36. Überraschung
Juliane kniete auf dem Stuhl und schaute aus dem Wohnzimmerfenster ihrer Großeltern. Es war ein grauer, regnerischer Dezembertag. Dicke Regentropfen klatschten an die Fensterscheibe.
„Wann kommt Papa denn endlich?”, Juliane wartete in der Vorweihnachtszeit immer ungeduldig auf ihren Vater. Stefan hatte täglich eine kleine Überraschung für seine Tochter in der Tasche, um ihr die Wartezeit auf den Heiligen Abend zu verkürzen. Er konnte sich selbst nicht genug um seine Tochter kümmern, das ließ sein verantwortungsvoller Beruf nicht zu, aber er war froh, dass seine Eltern nach dem Tod seiner Frau fürsorglich die Betreuung von Juliane übernommen hatten. Juliane liebte ihre Großeltern, manchmal aber betrachtete sie traurig das Bild ihrer Mutter, das neben ihrem Bett stand. Wenn Stefan das sah, fuhr ein scharfer Stich in sein Herz.
„Ich kann sein Auto immer noch nicht sehen! - Oma, wann kommt Papa?” Juliane wurde immer ungeduldiger. Sie schien zu spüren, das es heute ein besonderer Abend werden würde.
Ruth Haasler strich ihr über die Haare und lächelte. Julianes Aufregung und Ungeduld erinnerte sie an ihren Sohn Stefan, der als Kind genauso ungeduldig auf Weihnachten und seine Geschenke wartete.
Es war ein unglückliches Schicksal, dass Stefan seine Ehefrau schon so früh verloren hatte. Sie hätte ihrem Sohn eine glückliche Familie so sehr gewünscht und konnte ihn gut verstehen, dass er sich noch nicht wieder auf eine neue Beziehung eingelassen hatte. Doch ewig konnte es nicht so weiter gehen! Sie und ihr Mann Alexander würden auch nicht jünger werden. Noch fühlten sie, dass sie den Ansprüchen, die Juliane an ihre Geduld und Aufmerksamkeit stellte, gerecht wurden. Aber wie lange noch? Es wurde Zeit, dass sich jemand jüngeres um die Erziehung Julianes kümmern sollte und sie sich auf ihre Großelternpflichten beschränken konnten.
Alexander Haasler saß im Schaukelstuhl und las. Ab und zu hob er seinen Blick und betrachtete seine Frau und seine Enkelin. Sein Blick traf den seiner Frau und er erriet sofort ihre Gedanken. „Du kannst es nicht erzwingen!” mahnte er mit tiefer, freundlich klingender Stimme. „Es wird sich alles fügen!” setzte er hinzu.
Es hupte vor dem Haus. „Papa kommt!” Juliane lief zur Tür und öffnete diese. Stefan verschloss den Wagen und lief mit schnellen Schritten zur Haustür, schüttelte sich einmal und fing seine Tochter,die ihm entgegen gehüpft war, gerade noch auf.
„Was hast Du heute mitgebracht? - Ist es da drin?” Juliane konnte ihre Neugier kaum bremsen und griff nach Stefans Aktenkoffer. „Jetzt mach’ schon, Papa!” Stefan zog sich, mit einem Lächeln auf dem Gesicht, ganz in Ruhe den Mantel aus, begrüßte seine Mutter und seinen Vater und setzte sich an den Esstisch.
„Was gibt’s denn heute zu Essen? Ich habe Hunger! - Juliane, bitte deck’ den Tisch!” Stefan ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Papa - Mensch, du hast doch sonst immer etwas dabei! Hast du mich etwa vergessen?” Julianes Worte klangen enttäuscht. Sie rutschte auf Stefans Schoß und schlang die Arme um seinen Hals.
Ruth und Alexander Haasler betrachteten ihren Sohn und ihre Enkelin in dieser liebevollen Vertrautheit mit einem warmen Gefühl ums Herz.
Stefan nahm Julians Hand und schob diese in seine Jackettasche. Juliane zog einen Umschlag heraus. „Was ist das Papa?”, wollte sie wissen. „Tja, Stefan, nun rück’ mal mit der Sache raus!” unterstützte sie ihr Großvater.
„Lest doch selbst! - Ich möchte jetzt essen!”, erklärte Stefan beiläufig, fast unbeteiligt.
Ruth nahm ihrer Enkelin den Umschlag aus der Hand und öffnete ihn. Sie las, was auf einer Karte stand: „Draußen ist es kalt und der Wind stürmt. Drinnen aber ist es wohlig und gemütlich. Punsch bei Kerzenschein genießen. Romantik und Entspannung pur! Unvergessene Weihnachtstage und ein unvergleichlicher Jahreswechsel auf Deutschlands schönster Insel!”
„Oma, nun sag’ schon - was hat uns Papa mitgebracht?” Juliane konnte ihre Neugier kaum bremsen.
„Wir fahren in den Urlaub - auf die Insel Sylt!” Man sah es Ruth Haasler an, dass sie sich freute.
„Was heißt wir?” wollte Juliane wissen. „Wir… wir alle??”, fragend blickte sie auf ihren Vater. „Du kommst auch mit?”, fügte sie ungläubig hinzu und als Stefan nickte, drückte sie ihn ganz fest.
„Das ist die schönste Weihnachtsüberraschung, die du mir je gemacht hast, Papa!” jubelte Juliane und auch Stefans Eltern strahlten vor Freude.
„Wann?”, wollte Juliane jetzt noch wissen. „Übermorgen! - und jetzt essen wir endlich, sonst bin ich verhungert, bevor wir in den Urlaub fahren können!” Stefan fühlte sich sehr wohl, er hatte die richtige Entscheidung getroffen.
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