27. Dunkle Geheimnisse
Victor schnallte sich an und wartete auf das Starten der Maschine. Ein Blick aus dem Fenster zeigte ihm, dass der neue Tag in den Startlöchern stand. Zufrieden schloss Victor die Augen. Nicht mehr lange und er würde wissen, wer sich hinter diesem Stefan verbarg, für den sich Carlo so brennend interessierte. Victor wusste, dass Carlo gefährlich war. Hinter dem Schriftsteller verbarg sich ein gesuchter Mörder, der es bisher gut verstanden hatte, alle Spuren hinter sich zu verwischen. Carlos schriftstellerische Fähigkeiten halfen, den Mantel des Schweigens auszubreiten. Nun hatte es Carlo also auf diesen Stefan abgesehen. Victor pfiff leise durch die Zähne. In dessen Haut wollte er nicht stecken. Seine Aufgaben war es, diesen Knaben aufzuspüren. Blieb da nur noch Mareike. So richtig wusste Victor nicht, was er wegen dieser Frau unternehmen sollte. Doch das konnte warten. Erst einmal musste Victor Stefan finden. Als die Maschine ihre Flughöhe erreicht hatte, schloss Victor die Augen und dachte an Carmen. Nur gut, dass Carlo nicht wusste, dass Carmen seine Geliebte war. Immerhin war Carmen Carlos Verflossene. Doch im Augenblick hatte Carlo sicher andere Gedankengänge. Victor gähnte herzhaft und dachte an seine Carmen; an die Frau, die ihn jede Nacht verführte und die ihm Erfüllung schenkte. Eigentlich sollte er jetzt bei ihr sein und sich nicht um eine für ihn uninteressante Person kümmern. Doch Carlo wusste zu viel von ihm. Dadurch war Victor in seinen Händen.
Die Flugbegleiterin riss Victor aus seinen Träumen. Charmant fragte sie nach Victors Wünschen. Victor lächelte ihr treuherzig zu und bestellte eine leichte Malzeit und einen Whisky. Zustimmend nickte die junge Frau und kümmerte sich um Victors Bestellung. Der Flug verlief angenehm. Als Victor in Hamburg ankam, schien die Sonne und es versprach, ein herrlicher Tag zu werden.
Er verließ das Flughafengebäude und schaute er sich nach einem Taxi um. Er fand sehr schnell eins und konnte seine Reise fortsetzen. Carlo hatte für ihn ein Zimmer in einem luxuriösen Hotel gebucht. Das war das Angenehme an Carlos Aufträgen. Es stand immer genügend Geld zur Verfügung. Victor checkte im Hotel ein.
Mareike lief ziellos am Strand entlang. Sie hatte Angst vor der Auseinandersetzung mit Carlo. Die letzten Stunden hatten ihr gezeigt, dass Carlo unberechenbar war. Wie konnte sie unbeschadet aus dieser Affäre herauskommen? Von Anfang an war Mareike klar, dass sie Carlo nicht gewachsen war. Er umgarnte mit seinem Charme und überzeugte mit Worten und Argumenten, so dass man gar nicht mehr klar denken konnte. Doch in Deutschland hatte Mareike erkannt, dass Carlo ihr nicht das Leben bieten konnte, was sie sich wünschte. Von ihm ging Leidenschaft und Verlangen aus, aber Zuneigung und Wärme fehlten. Mareike blieb stehen und schaute auf das Meer. Wie friedlich plätscherten die kleinen Wellen vor sich hin. Welche Ruhe strahlte die Landschaft aus. Auf einmal begannen Tränen über das Gesicht der jungen Frau zu laufen. Was sollte sie nur tun? „Mareike”, hörte sie auf einmal eine Stimme flüstern…
„Sei auf der Hut. Geh zurück nach Hause, hier wirst du nicht glücklich.” Ganz deutlich vernahm Mareike die Stimme ihrer Mutter. Mareike schaute mit Tränen überströmtem Gesicht zum strahlend blauen Himmel hinauf, dessen leuchtendes Blau nur vom Schnee bedeckten Gipfel des Pico del Teide unterbrochen wurde. ‚So schnell werfe ich die Flinte nicht ins Korn’ antwortete Mareike ihrer Mutter trotzig und warf zur Bestätigung die rötlichen Locken nach hinten. Nachdem ihr Vater das Haus in Hamburg verkauft hatte, schlug er Mareike vor, auf Teneriffa etwas Eigenes zu kaufen, ein kleines Hotel oder eine Taverne. Er hatte ihr das Erbe ihrer Mutter zugesichert, sobald sie etwas Passendes gefunden hätte. Sie hätte das Geld sogar in eine Praxis investiert, wenn Stefan mit ihr gekommen wäre. Und nun sollte das alles nur ein verheißungsvoller Traum gewesen sein? Ein entschlossener Zug legte sich um ihren Mund, ein Zeichen dafür, dass Mareike sich von einem Carlo nichts gefallen lassen würde. Ihr fehlte jemand zum Reden. Stefan konnte sie nicht damit behelligen, Julio wollte sie nicht mehr über den Weg laufen, Fernando war Carlos Bruder und Conchetta, Julios Frau, war aufs spanische Festland gezogen. Eigentlich blieb nur noch Michael, ihr Arbeitgeber. Er hatte immer ein offenes Ohr für sie gehabt und ihr versprochen, sie wieder einzustellen, wenn sie nach Teneriffa zurück käme.
Carlo hatte ein paar Stunden intensiv an seinem neuen Roman gearbeitet. Immerhin verdiente er sich damit offiziell seinen Lebensunterhalt. Doch nun beschloss er, eine Pause einzulegen. Sofort schlich sich Mareike in sein Denken. Schon beim Gedanken an ihre Aufsässigkeit, kroch die Wut wieder in Carlo hinauf. Sofort griff er nach seinem Handy und aktivierte Victors Nummer. Es dauerte viel zu lange, bis dieser sich meldete. „Hast du etwas herausgefunden Victor?” Carlo lauschte auf die Informationen, die er von Victor erhielt. „Finde heraus, ob die beiden noch in Verbindung stehen”, forderte Carlo, kurz bevor er das Gespräch beendete. Zufrieden lehnte sich Carlo in seinem Sessel zurück und steckte sich eine Zigarette an. Grübelnd sah er den Rauchwolken nach. Wenn Mareike keine Verbindung mehr zu Stefan hatte, konnte der am Leben bleiben. Dann war er für Carlo uninteressant. Doch das galt es nun herauszufinden. Das war Victors Aufgabe. Er selbst sollte sich auf die Suche nach Mareike machen. Sie war schon lange genug weg. Carlo klappte den Laptop zu, nahm Jacke und Autoschlüssel. Kurz darauf verließ er seine Wohnung und stieg in seinen BMW. Wie er Mareike kannte, war die sicher am Strand. Er kannte ihre Lieblingsstelle. Dort würde er sie auch finden. Falls nicht, musste er eben noch ein paar Telefonanrufe tätigen. Am Strand angekommen parkte Carlo den Wagen hinter einer dicken Palme und hielt Ausschau nach Mareike. Es dauerte nicht lange und er hatte sie entdeckt. Sie saß im Sand und sah aufs Meer hinaus. Carlo wusste in diesem Moment, er musste diese Frau besitzen. Keiner sollte sie ihm je wegnehmen. Carlo bewegte sich leise und vorsichtig auf die junge Frau zu. Mareike bemerkte erst seine Anwesenheit, als er kurz vor ihr stand. Erschrocken schaute sie in das Gesicht des Mannes, den sie mal irrtümlicherweise geliebt hatte. Was sieh sah, schnürte ihr den Magen zusammen.
In Carlos Blick lag etwas, dass ihr Angst machte. Mit stechendem Blick beobachtete er Mareike wortlos. „Komm mit”. Mareike tat, als habe sie ihn nicht verstanden. „Komm mit”, forderte er sie erneut mit einem bedrohlichen Unterton in der Stimme auf. Mareike blickte ihn an, versuchte ihr Zittern zu verbergen und antwortete mit fester Stimme „Lass mich in Ruhe. Und wenn du es wagst, mich anzufassen, schreie ich um Hilfe.” Carlo blickte sich um, der Strand war voller Menschen. Er wollte kein Aufsehen erregen. Noch einmal versuchte er, nun mit sanfter Stimme, auf Mareike einzureden. „Lass uns etwas essen gehen und in Ruhe darüber reden, wie es weiter geht.” Mareike hatte Angst und überlegte fieberhaft, sich auf das Angebot einzulassen. Doch etwas in seinem Blick warnte sie, sie hatte das Gefühl, einem Wahnsinnigen ausgeliefert zu sein. Diesen Blick hatte sie schon einmal gesehen, kurz nach seinem schweren Autounfall, als er im Krankenhaus lag. Hatte er durch den Unfall einen Teil seines Verstandes verloren? „Nein, Carlo, ich gehe nirgendwo mit dir hin. Laß mich einfach nur in Frieden. Ich liebe dich nicht, akzeptiere das bitte.”
Mareike stand auf, packte ihre Sachen zusammen und ließ ihn stehen. „Das wird dir noch Leid tun”, zischte Carlo kaum hörbar durch die zusammen gepressten Lippen und sah mit zornig blitzenden Augen nach.
Mit zitternden Fingern schloss Mareike die Tür ihres Autos auf, warf einen gehetzten Blick zurück zum dunklen Strand von Punta Brava und sah, dass Carlo noch an derselben Stelle stand und ihr nachblickte. Sie jagte das Auto zurück durch die engen Straßen der Altstadt, sofern die engen Gassen eine höhere Geschwindigkeit erlaubten. Nach wenigen Minuten erreichte sie ihre Wohnung, schmiss wahllos ein paar Sachen in einen Koffer und fuhr wieder in die Altstadt zurück.
Morgen würde sie ihren Dienst wieder antreten. Sie hatte Michael kurz per Handy informiert, dass sie auf dem Weg sei und dringend mit ihm reden müsste. Ohne eine Antwort abzuwarten hatte sie aufgelegt. So verwunderte es sie nicht, dass Michael bereits nervös vor dem Hotel auf und ab ging und ungeduldig auf sie wartete.
Nachdem sie ihren Wagen auf dem Parkplatz des Innenhofes abgestellt hatte, lief sie Michael entgegen. Er starrte erst auf ihren Koffer, hob dann ungläubig den Blick und fragte „Was ist passiert? Ist der Teufel hinter dir her oder willst du schon wieder verreisen?”
Mareike ließ den Koffer mehr fallen als sinken, warf sich in Michaels Arme und begann zu schluchzen. „Ich brauche nur ein Zimmer. Hoffentlich ist nicht alles ausgebucht.”
Michael löste sanft ihre Arme von seinem Nacken. „Komm erst mal rein und laß uns reden. Ich freue mich, dass du endlich wieder da bist.”
Nachdem Mareike Michael erzählt hatte, dass Carlo sie nicht aus den Augen ließ und sogar bedroht hatte, starrte Michael ratlos vor sich hin. „Das gibt’s doch nicht, du mußt dich doch vor diesem Wahnsinnigen schützen können. Selbst, wenn du erst einmal hier wohnst, wird es nicht lange dauern, bis er herkommt und sein Spiel hier fortsetzt.” „Und – was schlägst du vor? Soll ich zur Polizei gehen? Dich lachen sich doch tot, wenn sie erfahren, dass mich ein eifersüchtiger Lover verfolgt und es sogar ein Landsmann von ihnen ist. Man müsste ihm einen Denkzettel verpassen, aber so einen, dass es ihm weh tut”, sinnierte Mareike vor sich hin. „Das hört sich ja fast so an, als würdest du einen bezahlten Killer auf ihn hetzen wollen.” Michael grinste und dachte dabei an seine heimliche Leidenschaft, jeden James Bond Film so oft zu sehen, dass er die Drehbücher fast auswendig kannte.
„Ganz so dumm ist deine Idee nicht”, antwortete Mareike. „Ich habe nur keinerlei Beziehungen zur Unterwelt”, setzte sie resigniert hinzu.
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