich das Fundstück unter ihren Arm und griff nach der Hand ihres Vaters. Der räusperte sich und meinte in Charlottes Richtung: „Vielen Dank für Ihre Hilfe. Wir müssen jetzt wieder ins Hotel zurück. Meine Frau wird schon warten.” „Ja sicher”, stotterte Charlotte und schaute den beiden nach, die zielstrebig zum Hotelkomplex liefen. Charlotte war zwar enttäuscht, dass sich ihr Flirtobjekt als verheiratet entpuppt hatte, aber eigentlich hatte ihr die Suche nach dem Ball Spaß gemacht. Träumend schaute sie auf das Meer. Der Gedanke an eine Familie gefiel ihr gut. Ihr grauste zwar vor Säuglingen und Kleinkindern, doch es gab Personal, um diese Sache zu regeln. Wenn ihr Kind dann im Alter von der Kleinen wäre, könnte man neu überlegen. Charlotte sammelte ihre Sachen zusammen und begab sich ebenfalls ins Hotel. Michael war wieder nirgends zu sehen. Charlotte zuckte mit den Schultern. Heute Abend war für dieses Gespräch noch früh genug. In ihrem Zimmer angekommen, warf sie alle Sachen zur Seite und gönnte sich eine ausgiebige Dusche.

Charlotte hatte keine Ahnung, dass sie die ganze Zeit von Julio beobachtet worden war. Geschickt hatte er sich immer im Verborgenen gehalten. Schade, dass diese Kleinfamilie ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. Doch er würde Charlotte im Auge behalten. Michael hatte Mühe, seine schlechte Laune zu verbergen. Mareike hatte ihn angerufen und ihm mitgeteilt, dass sie vorläufig in Deutschland bleiben müsse, bis ihr Vater umgezogen sei und sie ihre Wohnung aufgelöst hatte. Das konnte er gut verstehen und er hatte ihr auch versprochen, dass sie weiterhin bei ihm arbeiten könne. Eine bessere Hotelmanagerin konnte er kaum finden und da er nun selbst vor Ort war, war das auch erst einmal kein großes Problem für ihn.
Was ihn deprimiert hatte, war Noras Verschwinden. Sie war ohne ein Wort nach Deutschland zurück gekehrt. Seine intensiven Nachforschungen im Krankenhaus und in dem Hotel, in dem sie wohnte, hatten ihn auf die Spur eines wesentlich älteren Mannes an Noras Seite gebracht. Für einen Mann wie ihn war das mehr als ein Faustschlag in die Magengrube. Er hätte sie auf Händen getragen, alles für sie getan. Als er herausfand, dass es sich um Noras Vater handelte, beruhigte er sich ein wenig. Noch war alles offen, er musste Nora ‘nur’ in Deutschland ausfindig machen, aber da hatte er auch schon eine Idee.
Der wesentlichste Grund seiner Übellaunigkeit war Charlotte, die plötzlich wie ein Blutegel an ihm klebte. Seine erste Erregung, dass er Vater würde, hatte sich gelegt. Das war nicht Charlottes Art. Sie war bisher nur an ihrer Karriere interessiert gewesen. Kinder und Familie waren noch lange kein Thema für sie. Er erinnerte sich gut an ein Gespräch vor einigen Monaten, als er einen Kinderwunsch geäußert hatte. Sie hatte die langen Haare nach hinten geworfen und lachend geantwortet “Aber Schatz, das hat doch noch Zeit. Ich bin Anfang dreißig. Erst will ich mit dir die Welt sehen und wenn die biologische Uhr laut genug tickt, dann bekommen wir ein Kind. Das ist doch heute normal, dass Frauen mit Ende dreißig ihr erstes Kind gebären.” Seine Einwände, dass sie sich einer Risikoschwangerschaft aussetzen könnte hatte sie ebenso ins Lächerliche gezogen wie seine Befürchtung, bei der Einschulung des Kindes als der Opa angesehen zu werden.
Charlotte hatte ihr Leben stets akribisch geplant und gut durch organisiert. Und was die Verhütung anbelangte, achtete sie peinlichst genau darauf, jeden Tag um die gleiche Zeit die Pille zu nehmen. Die Frage, wann er und Charlotte das letzte Mal zusammen waren, konnte er sich nicht eindeutig beantworten. Aber das stand sicher in ihrem Terminkalender, an den er nur herankommen könnte, wenn sie nicht im Hotel war. Entweder sie plante, ihm ein Kuckucksei ins Nest zu legen oder sie fuhr die dümmste Tour der Frauen, eine Beziehung durch ein Kind retten zu wollen. Er war auf der Hut. Er wollte ein Kind, aber nicht mit dieser Frau, mit der er schon genug Zeit seines kostbaren Lebens verplempert hatte.

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