40. Der Nebel lichtet sich

Mareike war schon lange vor dem verabredeten Termin in der Nähe des Lister Hafen. Sie brauchte einen langen Spaziergang, um ihre aufgewühlten Gedanken zu ordnen. Sie hatte nichts zu verlieren und konnte nur gewinnen. Sie wusste, dass Stefan sie sehr mochte. Vielleicht liebte er sie auch.
Je mehr sie über die letzten Monate auf Teneriffa nachdachte, desto weniger verstand sie sich selbst. Die Trennung von Martin war notwendig gewesen. Aber warum hatte sie sich so von Julio und Carlo blenden lassen? Sie war nie der Typ gewesen, der sich von einer Beziehung kopfüber in die nächste gestürzt hatte und auch jedem davon abraten würde. Aber auf Teneriffa war alles anders, sie hatte sich treiben lassen. Ohne diese Affairen wäre sie auf Martin vielleicht wieder reingefallen, als er plötzlich vor ihrer Tür stand.
Unwillkürlich schüttelte sie sich wie ein nasser Hund, um auch die letzten Gedanken an Julio und Carlo zu verdrängen.
Bei Stefan war alles anders. Sie wusste, tief in ihrem Inneren, dass er der Mann war, zu dem sie bedingungslos ‚ja’ sagen würde.
Je näher die Verabredung mit ihm bevor stand, desto ruhiger wurde sie. Was sollte passieren? Wenn Stefan noch Zeit brauchte, sich innerlich von Andrea zu lösen, musste sie ihm die Zeit geben. Und sie war entschlossen, auf ihn zu warten.

Sie stand gedankenverloren am Meer und sog die salzige Luft tief in ihre Lungen ein. Plötzlich legte sich ganz vorsichtig eine Hand auf ihre rechte Schulter. Erschrocken trat sie einen Schritt vor und riss den Kopf herum. „Hattest du zu Hause auch keine Ruhe mehr?” „Nein. Als ich mich entschloss, zu unserem Treffen zu kommen, wollte ich es auch rasch hinter mich bringen.” „Musstest du dich überwinden, dich mit mir zu treffen?”
Was sollte sie darauf antworten? Er war am Zuge und sie wollte sich nicht in die Karten gucken lassen. „Das kann man so nicht sagen. Ich hatte nicht erwartet, dich je noch einmal zu sehen und schon gar nicht hier. Schließlich haben wir lange nichts voneinander gehört.”
„’Aus den Augen’ heißt noch lange nicht ‚’aus dem Sinn’” war alles, was er dazu sagen konnte.
„Wollen wir erst ein Stück laufen?” Ohne ihre Antwort abzuwarten, ging er los. Alles, was er sich an Worten zurechtgelegt hatte, war wie weg geblasen.
Während Stefan und Mareike, für Zuschauer eher unbeteiligt nebeneinander herliefen, suchten beide innerlich nach Worten, jedoch darauf bedacht, dem anderen nicht zuviel von seinem Innersten preiszugeben.

„Kennst du einen Victor?” Erstaunt sah Mareike ihn an. „Nicht, dass ich wüsste. Was ist mit ihm?” „Er hatte mich beschattet, tagelang. Dann kam er in die Klinik und ist mir bei einer Notoperation unter den Händen weg gestorben. Das einzige, was er mir hinterließ, war ein Brief, in dem dein Name und der eines gewissen Carlo standen. Und – dass du in Gefahr seiest.
Ich habe mehrfach versucht, dich anzurufen, habe aber immer nur deine Mailbox erwischt.”
Mareike blieb stehen und sah Stefan mit großen Augen an.

‚Carlo!’ – Mareike wurde schlagartig bewusst in welcher Gefahr sie sich wirklich befunden hatte. Das Entsetzen, das in ihren Augen aufleuchtete, machte Stefan betroffen. Er fühlte, dass er Mareike mit seinen Fragen an etwas erinnert hatte, das ihr Angst machte. „Du musst es mir nicht erklären, wenn du nicht willst!”, er bemühte sich seiner Stimme einen unbefangenen Klang zu geben, doch Mareike hatte sich abgewendet. Stefan sollte die Tränen nicht sehen, die ihr in die Augen geschossen waren.

Stefan zögerte einen Moment, dann trat er hinter Mareike und legte seine beiden Hände auf ihre Schultern. „Du kannst mir vertrauen, Mareike. Ich werde dich nicht weiter bedrängen, mir alles zu erklären! Aber eine Frage solltest du mir doch beantworten!” Mareike hatte sich wieder zu Stefan gedreht, seine Hände lagen noch immer auf ihren Schultern. Ein warmes, wohliges Kribbeln lief, trotz der winterlichen Temperaturen und dem kalten Wind, Mareikes Rücken hinunter, während sie Stefans Frage gespannt erwartete. „Ja?” „Warum bist du heute hierher gekommen?” Stefans Worte klangen erwartungsvoll.

„Ich wollte einen guten Freund treffen!” Mareike betonte die beiden Wörter ‚guter Freund’ ganz besonders. „Ach, so!” Stefan nahm ohne zu zögern seine Hände von Mareikes Schultern. Ihre Antwort hatte ihn entmutigt. Beinahe hätte er ihr seine Gefühle eingestanden.
„Lass uns umkehren, mir ist kalt und mein Vater wartet bestimmt auch schon auf mich!” Sie ging ein paar Schritte. „Mareike,…!” „Was?” fragte sie kurz und bündig. „Mareike, ich…!” Wo waren all seine vorbereiteten Worte und Erklärungen? Warum stand er jetzt hier und fühlte sich wie ein Teenager beim ersten Rendezvous?

„Nun bleib doch einmal stehen!” wandte sich Stefan trotzig an Mareike. „Ich, … ich…! Meinst Du…!” Stefan stotterte aufgeregt. „Kannst du auch ganze Sätze sprechen?” Mareike blickte amüsiert zu Stefan „Mareike, ich liebe…!” „Paaapaaa!!!” lautes Rufen unterbrach Stefans wohl entscheidenden Satz. Juliane rannte auf ihn zu, gefolgt von ihren Großeltern. Mit Schwung warf sie sich Stefan an den Hals. „Wir wollten auch spazieren gehen!” erklärte Juliane mit unschuldigem Blick.

„Tut uns Leid, Stefan. Juliane wollte unbedingt zum Hafen und war nicht davon abzubringen!” Ruth Haasler hatte die Situation sofort überblickt. „Stellst Du uns die junge Dame auch mal vor?” Stefans Vater war neben Mareike getreten, musterte sie wohlwollend und streckte seine Hand aus.
„Das ist eine gute Freundin von Papa!”, mischte sich Juliane vorlaut ein. „Wir haben sie gestern schon getroffen! Sie hat nur einen kleinen Weihnachtsbaum!” Im Gegensatz zu Stefan und Mareike, die sich gegenseitig sprachlos anblickten, war Juliane sehr redefreudig.
Mareike fand zu erst ihre Stimme wieder: „Mareike Kramer, Stefan hat meinem Vater und mir einmal sehr zur Seite gestanden!” Sie vermied es, weiter genauere Erklärungen zu geben und begrüßte mit einem unverbindlichen, freundlichen Lächeln Stefans Eltern. Dann wandte sie sich zu Juliane, „hallo, wir kennen uns ja schon!”
„Du kennst meinen Vater schon lange?”, Juliane platzte fast vor Neugier. „Juliane!”, auch Stefan mischte sich nun in die Unterhaltung ein und warf seiner Tochter einen strengen Blick zu, aber Juliane ließ sich nicht beirren.

„Wir haben einen großen Weihnachtsbaum! Warum kommst du nicht zu uns?” „Weil Mareike mit ihrem Vater Weihnachten feiert!”, beantwortete Stefan schnell Julianes Frage, ohne Mareike Zeit für eine Antwort zu geben. Mareike nickte bestätigend.
„Ooch, dann muss sie ihn eben mitbringen!”, Juliane hatte für Probleme immer eine kindlich, einfache Lösung parat.
Stefan gefiel die Idee seiner Tochter und auch seine Eltern schauten zustimmend abwechselnd von Mareike zu ihrem Sohn.
„Was meinst du?” wollte Stefan nun von Mareike wissen. „Ich muss erst mit meinem Vater reden. Er hatte sich auf ein ruhiges Weihnachtsfest mit mir gefreut!”, erwiderte Mareike überlegt.
„Ich würde mich auch sehr freuen!” Stefan griff Mareikes Hand und blickte sie erwartungsvoll an. „Wir auch!”, quäkte Julianes Kinderstimmchen.

Als sie die Wohnung ihres Vaters betrat, duftete es vorweihnachtlich nach selbst gebackenen Keksen und Zimttee. „Du bist schon wieder da?” Ungläubig schaute Herr Kramer seine Tochter an. Sein erster Blick fiel auf die von der Kälte geröteten Wangen und die rote Nase.
Mareikes Augen aber strahlten Wärme und Freude aus. „Lass uns Tee trinken, du scheinst ja völlig durchgefroren zu sein.”
Er platzte fast vor Neugier, aber Mareike war noch zu sehr in ihren Gedanken verhaftet, die er nicht stören wollte. Plötzlich sah sie ihm direkt in die Augen. „Paps, Stefan und seine Eltern haben uns eingeladen, mit ihnen Weihnachten zu feiern. Es ist das erste Weihnachtsfest ohne Mutti und das willst du sicher nicht mit anderen Menschen verbringen, oder?”
Überrascht schaute Herr Kramer seine Tochter an. „Ganz im Gegenteil. Wenn wir beide hier alleine sitzen, werden wir eher an frühere Weihnachtsfeste mit deiner Mutter denken und das heulende Elend könnte uns überfallen. Nein, Mareike, das Leben muss weiter gehen. Wenn es dir recht ist, nehmen wir die Einladung an. Deine Mutter hätte das sicher so gewollt.”
Mareike lächelte ihrem Vater zustimmend zu. „Stefans Tochter ist ein kleiner Wirbelwind, der dir sicher Löcher in den Bauch fragen wird,” setzte sie verschmitzt hinzu. „Vielleicht bekomme ich ja irgendwann mal ein Enkelkind. Da kann ich ja schon mal üben, ob ich mich als Großvater überhaupt eignen werde.”
„Ich rufe Stefan an und sage ihm Bescheid,” antwortete sie ausweichend, nahm ihr Handy und verschwand für längere Zeit in ihrem Zimmer.

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