34. Weihnachtspläne

Es war kurz vor Weihnachten. Sie hätte das Fest gern bei ihrem Vater auf Sylt verbracht, der zum ersten Mal ganz alleine war. In dieser Jahreszeit blühte der Tourismus auf der Insel auf. Wer Zeit und Geld hatte, entfloh dem grauen, kalten deutschen Winter, um sich in der Sonne Teneriffas zu erholen. Obwohl sie große Bedenken hatte, über die Feiertage Urlaub zu bekommen, wollte sie mit Michael gleich morgen darüber sprechen.

Stefan schloss die Tür des Chefarztzimmers, lehnte sich an die Wand rechts von der Tür und atmete tief durch. Obwohl er sich in den letzten Tagen sicher war, nichts Negatives befürchten zu müssen, hatte ihn der Exitus während der Operation sehr belastet.

Die Obduktion und einige weitere Untersuchungen waren abgeschlossen und die Unterredung mit dem Chefarzt hatte auch den geringsten Zweifel ausgeräumt. Stefan traf keinerlei Schuld. Das schriftliche, mehrseitige Untersuchungsergebnis bestätigte, dass der Patient infolge eines Aneurysmas der Hirngefäße gestorben war. Das war eine Gefahrenquelle im Gehirn, von der niemand was geahnt hatte, der Patient möglicherweise auch nicht.
Der Leichnam wurde nun zur Überführung nach Teneriffa freigegeben.

Stefan konnte nichts an Victors Tod ändern. Offen blieb jedoch die Frage, was es mit dem Brief auf sich hatte, den Victor ihm hinterlassen hatte. Der Brief hatte irgend etwas mit Mareike zu tun. Mareike – bei diesem Gedanken wurde ihm warm ums Herz, und der Gedanke, mit dem er sich seit ihrer Abreise auseinandergesetzt hatte, ihr zu folgen oder sie ganz und gar zu vergessen, bohrte sich wieder wie ein Kopfschmerz in sein Gehirn.

Stefan wusste, dass er noch einige freie Tage beanspruchen konnte. Nach allen Aufregungen, Befragungen und Gesprächen der letzten Tage wäre ein Tapetenwechsel genau das Richtige. Weihnachten stand vor der Tür und was sprach dagegen, seine Tochter und seine Eltern ins Auto zu packen und über die Weihnachtsfeiertage einen ruhigen Familienurlaub zu verbringen. Für seine Eltern wäre das schon mal ein schönes Weihnachtsgeschenk über das sie sich bestimmt sehr freuen würden, denn sie wussten um die knappe Zeit ihres Sohnes. Für seine Tochter wären gemeinsame Tage mit Vater und Großeltern sicherlich das Größte. Stefan war sich sicher. Mit einem Familienurlaub über die Feiertage würde er allen eine große Freude bereiten. Und für sich selbst beschloss er, endlich einmal seine Gedanken zu ordnen und eine Lebensperspektive abzustecken. Doch wohin sollte es gehen? Kurzfristig etwas zu buchen würde sicherlich nicht einfach werden. Ins Ausland wollte er für diese kurze Zeit nicht. Er sehnte sich nach Ruhe und Gemütlichkeit. Er wollte am Kamin sitzen, mit seiner Tochter spazieren gehen, einfach das Winterwetter genießen. Auf seinem Heimweg am späten Nachmittag fuhr Stefan in die Innenstadt um einige Besorgungen zu machen. Mit vielen Tüten beladen führte ihn sein Weg auch an einem Reisebüro vorbei. Sein Blick fiel auf die Angebote im Schaufenster. ‚Sie suchen das Besondere? – Weihnachten und Silvester auf Deutschlands schönster Insel – Sylt!’ ‚Ja!’, schoss es Stefan durch den Kopf. Er betrat das Reisebüro. „Ich möchte gerne Sylt buchen!” Stefan war sich absolut sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

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