35. Entscheidungen
Mareike hatte keine Ahnung davon, dass ihr Vater und Stefan gelegentlich telefonierten. Ihr Vater hatte den jungen Arzt ins Herz geschlossen und nicht vergessen, wie rührend er sich um ihn und Mareike nach dem plötzlichen Tod seiner Frau gekümmert hatte.
Er hätte Stefan gern als seinen Schwiegersohn gesehen, aber er wollte seiner Tochter keine Steine in den Weg legen, als sie Deutschland wenige Wochen nach der Beerdigung wieder verließ, um ihr Leben weiterhin auf Teneriffa zu verbringen.
Es war einsam für den alten Mann geworden, nachdem seine Frau ihn allein gelassen hatte.
Trotz seiner Bekannten auf Sylt und seiner reizenden Nachbarn fühlte er sich sehr alleine.
Er unternahm lange Spaziergänge und nicht selten stand er am Meer und fixierte einen Punkt in der unendlichen Ferne. So manches Mal kam ein Stoßgebet über seine Lippen. ‚Lieber Gott, wenn du mich holen willst, ich bin bereit. Ich würde gern wieder bei meiner Frau sein.’
Als das Telefon klingelte, sah er verwundert auf die Uhr. Wer ruft ihn denn jetzt noch an? Als er vernahm, wer sich am anderen Ende der Leitung meldete, huschte ein Lächeln über sein Gesicht. „Ja, das freut mich von ganzem Herzen…….. Du wirst mich doch mit Deiner Familie sicher besuchen kommen? ……melde Dich, wenn Ihr auf der Insel seid…….”
Er legte den Hörer auf, goss sich einen Kognak in einen Schwenker und setzte sich in seinen Sessel. Sein Gehirn begann fieberhaft zu arbeiten. Jeder Schritt wollte genauestens überlegt werden. Wann würde er je wieder die Gelegenheit bekommen, Schicksal zu spielen, wenn nicht jetzt?
Am Tag zuvor hatte Mareike ihren Vater angerufen und ihm mitgeteilt, dass sie einige Tage Urlaub nähme und Weihnachten und Silvester mit ihm auf Sylt verbringen würde. Und nun rief Stefan an und wollte die Feiertage ebenfalls mit seiner Familie auf der Insel verbringen. Welch eine Fügung.
Mareike fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, Michael erklären zu müssen, dass sie über die Weihnachtsfeiertage und den Jahreswechsel nicht arbeiten würde und sich sogar mit dem Gedanken beschäftigte, Teneriffa für immer zu verlassen. Ihrem Vater hatte sie telefonisch schon mitgeteilt, dass sie zu ihm auf die Insel kommen wollte. Sie hatte auch die leise Freude in seiner Stimme bemerkt, als er das Telefongespräch mit seinem gewohnten „bis bald!” beendete.
Jetzt stand ihr allerdings noch bevor, ihre Pläne Michael zu unterbreiten. Sie wusste, dass sich Michael im Stillen Hoffnungen gemacht hatte, die Festtage nach deutscher Tradition mit ihr zu verbringen. Diese Hoffnungen würde sie nun enttäuschen müssen.
Vorsichtig klopfte sie an die Tür mit der Aufschrift ‚’dirección’. Michaels kräftiges „Si!” erschreckte Mareike ein wenig und so antwortete sie mit „¡Perdonen las molestias!” auf Spanisch!
Michael saß an seinem Schreibtisch und las konzentriert im “EL DIA”. Nur kurz hob er seinen Blick und wies mit der Hand auf den Sessel, der vor seinem Schreibtisch stand. Mareike ging ohne einen weiteren Gruß zum Sessel, setzte sich und atmete laut hörbar einmal kräftig durch. Sie wusste, in welchen Artikel Michael so vertieft war.
„Ich muss mit Dir reden!”, Mareike bemühte sich, die Worte neutral klingen zu lassen um Michael nicht zu zeigen, dass sie innerlich sehr berührt war.
„Du? – Ich dachte….”, Michaels Kopf fuhr hoch. Er legte die Zeitung beiseite und erhob sich, um Mareike mit einer Umarmung zu begrüßen, doch er zögerte, da Mareike beide Hände abwehrend erhoben hatte.
„Gut! Was gibt es?”, Michaels Worte waren kurz und knapp.
„Ich möchte nach Deutschland fliegen. Über die Weihnachtstage und Silvester!” Jetzt war es raus und Mareike fühlte sich erheblich erleichtert.
„Ich dachte, wir könnten die Feiertage gemeinsam verbringen. Du bist allein!” Sein Blick deutete auf die Zeitung, „ich bin allein!” Er zuckte mit den Achseln, „oder ist es dir mit mir zu langweilig?” Mareike spürte den ironischen Unterton in Michaels Worten und fühlte, wie er seine Hand auf ihre Schulter legte.
„Nein, Michael, nicht! Lass das! Ich dachte, es wäre auch dir klar, dass zwischen uns nie mehr als gute Freundschaft sein wird.” Michael zog seine Hand zurück.
„Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich hier auf Teneriffa bleiben möchte. Zu viel ist geschehen!” Mareikes Worte klangen ernst.
„Und ich soll dich so einfach gehen lassen? Was aus mir wird, ist dir wohl egal?” Michael setzte sich vor Mareike auf den Schreibtisch.
Mareike war klar, dass er jetzt auf ihr Mitleid abzielte. Es ging ihr schon nahe, doch sie musste nun hart bleiben.
„Ich fliege in den nächsten Tagen. Der Flug ist bereits gebucht! Im neuen Jahr werde ich dich wissen lassen, wie es weitergeht. Bitte versuche nicht, mich umzustimmen!” mit diesen Worten erhob sich Mareike aus dem Sessel und wollte an Michael vorbei zur Tür gehen. Doch Michael griff Mareikes Arm und hielt sie fest. Mit sanften Druck zog er sie an sich und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange.
„Wenn es mir auch sehr schwer fällt, du kannst gehen! Ich werde dich nicht aufhalten! Es würde uns nichts bringen!” Große Enttäuschung klang in seinen Worten mit.
„Geh – aber bitte geh schnell!”, fügte er hinzu.
„Auf Wiedersehen, Michael!” Mareike wagte es nicht, ihm gute Wünsche für die Feiertage auszusprechen, sie hätten in seinen Ohren mit Sicherheit wie Hohn geklungen.
„Leb wohl!” Michael hatte sich inzwischen wieder an seinen Schreibtisch gesetzt und in die Zeitung vertieft. Mareike konnte die Träne, die über sein Gesicht rann, nicht mehr sehen. Sie zog die Tür des Büros leise hinter sich ins Schloss und atmete tief durch.
Ein ruhiges Weihnachtsfest mit ihrem Vater lag vor ihr und ein neues Jahr, das ihr neue Wege aufzeigen würde.
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