37. Vorbereitungen
Herbert Kramer stand am Fenster seiner kleinen Wohnung in List auf Sylt. Er schaute hinaus in den klaren Dezembertag. Ein kalter Westwind hatte die Wolken vom Himmel gefegt. Strahlendes Blau schimmerte wie Seide über der Insel, die in diesen Tagen vor Weihnachten längst nicht so überlaufen war, wie während der Sommersaison. An den Stränden nutzten nur wenige Touristen die momentane Beschaulichkeit der Insel, ließen die Seele baumeln, spürten wie der kalte Wind die salzhaltige Luft auf die Haut und auf die Lippen trug, wanderten durchs Watt oder durch die Dünen und blickten bei tiefstehender Wintersonne auf die aufgewühlte Nordsee unendlich bis zum Horizont.
Herbert Kramer liebte die Insel, besonders an diesen ruhigen Tagen. Seinen täglichen Spaziergang, dick vermummt mit Mütze und Schal durch den feinen Sand der endlosen Dünen hatte er bereits hinter sich. In der klaren Luft konnte er ungestört seinen Gedanken nachhängen. Wie gern hätte er seine Frau an seiner Seite! Ein gemeinsamer Lebensabend war ihnen nicht vergönnt, aber hier, in der verletzlichen und wunderschönen Landschaft aus Sand, Himmel und Meer fühlte er sich ihr nahe – die Vision von Unendlichkeit war perfekt. Er redete mit ihr und es schien ihm häufig so, dass das Rauschen des Meeres ihre Antwort an sein Ohr trug. „Rüm Hart, klaar Kimming! – Weites Herz, klarer Horizont” so lautet der Wahlspruch alter seefahrender Nordfriesen und auch für Herbert Kramer gewann er mehr und mehr an Bedeutung.
Das Klingeln des Telefons unterbrach die Stille. „Kramer! … Mareike, wie schön! … Ja, sicher hole ich dich ab! …. Wann kommst Du nun? … „Übermorgen – 17 Uhr – Westerland Flughafen! …Ach, Mareike, Du glaubst nicht, wie ich mich freue! … Bis bald!”
Trotz seines Alters freute sich Herbert Kramer wie ein kleines Kind. So, nun war es sicher: Dr. Stefan Haasler würde über die Weihnachtstage auf der Insel sein und seine Tochter ebenfalls. Es musste doch etwas zu machen sein, dass sich die Wege der beiden genau hier auf der Insel kreuzten. Es durfte aber keineswegs arrangiert aussehen – das würde beide wieder verschrecken – da war sich Herbert Kramer sicher. Nein, alles müsste so zufällig wie nur möglich aussehen!
Er wusste nicht, wo Stefan Haasler und seine Familie wohnen würden – er war abhängig davon, dass sich Stefan bei ihm melden würde, wenn er auf der Insel eingetroffen war. Also hieß es abwarten!
Mit der Melodie von ‚Morgen Kinder, wird’s was geben!’ auf den Lippen und voller Vorfreude machte sich Herbert Kramer an die Vorbereitungen für das Weihnachtsfest.
‚Ein Weihnachtsbaum muss her!’, stellte er fest.
“Guck mal, Papa – auf fast allen Autos ist ein Weihnachtsbaum!”, stellte Juliane erstaunt fest, als der Wagen mit Stefan, den Großeltern und ihr auf den Parkplatz zur Autoverladung in Niebüll einbog. „Kann das daran liegen, dass bald Weihnachten ist!”, antwortete Stefan gut gelaunt. Stefan blickte sich um. Erstaunlicherweise standen doch einige Autos auf dem Parkplatz und warteten darauf, dass der Autozug nach Westerland beladen wurde.
„Sind wir denn jetzt bald da?” Juliane war ganz aufgeregt und ließ die Fensterscheibe des Autos herunter. „Riech mal, Papa – das riecht hier ganz anders als bei uns in Hamburg” Auch Stefan ließ die Fensterscheibe der Fahrertür herunter. Er atmete ganz tief die frische Luft ein, schloss dabei die Augen und fühlte sich trotz der Autofahrt schon jetzt ganz entspannt.
Ein lautes Signal aus den Lautsprechern teilte den wartenden Autofahrern mit, dass die Beladung des Autozuges in wenigen Minuten beginnen würde. Für Juliane, Stefan und ihre Großeltern waren dies aufregende Minuten, denn noch nie waren sie mit dem Autozug über den Hindenburgdamm nach Sylt gefahren. Alle vier betrachteten aus dem Auto heraus wie nacheinander die Autos herangewinkt wurden und mit Schritttempo auf den Autozug fuhren.
„Hoffentlich dürfen wir nach oben!” Juliane vermutete, dass man von der oberen Ebene des Zuges die bessere Aussicht während der fünfunddreißig-minütigen Fahrt hätte. Und sie sollte Recht behalten. Der Bahnangestellte wies ihnen mit einem kurzen Winken an, nach oben auf den Autozug zu fahren.
Juliane wäre am liebsten aus dem Auto ausgestiegen, aber Stefan wies sie an, sitzenzubleiben.
Mit einem leichten Ruck setzte sich der Zug in Bewegung. Ein paar Minuten zogen die Häuser Niebülls an ihnen vorbei. An den Schranken standen warm angezogene Menschen und winkten dem vorbeifahrenden Zug zu. Als der Zug auf den Hindenburgdamm fuhr lag rechts und links von ihnen das durch die untergehende Sonne in ein glänzendes Licht getauchte Wattenmeer. „Papa, schau mal – die vielen Möwen!” Julianes Augen entdeckten immer mehr von der Natur des unberührten Wattenmeers. „Aber hier gibt es ja gar keine Wellen!” enttäuscht blickte Juliane abwechselnd von ihrem Vater zu ihrem Großvater. „Ihr habt mir doch Wellen versprochen!” Stefan lachte und auch Alexander schaute schmunzelnd zu seiner Enkelin. „Du musst noch ein bisschen Geduld haben”, vertröstete Stefan seine Tochter.
Der Zug erreichte den Bahnhof von Westerland. Stefan fuhr den Wagen vom Zug und bog auf die Straße nach List ein. Weder seine Eltern noch Juliane wussten, wo sie die nächsten Tage wohnen würden, Stefan hatte nichts verraten. Die Fahrt führte sie vorbei an schmucken Friesenhäusern mit Reetdächern, die sich in die hügelige Dünenlandschaft kuschelten, um sich gegen den kalten Westwind zu schützen; vorbei am noblen Kampen, das selbst zu dieser Zeit elegant und fein wirkte; vorbei an den beiden ursprünglich belassenen Wanderdünen des List-Lands – von den Inselbewohnern auch liebevoll „Lister Sahara” genannt – kurz vor dem nördlichsten Ort Deutschlands: List auf Sylt. Kurz hinter dem Ortseingangsschild bog Stefan rechts ab. „Mannemorsumtal! – Das klingt lustig!” Juliane hatte das Straßenschild laut vorgelesen. Stefan fuhr auf einen Parkplatz direkt vor ein reetgedecktes Haus auf einer Düne.
„Angekommen” Stefan streckte sich in seinem Sitz. „Wir sind da! Aussteigen!” – „Ist das schön hier!” Ruth Haasler nahm Juliane an die Hand, während ihr Mann Alexander seinem Sohn auf die Schulter klopfte. „Schön ausgesucht! Hier werden wir uns richtig wohlfühlen!”
„Papa!” „Ja, mein Schatz!” „Papa! Uns fehlt aber etwas ganz Wichtiges!” die Stimme von Juliane klang betrübt. „Was denn?” „Wir haben KEINEN Weihnachtsbaum!”
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