32. Zwischen Leben und Tod
Viktors Kontakte reichten weit, so dass es ihn nur wenige Stunden gekostet hatte, Stefan in Hamburg ausfindig zu machen. Er heftete sich unauffällig an Stefans Fersen und binnen einer Woche hatte er dessen Leben durchschaut.
Er hatte sich in der Klinik umgehorcht und erfahren, dass Stefan ein angesehener Arzt war, der mehr Zeit bei seinen Patienten in der Klinik als sonst wo verbrachte. Auch dass Stefan Witwer war und regelmäßig das Grab seiner Frau besuchte, hatte er persönlich ausgespäht. Regelmäßig verbrachte Stefan Zeit mit seiner bildhübschen Tochter Juliane, die er schweren Herzens nach mehreren Stunden wieder zu seinen Eltern brachte.
Falls Mareike etwas mit diesem jungen Arzt hatte, so bekam Viktor vollstes Verständnis dafür. Was wollte sie mit einem Ganoven wie Carlo, der zudem egoistisch, jähzornig und unberechenbar war? Mit Stefan und seiner bezaubernden Tochter konnte sie eine kleine glückliche Familie gründen.
Viktor begann seinen Auftrag zu hassen. Es zog ihn in die Sonne und Wärme Teneriffas zurück. Seinem Auftraggeber konnte er guten Gewissens versichern, dass sich zwischen diesem Stefan und Mareike wohl nichts abspielte, dazu war der junge Arzt viel zu beschäftigt und hier fest verwurzelt. So legte es sich Viktor zurecht und buchte für den übernächsten Tag seinen Rückflug. Die Abende an der Hotelbar hatten seinem Leibesumfang nur geschadet, das unbequeme Bett seines Hotelzimmers stand mit seinen Bandscheiben auf Kriegsfuß und er fühlte sich in der großen pulsierenden Stadt nach wie vor fremd.
Mitten in der Nacht wachte Viktor auf. Schon wieder diese verdammten Schmerzen! Seit Tagen hatte er von Zeit zu Zeit heftige Unterleibskrämpfe, Brechreiz und Schweißausbrüche. Zu Hause wollte er sofort einen Arzt konsultieren. Aber in dieser Nacht litt er unter diesen Schmerzen so sehr, dass er die Feuerwehr rufen musste. Er dachte, sein letztes Stündlein hatte geschlagen.
Der Krankenwagen brachte ihn mit Blaulicht und Martinshorn in die Klinik, und während er halb benommen auf der Trage in die Rettungsstelle gefahren wurde, vernahm er bruchstückhaft die Lautsprecherdurchsage “Dr. Haasler, bitte in die Notaufnahme – dringend – Dr. Haasler bitte in die Notaufnahme!”
Wenig später beugte sich ein vertrautes Gesicht über Viktor. “Was kann ich für Sie tun?” fragte eine angenehme, beruhigende Stimme. Viktor konnte vor Schmerzen nicht sprechen, sondern deutete mit der Hand stumm auf seinen Unterleib. Stefan hatte von den Sanitätern bereits die Verdachtsdiagnose ‚Blinddarm’ erhalten.
Er beugte sich dichter über Viktor und eine gefährliche Schärfe lag in seiner Stimme, als er Viktor zuraunte. “So, lieber Freund, wenn ich nicht jetzt das Versprechen von Ihnen erhalte, mir zu erklären, warum Sie mich seit Tagen beschatten, vergesse ich meinen hippokratischen Eid und lasse sie hier elendig verrecken, wie eine stinkende Ratte, ist das klar?”
Viktor riß die Augen auf, entsetzt von dem Gedanken, sich schon bald die Radieschen von unten ansehen zu müssen und flüsterte “Ich werde Ihnen alles erzählen, aber bitte helfen Sie mir.”
Stefan nickte zufrieden und veranlasste alle notwenigen Maßnahmen zur Untersuchung und für eine Notoperation.
Die Vorbereitungen zur Operation Viktors liefen in routinemäßiger Gelassenheit ab. Alle Beteiligten hatten eine solche Notoperation schon häufig genug durchgeführt, nur Viktor fühlte eine unangenehme Spannung – einerseits durch seine immer stärker werdenden Schmerzen und die Nervosität vor dem bevorstehenden Eingriff, auf der anderen Seite belastete ihn die Drohung Stefans. Er war ihm in seiner momentanen Situation völlig ausgeliefert.
“Schwester?”, rief er ziemlich kleinlaut in den kalten, hell erleuchteten Raum der Notaufnahme. “Ja, es geht ja gleich los – wir müssen erst die Messer wetzen!”, kam es unwirsch und mit – für Viktor sehr gewöhnungsbedürftigen Humor – barsch zurück.
Die Schwester war an den Untersuchungstisch getreten. “Was kann ich noch für Sie tun?”, ihre Stimme klang jetzt ein wenig verbindlicher. “Ich brauche ein Blatt Papier und einen Umschlag, bitte!”
“So schlimm ist es nun auch nicht, dass Sie gleich ihren letzten Wunsch aufschreiben müssen”, Schwester Anke hatte kein besonderes Gefühl für die richtigen Worte zur richtigen Zeit. “Unser Doktor wird das schon hin kriegen – darauf können Sie sich verlassen!” Daran zweifelte Viktor in keinster Weise, nur mit welchem Ausgang für ihn – das stellte er in Frage.
Wenig später brachte ihm Schwester Anke das Papier nebst Stift und Umschlag, half Viktor fürsorglich, sich aufzurichten und stützte seinen Rücken während Viktor schnell ein paar Worte auf das Papier kritzelte, das Blatt faltete und in den Umschlag steckte.
“Bitte geben Sie diesen Brief Dr. Haasler!” und mit einem bittenden Blick hielt Viktor den Umschlag Schwester Anke vor die Nase. Sie griff ihn, nickte und steckte ihn in ihre Kitteltasche.
In diesem Moment war der Anästhesist an den Untersuchungstisch getreten. “Dann wollen wir mal versuchen, Sie von den Schmerzen zu befreien! Sie werden jetzt für ein paar Stunden tief und fest schlafen. Wir werden auch nicht zuhören, was Sie uns alles im Schlaf zu erzählen haben!” Viktor stand kalter Schweiß auf der Stirn. Seit Stefans Drohung hatten alle Äußerungen einen doppelten Sinn. Er spürte, wie eine Kanüle in die Vene der Hand gestochen wurde und nur wenige Sekunden später wurde er von Dunkelheit umgeben.
Stefan wusch sich die Hände mit steriler Lösung, trocknete sie und ließ sich von einer Schwester die Op-Handschuhe über die Hände streifen. Er versuchte sich auf die bevorstehende Operation zu konzentrieren. Dieser Eingriff war nichts Besonderes für ihn. Blinddarmoperationen standen fast täglich auf dem Plan, auch in einer solchen Notfallsituation lief die übliche Routine ab.
Doch heute war es anders! Stefan schossen seine Worte durch den Kopf, die er Viktor während der Untersuchung zugeflüstert hatte. ‘Wie unüberlegt!’, Stefan kannte zwar vom Krankenblatt einige Daten von Viktor, jedoch konnte er keine Verbindung zu seiner eigenen Person herstellen. Ihm war klar, dass er keineswegs seinen hippokratischen Eid verletzen würde. Hier war ein Mensch, der Hilfe benötigte, egal was und wer er war.
Stefan schloss die Augen – konzentriert ging er in Gedanken die einzelnen Schritte der Operation durch. Dann trat er an den OP-Tisch, atmete einmal tief durch und streckte seine rechte Hand aus, in die ihm sofort von seiner Assistentin ein Skalpell gelegt wurde.
Er richtete seinen Blick auf das Operationsfeld und setzte das Skalpell mit leichtem Druck auf die Haut der rechten Seite von Viktors Unterbauch. Mit sicherer Hand zog er den Schnitt und durchtrennte die oberste Hautschicht. Danach führte er nach und nach Schnitte durch Fettgewebe und Muskelschichten bis er den Bauchraum eröffnen konnte. Im Operationssaal herrschte absolute Ruhe, die nur durch das Piepsen der Kontrollmonitore unterbrochen wurde.
“Ach du Mist!”, entfuhr es Stefan laut als er in den geöffneten Bauchraum blickte und als er zu seiner Assistentin blickte, sah er das Entsetzen auch in ihren Augen.
Stefan konzentrierte sich wieder auf die Operation. Schweiß stand auf seiner Stirn, der von der Assistenzärztin vorsichtig abgetupft wurde.
Viktors Bauchraum war mit eitriger Flüssigkeit gefüllt – offensichtlich war der Blinddarm bereits durchgebrochen. Nun hieß es für Stefan schnell und sorgfältig handeln, um eine Entzündung des Bauchfells und weitere Komplikationen zu vermeiden. Mit nun wieder sicherer Hand führte Stefan alle notwendigen Maßnahmen durch. Dabei hatte er nicht bemerkt, dass mehr Zeit vergangen war als für eine normale Operation angesetzt wurde. Ein flüchtiger Blick auf den Kontrollmonitor zeigte ihm, dass der Blutdruck langsam aber stetig sank und sich die Plusfrequenz erhöht hatte.
Stefan legte seine Stirn in Falten und blickte in die Augen seiner Assistentin. Sie nickte ihm aufmunternd zu – es musste gutgehen, sonst hätte er ein Problem. Die kurz vor der Operation ausgesprochene Drohung schoss ihm wieder durch den Kopf. Außer Viktor hatte sicherlich kein anderer diese geflüsterten Worte gehört – sicher war sich Stefan allerdings nicht.
In diesem Moment wurde die absolute Stille im Operationssaal durch einen lauten Signalton unterbrochen. Das gesamte Operationsteam starrte auf den Kontrollmonitor und konnte sehen, wie sich die Frequenz der Herztöne Viktors langsam zu einer geraden Linie formte.
“Reanimation – schnell”, Stefan schrie die Worte in die angespannte Stille und begann sofort mit der Herzmassage. Verzweifelt drückte er rhythmisch auf Viktors Brustkorb, während seine Assistentin eine Sauerstoffmaske über Viktors Gesicht gelegt hatte. Selbst in dieser dramatischen Situation liefen alle notwendigen Maßnahmen ruhig und überlegt ab.
Minute um Minute verging – der alarmierende Signalton war nicht verstummt.
Vorsichtig berührte die Op-Schwester Stefan am Arm. “Dr. Haasler – es ist vorbei! Bitte! Geben Sie auf!”
Stefan nahm sie nicht wahr. Wieder und wieder drückte er auf Viktors Brustbein…Nein, noch nie war ihm ein Patient auf dem Tisch gestorben! Das konnte er nicht zulassen!
“Exitus!” Alle Vitalfunktionen Viktors waren erloschen!
Stefan saß an seinem Schreibtisch im Arztzimmer. Er hatte seinen Kopf in die Hände gestützt und seine Augen geschlossen. In Gedanken ging er nochmals den Verlauf der Operation durch. Er konnte es nicht begreifen, warum der Patient so unvermutet unter seinen Händen verstorben war. Zweifel quälten ihn – was hatte er falsch gemacht? Er fühlte einen beklemmenden Druck – wieder und wieder hörte er seine ausgesprochene Drohung an Viktor. Das hatte er doch nicht gewollt – er hatte sich aus Wut zu diesen Worten hinreißen lassen. Nie im Leben hätte er einem Patienten die Hilfe verweigert – das ließ schon seine Berufseinstellung nicht zu: “Ich werde mich in meinen ärztlichen Pflichten meinem Patienten gegenüber nicht beeinflussen lassen …” – im Moment straften ihn diese Worte Lügen!
Das leise Klopfen an der Tür registrierte Stefan nicht. Ebenso wenig bemerkte er, dass die diensthabende Oberschwester leise die Tür geöffnet hatte und in das Zimmer getreten war. Sie räusperte sich leise – “Dr. Haasler?” – Stefan schreckte aus seinen Gedanken hoch. “Der Exitus von eben hat einen Brief hinterlassen, den ich Ihnen geben soll!” Aus ihren Worten war deutlich die Distanz zu den Ereignissen hier im Krankenhaus zu bemerken, die sich in ihrer jahrelangen Tätigkeit aufgebaut hatte.
Sie reichte Stefan den Umschlag und verließ mit einem leisen Gruß wieder das Zimmer.
Stefan hielt den Brief in den Händen, er zögerte ihn zu öffnen. Warum hatte ihm Viktor, dessen Namen er gerade mal seit einigen Stunden kannte, diesen Brief hinterlassen. Seit Tagen fühlte er sich von diesem Mann verfolgt und nun hatte das Schicksal sein Leben unter seinen Händen beendet.
Voller Anspannung griff Stefan zum Brieföffner. Dabei fiel sein Blick auf das Foto seiner Frau. “Hilf mir!”, flehte er stumm. Sie lächelte ihm zu – ihre Augen strahlten ihn an. Auch nach ihrem Tod fühlte Stefan ihre Anwesenheit – häufig sprach er mit ihr und fühlte sich befreit, wenn er Sorgen, Kummer und auch erfreuliche Ereignisse mit ihr im Monolog klären konnte.
Mit ruhiger Hand öffnete Stefan den Brief und faltete den Briefbogen auseinander. Er atmete tief durch und begann die Zeilen, die Viktor vor der Operation hastig und unter Schmerzen aufgeschrieben hatte, zu lesen.
Stefans Augen glitten über die Zeilen. Sorgfältig erfasste er Wort für Wort, zwischendurch schüttelte er seinen Kopf oder strich sich über die Stirn. Obwohl er den Brief mehrmals las, konnte er dessen Sinn und Zusammenhang nicht begreifen. Alles was er verstand war, dass es in einen Zusammenhang mit Mareike und seinem Aufenthalt auf Teneriffa stehen musste. Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und schloss die Augen. ‚Mareike’ – er versuchte sich ihr Bild in seine Erinnerung zurückzurufen. Das Bild, das aber vor seinem geistigen Auge auftauchte, war das Bild seiner verstorbenen Frau und er versank in seinen Gedanken….
Stefan war sich der Zeit nicht bewusst, die er gedankenverloren an seinem Schreibtisch gesessen hatte. Auf jeden Fall hatte er nicht bemerkt, dass Chefarzt Dr. Glasbrenner in das Zimmer getreten war und ihn durch seine Brille beobachtete. Das Räuspern Dr. Glasbrenners holte ihn in die Wirklichkeit zurück. „Dr. Haasler!”, er holte tief Luft, „ich dachte, Sie würden gar nicht mehr wach werden!” Stefan setzte sich aufrecht in seinen Sessel, fuhr sich einmal mit beiden Händen durch die Haare und murmelte ein etwas verlegenes „Entschuldigung!” „Sind Sie aufnahmebereit?”, fragte der Chefarzt streng und zog seine linke Augenbraue nach oben. Stefan nickte wortlos. „Es wird eine Untersuchung geben!” …. „Sie sind vorerst vom Dienst befreit!” Die knappen Informationen erreichten Stefan nur oberflächlich. Erst als Dr. Glasbrenner grußlos das Zimmer verlassen hatte, wurde Stefan die Tragweite seiner Worte bewusst. Man würde eine Untersuchung einleiten, die Presse würde mit Sicherheit darüber berichten und er würde sich in allen Punkten rechtfertigen müssen. Schnell faltete er den Brief wieder zusammen und steckte ihn in seine Hosentasche. Stefan erhob sich, zog seinen Kittel aus, hängte diesen an den Haken, griff das Bild seiner Frau und das seiner Tochter. Vorsichtig legte er beide Bilder in seinen Aktenkoffer und klappte diesen energisch zu. Sein Blick schweifte noch einmal durch sein Arztzimmer, dann ging er zur Tür. Als er das Krankenhaus verlassen hatte, atmete er mit einem tiefen Seufzer die frische Luft ein. Sein Blick richtete sich gegen den Himmel, an dem dunkle Wolken aufzogen.
Nach einem langen Spaziergang hatte sich Stefans Gemüt wieder etwas beruhigt. In seinem Inneren hatte er die Gewißheit, dass er alles richtig gemacht hatte. Dass der Fremde trotzdem gestorben war, mußte andere Ursachen haben, Vorerkrankungen, die zu entdecken in der Kürze der Zeit unmöglich waren. Die Obduktion des Patienten würde klären, was die genaue Todesursache war. Und das blieb abzuwarten.
Was Stefan auf der Seele lag, waren seine eigenen Worte, die er unüberlegt vor der Operation ausgesprochen hatte. Er hatte den Fremden wahrgenommen, ihn urplötzlich auftauchen sehen, gemerkt, wie er ihm hinterher gefahren war. Er war noch nie von jemandem verfolgt worden, das kannte er nur aus Krimis.
Der Fremde hatte ihn nervös gemacht. Nicht, dass Stefan Angst um sein Leben gehabt hätte, seine Sorge galt seiner kleinen Tochter. Öfter als sonst rief er bei seinen Eltern an, um sich zu erkundigen, ob es Juliane gut ging.
Nachts verfolgten ihn Träume, Juliane in der Hand von Entführern, die ein hohes Lösegeld verlangten und seine Tochter doch umbrachten… Juliane misshandelt und missbraucht… Seine verstorbene Frau, die ihn mit Juliane wortlos verlassen hatte….
Nur aus diesem Druck heraus konnte sich Stefan seine Worte zu dem Fremden vor der Operation erklären.
Nun war der Fremde tot, die unmittelbare Gefahr gebannt. Aber da war der Brief, mit dem er nichts anzufangen wusste, der Brief, der mit einer Frau zu tun hatte, die er liebte, der er aber nicht nach Teneriffa folgen konnte, da die Schatten der Vergangenheit ihn bisher nicht los gelassen hatten.
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