25. Im Chaos der Gefühle
Mareike schaute in den Spiegel und erschrak. Was sie sah, erschütterte sie. Glanzlose Augen mit tiefen Augenringen blickten ihr entgegen, ein harter Zug hatte sich um ihren sonst so verführerischen Mund gelegt und ihr sonst glänzendes Haar war spröde geworden. Die bronzene Gesichtsbräune war einer vornehmen Blässe gewichen und ihr Gesicht drückte eine endlose Traurigkeit aus, die sie vorher noch nie an sich wahr genommen hatte. Der plötzliche Tod ihrer Mutter hatte sie in ein so tiefes Loch gerissen, aus dem sie sich nur mühsam wieder heraus ziehen konnte.
Sie war schmal geworden und hatte einige Kilo abgenommen. Ihre Ernährung bestand aus reichlich viel Kaffee und Unmengen von Zigaretten. Nachts konnte sie nicht schlafen, tagsüber hatte sie alle Hände voll zu tun.
Ihr Vater begann sich ernsthafte Sorgen um sie zu machen und unterstützte sie, wo er konnte.
Der Umzug ihres Vaters sollte in vier Wochen sein und bis dahin wollte Mareike auch ihre eigene Wohnung aufgelöst haben. Ihren Arbeitsvertrag hatte sie, zum Entsetzen ihres Vorgesetzten und ihrer Kollegen, bereits aufgelöst. Als sie damals nach Teneriffa fuhr, hatte niemand ernsthaft daran geglaubt, dass sie es wahr machen und nicht wiederkommen würde. Aussteigerspleen – midlife crises – frühzeitige Wechseljahreserscheinungen – Torschlußpanik, das waren die Gesprächsinhalte ihrer Kollegen, mit dem Konsens und der allgemeinen Überzeugung, dass sie nach ein paar Wochen wieder da ist.
Sie hatte versprochen, vor ihrem Abflug noch einmal zu einer kleinen Abschiedslage wieder zu kommen.
Mareike dachte an Carlo, mit gemischten Gefühlen. Sie hatte nach ihrem letzten Versuch ihn anzurufen so lange gewartet, bis er sich meldete. Seitdem bombadierte er sie tagtäglich mit Anrufen und lag ihr in den Ohren, wann sie denn zurück käme. Er hatte wenig Verständnis dafür, dass sie sich um ihren Vater kümmern und für sich selbst Etliches zu regeln hatte. Nachdem er einige Male eifersüchtige Anspielungen gemacht hatte, begann in Mareike eine innere Alarmglocke zu läuten. Sie bekam eine Vorahnung dessen, was sie bei einem gemeinsamen Leben mit Carlo erwarten könnte, wenig Freiraum, ständige Kontrolle und möglicherweise eine dauernde Rechtfertigung, wenn sie etwas ohne ihn machen wollte. Sie glaubte, ihn zu lieben, aber ein Zusammenleben mir ihm kam nur unter gleichen Bedingungen für sie in Frage. Pantoffelhelden, Paschas und Machos hatte sie genügend kennen gelernt. Sie wollte nicht auf der Strecke bleiben, diesen Preis würde sie nicht dafür zahlen. Der traurige Umstand ihres Heimataufenthaltes hatte ihr zumindest in dieser Hinsicht die Augen geöffnet und der Abstand zu Teneriffa ihre Vorstellung vom Leben gefestigt.
„Willst du nicht mal wieder ausgehen”? Mareike hatte ihren Vater nicht kommen hören und schrak zusammen. „Ausgehen? Warum? Wie kommst du darauf?” „Du kannst nicht immer nur arbeiten und in der Erinnerung leben, das Leben geht weiter.” Er deutete mit seinem Blick auf den offenen Kleiderschrank von Mareikes Mutter und dann auf die bereits gepackten Kisten, die Mareike morgen zur Kleiderkammer des Roten Kreuzes fahren wollte.
Sanft zog er sie am Arm auf das Bett ihrer Mutter und setzte sich neben sie. „Ich habe für heute Abend einen Tisch für zwei Personen beim Italiener bestellt, zu dem du so gerne gehst. Mach dich hübsch, zieh dir was Nettes an und entspann dich ein wenig.”
„Gut, was willst du denn anziehen? Ich suche dir etwas heraus” fragte Mareike arglos.
„Kleines, ich bleibe hier und du gehst alleine.” „Wie?” Mareike sah ihren Vater mit großen Augen an. „Und wieso hast du dann einen Tisch für zwei bestellt?” „Lass dich überraschen, du kennst so viele Menschen hier, die du dann lange nicht wiedersehen wirst. Ich will dich einfach nur überraschen. Bitte tu mir den Gefallen, ja?”
Mareike war nicht gerade begeistert von dem Vorschlag ihres Vaters, verspürte aber einen leichten Hunger und blickte auf die Uhr. „Dann muß ich mich aber beeilen, das wäre ja schon in einer Stunde.”
Auf dem Weg zur Dusche schüttelte sie leicht den Kopf. Ältere Menschen werden wundersam, aber eine gewisse Neugier machte sich in ihr breit und innerhalb einer halben Stunde gefiel ihr das eigene Spiegelbild schon bedeutend besser.
Sie suchte ihre Autoschlüssel und fuhr, nach einem weiteren vergeblichen Versuch zu erfahren, wenn sie dort treffen würde, los.
Der Kellner begleitete sie zu dem anvisierten Tisch. Während Mareike eifrig in der Speisekarte las, näherte sich ein gutaussehender Mann mit langen schwarzen Haaren, die zu einem Zopf gebunden waren, ihrem Tisch.
Mareike traute ihren Augen nicht, als Stefan sie begrüßte und merkte, wie eine sanfte Röte ihr Gesicht überzog, aber sie fasste sich schnell wieder. In gewisser Weise war sie sogar froh, Stefan hier zu treffen. Endlich konnte sie ihm für seine Unterstützung auf dem Flug von Teneriffa nach Deutschland und für seine Anteilnahme am Tod ihrer Mutter danken.
Sie ahnte nicht, dass ihr Vater dieses Treffen geschickt eingefädelt hatte. Obwohl er seiner erwachsenen Tochter niemals in ihre Pläne, den Rest ihres Lebens auf Teneriffa zu verbringen, hinein geredet hätte, behagte ihm diese Entscheidung ganz und gar nicht. Jetzt, da er alleine war und sich sein Leben neu einrichten musste, hätte er Mareike lieber gern in seiner Nähe gehabt, als sie auf Teneriffa an der Seite eines spanischen Schriftstellers, den er nur aus Mareikes Erzählungen kannte, möglicherweise unglücklich zu wissen. Außerdem mußte er sich eingestehen, dass er gerne Großvater geworden wäre und seine Enkel liebend gern aufwachsen sehen würde.
Er hatte Stefan vor einigen Tagen in der Stadt getroffen und wohlwollend bemerkt, dass Stefan kein geringes Interesse an Mareike gezeigt hatte. Die Gelegenheit hatte er gleich genutzt, um ihm seine Sorgen über Mareikes Erschöpfungszustand und ihre Weigerung, einen Arzt zu konsultieren, zu erzählen. Den Vorschlag, sie mit Stefan auf eine unkonventionelle Weise, bei einem unverfänglichen Essen, zusammen zu bringen, hatte Stefan schmunzelnd angenommen.
Stefan und Mareike hatten nach anfänglichen leichten Startschwierigkeiten einen unterhaltsamen Abend mit gutem Essen und Plaudereien über Gott und die Welt. Sie stellten schnell fest, dass sie viele gemeinsame Interessen und Vorlieben hatten. Mareike legte die Sorgen der letzten Wochen ab und konnte wieder herzhaft lachen. Ein wenig Farbe kehrte in ihr Gesicht zurück, der harte Zug um den Mund wich einem entspannten Lächeln und für einige Stunden fühlte sie sich an Stefans Seite geborgen und beschützt.
Sie trennten sich vor Mareikes Elternhaus und verabredeten sich für den übernächsten Abend. Mit einem Kuß auf beiden Wangen verabschiedete sich Stefan. „Danke für den schönen Abend” hauchte er ihr ins Ohr, sah sie aus strahlend blauen Augen zärtlich an und wandte sich seinem Auto zu. Mareike sah ihm lange nach, bis sein Auto in der Dunkelheit verschwunden war und spürte eine lange nicht erlebte Wärme in ihrem Herzen.
Stefans Blick war unverwandt auf das Foto gerichtet. Eine junge Frau, etwa Ende zwanzig, mit glatten schwarzen Haaren, dunkelbraunen Augen und Lächfältchen um den Mund schaute ihn freundlich lächelnd an. Ihr Blick hatte etwas Ermutigendes, als wolle sie ihn auffordern „Nun mach schon! Es ist an der Zeit, in die Zukunft zu schauen.” War es das? Hatte er die Vergangenheit wirklich hinter sich gelassen? War er bereit, sich auf eine unbekannte Zukunft einzulassen?
Er war zu einem Workaholic geworden. Die meiste Zeit hatte er im vergangenen Jahr im Krankenhaus verbracht, bis zur Besinnungslosigkeit gearbeitet, ohne Rücksicht auf sich selbst. Erst nachdem der Chefarzt ein ernstes Gespräch mit ihm geführt hatte, war er wach geworden und hatte bemerkt, wie sehr er mit seinem Körper umgegangen war. Er hatte sich drei Wochen Urlaub genommen und eine Reise nach Teneriffa gebucht, eine Insel, die er noch nicht kannte und in die er sich sofort verliebt hatte.
Und auf dem Rückflug hatte er Mareike kennen gelernt. Das, was er sich nie hätte vorstellen können, war passiert. Mareike hatte ihn berührt, hatte Gefühle in ihm geweckt, die er tief in sich verschüttet hatte, von dem Tag an, als seine über alles geliebte Andrea starb.
Stefan schaute zum Fenster hinaus. Es tat immer noch weh, dass Andrea nicht mehr bei ihm war. Der Schmerz war durch Mareike erträglicher geworden, doch Stefan zweifelte noch immer an seinem Schicksal. Warum hatte er Andrea nicht helfen können? Er hätte doch erkennen müssen, dass sie viel zu zart gewesen war, um ein Kind zu bekommen. Allerdings hatte niemand geahnt, dass eine Schwangerschaft für Andrea tödlich ausgehen sollte. Sie hatte die Geburt nicht überlebt. Eine seltene Krankheit war Ursache für die dramatischen Minuten, die sich vor Andreas Tod abgespielt hatten. Doch keiner hatte ihr helfen können. Als Trost blieb Stefan sein Sonnenschein Juliane. Das kleine Mädchen war gesund zur Welt gekommen. Um die Erziehung kümmerten sich im Moment vorwiegend seine Eltern, da er ständig in der Klinik war. Allerdings wusste Stefan, dass dies keine gute Lösung war. Er liebte seine Tochter, doch so viel an ihr erinnerte ihn an seine Andrea. Trotzdem nahm sich Stefan vor, in den nächsten Tagen ein klärendes Gespräch mit seinen Eltern zu führen. Julianchen sollte künftig bei ihrem Vater aufwachsen. Dort, wo sie auch hingehörte. Stefan war sich bewusst, dass Mareike für seinen neu entdeckten Lebensmut verantwortlich war.
„Andrea, ich werde dich immer lieben. Das weißt du. Doch du bist nicht mehr bei mir. Verzeih mir, wenn eine andere Frau in mein Leben getreten ist”, flüsterte er leise. „Ich weiß, du würdest nicht wollen, dass ich weiterhin allein bleibe.”
Trotz dieser Worte schaute Stefan wieder zweifelnd auf das Bild seiner geliebten Frau. Wollte er wirklich eine neue Beziehung eingehen? Wollte er für sein Kind eine andere Mutter haben? Was war eigentlich, wenn Mareike von Juliane erfuhr? Fragen über Fragen und Stefan wusste keine Antwort. Vorhin war er sich so sicher gewesen, dass Mareike seinem Leben wieder einen Sinn geben konnte, aber jetzt schaute Stefan grübelnd auf seine Hände.
In diesem Moment klingelte das Telefon. Mareikes Vater war am anderen Ende der Leitung. Aufgeregt teilte er Stefan mit, dass Mareike im Krankenhaus war. Der viele Kaffee und die Zigaretten, der wenige Schlaf und die unzureichende Nahrungsaufnahme hatten Mareike einen Nervenzusammenbruch beschert. Sicher, Mareike ging es schon wieder besser, aber sie musste zur Beobachtung in der Klinik bleiben. Stefan versprach, sich um Mareike zu kümmern. Kaum war das Gespräch beendet, nahm er Jacke und Autoschlüssel und stürmte aus seiner Wohnung.
Leise schloss Stefan die Tür hinter sich und näherte sich Mareikes Bett. Sie schlief. Sie war blass und hatte dunkle Ringe unter den Augen, die sie am Abend vorher, als sie sich getroffen hatten, geschickt überschminkt hatte.
Was Mareike in den letzten Wochen und Monaten erlebt und durchgemacht hatte, wusste Stefan nur zum Teil, von dem Moment an, als sie sich im Flugzeug kennen gelernt hatten und sie auf dem Weg zu ihrer schwer kranken Mutter war.
Er hatte einen Blick in ihre Krankenakte geworfen und ein sorgenvoller Zug legte sich um seinen Mund. Mareikes vegetatives Nervensystem war ziemlich aus den Fugen geraten.
Sie hatte bei der Aufnahme über Schweißausbrüche, Herzrasen und ein Rauschen im Ohr geklagt. Der Verdacht eines Hörsturzes hatte sich bestätigt. Ihr EKG war zwar unauffällig, aber der Blutdruck war viel zu hoch. In der Aufnahmestation hatte es den behandelnden Arzt viel Mühe gekostet, Mareike zu überreden, sich einer gründlichen stationären Untersuchung und Beobachtung zu unterziehen. Mareike war in Tränen ausgebrochen und erst, nachdem der Arzt sich aus ihrem Gestammel und den Wortfetzen ein Bild machen konnte, war ihm klar geworden, weshalb Mareike sich so sehr einer stationären Aufnahme widersetzte. Wenige Wochen zuvor war ihre Mutter hier gestorben. Aber nach einem weiteren Gespräch mit ihrem Vater, der außer sich vor Sorge war, willigte Mareike ein und wurde in der Neurologie aufgenommen.
Sie hatte eine Beruhigungsspritze bekommen und schlief. Stefan wollte sie nicht wecken und zog sich in das Dienstzimmer seiner Station zurück. Er hatte noch einige Stunden Zeit, bis sein Nachtdienst begann, genug Zeit, um Mareikes Verlegung von der Neurologie auf seine Station zu regeln. Wenn Mareike erwachte, war er bei ihr.
Mareike schlug die Augen auf und rutschte intuitiv ein wenig tiefer unter ihre Bettdecke, als sie Stefan im weißen Arztkittel vor ihrem Bett gewahrte. „Was machst du denn hier?” Gleichzeitig hätte sie sich ohrfeigen können ‚Was sollte er hier als Dienst habender Arzt schon machen?’
Er schaute sie liebevoll an „Ich habe dich unter meine Fittiche genommen, um dich wieder auf die Beine zu bringen.” „Dann laß uns das schnell angehen, ich habe so viel zu tun”, antwortete sie ein wenig schnippisch. Sie hatte zwar keinen Spiegel zur Hand, aber sie konnte sich lebhaft ausmalen, wie sie mit strähnigen Haaren, ungeschminkt und verschlafen in ihrem weißen Bett lag. Ihr Blick wanderte zu ihrer rechten Hand und dann in die Höhe. „Was ist das, Herr Doktor meines Vertrauens? Warum bin ich hier angekettet?”
„Du bist nicht angekettet, du hängst am Tropf und das mußt du noch einige Tage über dich ergehen lassen, du hattest schließlich einen Hörsturz. Dein Blutdruck ist zu hoch und dein Nervenkostüm hat ein paar Blessuren bekommen, die behandelt werden müssen.”
Mareikes Augen weiteten sich ungläubig. „Du willst mich hier für länger festhalten? Unmöglich. Ich habe prima geschlafen und ich fühle mich schon wieder ganz fit. Bitte, laß mich nach Hause gehen.” Sie richtete sich auf, aber Stefan drückte sie sanft in die Kissen zurück. „Du gehst dann nach Hause, wenn ich das verantworten kann. Im Ernst, Mereike…” geduldig erklärte Stefan ihr, wie wichtig es sei, ein paar Tage im Krankenhaus zu bleiben und klärte sie über die weiteren Untersuchungen und Behandlungen auf wie über die Risiken, die sie einging, wenn sie frühzeitig entlassen würde. Mareike gestand sich ein, dass er Recht hatte und fügte sich. Trotz der widrigen Umstände dachten beide innerlich das Gleiche, sie würden sich in den nächsten Tagen öfters sehen, als unter normalen Umständen.
Mareike erholte sich schnell und verbrachte, nachdem sie nicht mehr am Tropf lag, viel Zeit in der gepflegten Gartenanlage des Krankenhauses. Die laue Herbstluft tat ihr gut und sie hatte viel Zeit zum Nachdenken. Stefan nahm sich außerhalb seines Dienstes viel Zeit für sie. Es störte ihn nicht, dass das Pflegepersonal das häufige Beisammensein zwischen Stefan und Mareike gespannt und erwartungsvoll verfolgte. Vielen war die schwere Zeit, die Stefan nach Andreas Tod durchlitt, noch gut in Erinnerung. Er hatte für lange Zeit das Lachen verlernt und nun bewies seine gute Laune und das Leuchten in seinen Augen, dass er sich dem Leben neu zugewandt hatte.
Er hatte sich in Mareike verliebt und es war an der Zeit, ihr von Andrea und Juliane zu erzählen. Mareike hingegen hatte wieder mit einem inneren Gefühlschaos zu kämpfen, doch je mehr sie darüber nachdachte, desto klarer wurde es vor ihrem inneren Auge. Sie hatte Sehnsucht nach Teneriffa, aber nicht mehr nach Carlo und schon gar nicht nach Julio.
Seine Anrufe waren immer seltener geworden, nachdem Mareike ihm mehrfach klar gemacht hatte, dass sie für einige Zeit in Deutschland bliebe. Eifersüchteleien und Kreuzverhöre hatten sein südländisches Temperament ans Tageslicht befördert, so dass Mareike immer mehr das Gefühl bekam, sich mit Carlo in eine Abhängigkeit zu begeben, die sie nicht wollte.
Stefan ahnte noch nichts davon, dass sie ihr weiteres Leben auf Teneriffa verbringen wollte und sie wusste nicht, wie sie ihm das beibringen sollte.
Stefan hatte gerade seine Kaffeetasse abgestellt, als Mareike ihn ganz unvermittelt fragte, „Hast du eigentlich je daran gedacht, dich als Internist mit eigener Praxis niederzulassen? Hier im Krankenhaus arbeitest du doch rund um die Uhr.” Stefan schaute sie überrascht an. „Ja, das war immer mein Wunsch und in den letzten Tagen habe ich auch wieder verstärkt daran gedacht. Kannst du Gedanken lesen?” „Vielleicht”, schmunzelte Mareike so vor sich hin, nahm all ihren Mut zusammen, um den nächsten Schritt einzuleiten. „Du warst von deinem Teneriffa Urlaub so angetan, genau wie ich mich der Faszination der Insel nicht mehr entziehen kann.” Ihr Blick schweifte ab und Stefan hatte das Gefühl, sie wurde von etwas Magischem angezogen, dass sie gedanklich fesselte.
Er beobachtete sie fasziniert und belustigt zugleich. „Worauf willst du hinaus?” fragte er leise.
Sie richtete ihre Augen auf ihn, nahm seine Hand in ihre und sah ihn mit festem, entschlossenem Blick an.
Stefans Gedanken wirbelten völlig durcheinander. Hatte er Mareikes Vorschlag richtig verstanden? „Das ist unmöglich”, war das Einzige, was er hervor brachte.
Mareike sagte kein Wort. Ihr Blick schweifte erneut in die Ferne und eine endlose Stille breitete sich zwischen ihnen aus. „Ich muss zurück in mein Zimmer, das Abendessen wird gleich gebracht.” Mareike erhob sich von ihrem Stuhl im Garten der Cafeteria, zog ihr Schultertuch enger um sich und wandte sich zum Gehen.
„Warte”, Stefan sprang auf, nahm ihre Hand und zog sie mit sich. Er hatte noch zwei Stunden Zeit, bis sein Nachtdienst begann. Mareike folgte ihm, hielt aber mitten auf dem Weg zum Parkplatz an. „Stefan, was hast du vor? Ich kann die Klinik doch nicht einfach verlassen?”
„Du bist meine Patientin und ich übernehme die Verantwortung. Komm.”
Wortlos stieg Mareike in Stefans Auto. Was war nur in ihn gefahren? Mareike hatte lange Zeit keine Ahnung, wohin sie fuhren. Sie warf einen Seitenblick auf Stefan. Sein Gesichtsmuskeln wirkten angespannt, sein Blick war starr geradeaus gerichtet. Als er mit quietschenden Reifen vor dem Friedhof hielt, unterbrach Mareike die Stille. „Was soll das?” fuhr sie ihn an.
Stefan antwortete nicht, stieg aus und wartete aus sie. „Ich will dir etwas zeigen.” Seine Worte waren kaum zu verstehen, so leise sprach er. Mareike folgte ihm, nicht ahnend, was sie erwartete. Das alles kam ihr unheimlich vor und stand sicher nicht in ihrem Therapieplan.
Unweit der Grabstelle ihrer Mutter blieb er stehen. „Deshalb kann ich nicht weg.” Mareike richtete ihren Blick auf das Grab, das mir blühenden Herbstastern bepflanzt war. Auf einem schlichten Marmorstein stand nur ein Wort ‚Andrea’. Erst als sie das Lebensalter darunter näher betrachtete, ahnte sie, warum Stefan sie hierher geführt hatte. Wie wenig sie doch voneinander wussten. Stefan war in seinen Gedanken versunken und sie ließ ihn gewähren.
Erst als sie bereits auf dem Rückweg waren, fand er seine Worte wieder und die Verkrampfung löste sich in seinem Gesicht. „Du musst noch etwas wissen. Ich bin nicht alleine. Sie heißt Juliane, ist knapp fünf Jahre alt und lebt bei meinen Eltern. Andrea ist bei ihrer Geburt gestorben und Juliane ist das einzige, was mir von Andrea geblieben ist.”
Als sie in der Klinik angekommen waren, umarmten sie sich lange schweigend. Mareike ging wortlos in ihr Zimmer, sie musste jetzt alleine sein.
Mareike blieb in den nächsten zwei Tagen fast ausnahmslos in ihrem Zimmer. Ihre Untersuchungsergebnisse waren alle da und sie hoffte, bald entlassen zu werden. Organisch lag nichts Gravierendes vor, aber ihre Seele würde eine Weile brauchen, sich zu erholen. Anstrengungen und Aufregungen sollte sie in nächster Zeit vermeiden.
Sie hatte Sehnsucht nach Teneriffa, nach der auch im Winter wärmenden Sonne und dem satten Grün der Insel. Der Herbst kam hier mit großen Schritten. Es stürmte und die goldbraunen Blätter wirbelten munter durch die Luft.
Es waren nur noch wenige Formalitäten zu erledigen, ein Großteil ihrer Sachen, die sie auf Teneriffa brauchte, waren verschifft und bereits auf dem Weg, ihre Wohnung hatte sie anderweitig vermietet, alles Notwendige abgemeldet oder umgeschrieben.
Ihr Vater hatte seinen Umzug vorbereitet und auf diesem Weg wollte Mareike ihn noch begleiten. Einige Urlaubstage auf Sylt würden ihr gut tun, bevor sie nach Teneriffa zurück fliegen würde.
Aber ihre Freude war getrübt. Wie hatte sie Stefan in ihrer Euphorie so überrumpeln können? Sie hatte weder von seiner Frau noch von seinem Kind gewusst. Ebensowenig hatte sie sich in ihr Innerstes blicken lassen. Nach der Trennung von Martin war sie intuitiv vorsichtig geworden, zu tief saß der Schmerz in ihrem Innersten. Das war ihr in den letzten Tagen klar geworden. Um wieviel vorsichtiger mußte Stefan nach seinen leidvollen Erfahrungen geworden sein?
Und noch eines war ihr in den letzten beiden Tagen klar geworden. Sie liebte ihn und hatte in ihrem Inneren das Gefühl, endlich angekommen zu sein. Nur die Zeit würde zeigen, ob es für sie einen gemeinsamen Weg geben würde.
Als Mareike ihre Tasche packte, betrat Stefan leise das Zimmer. Sie hatte ihn nicht kommen hören und zuckte zusammen, als er sie von hinten umfasste. „Ich lasse dich ungern gehen. Pass gut auf dich auf.” Er lehnte seinen Kopf an ihren und sie spürte, dass er zitterte.
Mareike wand sich vorsichtig aus seiner Umarmung und schaute ihn aus ihren klaren, grünen Augen an. „Verzeih, dass ich dich so überrumpelt habe. Aber ich hatte ja keine Ahnung…” Statt einer Antwort suchten seine Lippen ihren Mund. Sie hielten sich aneinander fest und küssten sich, erst zärtlich, dann immer leidenschaftlicher. Mareike merkte, wie ihr innerlich das Herz zerriss und es unter ihren geschlossenen Augenlidern feucht wurde.
„Leb wohl, Stefan und danke für alles, was du für mich getan hast.” Obwohl sie lieber weiterhin in seinen Armen gelegen hätte, löste sie sich vorsichtig. Sie hatte Angst, schwach zu werden und von einem Moment zum anderen all ihre Pläne komplett über den Haufen zu werfen, um in Stefans Nähe bleiben zu können.
Sie nahm ihre Tasche, hauchte ihm noch einen Kuss auf die Wange und verließ das Zimmer. Erst als sie unten in das wartende Taxi gestiegen war, ließ sie ihren Tränen freien Lauf.
Mareike stand am Strand und sog die würzige Meeresluft tief ein. Dunkle Wolken brauten sich über ihr zusammen. „Lass uns gehen, bevor wir noch nass werden”. Bestimmend zog sie ihren Vater am Arm, so wie sie es immer als kleines Kind gemacht hatte, wenn sie ungeduldig war und weitergehen wollte.
Als sie in seine kleine Wohnung zurück gekehrt waren, in der nach dem Umzug nach Sylt inzwischen alles an seinem richtigen Platz war, setzte Mareike Wasser auf, brühte einen Tee und verfeinerte ihn mit einem kräftigen Schuss Rum. Sie setzte sich auf den Sessel vor das lodernde Kaminfeuer und schaute gedankenverloren in die lodernden Flammen.
Ihr Koffer stand gepackt in ihrem Zimmer. Eine beklemmende Stille erfüllte den Raum. So sehr sie sich in den letzten Tagen nach Teneriffa gesehnt hatte, so sehr hoffte sie nun, dass die letzten Stunden nicht vergehen würden.
Ihr Vater tat alles, um ihr den Abschied nicht noch schwerer zu machen. Mareike wusste, dass er ihr was vormachte. Den Tod seiner Frau hatte er noch lange nicht verwunden und obwohl er aus der gemeinsamen Zeit viele Bekannte auf der Insel hatte, war er doch ein einsamer Mann geworden. Und seine einzige Tochter lebte ab morgen wieder etwa vier tausend Kilometer von ihm entfernt.
Aber Mareike hatte sich entschieden, sie ging zurück. Sie mußte ihr eigenes Leben in den Griff bekommen, auch ohne den Mann, den sie liebte. Stefan brauchte Zeit, darum hatte er sie gebeten. Und er hatte ihr versprochen, seinen nächsten Urlaub mit Juliane bei ihr auf Teneriffa zu verbringen. Das war Mareikes Strohhalm, an den sie sich klammerte und den sie sinnbildlich ganz fest in ihren Händen hielt.
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