38. Unerwartetes Wiedersehen
Herbert Kramer stand fast allein in der kleinen Ankuftshalle des Westerländer Flughafens. Einige mit Koffern bepackte Fluggäste liefen an ihm vorbei. Er hielt Ausschau nach seiner Tochter und endlich – Mareike kam durch die Halle. ‚Gut sieht sie aus!’ dachte er mit väterlichem Stolz. Er ging ihr einige Schritte entgegen und als Mareike ihn sah, stellte sie ihre Koffer ab, beschleunigte ihren Schritt und nahm ihren Vater in den Arm. Beide verharrten in inniger Umarmung ohne dass auch nur einer von ihnen ein Wort sagte. Mareike begann leise zu schluchzen, die innere Anspannung fiel von ihr ab. „Mein Mädchen!” Herbert Kramer räusperte sich. Auch ihn bewegte das Wiedersehen mit seiner Tochter sehr. „Lass dich anschauen, gut siehst du aus!”, aber Mareike wusste, dass er nicht ganz die Wahrheit sagte.
Hinter ihrer von der Sonne Teneriffas gebräunten Haut versteckte sich die eine oder andere Kummerfalte, von den Ereignissen der letzten Monate in ihre sonst makellose Haut gezeichnet.
„Papa, was bin ich froh, dich zu sehen!” Mareike wischte sich die Tränen aus ihren Augen. „Komm’, ich hole die Koffer und dann fahren wir nach Hause! Ich freue mich darauf, bei einer Tasse Tee, mit dir zu plaudern. Ich möchte wissen, was du mir Neues berichten kannst.” Mareike hatte sich wieder gefasst und streichelte einmal sanft über die Wange ihres Vaters. „Es ist schön, nach Hause zu kommen!”, stellte sie fest.
„Ich freue mich auch, Mareike, dass du wieder da bist. Wie lange kannst du bleiben?” „Das kann ich noch nicht sagen, Papa. Lass uns später darüber reden!” Mareikes Stimme bebte ein wenig.
„Komm’, auf nach Hause. Wo steht dein Auto?” „Wir müssen noch….” „Was?”, erstaunt blickte Mareike auf ihren Vater. „… einen Weihnachtsbaum kaufen!” antwortete Herbert Kramer leise. Er war sich nicht sicher, ob Mareike überhaupt der Sinn nach einem traditionell geferiertem Weihnachtsfest stand. „Oh, ja!”, stimmte Mareike ihrem Vater erfreut zu. „Der gehört doch zu Weihnachten dazu!”, ergänzte sie.
„Dann lass uns endlich fahren!” Herbert Kramer griff nach einem von Mareikes Koffern. „Hast du Lavasteine von Teneriffa im Gepäck?”, fragte er schmunzelnd als er den Koffer anheben wollte. „Nein, Papa – mein Leben passte in zwei Koffer!”, stellte sie mit Wehmut in der Stimme fest. Herbert Kramer fragte nicht nach.
Beide fuhren in die Innenstadt von Westerland. Auf dem Platz vor dem Spielcasino hatte ein Weihnachtsbaumhändler seine Bäume aufgestellt. Einige Kunden begutachteten die Bäume, ließen sich den einen oder anderen zeigen, aber gingen schließlich doch weiter. Neben einer großen, wunderschön gewachsenen, auf dem Boden liegender Nordmanntanne, stand ein kleines Mädchen.
„Das ist unser!”, fuhr sie Mareike an, als diese den Baum aufrichten wollte. „Mein Papa holt nur das Auto und dann nehmen wir ihn mit!” Juliane machte eine klare Ansage. „Ist ja gut, ich will dir doch den Baum nicht wegnehmen!” entschuldigte sich Mareike, verwundert über die Konsequenz in der Stimme des Mädchens. „Mein Papa hat gesagt, ich soll darauf aufpassen, egal was passiert!” Juliane blickte Mareike keck an. „Wir haben nämlich keinen Baum und ohne Baum ist doch Weihnachten gar nicht schön! Hast du auch keinen Baum?” Neugierig beäugte Juliane Mareike. „Ja, wir haben auch keinen Baum!”, Mareike war eigentlich nicht dazu aufgelegt, diesem vorlauten kleinen Mädchen Rede und Antwort zu stehen. „Du passt weiter auf den Baum auf und ich suche mir einen neuen, o.k.?” bei diesen Worten trafen sich Julianes und Mareikes Augen. Ein Schauer lief über Mareikes Rücken. Diese Augen, sie hatte diese Augen schon einmal gesehen!
Die letzten Monate liefen in Gedanken vor ihr ab, aber momentan konnte sie kein Gesicht mit diesen Augen in Verbindung bringen.
Während Mareike gedankenverloren nach einem passenden Weihnachtsbaum suchte, hatte ihr Vater bereits eine kleine Blautanne gefunden, die nicht viel Platz in seiner kleinen Wohnung beanspruchen würde. „Mareike, sieh’ – der passt zu uns!”, rief er ihr zu. „Das ist aber ein kleines Bäumchen!”, Juliane mischte sich wieder ein. „Wir haben einen großen Baum!” „Schön für euch!” Mareike war genervt. „Lass uns den Baum bezahlen und endlich nach Hause fahren!” Jetzt hörten sich Mareikes Worte an wie die eines ungeduldigen, quengelnden Kindes.
Herbert Kramer nahm den Baum, trug ihn zum Verkäufer, bezahlte und ließ ihn sich in ein Netz verpacken. Der Baum war so klein, dass er ihn bequem unter den Arm nehmen konnte.
In der Zwischenzeit hatte sich Mareike ein wenig abseits gestellt um den Fragen des neugierigen kleinen Mädchens zu entgehen. Die Augen – an wen erinnerten sie? Mareike versank in Gedanken. Sie bemerkte nicht, dass das kleine Mädchen auf einen Mann zugelaufen war.
Doch plötzlich erschien es ihr, als ob der Boden unter ihren Füßen aus Watte bestand. Sie wollte einen Schritt vorwärts machen, aber die Beine versagten ihr den Dienst.
‚Stefan!’ – Der Mann war Stefan Haasler. – Dann musste das seine Tochter sein! Mareike fühlte sich wie betrunken – betrunken vor Glück. Ihr Herz klopfte und in diesem Moment wurde ihr klar, wie sehr sie ihn liebte, doch sie hielt sich abwartend zurück.
„Die Tante da hatte auch keinen Baum und wollte unseren, aber nun hat sie einen kleinen Baum!” Julianes Worte überschlugen sich fast als sie ihrem Vater berichtete, was in seiner Abwesenheit passiert war.
Stefan blickte auf die Frau, die im Halbdunkel des Tages ein wenig im Abseits stand.
„Ma…. Mareike?” ungläubig starrte Stefan in ihre Richtung. „Mareike Kramer? – Du hier? Das kann doch nicht sein!”, Stefan Worte klangen zweifelnd. Er konnte es einfach nicht glauben.
Herbert Kramer und Juliane standen sprachlos neben Mareike und Stefan, blickten von einem zum anderen. Langsam ging Stefan auf Mareike zu, ihre Augen versanken ineinander und ohne ein weiteres Wort, fielen sich beide in die Arme.
„Papa, wer ist die Tante? – Papa!” Julianes plärende Kinderstimme holte Mareike und Stefan wieder in die Realität zurück.
Nur zögerlich ließ Stefan Mareike aus seinen Armen frei. Er wandte sich zu Juliane und beugte sich zu ihr herab um ihr etwas ins Ohr zu flüstern. „Das ist Mareike – eine ganz, ganz liebe Freundin!” Mareike hatte nur Stefans letzte Worte verstanden, „…ganz liebe Freundin!” ‚So’, dachte sie, ‚ich bin also nur eine ganz liebe Freundin für dich!’ Abrupt drehte sich sich zu ihrem Vater um und sagte unüberhörbar laut, „komm’ lass uns nun endlich nach Hause fahren!” Herbert Kramer zögerte, „willst du Stefan nicht fragen, wo er wohnt!” „Nein!” kam es knapp von Mareike zurück.
Stefan blickte verwundert von Mareike zu ihrem Vater und wieder zurück. Er konnte sich die plötzliche Veränderung nicht erklären. „Mareike? Können wir uns treffen?”, fragte Stefan vorsichtig. „Ich glaube, wir haben uns viel zu erzählen!”
„Ich weiß nicht”, antwortete Mareike kühl. „Eigentlich wollte ich die ganze Zeit mit meinem Vater verbringen – außerdem ist fast Weihnachten und da musst du dich sicher um deine Tochter kümmern”, bei diesen Worten fiel Mareikes Blick auf Juliane, die artig neben ihrem Vater stand, dessen Hand festhielt und mit gespannter Neugier dem Gespräch zwischen den Erwachsenen lauschte. Gern hätte sie in diesem Moment ihren Vater über die unbekannte Frau ausgefragt, aber ihr kindliches Gefühl sagte ihr, dass es wohl besser wäre, alle ihre Fragen auf später zu verschieben.
„Lass uns morgen bei ‚Gosch’ im Lister Hafen treffen – sagen wir … 13 Uhr!”, Stefans Stimme klang bestimmt und Mareike fühlte, dass er kein ‚Nein’ akzeptieren würde.
„Gut, … dann bis morgen!”, Mareike griff den Arm ihres Vaters und zog diesen mitsamt des Weihnachtsbaumes, den er unter seinen Arm geklemmt hatte, zum Auto.
Stefan und Juliane standen stumm nebeneinander und blickten den beiden nach. Herbert Kramer drehte sich noch einmal kurz um und nickte Stefan ermunternd zu. Er wunderte sich auch über seine Tochter, wagte es aber im Moment nicht, ihr Verhalten zu hinterfragen.
„Komm, Papa”, Juliane hatte ihre Stimme wiedergefunden. „Oma und Opa warten bestimmt schon auf uns. …Und die Tante..!” „Du meinst ‚Mareike!” ergänzte Stefan. „Ja, die kannst du ja morgen wieder sehen!”
Juliane wollte zu ihren Großeltern und ihnen über dieses Treffen mit Mareike berichten. Doch Stefan musste ihre Gedanken gelesen haben. „Kein Wort zu Oma und Opa – versprochen?” Stefan blickte seine Tochter ernst an. „Versprochen, Papa!”, erwiderte Juliane, aber Stefan konnte nicht sehen, dass hinter ihrem Rücken die kleinen Finger in den warmen Handschuhen gekreuzt waren.
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voll langweilig…aber öbelst…da muss mehr liebe und spannung drin sein