28. Spiel mit dem Feuer
Charlotte verließ gerade ihr Zimmer, als Julio um die Ecke bog. „Na schöne Frau, wo wollen Sie denn hin?”, fragte er mit einschmeichelnder Stimme.
Sie sah auf den Mann, der ihr irgendwie bekannt vorkam. „Wollen sie etwas bestimmtes von mir?”, fragte sie leicht arrogant. Julio grinste die junge Frau verführerisch an. „Wir können das ja bei einem Drink an der Hotelbar besprechen”, schlug er schnell vor. Charlotte überlegte einen Augenblick. Eigentlich hatte sie nichts vor und Michael war nirgends zu finden. Zustimmend senkte sie ihren Kopf. Beide begaben sich zu der noch mäßig besuchten Hotelbar. Julio bestellt Champagner, da er annahm, dass Charlotte genau dieses Getränk bevorzugte. Ihrem genießerischen Blick konnte er entnehmen, dass er Recht hatte. Die nächsten Minuten unterhielt Julio Charlotte mit lustigen Episoden von der Insel. Charlotte amüsierte sich prächtig in Julios Gesellschaft. Wie unabsichtlich nahm Julio Charlottes Hand in seine und spielte mit ihren Fingern. Charlotte überließ ihm willig ihre Hand und genoss die Berührungen. Julio wurde mutiger und streichelte Charlottes Gesicht. Diese schloss die Augen und wartete auf den Kuss, der nun sicher kommen würde. Doch Julio war schlau genug, um nicht gleich seine ganze Energie einzusetzen. Deshalb zog er sich wieder vorsichtig zurück. Charlotte öffnete die Augen und schaute verwundert auf den Mann, der sie eben noch so zärtlich gestreichelt hatte. Nichts in seinen Augen verriet seine Gefühle.
Charlotte nahm ihr Glas in die Hand und schaute Julio fragend an. „ Was hast du vor Julio?”, fragte sie gefährlich leise. Julio lächelte sie unschuldig an. „Ich möchte einen schönen Abend mit dir verbringen, den du genießen sollst.” „Ist das alles, was du von mir willst?” „Charlotte, sei doch geduldig und denke nicht so viel nach. Sicher wirst du dich in meiner Gesellschaft wohl fühlen.” Charlotte schaute zweifelnd auf den Mann und bemerkte dabei Michael nicht, der am anderen Ende der Bar stand.
Michael wartete sehnsüchtig darauf, dass Charlotte abreiste, aber sie hatte sich in den Kopf gesetzt, ihn zurück zu gewinnen. Nachdem er ihr unmissverständlich erklärt hatte, es würde für das Kind sorgen, wegen des Kindes aber nicht zu ihr zurückkehren, war das Thema Charlotte für ihn endgültig beendet. Charlotte mußte andere Saiten aufziehen. Tagsüber sah er sie kaum, nachmittags kam sie vom Strand zurück, ließ sich Sekt aufs Zimmer bringen und irgendwann am frühen Abend verließ sie das Hotel. Er mußte zugeben, sie sah umwerfend aus. Die Sonne hatte einen bronzefarbenen Schleier auf ihre Haut gelegt, ihre schwarzen, langen Haare umrahmten das feine, perfekt geschminkte Gesicht und ihre dunkelbraunen Augen waren von einer seltenen Klarheit. Mit einer messerscharfen Beobachtungsgabe ausgestattet, registrierte sie alles blitzschnell, was um sie herum geschah. Spät abends kam sie ausgelassen ins die kleine Hotelbar zurück, jeden Abend in anderer männlicher Begleitung und teilte ihre gute Laune laut lachend allen anderen mit. An diesen Abenden übersah sie Michael und tat, als kenne sie ihn nicht.
Mittlerweile war er sich sicher, dass sie nicht schwanger war. Sie sprach dem Alkohol mächtig zu und rauchte in Gesellschaft mehr denn je. Aber ihre Eifersuchtstour hatte er durchschaut und entwickelte eine Antipathie gegen seine frühere Verlobte, die ihn selbst wunderte. Er beobachtete sie und ihren heutigen Begleiter und wandte sich angewidert ab. Morgen würde er sie auffordern, das Hotel zu verlassen. Sollte sie doch weiter Urlaub auf der Insel machen, Hotels gab es genug in Puerto de la Cruz.
Charlotte hatte Michael im letzten Moment registriert. Sie setzte sich so hin, dass Michael ihr Gesicht sehen musste. Mit einer Hand zog sie Julios Kopf zu sich heran. Mit einem madonnenhaften Lächeln legte sie zart ihre üppigen Lippen auf Julios Lippen, schaute ihm tief in die Augen und flüsterte ihm zu „Worauf warten wir dann noch?”
Michael konnte seinen Augen kaum trauen. Da saß seine Ex-Verlobte, die offensichtlich nicht wenig Champagner getrunken hatte und benahm sich wie das letzte Flittchen. Innerlich schüttelte es ihn – diese Frau hatte er einmal geliebt, sehr sogar. Doch jetzt erkannte er, dass er nur ein Spielball in ihren Händen gewesen war. Sollte sie sich doch mit diesem Julio abgeben – ‘die beiden haben sich verdient!’, dachte Michael und ging festen Schrittes wieder zur Rezeption zurück.
Charlotte hatte bemerkt, dass sich Michael wieder an seinen Arbeitsplatz zurückging und zog sich abrupt von Julio zurück. Verständnislos schaute Julio in Charlottes Augen. “Was soll das?”, fragte er mit einem ärgerlichen Unterton. “Weißt Du eigentlich, was Du willst?”
Charlotte kicherte champagnerselig, nippte an ihrem Glas und streichelte über Julios Oberschenkel. “Sicher, aber so ein Zögern macht dich doch bestimmt so richtig heiß? Ich brauche noch etwas zu trinken”, fügte sie hinzu und hob ihr Glas in Richtung des Barkeepers.
“Ich denke, dass du genug hast!”, Julio dachte daran, wie der Abend wohl weiter gehen würde. Sollte Charlotte noch mehr trinken, dann wäre es sicherlich nicht so erfüllend für ihn. Er war gierig nach ihrer Leidenschaft, die aber mit steigendem Alkoholgenuss sinken würde. Auf eine Frau, die betrunken und schlafend neben ihm liegen würde, hatte er einfach keine Lust. Er nickte dem Barkeeper zu – dieser verstand Julios Geste und stellte die Champagnerflasche wieder in den Kühlschrank.
Julio griff Charlottes Hand, neigte seinen Kopf an ihr Ohr und flüsterte ihr etwas zu, dass ihrerseits mit einem aufseufzenden, leisen Stöhnen beantwortet wurde.
“Ich gehe mich schnell frisch machen!”, Charlotte versuchte aufzustehen, nahm aber dankend Julios Hand zur Hilfe. Sicher waren auch ihre ersten Schritte nicht, doch sie schaffte es, die Bar in Richtung der Toilettenräume zu verlassen.
“Ich bin’s”, Julio hatte sein Handy aus der Tasche gezogen. “Ich komme jetzt kurz vorbei… Kannst du mir… vorbereiten…ja, sofort – ich verlasse mich auf dich!” Seine Worte waren kaum zu verstehen. Nachdem er das mysteriöse Telefonat beendet hatte, atmete er tief durch, warf einen Geldschein auf die Theke und verließ die Bar in der gleichen Richtung wie Charlotte.
Er war sich sicher, dieser Abend würde ihm noch viel Freude machen….
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