24. Konsequenzen

Verstohlen schaute Conchetta zur Küchenuhr hinüber. Um neunzehn Uhr begann Julios Dienst im Casino Taoro und er saß mit einer Seelenruhe am Tisch und las die Zeitung. Hatte sich sein Dienstplan für heute geändert, ohne dass er ihr etwas davon gesagt hatte? Seit einigen Tagen redeten sie nur das Nötigste miteinander. Der kleine Nino spürte die Spannung zwischen seinen Eltern und da er Sommerferien hatte, verbrachte er viel Zeit mit seinen Freunden. Endlich – er legte die Zeitung zusammen, nahm seine Sachen, hauchte Conchetta einen Abschiedskuß auf die Wange und ging. Als sein Auto außer Sichtweite war, eilte sie ins Schlafzimmer, holte zwei fertig gepackte Koffer unter dem Bett hervor und zog sich hastig um. Unter ihrer Matratze hatte sie einen Briefumschlag versteckt. Geld, das sie sich heimlich abends als Kellnerin verdient hatte, wenn Julio arbeiten war.
Sie wurde nervös. Nino sollte um neunzehn Uhr zu Hause sein. Und wie immer kam er pünktlich, das Gesicht schweißnass vom Fußballspielen. „Wasch dir dein Gesicht und deine Hände und dann zieh dich um, es wird Zeit.” „Was wird Zeit? Muß ich schon schlafen gehen?” Ungläubig schaute Nino seine Mutter an. „Nein, wir beide fahren heute Abend weg und machen ein paar Tage Ferien. Aber nun beeile dich, ich erkläre dir alles später.” Frisch gewaschen und umgezogen, mit einem Rücksack voller Spielzeug und seinen Lieblings-CD’s warteten Conchetta und Nino auf ein Klingelzeichen an der Haustür.
„Vamos”. Conchetta schob ihren Sohn aus der Tür, nahm die beiden Koffer und eine kleine Reisetasche und eilte mit Nino zu dem wartenden Auto. Als sie das Gepäck verstaut hatten und Conchetta mit einem befreiten Seufzer neben ihrem Schwager Pedro Platz genommen hatte, wurde sie langsam ruhiger. In zwei Stunden würden sie im Flugzeug nach Madrid sitzen, wo ihre Schwester Maria Dolores sie erwartete.
Auf dem Küchentisch in Julios und Conchettas Wohnung lag ein einsamer, weißer Briefumschlag – ‚para Julio’.
In wenigen Sätzen hatte Conchetta ihrem Mann klar und unmissverständlich mitgeteilt, dass sie ihn verlassen hatte und die Scheidung einreichen würde. Julio traute seinen Augen kaum, als sie ihm erklärte, dass sie von seinen Bettgeschichten genug habe und er sich doch gerne weiterhin seinen Betthäschen widmen könnte, ihr Bett aber nicht mehr für ihn zur Verfügung stände. Eigentlich war er immer bemüht gewesen, sämtliche Spuren seiner Seitensprünge zu vernichten. Wie war Conchetta dahinter gekommen? Was ihn am meisten beunruhigte, war der letzte Satz in ihrem Brief „Bemühe dich nicht, uns zu finden, wie haben die Insel verlassen und leben in Zukunft auf dem Festland.” Nino – er war sein einziges Kind. Sie konnte ihm doch nicht den Sohn wegnehmen! Er war hier geboren und aufgewachsen, ging hier zur Schule und hatte seine Freunde, seinen Fußballverein. Das konnte sie ihm doch nicht alles nehmen, nur weil sein Vater es mit der Treue nicht immer genau nahm.
Eine unbändige Wut stieg in ihm hoch, denn er hatte das Gefühl, eine Welle des Unglücks rollte auf ihn zu. Julio hatte seine finanziellen Reserven ziemlich ausgereizt. Er verdiente zwar nicht schlecht und allein mit seiner Familie konnte er ein akzeptables Leben führen. Jedoch waren Julios Liebesabenteuer in letzter Zeit immer kostspieliger geworden, so dass er bereits einige Male die nächtliche Abrechnung des Casinos manipuliert hatte. So mancher Euro war dabei in seine Tasche geflossen und mit einer liebeshungrigen Frau schnell wieder ausgegeben worden.
Der Geschäftsführer des Casinos war seinen Angestellten gegenüber misstrauisch geworden. Auch Julio hatte das zu spüren bekommen und war sehr auf der Hut. An Schlaf war in dieser Nacht nicht zu denken, so sehr hatten ihn die Ereignisse aufgewühlt. Er duschte, kochte sich einen starken Kaffee, zog sich um und fuhr nach Puerto zurück. Auf der Strandpromenade war um diese frühe Morgenstunde sicher schon wieder etwas los.
Charlotte stand vor dem großen Spiegel im Hotelzimmer. Was sollte sie anziehen? Es musste etwas sein, dass Michael überzeugte, dass die richtige Frau für ihn war. Also durfte es nicht so gewagt sein, sie aber auch nicht wie eine graue Maus aussehen lassen. Charlotte entschied sich für ein mitternachtsblaues Kostüm mit einer cremefarbenen Bluse. Der Rock hatte einen raffinierten Schlitz, den man nur sah, wenn es Charlotte wollte. Nachdem die Kleiderwahl entschieden war, schlüpfte Charlotte in hauchdünne Unterwäsche. Etwas gewagt, aber mit ihrer Figur konnte sie sich dieses Outfit leisten. Nachdem sie sich angezogen hatte, legte sie neues Make-up auf. Jetzt war Charlotte mit ihrem Aussehen zufrieden. Ein Blick auf die Uhr bestätigte, dass es Zeit für das Abenddinner war. Noch ein letzter Blick in den Spiegel und Charlotte verließ das Zimmer. Im Speisesaal schaute sie sich unauffällig um, aber sie konnte Michael immer noch nicht entdecken. Charlotte schlenderte auf eine gemütlich Sitzgruppe zu und wartete, bis der Kellner mit der Speisekarte kam. Charlotte nahm sie gnädig entgegen und bestellte schon einmal einen leichten Weißwein. Richtig Hunger hatte sie eigentlich nicht. Sie wollte sich gerade in die Menüfolge vertiefen, als sie Michael sah. Auch er hatte Charlotte entdeckt und kam mit langsamen Schritten auf sie zu. Charlotte sah ihm strahlend entgegen. Michael schaute fragend auf Charlottes Weinglas. „Ich denke, du bist schwanger?”, fragte er auch sofort. Charlotte biss sich auf die Lippen, daran hatte sie gar nicht gedacht. Leichthin antwortete sie deshalb: „Es ist nur ein Glas Wein und eine Ausnahme zur Feier des Tages.” „Was gibt es denn zu feiern?”, fragte Michael und setzte sich endlich neben Charlotte. „Ich möchte mit dir auf unser Kind anstoßen und hoffe, du freust dich genauso sehr wie ich.” „Seit wann willst du Mutter werden Charlotte? Ich denke, das willst du deiner Figur nicht antun?” „Ach Michael, ich habe erkannt, dass ich mich in der letzten Zeit unmöglich benommen habe. Ich werde mich ändern”, versuchte Charlotte Michael zu überzeugen. Michael legte die Stirn in Falten. So richtig konnte er es sich nicht vorstellen, dass Charlotte sich wirklich ändern konnte, aber vielleicht war sie tatsächlich schwanger und dieser Zustand wirkte sich positiv auf ihr Wesen aus. Grübelnd schaute Michael auf seine Exverlobte. Der Kellner erschien am Tisch und fragte nach Michaels Bestellung. Michael winkte ab. Er wollte sich nicht länger als nötig bei Charlotte aufhalten. „Höre zu Charlotte, ich bin einigermaßen überrascht, dass du auf einmal schwanger bist. Vor allem, weil du nie Kinder wolltest. Ich weiß jetzt auch nicht, wie ich mich verhalten soll. Allerdings sollst du wissen, dass ich mich nicht durch ein Kind an dich binden lassen. Nicht umsonst habe ich die Verlobung gelöst. Wir passen nicht zusammen. Sicher werde ich mich um dich und das Kind kümmern, aber das ist schon alles. Ich bin verzweifelt bei dem Gedanken an das unschuldige Kind, aber ich kann nicht mit dir zusammenleben. Bitte verstehe das.” Michael wartete keine Antwort ab und erhob sich. „Alles Gute für dich, Charlotte. Halte mich wegen unseres Kindes auf dem Laufenden.” Nach diesen Worten wollte Michael gehen. Er kam aber nicht weit. Charlotte war aufgesprungen und funkelte ihn an.” Das kannst du nicht machen”, zischte sie leise. „nicht mit mir Michael.” Michael entfernte vorsichtig ihre Hand von seinem Arm und ließ Charlotte stehen. Charlotte sah im entgeistert hinterher. Das sollte dieser Mann bereuen. Sie würde dafür sorgen. Nach einem großen Schluck Weißwein verließ sie ebenfalls das Restaurant. Stundenlang wälzte sie sich in ihrem Bett hin und her. An Schlaf war nicht zu denken. Deshalb beschloss Charlotte, noch einen Spaziergang zu machen. Als sie dem Strand zustrebte, stieß sie mit einem gutaussehenden Mann zusammen. Dieser sah sie mit glutvollen Augen an. „Hallo meine Schöne, wohin so stürmisch?” Charlotte legte ihren Kopf schief und schaute sich den Mann genauer an. Was sieh sah, gefiel ihr. Deshalb setzte sie ihr schönstes Lächeln auf und säuselte: „Ich wollte einen Strandspaziergang machen. Haben Sie keine Lust, mich zu begleiten?” Julio ließ sich das nicht zweimal sagen. Er musste irgendwie den Schock verdauen, den ihm gerade seine Ehehälfte verpasst hatte. Immerhin wusste er noch nicht, wie er auf die Mitteilung von Conchetta reagieren sollte. Bisher ging es ihm ganz gut in seiner Ehe. Die kleinen Seitensprünge waren eine angenehme Abwechslung. Wieso musste seine Frau auf einmal verrückt spielen? Bis ihm ein Ausweg einfiel, konnte er ja mit dieser Charlotte flirten. Conchetta würde sich schon wieder beruhigen. Langsam glaubte Julio felsenfest daran.

Nino war endlich eingeschlafen. Seit tränennasses Gesicht war das traurige Ergebnis der Unterhaltung zwischen Conchetta und ihrem Sohn. Behutsam hatte sie ihm erklärt, dass sie nicht nach Teneriffa zurück kehren würden, sondern bei seiner Tante Maria Dolores und seinem Onkel Alfonso in Spanien leben würden, bis sie sich eine eigene Wohnung leisten konnten. Nino hing sehr an seinem Vater, der zwar kaum Zeit für ihn hatte, ihn aber abgöttisch liebte. Es kostete Conchetta viel Mühe, Nino die Trennung von Julio einfühlsam zu erklären, ohne seine Gefühle für den Vater zu verletzen. Was sie wirklich von ihrem Mann hielt und was er ihr im Laufe der Ehe angetan hatte, schluckte sie wie eine bittere Pille hinunter. Erst als sie Nino versprach, dass er seinen Vater in den Schulferien besuchen könnte, huschte ein Lächeln über sein Gesicht und er schlief ein.
Conchetta lehnte sich auf ihrem Sitz zurück. In etwa einer halben Stunde würde die Maschine in Madrid landen. Sie hing ihren Gedanken nach. Ihre Familie hatte sie damals vor einer Heirat mit Julio gewarnt, aber sie war jung und verliebt gewesen und hatte alles durch ihre rosarote Brille betrachtet. Im ersten Jahr ihrer Ehe waren sie glücklich gewesen. Julio hatte sie auf Händen getragen und ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Damals liebte er sie, da war sie ganz sicher. Und er war ein feuriger Liebhaber, wie man ihn sich nur wünschen konnte. Dann verlor er seine Arbeit, geriet in dubiose Kreise und trieb sich nächtelang herum. Conchetta wollte lange nicht wahr haben, dass er sie betrog. Als sie mit Nino schwanger war, schien ihr Glück wieder vollkommen zu sein, aber nur vorüber gehend. Je runder sie wurde, desto mehr ließ Julio sie spüren, wie wenig er sie noch begehrte. Er ging Gelegenheitsjobs nach, kellnerte mal hier, mal dort, aber nie für lange Zeit. Hochschwanger ging Conchetta stundenweise putzen und so kamen sie einigermaßen über die Runden. Kurz vor der Geburt Ninos bekam Julio die Stelle im Casino Taoro. Er hatte ein akzeptables Einkommen, aber dafür war er die halbe Nacht nicht zu Hause. Vormittags schlief er, dann verschwand er meist. Und wohin? Conchetta konnte die Augen nicht mehr länger verschließen. Sie war ihm ein paar Mal heimlich gefolgt und beobachtete, wie er mal eine Brünette, mal eine Blonde in die Arme schloss und leidenschaftlich küsste.
Von diesem Zeitpunkt an plante sie ihn zu verlassen. Mit dem Geld, das sie heimlich nebenbei verdiente und dem, was sie von dem mageren Haushaltsgeld abzwacken konnte, kaufte sie die Flugtickets und besaß noch ein ansehnliches Startkapital.
Maria Dolores und Alfonso betrieben ein kleines Restaurant mit spanischen Spezialitäten in Madrid. Dort würde Conchetta erst einmal Arbeit und bei ihrer Schwester ein Dach über dem Kopf haben. Maria Dolores hatte Nino bereits an einer Schule angemeldet und mit seinem gleichaltrigen Cousin Pedro würde er in eine Klasse gehen. Conchetta schaute optimistisch in die Zukunft. Ihre seelischen Narben würden mit der Zeit verheilen und Nino würde sich schnell in seine neue Umgebung einleben. Wenn nur Julio sie in Ruhe und Frieden leben lassen würde. Die Maschine setzte zur Landung an. Conchetta straffte die Schultern, eine typische Angewohnheit von ihr, wenn sie innerlich fest zu etwas entschlossen war und sah dem Wiedersehen mit ihrer Schwester erwartungsvoll entgegen.

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