33. Unerwartete Entwicklungen
Mareike blieb stehen und stützte die Hand in ihre rechte Seite. Sie hatte sich nicht ausreichend aufgewärmt, bevor sie an diesem frühen Morgen ihre Joggingschuhe angezogen und los gelaufen war.
Die Luft war kühl und schmeckte salzig. Es versprach, ein herrlicher Tag zu werden.
Mareike genoss es, früh am Morgen fast alleine am Strand zu sein. Hin und wieder begegnete ihr ein weiterer Jogger, man erhob kurz die Hand zu einem sportlichen Gruß und lief weiter.
Sie versuchte, den Kopf frei zu bekommen, aber es wollte ihr nicht gelingen. Stefan hatte sich wie ein Virus in ihre Gedankenwelt eingenistet.
Sie war seit vier Wochen wieder auf der Insel, aber eine Unruhe hatte sie von Anfang an befallen, die sie nicht mehr los werden konnte. Carlo hatte sich zurück gezogen, aber sie traute diesem Frieden nicht. Nachdem sie eine Woche lang im Hotel geschlafen hatte, war sie in ihre Wohnung zurück gekehrt. Aber auch dort fühlte sie sich nicht wohl.
Ihre letzte Begegnung mit Stefan hing ihr nach. Wie konnte sie ihm vorschlagen, so mir nichts, dir nichts mit ihr auf die Insel zu kommen? Hätte sie vorher von Andrea und Juliane gewusst, hätte sie ihm den Vorschlag nicht gemacht.
Er hatte ihr versprochen, darüber nachzudenken und seinen nächsten Urlaub auf Teneriffa zu verbringen, aber wann? Sie hatte ihn nicht angerufen, um ihn nicht zu bedrängen. Lange würde sie das aber nicht mehr aushalten, selbst wenn sie so viel laufen würde, dass sie einen Marathon bestreiten könnte.
Vielleicht hatte er sie auch schon vergessen, sich so in seine Arbeit gestürzt, so wie er auch den Tod seiner Frau durch Arbeit kompensieren wollte.
Als sie unter der Dusche stand und das lauwarme Wasser auf ihrer schweissnassen Haut fühlte, spürte sie eine Sehnsucht, die ihr körperlich fast weh tat.
Das Telefon, das ungeduldig in ihrem Wohnzimmer klingelte, überhörte sie.
Mareike hatte frei und überlegte bei einem ausgiebigen Frühstück auf der Terrasse, wie sie den Tag verbringen würde. Das quietenschende Gartentor kündigte einen unangemeldeten Besucher an. “Hola, hast du noch einen Kaffee für mich?” Fernando setzte sich Mareike gegenüber und schaute sie erwartungsvoll an.
“Was ist los mit dir, Mareike? Du wirkst in letzter Zeit so angespannt. Hast du Probleme?” Mareike kannte Fernando lange genug und wusste, dass sie ihm vertrauen konnte. Sie überlegte einen kurzen Moment, dann sah sie Fernando offen in die Augen. “Ja, das Problem ist dein Bruder Carlo. Ich habe Angst vor ihm. Ich weiß nicht, ob er akzeptiert hat, dass es zwischen uns vorbei ist. Erst hat er mich bedroht und sich aufgeführt wie ein Geisteskranker und nun ist er wie vom Erdboden verschwunden. Das alles kommt mir unheimlich vor.”
Fernendo schwieg und räusperte sich, bevor er antwortete. “Carlo ist zur Zeit in einer Klinik in Barcelona, du brauchst keine Angst zu haben, er kommt vorläufig nicht zurück.” “Was macht er da?” fragte Mareike, sichtlich erleichtert.
“Carlo ist mein Halbbruder, trotzdem habe ich ihn immer wie einen richtigen Bruder gesehen. In der Familie seines Vaters gibt es eine Erbkrankheit, eine Krankheit, die nach und nach die Gehirnzellen absterben lässt. Wir wissen das seit langem, aber wir haben selten darüber gesprochen, bis Carlos Verhalten in den letzten Monaten immer seltsamer wurde. Er selbst hat sehr darunter gelitten, hatte immer mehr Aussetzer und hat die Kontrolle über sich zunehmend verloren. Vor wenigen Wochen hat sich eingehender untersuchen lassen. Diese Krankheit ist nicht heilbar, aber ihr Verlauf lässt sich durch Medikamente verlangsamen.”
Mareike schwieg. Eine Welle der Erleichterung durchflutete ihren Körper und ihr Innerstes erlebte eine Wandlung wie vom schwersten Sturm zur lauen Brise.
“Das tut mir Leid”, mehr brachte sie nicht hervor und war sich nicht sicher, ob sie das wirklich meinte. Sie konnte plötzlich wieder tief durchatmen, das warme Sonnenlicht auf ihrer Seele spüren und ihre innere Ruhe ein wenig zurück gewinnen.
“Seine Krankheit hat ihn nicht nur körperlich beeinträchtigt, sie hat ihn auch seelisch fertig gemacht. Ich habe ein paar Manuskripte gefunden, in denen er seinen Zustand zu beschreiben versucht hat. Es muss die Hölle für ihn gewesen sein. In diesen Phasen hat er Kontakte zu Leuten geknüpft, mit denen er normalerweise nichts zu tun haben wollte.” Leise setzte Fernando hinzu “Ich glaube sogar, er ist in kriminelle Handlungen verstrickt.”
Mareike fröstelte plötzlich. Wie hatte sie sich von diesem gutaussehenden, interessanten Mann blenden lassen?
Sie war immer der Meinung, eine recht gute Menschenkenntnis zu besitzen, aber von Martin hatte sie sich ins Bockshorn jagen lassen, für Julio war sie nur ein weiteres Abenteuer, Carlo war ein Irrer.
Und Stefan? Zu ihm hatte sie sich hingezogen und bei ihm hatte sie sich geborgen gefühlt. Aber so lange Stefan seine Vergangenheit nicht hinter sich gelassen hatte, gab es für sie beide keine Chance.
Die Nachricht, dass Carlo ausser Reichweite war und ihr nicht mehr gefährlich werden konnte, erfüllte sie mit so einer Freude, dass sie Fernando zu einem festlichen Abendessen einlud.
In den nächsten Tagen fühlte Mareike sich wie im siebenten Himmel. Jeglicher Druck war von ihr gefallen, ihre psychosomatischen Magenbeschwerden waren wie weg geblasen. Sie machte ihre Arbeit mit neuem Elan, ohne jedesmal ängstlich um sich zu schauen, wenn sie nach Feierabend nach Hause wollte.
Carlo tat ihr zwar irgendwie Leid, aber das war nicht ihr Problem.
Alles wird gut – dachte sie. Aber was sollte gut werden?
Sie lebte allein auf ihrer Lieblingsinsel Teneriffa, hatten eine erfüllende Arbeit, eine hübsche Wohnung, einige Freunde und Freundinnen, aber etwas Wesentliches fehlte ihr. Sie vermisste die Liebe und Nähe eines Partners, eines Mannes, mit dem sie eine Familie gründen und alt werden wollte. Sie wurde schließlich nicht jünger und ihre biologische Uhr begann, unüberhörbar immer lauter zu ticken.
Sie musste sich immer mehr eingestehen, dass ihr Abschied von Deutschland eine Flucht war. Die Flucht vor Martin, dessen kalte Beziehungsfüße sie zur Weißglut getrieben hatten und ihr Job, der schon lange keine Herausforderung mehr war, sondern tagtäglicher Einheitsbrei.
Da war die Sehnsucht nach ‘ihrer’ Insel mit dem ewigem Frühling und die Aussicht, in ihrer hübsch eingerichteten Wohnung zur Ruhe zu kommen, ein Licht am Ende des Tunnels gewesen.
Aber konnte sie es hier auf Dauer wirklich aushalten? Zweifel keimte in ihr auf. War es das, was sie sich vom Leben erhoffte?
„Stefan!” Sehnsuchtsvoll hauchte sie den Namen in die frische Morgenluft. Sofort fühlte sie sich von einem Gefühl der Geborgenheit umgeben. Mareike griff zum Telefon, drückte die Kurzwahltaste und wartete ungeduldig auf den Verbindungsaufbau. Die Verbindung war nicht sehr gut und Mareike musste sich alle Mühe geben, die Ansage der Mailbox zu verstehen.
„Hallo Stefan – hier ist Mareike! Schade, dass ich Dich nicht erreiche. Ich hätte so gern mit Dir gesprochen! Aber dann melde ich mich später noch einmal! Bye!”
Mit einem Gefühl der Enttäuschung klappte Mareike das Handy zu und warf es auf den Sessel. ‚Warum meldete sich Stefan nicht?’, sie dachte nach. ‚Oh, vielleicht ist er im Krankenhaus und kann gar nicht ans Telefon!’ Mit dieser Feststellung beruhigte sie sich erst einmal und griff zur Tageszeitung.
Ihr Blick fiel auf ein Bild und dessen Unterschrift. ‚Verhaftung geglückt!’ – stand dort fettgedruckt unter einem Bild, auf dem sie Julio erkannte. Mareike ließ sich in den Sessel fallen und begann den Zeitungsartikel zu lesen.
‚Gestern abend gelang der Polizei….’ Mareike sog die Zeilen förmlich in sich auf. Unglaublich, was sie las!
…die Festnahme eines der meist gesuchten Betrüger der Insel. Seit längerer Zeit stand der Casinoangestellte J.R. in Verdacht, nach und nach Geld in Höhe von etwa 100.000 € im Casino unterschlagen zu haben. Bis gestern tappte die Polizei im Dunkeln, da die Vorwürfe gegen J.R. nicht eindeutig bewiesen werden konnten. Überraschenderweise meldete sich die von R. getrennt lebende Ehefrau C.R. aus Madrid und gab der Polizei einige Hinweise, wie J.R. das veruntreute Geld angelegt habe. Nach Aushebung seines Liebesnestes, eines luxuriösen Apartments an der Punta Brava, legte J.R. ein umfassendes Geständnis ab. Er wurde sofort dem Haftrichter vorgeführt.”
Mareike saß in ihrem Sessel wie fest gewachsen. Sie ließ den “EL DIA” langsam sinken und schüttelte mehrmals ihren Kopf, als wolle sie ein lästiges Insekt vertreiben. Sie schalt sich innerlich, mit welchen Kerlen sie sich wieder einmal abgegeben hatte. Wie auch damals bei Martin, hatte sie sich wieder einmal von zweien dieser Gattung “Scheißkerl” blenden lassen. Charmant, gut aussehend, humorvoll und witzig, erotisch und leidenschaftlich, mit diesen Attributen hatten sie, Julio und Carlo, Mareike um den Finger gewickelt. Nach und nach hatte sich die Farbe ihrer rosaroten Brille zwar geändert, aber viel zu spät war ihr die Realität bewusst geworden.
‘Was soll’s’, dachte Mareike und erhob sich aus ihrem Sessel, ‘beide werden ihre gerechte Strafe bekommen’. Über der schneebedeckten Spitze des Pico del Teide zogen sich dunkle Wolken zusammen, ein Spiegelbild ihrer Gedanken und Gefühle.
Comments
Haben Sie eine Anmerkung?


