41. Die Würfel fallen
Mareike machte in dieser Nacht kein Auge zu. Schon wieder hatte sich in ihrem Leben alles auf den Kopf gestellt. Sie hatte eine Entscheidung getroffen und musste ihr Leben neu planen.
Ihre Wohnung und ihre Stelle in Hamburg hatte sie aufgegeben. Alles Wichtige hatte sie in ihren beiden Koffern mitgebracht.
Aber sie war nicht der Typ, der sich so davon schleicht. Gleich nach Weihnachten würde sie einen Flug buchen und auf Teneriffa regeln, was zu regeln war. Mit Michael würde sie ihren Arbeitsvertrag lösen und Fernando würde sie bitten, sich weiterhin um ihre Ferienwohnung zu kümmern. Er könnte sie, so wie er das immer gemacht hatte, in der Zeit vermieten, in der sie nicht da war. Einen kurzen Moment dachte sie sogar daran, sie zu verkaufen. Aber ihr Herz hing an der Wohnung, wie auch an dieser Insel.
Hand in Hand liefen Mareike und Stefan am Strand entlang. Der Himmel war tiefblau, die Sonne schien, so dass die klirrende Kälte nicht wirklich spürbar war.
„Was hast du jetzt vor, Mareike?” Stefan hatte ihre Gedanken scheinbar erraten, denn darüber dachte Mareike auch gerade nach. „Ich werde in den nächsten Tagen nach Teneriffa fliegen, alles Erforderliche in die Wege leiten und wieder zurück kommen. Und dann werde ich weiter sehen.” „Und du kommst wirklich zurück?” Stefan war stehen geblieben und schaute sie ein wenig besorgt an. „Ja, Stefan, ich komme wieder.” „Kneif mich mal, damit ich sicher bin, dass ich das alles nicht träume.”
Er wusste nicht, wie er anfangen sollte. „Könntest du dir vorstellen, als Arzthelferin in einer Praxis zu arbeiten?” Mareike schaute ihn verständnislos an. „Was meinst du damit? Ich habe so etwas noch nie gemacht.” „Nun, das alles kann man lernen. Erinnerst du dich, dass du mich damals fragtest, ob ich nicht mal daran dächte, mich als Internist niederzulassen?” „Ja” lächelte Mareike, „als ich dich mit nach Teneriffa nehmen wollte. Aber das Thema hat sich ja nun erledigt.” „Nicht so ganz”, lächelte Stefan, „unser alter Hausarzt in Hamburg, der mich schon als Kind behandelt hat, hört auf und sucht einen Nachfolger für seine Praxis. Sie liegt in einem ruhigen Stadtteil Hamburgs, ist im Erdgeschoss eines geräumigen Einfamilienhauses und ist von einem großem Garten umgeben. Der gute Doktor hat sich in einem Seniorenstift angemeldet und will Praxis, Haus und Garten am liebsten zusammen verkaufen. Es ist ein ideales Plätzchen für eine kleine Familie.”
Unsere kleine Familie?” Mareike sah Stefan fragend an. „Bist du dir da wirklich sicher?” „Ich war mir noch nie sicherer!” Stefan hatte Mareikes Hand gegriffen, „meinst du, dass du es mit uns aushalten kannst?” „Ich denke schon, ich bin ja einiges gewöhnt!” - ein leicht bitterer Unterton schwang in Mareikes Antwort mit. „Na, na - so schlimm sind wir Hasslers nun doch nicht!” Stefan hatte bemerkt, dass Mareike noch immer mit den Schatten der Erinnerung an ihre Zeit auf Teneriffa kämpfte und ließ seine Worte so unbefangen wie möglich klingen.
Auch an ihm waren die Ereignisse der letzten Monate, insbesondere aber die Verfolgung durch Viktor und dessen Tod während einer Routineoperation unter seiner Leitung, nicht spurlos vorbeigegangen. Er war aber bereit, die Vergangenheit ruhen zu lassen und einen Neuanfang zu wagen - mit Mareike, der Frau, die er so sehr liebte.
„Schau Mareike, in ein paar Tagen beginnt ein neues Jahr und warum sollten wir nicht auch die Gelegenheit nutzen und ganz von vorne anfangen? - Was haben wir zu verlieren?”
Stefan Augen suchten den Blick Mareikes aufzufangen und das, was er ablesen konnte, bestätigte ihn: vollstes Vertrauen und ein glühender Funken ehrlicher Liebe spiegelten sich in ihm wider.
Behutsam nahm er sie in den Arm und ihre Lippen fanden sich zu einem zärtlichen, nicht enden wollenden Kuss. Die Wellen schlugen mit sanftem Rauschen an den Strand und ließen die beiden Liebenden in einer emotionsgeladenen Atmosphäre versinken.
Mareike fand zuerst in die Realität zurück. „Ja, ja, ja!” jubelte sie - „ich liebe dich!” „Dich, Stefan - nur dich, das musst du mir glauben!” „Du weißt nicht, wie glücklich du mich machst! Ich bin bestimmt der glücklichste Mensch auf der Insel - nie hätte ich geglaubt, mich einmal wieder so verlieben zu können!” „Aber” Mareike wurde nachdenklich, „wie wird Juliane darauf reagieren?” „Juliane hat dich schon in ihr Herz geschlossen. Sie war damals zu klein, um sich bewusst an ihre Mutter zu erinnern und wird froh sein, eine Freundin an ihrer Seite zu haben.”
Unbeschwert wie zwei fröhliche Kinder liefen Stefan und Mareike am Sylter Weststrand entlang, bis Mareike plötzlich abrupt stehenblieb. „Du musst morgen schon fahren!” Beiden wurde bewusst, wie nahe der Abschied voneinander bevorstand. „Jetzt vergehen doch die Tage viel schneller! - Wir werden jeden Tag mindestens einmal telefonieren!” versicherte Stefan. „Bestimmt!” machte sich Mareike neuen Mut.
Die beiden setzten ihren Spaziergang fort. Beide schmiedeten Pläne für die Zukunft und unterbrachen ihr Gespräch nur ab und zu, um stehen zu bleiben und in einem innigen Kuss zu versinken.
Es war spät, als Mareike am Abend in die Wohnung ihres Vaters zurückkehrte. Sie fühlte sich schuldbewusst, weil sie ihren Vater so lange allein gelassen hatte. Doch dieser verzieh seiner Tochter sofort, als er das glückliche Strahlen in ihren Augen sah. „Papa - es tut mir leid. Ich wollte schon viel früher wieder hier sein!” Sie senkte zerknischt ihren Blick. „Es gab aber so viel zu besprechen!” „Was habt ihr denn besprochen?” Herbert Kramers väterliche Neugier erwachte. „Stefan und ich bleiben in Hamburg. Dann können wir über’s Wochenende immer
Mal wieder auf die Insel zu dir kommen!” „Mareike, ich freue mich für dich! Ich habe es mir so gewünscht, dass du wieder in meiner Nähe bist. Ich mag Stefan sehr!” gerührt nahm er seine Tochter in den Arm.
„Jetzt muss ich aber mal schnell telefonieren!” Mareike griff das Telefon und verschwand im Schlafzimmer. „Das ist wirklich Liebe, kaum von einander verabschiedet, schon müssen sie wieder mit einander reden!” er schüttelte schmunzelnd den Kopf.
Was Herbert Kramer aber nicht wusste, Mareike telefonierte nicht mit Stefan sondern mit Michael. „… Nein … ich komme nicht wieder! Nein, auch nicht um alles zu regeln! Ich kündige hiermit fristlos! … Danke, …ich werde einen Anwalt mit der Regelung aller Angelegenheiten beauftragen! … Das wünsche ich dir auch! …. Ja, ich mache das Richtige! Leb’ wohl!” und schon war das Gespräch beendet.
Mareike ging zum Schrank und warf ihre Kleidungsstücke auf das Bett. Dann holte sie ihre zwei Koffer hervor und legte alles hinein. Leise öffnete sich die Tür des Schlafzimmers. „Was hast du vor?” fragte Mareikes Vater besorgt. „Ich fahre morgen mit Stefan nach Hamburg!” „Weiß er das?” „Nein, Papa - das ist eine Überraschung. Bitte verrate es nicht!”
„Dann muss ich dich schon wieder deinen Weg gehen lassen?” die Worte Herbert Kramers klangen ein wenig betrübt. „Ach, Papa - ich weiß! Aber kannst du mich nicht ein bisschen verstehen?” „Doch Mareike - einerseits freue ich mich, dass du so glücklich bist, andererseits bin ich traurig, dass du mich schon wieder verlässt.” „Ich bleibe doch in deiner Nähe und du kannst mich auch jederzeit besuchen, falls du mal den Inselkoller bekommst!” Mareike hatte sich auf das Bett gesetzt. „Bringst du mich morgen früh zur Autoverladestelle in Westerland?” „Sicher - ich möchte auch gern Stefans erstauntes Gesicht sehen, wenn du dort plötzlich mit deinen Koffern auftauchst!”
Mareike konnte vor Aufregung nicht schlafen und war am Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertages schon früh auf den Beinen. Für ein ausgiebiges Frühstück mit ihrem Vater fehlte ihr die nötige Ruhe.
Das Telefon klingelte. Nach nur zweimaligem Klingeln hob Mareike erwartungsvoll den Hörer ab. „Ich wollte dir nur schnell ‚tschüß’ sagen!” hörte sie Stefans Stimme. „Wir fahren gleich los!” „Tschüß!”, erwiderte Mareike knapp. „Habe ich dich geweckt oder warum bist du so kurz angebunden?” wunderte sich Stefan. „Nein, nein - es ist nichts. Ich bin nur ein bisschen traurig!” versuchte Mareike schnell zu erklären. „Musst du nicht - wir sehen uns ja schon in ein paar Tagen wieder!” tröstete Stefan sie. „Wer weiß?” Die Worte klangen vielsagend. „Kommt gut nach Hamburg! Grüße bitte deine Eltern und Juliane! Wir telefonieren wieder! Ja?” „Versprochen - aber jetzt lass den Kopf nicht hängen! Ich liebe dich!” „Ich dich auch!” und mit dieser Bestätigung beendete Mareike das Gepräch.
„Wir müssen los, Papa!” Herbert Kramer hatte schon die Koffer in den Wagen geladen und wartete bereits auf seine Tochter. „Dann kann es ja losgehen!”
Als sie in Westerland auf den Parkplatz der Autoverladestelle einbogen, standen nur wenige Autos dort. Der Wagen mit Stefan und seiner Familie war noch nicht dabei.
Mareike bat ihren Vater an, etwas abseits einen Parkplatz zu suchen. Ungeduldig blieben beide im Auto sitzen. Der Parkplatz füllte sich nur zögerlich. Nach einer Weile fuhr ein Wagen mit Hamburger Kennzeichen langsam auf den Parkplatz. „Das müssen sie sein!” vermutete Mareike erfreut. „Jetzt wird’s ernst!” Sie stieg aus, ging langsam auf den Wagen zu und klopfte an die Fensterscheibe der Fahrertür. Ganz langsam senkte sich diese und Mareike blickte in Stefans erstaunte Augen. „Was machst du denn hier?” Stefan war verdutzt. „Hast du noch Platz in deinem Auto?” „Na, klar!” klang es aus dem Fond des Wagens. „Du kannst neben mir sitzen!” Juliane hatte ihrem sprachlosen Vater die Antwort vorweg genommen.
Stefan öffnete die Autotür und stieg aus. Noch immer verschlug ihm diese Überraschung die Sprache. „Du willst… mit uns… nach Hamburg?” „Ich kann ja auch den Zug nehmen!”
„Nein, Mareike fährt mit uns, Papa!” mischte sich Juliane erneut ein. „Papa, es geht schon los. Die Autos fahren schon auf den Zug!” aufgeregt erinnerte Juliane an die bevorstehende Zugfahrt.
Noch immer überrascht von Mareikes Entschluss mit ihnen nach Hamburg zu fahren, verstaute Stefan das Gepäck. Mareike umarmte ihren Vater, der nun ebenfalls zu Stefans Auto gekommen war. Es fiel ihr schwer, ihn loszulassen, aber Stefan hatte ihre Hand ergriffen und zog sie sanft zu sich. „Wenn du wirklich mit willst, müssen wir jetzt fahren!” Er nickte Herbert Kramer zu, reichte ihm zum Abschied die Hand und stieg in das Auto. Mareike rutschte in den Fond des Wagens neben den Kindersitz von Juliane.
Langsam setzte sich der Wagen in Bewegung und fuhr als letztes Auto auf den Autozug. Kurz danach ertönte das Signal zur Abfahrt.
Der Zug fuhr an, aus allen vier Fenstern des Autos winkten Herbert Kramer überaus glückliche Menschen zu und obwohl er einsam auf dem Parkplatz zurückblieb, war er doch in seinem Innersten ebenso glücklich. „Mareike?” „Ja, Stefan!?” „Ich liebe dich!” - „Ich mag dich auch!” Julianes Stimmchen klang ungewohnt ernst. „Und ich liebe euch alle beide!” versicherte Mareike.
Mehr als ein Jahr waren Mareike Kramer und die anderen Personen des Romans unsere täglichen Begleiter. Sie nahmen - mal mehr und mal weniger - Besitz von unseren Gedanken, waren aber in ihrem Schicksal immer von uns abhängig. Wir konnten ihr Leben, ihre Erfahrungen, Enttäuschungen und Glücksmomente bestimmen.
Es fällt schwer, Mareike und Stefan nun in eine glückliche Zukunft zu verabschieden.
Aber vielleicht - eines Tages kehrt die kleine Familie mit neuen Geschichten wieder zurück. Warten wir es einmal ab!
ENDE
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