31. Die Flucht
Hell leuchtete ihr der Mond entgegen. Um sie herum waren Berge, soweit das Auge reichte. Charlotte versuchte sich zu erinnern, woher der Wagen kam, als er die Finca erreicht hatte. Wenn sie sich recht erinnerte, war er rechts zur Einfahrt abgebogen.
Sie mußte los, Vorsprung gewinnen und entschied sich für eine Seite der Landstraße, in der Hoffnung, bald ein paar Häuser zu erreichen. Dort könnte sie vielleicht erfahren, wo sie war und von dort aus Michael anrufen.
Julio kam langsam wieder zu Bewusstsein und fasste sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an den Kopf. Als er seine Hand zurückzog war sie voller Blut. Mühsam griff Julio nach seiner Hose und fingerte sein Handy heraus. Nur gut, dass Charlotte nicht auf die Idee gekommen war, dieses mitzunehmen. Nach einigen Anstrengungen war Julio mit Carlo verbunden. „Hol mich wieder ab”, zischte Julio ins Telefon. „Dieses Flittchen hat mich fast totgeschlagen und hat sich vom Acker gemacht. Ich muss sofort zum Arzt und dann müssen wir sie suchen. Also beeile dich.” Julio ließ sich wieder aufs Bett fallen. Die Wunde hatte aufgehört zu bluten, tat aber höllisch weh. Das würde Charlotte büßen, nahm sich Julio fest vor. Das nächste Mal würde er nicht so sanft mit ihr umgehen. Hoffentlich kam Carlo schnell, denn weit konnte das Miststück nicht sein. Immerhin musste sie laufen und bis zum nächsten Ort war es ein ordentlicher Marsch. Julio lauschte und hörte das Heranfahren eines Wagens. Kurze Zeit später ging die Tür auf und Carlo stand auf der Schwelle. „Wie konnte das passieren Julio?”, fragte er scharf. „Ich dachte, auf dich ist Verlass und du hast die Sache unter Kontrolle.” Julio konnte sich gerade noch ein Stöhnen verkneifen und erhob sich vom Bett. Erst jetzt bemerkte Carlo, dass Julio kaum Kleider am Leib trug. „Ach so ist das, du konntest die Finger mal wieder nicht von der Frau lassen. Zieh dich an. Wir müssen los.” Ohne sich weiter um Julio zu kümmern, schritt Carlo zum Wagen zurück. Julio schaffte es mit Mühe, sich seine Sachen überzuwerfen und folgte dann Carlo.
„Was meinst du, in welche Richtung sie gelaufen ist?”, wollte Carlo wissen. „Ich weiß es nicht, da ich bewusstlos war, als sie das Haus verließ. Nun bring mich erst einmal zum Arzt, damit der meine Wunde versorgen kann. Danach sehen wir weiter.” Carlo schnaufte wütend und trat auf das Gaspedal. Da hatte er ja den richtigen Trottel für diese Aufgabe engagiert. Wenn man nicht alles selber machte. Leider war Victor gerade nicht verfügbar, da er andere Aufgaben hatte. Der hätte sich sicher nicht so dämlich angestellt. Im nächsten Ort hielt Carlo ruckartig vor einer Arztpraxis und drückte anschließend anhaltend auf die Klingel. Ihm war es egal, dass es nachtschlafende Zeit war. Julio rappelte sich aus dem Wagen und kam ebenfalls zur Tür. „Lass dir was einfallen, woher du deine Verletzung hast”, zischte Carlo bevor sich die Tür öffnete.
Der helle Mond tauchte die öde Landschaft der Canadas in ein gespenstisches, beängstigendes Licht. Auf ihrem Weg über die Landstraße drehte Charlotte sich immer wieder um. Sie hatte Angst – wusste nicht, wie sie mit dieser Situation umgehen sollte. Hatte sie Julio mit dem Schlag auf den Kopf wirklich getötet? Sie hatte sich doch selbst in diese Situation gebracht, nur weil sie Michael eins auswischen und ihn eifersüchtig machen wollte.
Doch Michael hatte sich nur abgewandt! Würde er sie überhaupt vermissen? Charlotte lief es eiskalt über den Rücken. Sie beschleunigte ihre Schritte. Sie wollte fort – weg von diesem unwirklichen Ort und weg von den Geschehnissen der vergangenen Stunden. Immer wieder suchten ihre Augen die Landschaft nach einem Licht ab, doch sie konnte lediglich Schatten entdecken, die vom Mondlicht auf den Boden gezeichnet wurden. Bizarre Gestalten schienen ihr zuzugrinsen.
War es Einbildung oder hörte Charlotte tatsächlich Stimmen flüstern – “Lauf!” gefolgt von einem höhnischen Lachen.
‘Zum Teufel! Was ist das?’, fragte sie sich selbst und wie zum Trotz begann sie ein Lied zu pfeifen, so wie sie es als Kind getan hatte, wenn sie im Dunklen allein war.
Charlotte begann zu rennen. Ein Gefühl panischer Angst trieb sie an. Die eiskalte Luft brannte in ihrer Lunge. Sie bemühte sich weitgehend kontrolliert zu atmen, doch ihre Kraft ließ stetig nach.
‘Ich muss dringend etwas für meine Kondition tun’, schoss es ihr durch den Kopf und es erstaunte sie selbst, dass sie in dieser gefährlichen Lage zu solch banalen Gedanken fähig war.
Wieder hörte sie ein Geräusch – war es der auflebende Wind oder verfolgte sie doch jemand.
Charlotte drehte sich erneut um. Nein, da war nichts – sie war sich sicher!
Das Auto, dass ihr mit ausgeschalteten Scheinwerfern im großen Abstand langsam folgte, sah sie nicht.
Das Lied erstarb ihr auf den Lippen. Sie jappte immer mehr nach Luft. Ihre Augen hatten sich recht gut an die Dunkelheit gewöhnt. Noch immer kein Licht, kein Hinweis auf eine menschliche Siedlung. Ihr fiel auf, dass die Vegetation immer dichter wurde und sie sich einem Nadelwald näherte. Hoch ragten die ersten Baumspitzen vor ihr auf. Es war zu gefährlich, weiter auf der Straße entlang zu laufen, falls ihr doch jemand folgte. Und dass ihr mitten in der Nacht jemand in dieser Mondlandschaft entgegen kam, war auch nicht sehr wahrscheinlich.
Sie drehte sich kurz um. Schlug sie sich querfeldein, könnte sie sich völlig verlaufen und die Orientierung völlig verlieren. „Mein Gott, was soll ich bloß tun?” fragte sie sich verzweifelt. Die Tränen rannen ihr die Wange hinunter.
Ratlos blieb sie einen Moment stehen, lauschte in die Dunkelheit der Nacht, straffte die Schultern und verließ die Straße. Im Schutz der Büsche ging sie weiter, immer darauf bedacht, parallel zur Straße zu bleiben.
Sie wusste nicht, wie lange sie gelaufen war. Sie hatte den Waldrand erreicht. Ihr Körper schmerzte, ihre Füße wollten sie nicht weiter tragen. Am Fuße einer Pinie legte sie sich hin und schloß die Augen, sie hatte keine Kraft mehr.
Vor Charlottes geschlossenen Augen liefen die Ereignisse der vergangenen Stunden wie ein Film ab. Immer wieder wurde ihr Körper von Schauern erschüttert. Charlotte öffnete die tränennassen Augen und blickte in den Himmel. Es schien ihr als würde die Dunkelheit der Nacht langsam dem Dämmern des Morgens weichen. Der Mond schien nur noch blass und vereinzelt funkelten Sterne. Charlotte musste feststellen, wie klein sie und ihre Probleme doch unter der Weite des Himmels waren und sie schickte ein leises Gebet himmelwärts. Viele Gedanken wirbelten in Charlottes Kopf umher, die sie zu ordnen suchte. Panik würde ihr im Moment nun überhaupt nicht helfen. “Michael” – immer wieder “Michael” – diesen Namen konnte sie einfach nicht ausblenden. Charlotte fühlte, dass ihr Körper von einer friedlichen Wärme umschlossen wurde und ihre Augen wieder zufielen. ‘Es wird eine Lösung geben!’ – das war der letzte Gedanke, bevor sie in einen tiefen, traumlosen Schlaf fiel. Nur wenige Minuten später fiel ein Lichtschein auf Charlotte. Eine in schwarz gekleidete Person beugte sich über sie, prüfte ihren Atem, fühlte den Puls und bedeckte dann Charlottes Körper mit Blättern und Zweigen. Im Wald begannen die ersten Vögel mit leisen Tönen den nahenden Morgen zu begrüßen.
Charlotte zuckte zusammen, nicht weit entfernt hörte sie Stimmen. Eine davon kannte sie. „Lass und wieder fahren, es hat keinen Sinn, weiter nach ihr zu suchen. Sie wird hier irgendwo in den Wäldern herumirren.” „Die entkommt mir nicht”, vernahm sie Julios zornige Stimme. „Du bist doch selber schuld, dich von einer Frau austricksen zu lassen”, antwortete Carlo zynisch, wohl wissend, dass er in einer ähnlichen Situation war.
Sie hielt den Atem an, Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn. Erst als die Stimmen sich langsam entfernten, wagte sie zu atmen und als sie das aufheulende Geräusch eines Motors und kurz darauf hörte, dass das Auto sich entfernte, wagte sie sich vorsichtig aus ihrem Versteck. Sie hatte keine Ahnung, wo sie war, wer sie mit Laub und Zweigen zum Schutz gegen die Kühle der Nacht bedeckt hatte und wie es jetzt weitergehen sollte.
Sie lebte und offenbar hatten ihre Verfolger die Suche nach ihr aufgegeben. Mit neuer Kraft richtete sie sich auf und setzte ihren Weg auf der Suche nach einem Haus fort.
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Mareike schaute gebannt auf Michaels Lippen und vergaß völlig, den nachgeschenkten Rotwein zu trinken. Michael lächelte schelmisch. „ Charlotte muss fürchterlich gelitten haben. Sie hatte Albträume, von einer Entführung in einer schwarzen Limousine, von seltsamen Tieren, die sie im Wald gefunden und als leckere Beute betrachtet hatten…Ich weiß nicht, wie sie es geschafft hat, aber nach einem Marsch quer durch den Wald erreichte sie eine kleine geschlossene Bodega in einem kleinen Ort am Rande der Canadas und ließ nicht eher locker, bis sie das ganze Wohnhaus darüber wachgeklingelt hatte. Von dort aus rief sie mich an, bat mich, ihren Koffer zu packen und sie morgens von dort abzuholen und direkt zum Flughafen zu bringen. Sie übernachtete bei einer reizenden älteren Dame, bei der ich sie morgens nach einem kräftigen Frühstück abholte und direkt zum Flughafen fuhr. Charlotte war es egal, was sie für einen Linienflug bezahlen mußte, ihr war nur wichtig, die Insel zu verlassen. Und so bin ich sie los geworden – für immer. Tja, du siehst, während du in Deutschland warst, ist die Zeit hier nicht stehen geblieben. Salute.” Michael prostete Mareike zu.
Sie hatten nach einem langen anstrengenden Abend endlich mal wieder ein wenig Zeit zum Plauschen gehabt.
Der mundige Rotwein hatte Michaels Zunge gelöst und ihn überaus redselig gemacht. So erfuhr Mareike nicht nur von seiner gescheiterten Beziehung mit Charlotte, sondern auch von seinen vergeblichen Bemühungen, Nora van Melins Herz zu erobern. Er hatte sie nach intensiven Bemühungen in Deutschland aufgespürt, aber einen Korb einstecken müssen.
Nora war von ihrer Krankheit vollständig geheilt und führte in Kiel erfolgreich eine Boutique, die ihr Vater ihr finanziert hatte. Das Thema Teneriffa, Urlaub, Sonne, Meer und Michael waren für sie abgeschlossen.
Die Entführung Charlottes und ihre abenteuerliche Flucht hatten Mareike stark bewegt, wobei sie auch schmunzeln musste, dass sich Michaels Beziehungsproblem damit auf so galante Weise gelöst hatte. Was sie allerdings nicht wusste, war WER hinter dieser Aktion gesteckt hatte und dass auch Carlo, der sich auffällig zurück gezogen hatte, seine schmutzigen Finger im Spiel hatte.
„Ach Michael, wenn ich mich doch in dich verlieben könnte, wäre alles so einfach”, seufzte sie, ebenfalls vom vielen Wein beseelt. „Wir sind so ein gutes Team, schmeißen den Laden hier ganz easy. Alles könnte so unkompliziert sein.” „Was nicht ist, kann ja noch werden”, antwortete er, jedoch er wusste, dass das reale Leben viel komplizierter war. Er hatte von einer festen Beziehung erst einmal gründlich die Nase voll. Und er wusste, dass Mareike nur einen Mann im Kopf hatte – Stefan.
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