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	<pubDate>Mon, 05 Jan 2009 03:00:01 +0000</pubDate>
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		<title>19. Aufbruch</title>
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		<pubDate>Mon, 05 Jan 2009 03:00:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>literatussis</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Der Roman]]></category>

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		<description><![CDATA[Nora saß im Sessel ihres Krankenzimmers und starrte aus dem Fenster, sie wusste nicht, wie lange schon. Der feine Nieselregen, der den ganzen Tag lautlos vom Himmel rann, schien auch ihr Gesicht benetzt zu haben. Die Tränen, die ihr die Wangen herunterrannen, waren ein Spiegelbild ihrer Seele. Seit Tagen schon hatte sich die Traurigkeit wie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nora saß im Sessel ihres Krankenzimmers und starrte aus dem Fenster, sie wusste nicht, wie lange schon. Der feine Nieselregen, der den ganzen Tag lautlos vom Himmel rann, schien auch ihr Gesicht benetzt zu haben. Die Tränen, die ihr die Wangen herunterrannen, waren ein Spiegelbild ihrer Seele. Seit Tagen schon hatte sich die Traurigkeit wie ein dichtes Spinnennetz um sie gelegt und gefangen genommen.<br />
Sie hatte sich sehr auf Julios Besuch gefreut, aber er war nicht gekommen. Eine telefonische knappe Absage, er müsse die Schicht eines kranken Kollegen übernehmen, war das letzte, was sie seit Tagen von ihm gehört hatte. Sie versuchte sich damit zu trösten, dass der Anblick einer Frau im Krankenhaus, die gerade ihr Baby verloren hatte, nicht zu seiner Vorstellung von ihr passte. Hatte er sie doch als sexhungrige, erotisierende und phantasievolle Geliebte kennen gelernt. Wie gut, dass sie ihm ihre Krankheit verschwiegen hatte.</p>
<p>Der Besuch ihres Vaters hatte sich durch die plötzliche Krankheit ihrer Stiefmutter verschoben. Wieder fühlte sich Nora deplaziert, das dritte Rad am Wagen. Ihr Vater hatte immer noch nicht verstanden, warum das Verhältnis innerhalb der Familie so schlecht war. Nora konnte auch mittlerweile die Augen nicht mehr vor ihrer finanziellen Misere verschließen. Wenn ihr Vater ihr nicht kräftig unter die Arme greifen würde, könnte sie weder die Krankenhaus- noch die Hotelrechnung bezahlen.<br />
Michael ahnte von all dem nichts. Jeden Tag kam er sie besuchen, brachte ihr immer eine Kleinigkeit zur Aufheiterung mit, aber sie ließ ihn nicht in ihr Inneres schauen. Die Tatsache, dass er die Stelle der Hotelmanagerin anderweitig vergeben hatte, brachte Nora an den Rand der Verzweiflung. Aus der Traum, auf Teneriffa zu bleiben, um ein neues Leben zu beginnen. Sie konnte ihm noch nicht einmal böse sein, denn er hatte das ja alles nur ihr zuliebe gemacht. Und so sehr sie ihn auch mochte und ihm zu Dank verpflichtet war, reichte das nicht, um ihr Leben mit ihm zu teilen, weder hier noch in Deutschland. Sie war nur von einem Gedanken und einer Sehnsucht beherrscht - Julio.</p>
<p>Michael packte seine Reisetasche. Was zu erledigen war, hatte er erledigt. Mareike  hatte scheinbar ein geschicktes Händchen im Umgang mit den Hotelgästen. Sie war freundlich, aber bestimmt, organisierte mehrere Dinge gleichzeitig und hatte sich innerhalb kürzester Zeit eingearbeitet.<br />
Seine Termine in Deutschland ließen sich nicht länger verschieben, er musste zurück.  Am Abend zuvor hatte er Nora noch einmal besucht, um sich von ihr zu verabschieden. Seitdem sie im Krankenhaus lag, hatte sie sich völlig verändert. Sie ließ niemanden an sich heran, war von einer Traurigkeit umgeben, die Michael niemals bei ihr erwartet hätte. Der Verlust ihres Kindes war sicher überaus schmerzhaft für sie gewesen, aber er kam nicht an sie heran, das spürte er. Nora erwiderte seine Gefühle nicht in dem Maße, wie  er es  sich gewünscht hatte.<br />
Zeit heilt alle Wunden. Er konnte nichts erzwingen und würde abwarten. Er selbst hatte einiges vor sich, das sich nicht verschieben ließ.  Zu Hause wartete  Charlotte - seine Verlobte.</p>
<p>Mareike wurde durch das Klingeln an der Haustür unsanft aus ihren Träumen gerissen. Erschrocken riss sie die Augen auf, sprang aus dem Bett und ihr Blick fiel auf Carlos Gesicht. In diesem Moment bemerkte Mareike, dass Carlo fest auf seinen beiden Beinen stand. Carlo nahm seine Krücken und ging zur Haustür. Ihm war bewusst, dass er jetzt ein großes Problem hatte. Mareike hatte ihn so schockiert angesehen, dass Carlo nun mit dem Schlimmsten rechnete. Kaum hatte er die Haustür geöffnet, stürzte Julio an ihm vorbei und machte erst Halt, als er Mareike erblickte, die immer noch unbeweglich auf ihrem Platz stand. „Hallo Mareike, was machst du denn hier?&#8221;, fragte Julio verwundert. „Das frage ich mich auch&#8221;, bekam er zur Antwort und konnte nur noch verwundert schauen, als sie an ihm vorbei zur Haustür stürmte. „Mareike&#8230;&#8221;, rief Carlo leise, doch die Haustür hatte sich schon hinter ihr geschlossen. Carlo fuhr sich mit beiden Händen durch seine Haare, ging langsam zu seinem Lieblingssessel und ließ sich hineinfallen. Julio bemerkte erst jetzt, dass Carlo nicht mehr im Rollstuhl saß. Er ging zu Carlo und setzte sich in den benachbarten Sessel und blickte fragend auf Carlo. „Was hat das alles zu bedeuten Carlo? Ich denke, du kannst dich nicht mehr bewegen und sitzt im Rollstuhl?&#8221; Carlo gab ihm keine Antwort und schenkte sich einen Whisky ein, der griffbereit auf einem kleinen Tischchen stand. Julio wollte gerade noch einmal fragen, als sein Handy klingelte. Genervt zog er es aus der Tasche und meldete sich. Am anderen Ende war Nora. Julios Stirn legte sich sofort in Falten. Ohne zu antworten, hörte er Noras Redefluss zu. Sie beklagte sich bitter bei ihm, weil er sich nicht um sie kümmerte. Julio hörte sich ein Weilchen Noras weinerliche Stimme an und unterbrach dann das Gespräch. „Nora, fasse dich. Wenn es dir wieder besser geht, dann melde dich. Im Moment habe ich keinen Nerv für jammernde Frauen. Außerdem muss ich das Gespräch beenden, denn ich habe einen wichtigen Termin mit einem Geschäftskunden. Bis bald.&#8221; Julio beendete das Gespräch und schaltete vorsichtshalber sein Handy aus. Nora konnte ihm langsam lästig werden. Als leidenschaftliche Geliebte war sie sicher einmalig, aber als Nervenbündel viel zu anstrengend. Vielleicht sollte er sich mal wieder nach einem neuen Betthäschen umsehen. Doch erst musste er mit Carlo reden. Dieser machte aber keinen Versuch, die Situation zu erklären, sondern starrte schweigend in sein Glas. „Na gut, wenn du jetzt nicht reden willst, komme ich später noch einmal. Jedenfalls MÜSSEN wir reden. Ich brauche deine Hilfe.&#8221; Julio erhob sich und war in kurzer Zeit verschwunden. Carlo erhob sich ebenfalls aus seinem Sessel, nahm seine Jacke und verließ auch die Wohnung. Er musste jetzt allein sein. Ihm war schmerzlich bewusst, dass er mit Mareike alles vermasselt hatte. Na eigentlich nicht er, sondern Julio. Musste der auch zu einer so unpassenden Zeit kommen? Ob es Sinn machte, Mareike zu suchen? Carlo schüttelte den Kopf. Sicher wollte sie nicht mit ihm sprechen. Eins wusste Carlo aber ganz genau. Er brauchte Mareike wie die Luft zum Atmen. Er musste sie endlich in seinem Bett haben, ihren wunderbaren Körper berühren und kosten. Der Gedanke an sie erregte ihn. Da Mareike vor wenigen Minuten noch bereit war, sich von ihm lieben zu lassen, gab Carlo die Hoffnung nicht auf, dass Mareike ihm seine Schwindelei verzeihen würde. Jedenfalls hoffte er das inständig.</p>
<p>Nora saß im Garten der Klinik und reckte ihr Gesicht in die untergehende Sonne. Sanft umspielte ein sanfter Wind ihren Körper. Aber Sonne und Wind erreichten nur die Oberfläche, in ihrem Inneren fröstelte sie. Sie zuckte zusammen, als sich eine Hand von hinten auf ihre rechte Schulter legte. &#8220;Hier bist du, mein Kind&#8221;,  vernahm sie die sonore Stimme ihres Vaters. Endlich - wie lange hatte sie in den letzten Tagen auf diesen Moment gewartet, fast hatte sie die Hoffnung schon aufgegeben. &#8220;Papa - endlich!&#8221; Sie sprang auf und warf sich in die Arme ihres Vaters. Als wenn sich eine Schleuse in ihrem Inneren öffnen würde, stürzte ihre gesamte Trauer, Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit aus ihr heraus und ergoss sich in einer unendlichen Flut von Tränen. Peter van Melin, erschrocken über den Ausbruch seiner Tochter, die er so noch nie erlebt hatte, schloss sie fest in die Arme und ließ sie gewähren. Nach einer Ewigkeit beruhigte sich Nora und schaute ihrem Vater mit rot geweinten Augen und schniefender Nase fest ins Gesicht. &#8220;Wollen wir ein wenig laufen?&#8221; fragte sie unsicher, als hätte sie Angst, ihr Vater würde wie ein Geist bald wieder verschwinden. Eine Zeit lang liefen sie stumm nebeneinander her, jeder bemüht, die Kluft, die seit langem zwischen ihnen lag, zu überwinden. Aber auch die größte Klippe kann umschifft werden, wenn man nur will und am Abend dieses Tages hatten Vater und Tochter unzählige Missverständnisse aus dem Weg geräumt, diverse Scherben gekittet und miteinander einen wohl dauerhaften Frieden geschlossen. Nora konnte in zwei Tagen entlassen werden. Bis dahin bewohnte Peter van Melin ihr Hotelzimmer, nachdem er die bis dahin aufgelaufene Rechnung bezahlt hatte und nach Noras Entlassung wollte er mit seiner Tochter ein paar Tage Ferien machen und die Insel gemeinsam mit ihr erkunden.</p>
<p>In Begleitung ihres Vaters blühte Nora auf. Auf einer Kreuzfahrt um die Kanarischen Inseln mit täglichen Landausflügen entdeckten sie die faszinierenden Gesichter der anderen Inseln, eine interessanter als die andere. Noras Vater entdeckte sein Herz für Lanzarote und die bizarre Mondlandschaft der Montanas del Fuego, während Nora  stundenlang am feinen Sandstrand von Fuertoventura  entlang laufen konnte.  Das einst so angeschlagene Verhältnis zwischen Vater und Tochter wurde von Tag zu Tag inniger, so dass die Gäste auf dem Schiff bereits munkelten, was die junge hübsche Frau an dem wesentlich älteren, jedoch gut aussehenden Mann fand.<br />
In einem waren sie sich noch längst nicht einig, in der Frage, wie es nach dem Urlaub weitergehen sollte. Herr van Melin musste in drei Tagen wieder nach Deutschland zurück und setzte alle Hebel in Bewegung, um Nora zu überreden,  mit ihm zu kommen. Er kannte die besten Ärzte, die Noras Weiterbehandlung übernehmen könnten, die Villa war groß genug für drei und mit dem ansehnlichen Vermögen ihres Vaters konnte Nora sich erst einmal um sich und ihre Gesundheit kümmern und wieder arbeiten gehen, wenn sie dazu in der Lage war.<br />
Nora konnte sich nicht entscheiden. Ihr Vater hatte alle Argumente ins Spiel gebracht, gegen die sie nichts erwidern konnte. Was sollte sie alleine und mittellos auf Teneriffa? Ohne Geld konnte sie nichts machen und ihr Vater war nicht bereit, ihr derzeit auf der Insel finanziell zu einer neuen Existenz zu verhelfen, solange sie nicht wieder völlig gesund war.<br />
So konnte sie die düsteren Gedanken tagsüber weit von sich schieben, aber nachts, wenn sie alleine in ihrer Kabine lag, wanderten ihre Gedanken und ihre Sehnsüchte  zu Julio, einem verheirateten Mann, der sie in den Stunden, in denen sie ihn gebraucht hätte, rücksichtslos  alleine gelassen hatte.<br />
In wenigen Minuten legte das Schiff im Hafen von Santa Cruz an. Während Peter van Melin bereits alle Gepäckstücke zum Ausstieg bereithielt, starrte Nora unverwandt aufs offene Meer hinaus. &#8220;Ich komme mit nach Hause.&#8221; Ihr Vater zuckte bei diesem kurzen Satz zusammen, denn er hatte kaum noch mit einer Antwort und schon gar nicht mit dieser gerechnet. Ein erleichtertes Lächeln legte sich auf sein Gesicht. &#8220;Dann werden wir gleich ins nächste Reisebüro gehen und einen Flug für dich buchen.&#8221;<br />
Sie hatten Glück. Nora bekam noch einen Platz in derselben Maschine wie ihr Vater. Abends, nach einem leckeren Abendessen, nahm sie gedanklich von Teneriffa Abschied, während sie mit ihrem Vater ein letztes Mal die Fußgängerpromenade in Puerto de la Cruz entlang spazierte.<br />
Bevor sie ins Bett ging, schrieb sie Julio eine SMS. &#8220;Fliege morgen um 8.00 Uhr nach Hause zurück. Leb wohl, Nora.&#8221;<br />
Das Wetter entsprach Noras Stimmung. Die Sonne konnte sich nicht entscheiden, welchen Weg sie an diesem Tag nehmen wollte und leichter Nieselregen fiel vom Himmel, während das Taxi dem Flughafen Reina Sofia entgegen fuhr. Auf dem Flughafen herrschte geschäftiges Treiben, Urlauber landeten auf der Sonneninsel in Erwartung einiger erholsamer Tage, andere traten die Heimreise an.<br />
Peter van Melin und Nora hatten gerade die Passkontrolle hinter sich, als Nora ihren Namen hörte. Ruckartig drehte sie sich um. Sie sah ihn, wie er mit  zerzausten Haaren, Drei-Tage-Bart und einem wehmütigen Gesichtsausdruck ihre Augen suchte. Es war zu spät, ein kurzer Blick zurück, ein Gesichtsausdruck, der keinerlei Gefühle verriet. Noras und Julios Wege trennten sich. Sie hatte sich entschieden.</p>
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		<title>18. Schicksalhafte Begegnung</title>
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		<pubDate>Mon, 29 Dec 2008 03:00:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>literatussis</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Der Roman]]></category>

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		<description><![CDATA[Mareikes Gespräch in der Redaktion der &#8220;Teneriffa Nachrichten&#8221; hatte sie in eine solche Euphorie versetzt, dass sie die Tür mit einem kräftigen Schubs aufschwang. &#8220;Können Sie denn nicht aufpassen?&#8221; Ein schlanker, dunkelhaariger Mann mit Brille hielt sich schmerzend die Stelle am Kopf, die gerade mit der Tür Bekanntschaft gemacht hatte. &#8220;Wenn ich Hellseherin wäre, könnte [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mareikes Gespräch in der Redaktion der &#8220;Teneriffa Nachrichten&#8221; hatte sie in eine solche Euphorie versetzt, dass sie die Tür mit einem kräftigen Schubs aufschwang. &#8220;Können Sie denn nicht aufpassen?&#8221; Ein schlanker, dunkelhaariger Mann mit Brille hielt sich schmerzend die Stelle am Kopf, die gerade mit der Tür Bekanntschaft gemacht hatte. &#8220;Wenn ich Hellseherin wäre, könnte ich mein Geld anders verdienen&#8221;, konterte Mareike. &#8220;Tut´s sehr weh?&#8221; setzte sie sogleich mitfühlend nach. &#8220;Entschuldigen Sie bitte, es war nicht meine Absicht, Ihnen weh zu tun.&#8221; Innerlich musste sie grinsen und fragte sich, ob er an der Tür gelauscht hatte oder für einen Moment die Brille nicht aufhatte. Unerklärlich für sie, wie das passieren konnte. Ihr Gegenüber sagte gar nichts, sondern war mit dem langsam wachsenden Horn an seiner Stirn zutiefst beschäftigt. &#8220;Kann ich irgend etwas für Sie tun?&#8221; fragte Mareike mehr aus Höflichkeit, denn sie hatte keine Lust, hier Wurzeln zu schlagen. Er schüttelte nur den Kopf und schaute sie mit einem Blick an, als hätte er ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. &#8216;Weichei! Davon stirbt man nicht&#8217;, dachte sie im Inneren, überlegte sich, ob sie ihm noch einen Tipp geben sollte, wie er seine Stirn am besten kühlen könne, um nicht eine komplette Farbpalette im Gesicht zu haben, drehte sich dann aber mit einem &#8220;Adios&#8221; um und verließ die Redaktion.</p>
<p>Was sie jetzt brauchte, war ein ruhiges und sonniges Plätzchen, einen Cafe con Leche und einen Tia Maria mit Eis. Das alles würde sie bei Francisco am Plaza del Charco finden. Plötzlich stoppte sie. Hatte sie das im Vorbeigehen richtig gelesen? Sie ging ein paar Schritte zurück und blieb vor dem Eingang des Hotel Marte stehen. Ungläubig schaute sie auf eine Anzeige an der Tür zur Eingangshalle. &#8216;Suche ab sofort eine deutsche Hotelmanagerin mit sehr guten Führungsqualitäten, Teamgeist und guten Fremdsprachenkenntnissen in Wort und Schrift&#8230;..&#8217;. Unschlüssig blieb sie stehen, ging dann ein paar Schritte zurück und nahm das ganze Gebäude in Augenschein. Das Drei-Sterne-Hotel machte einen sauberen und gepflegten Eindruck. Auf dem Flachdach waren  vermutlich ein Pool und eine Liegeterrasse mit einer bezaubernden Sicht über die Stadt, auf das Meer und den Teide. Neugierig geworden trat sie näher und warf einen Blick durch die geöffnete Tür in die Eingangshalle mit rustikaler dunkler Holzeinrichtung. Direkt gegenüber wies ein Schild zur Sauna und zum Fitness-Bereich. Mareike war auf einmal völlig unentschlossen. Noch immer innerlich mit dem Gespräch in der Redaktion befasst, stand sie nun vor einer neuen Herausforderung. Sie hatte nur noch ein paar Schritte bis zur Bodega, speicherte die Telefonnummer des Hotels in ihr Handy und ging mit schnellen Schritten weiter. Während des Kaffeetrinkens hatte sie genügend Zeit nachzudenken.</p>
<p>Carlo schaute nachdenklich aus dem Fenster. Durch seinen Kopf jagten die unterschiedlichsten Gedanken. Doch immer wieder musste er an Mareike denken. Er musste nur die Augen schließen und schon sah er ihr Gesicht deutlich vor sich. Kopfschüttelnd dachte er an Carmen. Wieso hatte er so viel Zeit mit dieser Frau verbracht. War sie es wert gewesen? Nein! Carlo nahm sein Handy und tippte Mareikes Nummer. Er musste warten, bis Mareike sich meldete. „Hier ist Carlo, hast du Zeit, mich heute zu besuchen?&#8221; Es dauerte lange, bis Mareike antwortete. „Carlo, ich suche gerade einen neuen Job, um auf Teneriffa leben zu können.&#8221; „Warum suchst du einen Job, Mareike? Du sollst mir doch bei meinem Buch helfen. Ich brauche dich als Managerin. Ich werde dich auch dafür bezahlen. Allerdings musst du rund um die Uhr für mich da sein. In meinem Haus gibt es eine Gästewohnung. Dort hast du deine Privatsphäre. Lass mich nicht allein und hilf mir.&#8221; Carlo wartete Mareikes Antwort nicht ab, sondern unterbrach die Verbindung. In dem Moment öffnete sich die Tür und Anna kam herein.<br />
Carlo warf Anna einen anerkennenden Blick zu. Die strahlend blauen Augen in ihrem zarten, leicht gebräunten Gesicht, schauten ihn freundlich an. In ihrem dunkelroten ärmellosen Sommerkleid wirkte sie so zierlich und gebrechlich. Aber die wahren Kräfte dieser mädchenhaft schlanken Frau hatte Carlo in den letzten Tagen zu spüren bekommen, nachdem er seine Reha beendet hatte. Nach einer langen und endlosen Auseinandersetzung mit Senora Alfaro, bis zu seiner Genesung - an die Carlo nicht glaubte - nach Santa Cruz in das Hotel seiner Tante zu ziehen, hatte Carlos Sturheit gesiegt.  Senora Alfaro hatte ihm ein Angebot gemacht. Anna wurde auf unbestimmte Zeit von ihrer neuen Arbeitgeberin freigestellt, erhielt jedoch ihr volles Gehalt als Hotelmanagerin und versorgte Carlo in allen Belangen.<br />
Anna selbst hatte den Vorschlag gemacht. Als stets neugierige und lerneifrige Tochter eines Arztes hatte sie grundlegende Kenntnisse in der Pflege von Kranken. Und das entscheidende Argument, das Carlo und Senora Alfaro überzeugte, war die Erfahrung Annas, die sie in der Pflege ihrer Großmutter nach einem Schlaganfall bis zu deren Tod gesammelt hatte.<br />
Sie selbst vermied tunlichst alles, was ihre wahren Gefühle für Carlo auch nur angedeutet hätten. Sie selbst war mit der Entwicklung der Dinge höchst zufrieden. Ihm den ganzen Tag nahe zu sein und für ihn zu sorgen, war mehr als sie erwartet hatte. Und wenn er ihre Gefühle nur annähernd erwiderte, würde seine Pflege ihre Lebensaufgabe werden.</p>
<p>Nach einem ausgiebigen zweiten Frühstück, drei Cafe con Leche und einem Tia Maria stand Mareikes Rangfolge fest. Die Tätigkeit als Hotelmanagerin war das, was sie am meisten reizte. Die Redaktion hatte ihr längerfristig eine Stelle in Aussicht gestellt. Dafür musste sie aber erst einige Beiträge einreichen und deren Prüfung abwarten. Sie hatte sich für die Gebiete Teneriffas entschieden, die bisher vom Tourismus noch nicht entdeckt waren. Sie wollte noch heute mit ihrer Fotoausrüstung und ihrem Laptop losfahren. Und Carlo? Sie hatte ihm versprochen, zu helfen und das würde sie auch tun, aber nicht als Full-Time Job sondern sofern sie Zeit hatte und schon gar nicht gegen Bezahlung, sondern als Freundschaftsdienst. Und bei ihm einzuziehen kam erst recht nicht für sie in Betracht. Sie hatte ihre Wohnung, in der sie sich zu Hause fühlte. Nachdem Anna seine Pflege übernommen hatte, wusste Mareike Carlo gut versorgt. Warum machte er Anna das Angebot nicht, seine Gästewohnung zu beziehen? Das wäre in dieser Situation doch für beide von Vorteil.<br />
Es wurde Zeit, Taten folgen zu lassen. „ La quenta, por favor&#8221; rief sie dem Kellner zu, bezahlte, warf noch einmal einen kritischen Blick in ihren kleinen Handspiegel und machte sich auf dem Weg zum Hotel.<br />
Nach ein paar Schritten blieb sie erstaunt vor der Terrasse eines kleinen Frühstückscafes stehen. An einem kleinen Tisch saß er, auf seiner Stirn ein deutliches Horn. Einen Augenblick war Mareike versucht, zu ihm zu gehen. Als sie jedoch sah, dass er telefonierte und alles andere als entspannt und guter Dinge war, wollte sie weiter gehen. Einige Gesprächsfetzen schnappte sie jedoch auf &#8230;&#8221; dann sag bitte alle weiteren Termine ab&#8230;- &#8230; immer noch auf der Suche&#8230;..- &#8230;Hotel alleine lassen &#8230; unmöglich&#8230;&#8221;<br />
Mareike blieb ein paar Meter weiter stehen. Das Hotel, in dem sie sich bewerben wollte, lag hinter der nächsten Straßenecke. Gab es etwa eine Verbindung zwischen dem Hotel  und diesem unbekannten Deutschen?<br />
Die freundliche Dame an der Rezeption bat Mareike Platz zu nehmen. Sie hatte ihren Chef telefonisch von einer Interessentin unterrichtet und er wollte in einigen Minuten da sein. Mareike nutzte die Zeit, die Empfangshalle detailliert in Augenschein zu nehmen.<br />
Das Ambiente war gepflegt und sauber, strahlte eine freundliche Atmosphäre aus und Mareike begann sich vorzustellen, wie es sich hier arbeiten ließe. Die Hotelgäste, die ein und aus gingen, machten einen sehr zufriedenen Eindruck und wurden von der Dame am Empfang herzlich begrüßt und verabschiedet.<br />
Die Eingangstür öffnete sich. Erwartungsvoll schaute Mareike zur Tür. Die &#8220;Beule&#8221; kam herein und schaute sich fragend in der Halle um. Ein kaum unmerkliches Kopfnicken der Empfangsdame in Mareikes Richtung, neugierig  suchende braune Augen hinter einer dunklen Hornbrille, die farblich mit dem Oberlippenschnäuzer überein stimmten und dann der überraschte Gesichtsausdruck in seinem Gesicht. &#8220;Sie?&#8221; fragte er lang gezogen, merkte aber sogleich, dass das wohl nicht die passende Ansprache für eine Bewerberin war.<br />
Er trat auf Mareike zu, gab ihr die Hand und stellte sich vor. &#8220;Michael Schubert, ich bin der Hotelbesitzer. Entschuldigen Sie bitte meine plumpe Begrüßung, aber bei Ihrem Anblick denke ich gleich an meine Kopfschmerzen.&#8221; Mareike konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, stellte sich ihrerseits vor und folgte seiner freundlichen Einladung in sein Büro.<br />
Gerade als sie das Büro betreten wollte, klingelte ihr Handy. Mareike entschuldigte sich und nahm das Gespräch an. Am anderen Ende war Carlo, der sie unbedingt sehen wollte. Mareike kaute auf ihrer Unterlippe und wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Michael schaute abwartend auf Mareike und begab sich dann in sein Büro. Mareike stöhne leise und konzentrierte sich auf Carlo. „Ich denke, Anna ist bei dir und unterstützt dich&#8221;, flüsterte sie leise. „Ich kann sie nicht ertragen&#8221;, war die Antwort von Carlo. „Ständig schwirrt sie um mich herum. Nirgendwo bin ich allein. Ich habe schon mit ihr gesprochen. Morgen kümmert sie sich wieder um ihre eigenen Belange.&#8221; Mareike schloss genervt die Augen. Irgendwie musste sie ihr Leben wieder in den Griff bekommen. Dazu gehörte nun mal ein sicherer Job auf Teneriffa und den konnte ihr dieser Michael sicher bieten. &#8220;Carlo, ich komme heute noch zu dir und wir besprechen alles ganz genau. Überstürze nichts und nimm die Hilfen von Anna an.&#8221; „Nein, Mareike, ich will, dass du bei mir bist. Ich brauche dich und ich liebe dich.&#8221; Mareike verschlug es bei dieser Aussage die Sprache. Sicher, Carlo war ein Mann, der die Frauenherzen höher schlagen ließ. Daran konnte auch seine Behinderung nichts ändern. Er war charmant und gefährlich. So ganz konnte Mareike sich seiner Aura nicht entziehen. „Carlo, sobald ich hier fertig bin, komme ich zu dir.&#8221; Wo bist du Mareike?&#8221; „Ich bewerbe mich um einen Job als Managerin in einem Hotel hier auf Teneriffa.&#8221; „Wozu? Ich biete dir eine Arbeit hier bei mir.&#8221; „Carlo, ich brauche eine Tätigkeit, die mich ausfüllt. Versteh das bitte. Ich kann dir doch trotzdem bei deinem Buch helfen.&#8221; „Gut Mareike, wenn du dein Einstellungsgespräch beendet hast, komm bitte zu mir. Ich warte auf dich. Wir müssen reden.&#8221; Mareike wollte noch etwas erwidern, aber Carlo hatte das Gespräch schon beendet. Mareike betrat das Büro ihres hoffentlich zukünftigen Arbeitgebers. Der schaute sie fragend an.<br />
Carlo steckte das Handy in seine Hosentasche. Danach erhob er sich mühevoll aus seinem Rollstuhl. Vorsichtig griff er nach seinen Krücken und bewegte sich langsam zu seinem Fitnessraum. Dort begann er mit Übungen, die seinen Körper wieder zu dem machen sollten, was er mal war. Carlo wusste, er würde es schaffen. In den letzten Tagen hatte er schon enorme Fortschritte gemacht. Keiner wusste davon&#8230;dabei sollte es auch bleiben. Carlo hatte keine Lust, sich mit ehemaligen „Freunden&#8221; zu befassen. Nur Mareike wollte er sehen. In einsamen Stunden träumte er von ihr. Er konnte sie spüren, sie schmecken und sie fühlen. Nicht mehr lange, und Mareike würde in seinen Armen liegen. Dafür würde er schon sorgen. Er brauchte sie. Er wollte sie. Er würde sie haben. Carlo sehnte sich nach ihrer Stimme und ihrem liebevollen Wesen. Wenn er die Augen schloss, konnte er die Kerzen riechen, den Champagner schmecken und Mareikes Haut fühlen. Sie würde ihm gehören. Sie MUSSTE ihm gehören. Carmen war nichts im Vergleich zu dieser Frau. Zum ersten Mal dachte Carlo an Familie und Kinder. Erschrocken starrte Carlo auf seine Hände, welche Mareike so gern berühren wollten. Das konnte doch nicht wahr sein. Das Leben hatte doch sicher noch viele schöne Seiten zu bieten&#8230;doch&#8230;Mareike war die Frau, die er schon immer gesucht hatte. Carlo ließ sich auf seinem Trainingsgerät nieder und schlug die Hände vor das Gesicht. Er musste nachdenken.</p>
<p>Das Gespräch zwischen Mareike und Michael Schubert verlief in einer angenehmen und entspannten Atmosphäre, wozu die &#8216;Kollision&#8217; beider mit Sicherheit beigetragen hatte. Michael erkannte schnell, dass er in dieser jungen, hübschen Frau die ideale Hotelmanagerin für sein Hotel gefunden hatte und dass er sich auf eine Zusammenarbeit freute. Deshalb war er auch bereit, auf alle Forderungen ihrerseits einzugehen, wenn sie nur den angebotenen Job annehmen würde. Er atmete tief durch. &#8220;Könnten Sie sich vorstellen, dieses Hotel zu führen?&#8221; Auf diese direkte und abschließende Frage Michaels konnte es nur ein &#8216;Ja&#8217; oder &#8216;Nein&#8217; geben. &#8216;Sag bitte ja&#8217;, fügte er in Gedanken hinzu. Ganz selbstlos war seine Hoffnung natürlich nicht. Wenn Mareike sich entschließen würde, die Leitung des Hotels zu übernehmen, konnte er sich selbst verstärkt um Nora kümmern - Nora, beim Gedanken an diese Frau wurde es Michael warm ums Herz. Sie war seine große Liebe! &#8216;Nur nicht so schnell antworten&#8217; - ihr Gegenüber sollte nicht merken, wie froh sie war, einen Job gefunden zu haben. &#8220;Ja&#8230;. ich werde es probieren!&#8221;, Mareikes etwas zögerliche Antwort unterbrach seine Gedanken und ließ ein freudiges Lächeln über sein Gesicht huschen.<br />
Er streckte Mareike seine Hand hin - &#8220;Auf eine gute Zusammenarbeit!&#8221;. Mareike ergriff seine Hand. &#8220;Ich freue mich auf die Arbeit!&#8221; Mareike lächelte ihn freundlich an und Michael war in diesem Moment so erleichtert, dass er sie am liebsten in den Arm genommen hätte.<br />
&#8220;Wann können Sie anfangen - morgen?&#8221; Michael blickte Mareike fragend an&#8221;. Jederzeit - wann Sie es wünschen!&#8221; Diese Antwort klang hervorragend. &#8220;Na dann - wie wär&#8217;s morgen sieben Uhr?&#8221; &#8220;Einverstanden!&#8221; Mareike nickte zustimmend. &#8220;Alle weiteren Formalitäten klären wir dann, ja?&#8221; Michael war froh über den Ausgang des Gesprächs und es zog in nun in das Krankenhaus zu Nora. Auch Mareike fühlte sich gut. Jetzt wollte sie schnell zu Carlos und ihm über ihr erfolgreiches Bewerbungsgespräch berichten. Mareike und Michael verabschiedeten sich und jeder machte sich auf zu dem Menschen, der eine bedeutende Rolle im weiteren Leben spielen sollte.</p>
<p>Mareike genoss die Strahlen der Sonne und setzte sich in den feinen Sand des belebten Strandes. Bevor sie zu Carlo ging, musste sie noch ein Weilchen allein sein. Das Gespräch mit Michael ging ihr nicht aus dem Kopf. Hatte sie richtig gehandelt? Wollte sie wirklich auf Teneriffa bleiben? Fragen über Fragen und doch keine sicheren Antworten. Gerade als sich Mareike erheben wollte, bemerkte sie Julio. Mit gerunzelter Stirn sah sie ihm entgegen. „Was willst du?&#8221;, fragte Mareike, kaum dass Julio vor ihr stand. Ihm fiel es sichtlich schwer, die richtigen Worte zu finden. „Mareike, ich wollte mich bei dir entschuldigen&#8221;, kam es trotzig von seinen Lippen. „Können wir die ganze Sache mit der anderen Frau nicht vergessen? Ich sehne mich nach deiner Zärtlichkeit und Leidenschaft.&#8221; Mareike starrte sprachlos auf ihr Gegenüber. „Das ist nicht dein Ernst Julio?&#8221;, brach es fassungslos aus ihr heraus. Mareike wartete keine Antwort ab, sprang auf und verließ eilig den Strand. Julio schaute ihr verblüfft nach. Was hatte sie denn? Nun hatte er sich schon entschuldigt und Mareike spielte immer noch die Beleidigte. Eigentlich war Julio nur noch halbherzig an Mareike interessiert. Sicher, ein paar nette Stündchen mit ihr hätten Spaß gemacht, aber eigentlich wollte er Nora. Nur war die sicher noch im Krankenhaus. Julio zuckte mit den Schultern, schob seine Sonnenbrille zurecht und betrachtete die Strandschönheiten. Eine dieser Damen erregte sein besonderes Interesse. Julio fuhr sich durch seine dichten Haare und machte sich auf den Weg zu ihr.<br />
Unterdessen sprintete Mareike die Straßen entlang. Immer noch entrüstete waren ihre Gedanken bei der Begegnung mit Julio. Der Mann musste doch &#8230; Mareike dachte den Satz lieber nicht zu Ende. Auf einmal wurde ihr bewusst, dass sie in ihrer Empörung den Weg zu Carlo gewählt hatte. Mareike brauchte nur noch die Straße überqueren und schon stand sie vor seiner Haustür. Carlo musste sie erwartet haben, denn kaum hatte Mareike auf den Klingelknopf gedrückt, öffnete sich die Haustür. Carlo schaute sie mit seinen samtbraunen Augen an. Etwas mulmig wurde es Mareike bei diesem Blick schon. Immerhin war Carlo für sie immer noch undurchschaubar. Carlo ließ Mareike eintreten. Er saß wieder in seinem Rollstuhl und schaute sie prüfend an. Mareike räusperte sich und fragte: „ Was hast du heute den ganzen Tag gemacht? Wie geht es mit deinem Buch voran?&#8221; Carlo antwortete nicht gleich, sondern konzentrierte sich auf Mareikes Aussehen. Sie sah wieder süß aus in der hautenden Sommerhose und der duftigen Bluse. Er überlegte unwillkürlich, was sie darunter trug. Kaum hörbar seufzte Carlo und lud Mareike zum Hinsetzen ein. Mareike folge seiner Aufforderung und nahm in einem hübschen Korbsessel Platz. „Mareike, kannst du diese Nacht bei mir bleiben? Ich brauche deine Nähe&#8230;&#8221;<br />
Mareike sah fragend zu Carlo. Eigentlich wollte sie nicht in seiner Nähe bleiben. Noch immer konnte Mareike ihre Gefühle für diesen Mann nicht einordnen. „Mareike, überlege nicht lange und bleibe heute bei mir. Wir können über mein Buch sprechen und uns bei einem Glas Wein entspannen.&#8221; Mareike dachte über ihre Pläne für diesen Abend nach. Sicher, die kleinen Termine ließen sich verschieben. Doch wollte sie wirklich bei Carlo bleiben? Nach kurzem Überlegen, stimmte sie schließlich zu. „ Wenn du willst und genügend im Kühlschrank hast, kann ich uns etwas zum Abendessen zubereiten&#8221;, schlug Mareike bereitwillig vor. Carlo nickte und führte Mareike in die Küche. Mareike wollte seinen Rollstuhl schieben, aber er ließ es nicht zu. In der Küche zeigte Carlo Mareike, wo sie alles finden konnte. Mareike nickte und suchte sich Geräte und Zutaten zusammen. Leise verließ Carlo die Küche und fuhr auf die Terrasse. Für ihn stand es fest, dass Mareike heute Nacht in seinen Armen liegen würde. Carlo wusste nur noch nicht, wie er ihr  beibringen sollte, dass er wieder laufen konnte. Sie dachte ja noch, dass er gelähmt war. Carlo hatte Angst, dass Mareike ihn sofort wieder verlassen würde, wenn sie von seiner wieder gewonnenen Bewegungsfreiheit erfuhr.<br />
Aus der Küche stieg ihm ein leckerer Duft in die Nase. Er hörte, wie Mareike den Tisch deckte. Carlo fuhr langsam in den Wohnbereich zurück und sah ihr zu. Mareike bemerkte seine Blicke und lächelte ihn an. „Das Essen ist fertig Carlo. Du kannst dir schon einen Platz am Tisch suchen. Ich bin gleich bei dir.&#8221; Carlo folgte ihrer Auforderung. Kurze Zeit später ließen sich beide Mareikes einfaches Mahl schmecken. Nach dem Essen räumte Mareike auf und Carlo kümmerte sich um den Wein. Als beide wenig später auf der Terrasse saßen, leuchteten die Kerzen mit der untergehenden Sonne um die Wette. Warmer Wind rauschte durch Bäumen und Sträuche . Carlo hob das Glas und stieß mit Mareike an. „Wollen wir jetzt über dein Buch sprechen?&#8221;, fragt sie in diesem Moment. Carlo nickte, obwohl er mit Sicherheit nicht vorhatte, über das Buch zu sprechen. „Mareike, kannst du mal ganz nah zu mir kommen?&#8221; Mareike schaute verwundert auf ihr Gegenüber, erhob sich aber und setzte sich ganz dicht neben Carlo. Er  zog Mareike dich zu sich heran. Bevor Mareike zum Denken kam, lag sie schon in seinen Armen und spürte seine heißen Küsse auf ihrem Mund, seine streichelnden Hände auf ihrem Körper. Mareike wollte sich wehren und Carlo von sich stoßen, aber er hielt sie fest und zog sie weiter zu sich heran. Langsam entspannte sich Mareike und begann seine Küsse zu genießen. Sie fing ebenfalls an, ihn zu berühren und zu erkunden. Mareike hatte aufgehört zu denken und gab sich ihren Empfindungen hin.<br />
Als beiden das bloße Berühren nicht mehr reichte, nahm Carlo Mareike auf den Arm und trug sie in sein Schlafzimmer. Mareike merkte überhaupt nicht, das Carlo den Rollstuhl verlassen hatte.</p>
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		<title>17. Diagnose</title>
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		<pubDate>Mon, 22 Dec 2008 03:00:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>literatussis</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Der Roman]]></category>

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		<description><![CDATA[Nora presste sich die Hände auf den Unterleib und ihr Gesicht verzerrte sich vor Schmerz. &#8220;Was ist mit Ihnen?&#8221; Michael schaute Nora irritiert an und sein Blick wanderte in Richtung ihres Unterleibes. &#8220;Ich weiß es nicht, es tut so weh,&#8221; stammelte Nora mit bleichem Gesichtsausdruck. &#8220;Bitte, bringen Sie mich zu meinem Hotel, ich möchte mich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nora presste sich die Hände auf den Unterleib und ihr Gesicht verzerrte sich vor Schmerz. &#8220;Was ist mit Ihnen?&#8221; Michael schaute Nora irritiert an und sein Blick wanderte in Richtung ihres Unterleibes. &#8220;Ich weiß es nicht, es tut so weh,&#8221; stammelte Nora mit bleichem Gesichtsausdruck. &#8220;Bitte, bringen Sie mich zu meinem Hotel, ich möchte mich hinlegen.&#8221; Nora schaute ihn bittend an. Der Abend war anscheinend gelaufen, dachte sie bitter.<br />
&#8220;Kommen Sie, ich fahre Sie zur Clinica. Dort wird man Sie untersuchen und feststellen, was mit Ihnen los ist.&#8221; Sein Ton war so energisch, dass Nora keinen Widerspruch wagte. Sie wusste, dass er Recht hatte.<br />
Michael lief den sterilen blassblauen Gang auf und ab. Noras Untersuchung dauerte schon eine Stunde. Hin und wieder huschte eine Krankenschwester lautlos mit einem Tablett voller Medikamente, Fieberthermometer und einem Blutdruckmessgerät an ihm vorbei. Niemand nahm Notiz von ihm. Er selber fragte sich, warum er so lange auf ein Ergebnis wartete. Er hatte mit Nora keinerlei Beziehung, außer der mündlichen Vereinbarung, dass sie am nächsten Morgen in seinem Hotel anfangen würde. Und das stand gerade in den Sternen.<br />
Ein junger Arzt trat von hinten auf ihn zu und sprach ihn an. &#8220;Hola, Senor, Sie können ganz beruhigt sein. Der Senora geht es den Umständen entsprechend. Die Unterleibschmerzen und die Blutungen deuten auf die Gefahr einer Fehlgeburt hin. Die Blutwerte sind nicht optimal, die Ultraschalluntersuchung ist ohne Befund, so dass die Senora vorläufig zur Beobachtung und zu weiteren Untersuchungen hier bleiben sollte. Sie bekommt erst einmal wehenhemmende Mittel und muss absolute Bettruhe einhalten. Sie schläft jetzt. Morgen können Sie sie gerne besuchen. Buenas noches.&#8221; &#8220;Gracias&#8221; war das einzige Wort, das Michael erwidern konnte. Er schaute dem Arzt hinterher und begriff erst so langsam, was der ihm mitgeteilt hatte.<br />
Mit energischen Schritten strebte er kopfschüttelnd dem Ausgang zu. Das Thema Nora van Melin konnte er zu den Akten legen. Dafür hatte er nun drei Tage auf Teneriffa verbracht, sich mit einer Frau amüsiert, sie ausgeführt und mehrfach eingeladen, in der Annahme, dass sie die personelle Situation in seinem Hotel ab morgen retten würde.<br />
Statt dessen hatte sie ihn an der Nase herum geführt, ihm eine Schwangerschaft verheimlicht und nun stand er wie ein Depp da und war genauso weit wie vor drei Tagen.<br />
Er hatte keine Wahl. Morgen würde er zu Hause anrufen, alle Termine für die nächsten Tage absagen und sich erst einmal selbst um alles kümmern.</p>
<p>&#8220;Du musst dich um das Kind kümmern! Sie hat Hunger!&#8221; Nora saß in einem bequemen Sessel, blätterte lustlos in einem Modemagazin, zog ab und zu an einer Zigarette und füllte immer wieder ihr Champagnerglass.<br />
&#8220;Mach du!&#8221;, war ihre kurze und knappe Antwort, die sie ihm entgegenschleuderte.<br />
&#8220;Nora, ich kümmere mich - wann immer ich kann - um die Kleine. Windeln wechseln, in den Schlaf wiegen - das alles übernehme ich gern, aber es gelingt mir nicht, sie zu stillen!&#8221; Obwohl ein humorvoller Unterton in seinen Worten mitschwang, war sein Gesicht ernst.<br />
&#8220;Ja, ich komme ja gleich!&#8221; Noras Stimme klang genervt. &#8220;Jetzt, Nora - nicht gleich!&#8221; und er hielt ihr das Baby hin. Zögernd griff Nora nach dem Baby, legte es in ihren Arm und verzog ihr Gesicht. &#8220;Es stinkt!&#8221; &#8220;Es ist deine Tochter, Nora und sie würde nicht stinken, wenn du regelmäßig die Windeln wechseln würdest!&#8221;<br />
Nora blickte auf das Baby, dessen dunkle Augen sie fixierten und begleitet von kleinen glucksenden Lauten schien ein Lächeln über das kleine Gesicht zu huschen. Unbeeindruckt davon, öffnete Nora ihre Bluse und legte die Kleine zum Stillen an. Das Baby saugte zufrieden. Es schien die ablehnende Haltung seiner Mutter in diesem Moment der innigen Zweisamkeit nicht zu spüren.<br />
Nora schloss die Augen. Die saugenden Bewegungen des kleinen Mundes an ihrer Brustwarze erweckten andere Erinnerungen. Sie fühlte die Hände von Julio auf ihrem Körper, fühlte ihn schmerzhaft in sich und stöhnte vor Schmerzen auf. Die Schmerzen trieben ihr den Schweiß auf die Stirn.  Als Nora ihre Augen wieder öffnete, hatte sich das Gesicht des Babies zu einer grinsenden Fratze verzogen. Angeekelt stieß Nora das Kind von sich, doch er fing es auf! &#8220;Michael?&#8221; Nora kniff die Augen zusammen, &#8220;was machen Sie hier?&#8221; In diesem Moment wurde es dunkel um Nora.<br />
Michael strich über Noras schweißbedeckte Stirn und griff ihre Hand. &#8220;Keine Angst - ich bin ja hier! Ich Depp  werde mich um dich kümmern - du hast mein Herz getroffen!&#8221; Er wusste, dass Nora seine Worte nicht hören konnte, zu tief war ihr traumgeplagter Schlaf, aber er hatte auch nicht bemerkt, dass der junge Arzt hinter ihm stand und ihn beobachtete.<br />
&#8220;Sie wird Sie brauchen!&#8221;, wandte er sich an Michael.  &#8220;Und ich werde für sie dasein!&#8221; entgegnete ihm Michael mit festen Worten. &#8220;Gut, dass Sie mich noch einmal zurückgeholt haben. Alles andere kann warten! Ich glaube, ich habe eine neue Liebe gefunden - auch wenn sie selbst noch nichts davon weiß!&#8221;<br />
Der junge Arzt lächelte. Er glaubte dem Senor. Hier würde sich hoffentlich alles in guten Bahnen weiterentwickeln. Leise verließ er das Krankenzimmer.</p>
<p>Julios Laune war unerträglich geworden. Conchetta ließ ihn in Ruhe und war froh, wenn er abends zur Arbeit nach Puerto de la Cruz fuhr. Sie wusste nicht, was mit ihm los war und hatte aufgehört, ihn danach zu fragen. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, interessierte sie das auch nicht mehr. Ihre Liebe zu Julio war erkaltet und nur des Kindes wegen blieb sie noch bei ihm. Seit sie wusste, dass Julio sie betrog, hatte sie sich immer mehr von ihm zurück gezogen. Seit langem war sie auf der Suche nach einer Arbeit, die es ihr möglich machte, wieder zu Hause zu sein, wenn Nino aus der Schule kam. Sie wollte sich finanziell unabhängig von ihrem Mann machen, um ihn, so bald es ihr möglich war, zu verlassen und auf eigenen Beinen stehen zu können. Es hatte wieder Streit gegeben und erst, als sie die Haustür ins Schloss fallen hörte, atmete sie tief durch.<br />
Der Grund für Julios Gereiztheit war Nora. Seit zwei Tagen war sie wie vom Erdboden verschluckt. Julio war mehrfach in ihrem Hotel gewesen, dort wusste auch niemand etwas. Sie hatte die Insel nicht verlassen, denn ihre Sachen waren alle noch in ihrem Zimmer. Nur ihre Handtasche war weg. Julio konnte sich keinen Reim darauf machen. Zuerst hatte Julio vermutet, sie sei bei diesem Michael, ihrem neuen Arbeitgeber und der Zorn ergriff ihn. Dessen Hotel hatte er schnell ausfindig gemacht und observiert. Er hatte Michael zwei Mal von seinem Versteck aus, einem Bananenbaum mit einer vorgelagerten Hecke mit Weihnachtssternknospen, gesehen, jedesmal alleine und mit ernstem Gesicht. Von Nora gab es keine Spur.<br />
Wo war sie? War ihr etwas geschehen? Ihr Verschwinden war mysteriös. Er hätte die Polizei einschalten oder die Krankenhäuser anrufen können. Sein Denken und Fühlen war jedoch nur von einem Gedanken beherrscht, der Sehnsucht nach ihrer Sinnlichkeit und Leidenschaft.<br />
Er hatte noch etwas Zeit. Ohne nachzudenken führte ihn sein Weg zu Mareike. Sie lag auf der Sonnenliege am Pool, hatte einen aufreizenden, knappen Bikini an und für einen Augenblick hatte er den warmen, duftenden Körper Noras vergessen. Als er sich über sie beugte, um sie zu küssen, schlug sie die Augen auf. &#8220;Was willst du?&#8221; &#8220;Dich küssen.&#8221; Wieder suchten seine Lippen die ihren und eine Welle der Erregung erfasste ihn. Er hatte nicht mit Mareikes Widerstand gerechnet und wich erstaunt zurück, als sich ihre Hände gegen seinen Brustkorb stemmten und deutlich ihren Widerstand signalisierten. &#8220;Was ist los mit dir? Ich habe dich vermisst, aber ich kam zu Hause nicht weg. Du weisst doch, Nino war sehr krank.&#8221;<br />
Mareike stand auf, schlang sich ihr blau-gestreiftes Badetuch um ihren Körper und wies auf das Tor des Grundstückes. &#8220;Verschwinde und lass dich hier nie wieder blicken.&#8221; Ihr Ton war hart und traf Julio wie ein Peitschenhieb. Aber so leicht gab er nicht auf. Er ignorierte sowohl das Gartentor als auch Mareikes deutliche Worte. Als aber auch sein zweiter Annäherungsversuch kläglich scheiterte, beschloss er,  es für heute dabei zu belassen. &#8220;Was habe ich dir getan?&#8221; fragte er mit unschuldigem Augenaufschlag. &#8220;Nichts, ich will dich einfach nicht mehr sehen. Amüsiere dich weiter mit wem du willst, aber nicht mehr mit mir. Und deinen sexuellen Notstand wirst du sicher an der nächsten Ecke beseitigen können.&#8221; Mareikes Augen funkelten, ihre Körperhaltung erinnerte ihn an eine sprungbereite Katze mit geschärften Krallen. Er merkte, dass weitere Diskussionen keinen Sinn hatten und ging.<br />
Mutlos ließ sich Mareike auf ihrer Sonnenliege nieder. Der Abschied von Martin hatte sie mehr aufgewühlt, als sie wollte und die Tatsache, dass sie für Julio nicht mehr als ein willkommenes Betthäschen war, frustrierte sie. Jede Faser ihres Körpers sehnte sich nach seinem, aber ihr Stolz und ihre Selbstachtung hielten sie davon ab, ihm um den Hals zu fallen und sich ihm hinzugeben.<br />
Alles, was sie sich vorgenommen hatte, lief irgendwie schief. Ihre Ersparnisse gingen zur Neige, sie hatte nichts in Aussicht, als Carlo bei seinem Buch zu helfen, einem kranken Mann, dem sie einen Liebesdienst erweisen wollte, wovon sie aber nicht leben konnte.<br />
Plötzlich kam ihr eine Idee. Sie war Fremdsprachenkorrespondentin, sprach mehrere Sprachen, hatte ein literarisches Händchen und ein geschultes Auge für außergewöhnliche  Motive. Die Leidenschaft zu fotografieren, hatte sie von ihrem Vater geerbt. Was sprach dagegen, sich als Schriftstellerin selbständig zu machen? Sie kannte die Insel sehr gut, auch die Eckchen, in die  sich  kaum ein Tourist verirrte. Wie oft hatte sie sich über die diversen Reiseführer aufgeregt, die sich  auf die Beschreibung der Touristenhochburgen stürzten, um den Tourismus weiter anzukurbeln. Wer schrieb schon von den verträumten und unberührten  Fleckchen, der eigentlichen  Natur und dem wahren Gesicht der Insel? Wie viele Touristen waren enttäuscht, wenn sie nicht ihr Sauerkraut mit Knödeln und Schweinshaxe vorfanden? Wie viele Touristen kannten die kleinen verträumten Bodegas im Familienbetrieb, wo typische kanarische Gerichte auf dem Tisch standen?<br />
Ihre plötzliche Idee ließen sie Martin und Julio vergessen. Gleich morgen früh wollte sie sich mit der Redaktion der Teneriffa Nachrichten in Verbindung setzen und anfragen, ob sie für diese Zeitung, die ausschließlich für deutsche Urlauber erschien, arbeiten konnte. Das wäre zumindest ein Anfang.</p>
<p>Sonnenstrahlen suchten sich ihren Weg in Noras Zimmer. Es waren nun schon mehrere Stunden seit ihrer Notoperation vergangen. Noch immer hatte sie das Bewusstsein nicht wiedererlangt. Michael schaute auf die Frau, welche in kurzer Zeit sein Dasein auf den Kopf gestellt hatte. Blass und schmal lag sie unter der dünnen Decke. Geräte übernahmen Funktionen, die Noras Körper nicht allein bewältigen konnte. Michael fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht. Langsam musste er sich um seine Geschäfte kümmern, aber er wollte Nora nicht allein lassen. Unschlüssig sah er aus dem Fenster. Sein Blick fiel auf ein Zwillingspärchen, welches ausgelassen durch den Klinikpark tobte. Ein leises Aufstöhnen ließ Martin ruckartig herumfahren. Noras Augenlider begannen sich zu heben. Benommen sah sie auf den Mann, der vor ihrem Bett stand. „Was ist geschehen?&#8221;, flüsterte sie leise. Martin räusperte sich, nahm einen Stuhl und setzte sich zu Nora. „Ich hole den Arzt Nora. Er wird dir alles genau erklären. Wie geht es dir?&#8221; Nora sah sich verwundert in dem Zimmer um. Die vielen Geräte irritierten sie. Sie wollte gerade weitere Fragen stellen, als sich die Tür öffnete. Ein gutaussehender Arzt betrat den Raum. Bis vor nicht all zu langer Zeit, hätte Nora sofort versucht, ihn durch einen gekonnten Augenaufschlag zu becircen. Doch verlor sie in ihrer jetzigen Situation noch nicht einmal einen Gedanken daran. Sie fühlte sich elend und hilflos. Vor allem verstand sie nicht, warum Michael an ihrem Bett saß. Sicher, sie wollte einen Job von ihm und sie konnte sich Michael auch gut als Vater ihres Kindes vorstellen, aber&#8230; Bei dem Gedanken an ihr Kind durchfuhr Nora ein eisiger Schreck. Was war mit ihrem Kind? Da Nora die ganze Zeit nachgedacht hatte, war ihr der Blick entgangen, den der Arzt mit Michael gewechselt hatte. Nora bekam gerade noch mit, dass Michael leise das Zimmer verließ. Der Arzt setzte sich auf den freigewordenen Stuhl und sah Nora aufmunternd an. „Was ist mit meinem Kind?&#8221;, wollte Nora sofort wissen. Die nachfolgenden Minuten änderten Noras ganzes Leben. Der behandelnde Arzt teilte ihr mit, dass sie ihr Kind verloren hatte. Bei der OP stellte sich heraus, dass an Noras Gebärmutter ein gewaltiger Tumor wucherte, so dass diese entfernt werden musste. Vorsichtig und schonend versuchte der Arzt Nora mit dieser Situation vertraut zu machen. Das kranke Gewebe konnte vollständig entfernt werden und es bestand Hoffnung auf vollständige Heilung. Langsam füllten sich Noras Augen mit Tränen. Sie hatte das Baby nie gewollt. Es hatte einfach nicht in ihre Pläne gepasst. Nun hatte sie es verloren und die Chance, je ein Kind in den Armen halten zu können. „Lassen Sie mich bitte allein&#8221;, flüsterte Nora kaum hörbar. „Sagen Sie Michael, ich möchte ihn nie wiedersehen.&#8221; Der Arzt verließ den Raum und Nora schluchzte verzweifelt in ihre Kissen.<br />
Als der Arzt Noras Zimmer verlassen und die Tür leise geschlossen hatte, kam Michael mit fragendem Gesichtsausdruck auf ihn zu. &#8220;Und?&#8221; &#8220;Sie will Sie nie mehr wiedersehen. Das soll ich Ihnen ausrichten.&#8221; Michael senkte den Blick zu Boden. &#8220;Kommen Sie&#8221;, sagte er aufmunternd und deutete auf eine Tür am Ende des Ganges. In seinem Zimmer versuchte er geduldig, Michael die Situation zu verdeutlichen. Die Reaktion Noras sei keineswegs unnormal. Sie musste sich erst einmal mit dem Verlust des Kindes und ihrer Krankheit abfinden. Die Ergebnisse, ob der Tumor gut- oder bösartig war, standen noch aus. Und davon war die weitere Behandlung abhängig. Manche Frauen brächen in so einer Situation erst mal in Tränen aus und würden sich ihre Sorgen von der Seele reden, andere schotteten sich ab und versuchten, das alles erst einmal selbst zu verarbeiten. Sie zögen sich in ihr Schneckenhaus zurück und blieben so lange darin, bis die ersten Wunden vernarbt seien. Nora schien zur letzteren Gruppe zu gehören. Für Michael klang das einleuchtend und nachdem er dem Arzt seine Handynummer dagelassen hatte, verließ er das Krankenhaus ein wenig beruhigter. Er würde Nora alle Zeit lassen, die sie brauchte.<br />
Morgen wollte er auf die Suche gehen. Als er sein Zimmer im Hotel betreten hatte, nahm er als erstes die &#8220;Teneriffa Nachrichten&#8221; zur Hand und gab für die kommende Ausgabe eine Anzeige auf. Vielleicht würde er auf diesem Weg jemanden finden, der das Management in seinem Hotel übernehmen könnte. Es lebten sehr viele Deutsche auf der Insel und die Zeit saß ihm erbarmungslos im Nacken.</p>
<p>Nora hatte aufgehört zu weinen. Traurig schaute sie aus dem Fenster ihres Krankenzimmers. Immer noch fühlte sie sich schwach und elend. Von ihrem Arzt wusste sie, dass ihre Chancen auf Heilung gut waren, aber der endgültige Befund stand noch aus. Doch das andere Problem war ihre Kinderlosigkeit. In Moment wollte sie ihr Leben noch genießen, aber eigentlich sehnte sie sich nach einer intakten Familie. Ihre Eltern waren dafür kein Beispiel. Allerdings hatte sie nun keine Möglichkeit mehr, es besser zu machen. Nora schloss die Augen und dachte über ihr Leben nach. Noch immer war sie nicht bereit, ihre selbstsüchtigen Wünsche unter Kontrolle zu bekommen. Die Nächte mit Julio waren traumhaft gewesen. Michael hatte ihr eine Zukunft angeboten und Martin war ihre Lebensversicherung gewesen. Doch was nutzten ihr diese Männer, wenn sie nicht wusste, ob sie die nächste Zeit überleben würde? Das Klingeln ihres Handys  riss sie aus ihren Gedanken. Als sie sich meldete, hatte sie ihren Vater am Telefon. Bein Klang seiner Stimme merkte Nora, wie sie sich innerlich verkrampfte. Doch war sie erstaunt, als sie hörte, dass ihr Vater sofort nach Teneriffa kommen wollte, um ihr in dieser schweren Zeit eine Hilfe zu sein. Woher wusste ihr Vater von der Fehlgeburt? Woher wusste er von ihrer Krankheit? Nora schloss die Augen und wieder einmal liefen ihr Tränen über das Gesicht. Tief in ihrem Herzen liebte sie ihren Vater. Sie hatte Sehnsucht nach einem Menschen, der sie bedingungslos liebte. Doch war das ihr Vater? Nora verabschiedete ihren Vater und wartete. Wartete auf eine Entscheidung, die ihr half, ihr Leben in die richtigen Bahnen zu lenken. Dabei dachte sie an Martin. Sie musst ihn sprechen und retten, was zu retten war. Er durfte wegen ihr keine weiteren Schwierigkeiten bekommen. Nora war noch beim Nachdenken, als ein ihr unbekannter Arzt den Raum betrat. Von ihm erfuhr Nora, dass der Tumor zwar bösartig war, aber dass die Untersuchungen zeigten, dass er noch  keine Metastasen gebildet hatte und somit das kranke Gewebe mitsamt der Gebärmutter restlos entfernt werden konnte. Allerdings müsse sie sich einer Chemotherapie unterziehen.  Lächelnd verabschiedete sich der Arzt und Nora fasste einen Entschluss. Sie wollte leben. Sie wollte genießen. Kinder konnte sie nicht mehr bekommen, aber war das so wichtig? Wenn sie schon sterben musste, denn an Heilung glaubte Nora nicht, wollte sie den Rest ihres Lebens genießen. Nora verließ ihr Bett und zog sich an. Dann nahm sie ihr Handy und wählte eine vertraute Nummer. Sie musst nicht lange warten und der Teilnehmer meldete sich.&#8221; Ja, Julio hier.&#8221;<br />
Julios Freude war ehrlich, als er Noras Stimme vernahm. Seine aufkeimende Eifersucht legte sich sofort, aber als er erfuhr, dass sie ihr Kind verloren hatte, wurde er nachdenklich. Seine Bedürfnisse musste er zurück stellen, solange Nora im Krankenhaus und noch nicht genesen war. Und ob er solange warten oder sich nach einem neuen Objekt der Begierde umsehen würde, ließ er für sich erst einmal offen. Nora hatte ihm ihre Krebserkrankung bewusst verschwiegen. Das ging nur sie etwas an. Julio versprach ihr, sie noch heute zu besuchen und das war für sie ein Lichtblick an diesem leicht verregneten Tag.<br />
Als Martin sich am anderen Ende der Leitung meldete, biss sich Nora nervös auf die Unterlippe. Ihre sorgsam zurecht gelegte Entschuldigung hatte sich in Nichts aufgelöst und sie wusste nicht, wie sie anfangen sollte. &#8220;Hier ist Nora, bitte leg nicht gleich auf.&#8221; Am anderen Ende der Leitung - Schweigen. Umständlich erklärte sie Martin, aus welchen Gründen sie den harmlosen Autounfall so aufgebauscht hatte. Es sprudelte nur so aus ihr heraus, Martin, den sie kaum kannte, ihre Lebensgeschichte so zu offenbaren, als säße sie einem Therapeuten gegenüber. Bis auf ihre Diagnose wusste er nun alles und sie hoffte auf eine Reaktion von ihm - vergeblich. Erst als sie leise sagte &#8220;Bitte, verzeih mir,&#8221; vernahm sie ein verlegenes Räuspern am anderen Ende der Leitung. &#8220;Schon gut. Ich wünsche dir alles Glück der Welt. Davon scheinst du ja genug zu brauchen. Und, wenn du jemanden zum Quatschen brauchst, weißt du ja, wie du mich erreichst.&#8221; Das Besetztzeichen verriet Nora, dass er aufgelegt hatte. Nun konnte sie sich erst einmal zurücklehnen und auf Julio und die Ankunft ihres Vaters warten.</p>
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		<title>16. Abschied</title>
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		<pubDate>Mon, 15 Dec 2008 03:00:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>literatussis</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Der Roman]]></category>

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		<description><![CDATA[Martin hatte seinen Koffer gepackt, bis auf das, was er heute Nacht und morgen früh brauchte. Um  halb acht musste er am Flughafen sein. Er hatte Mareike eine SMS geschickt. In kurzen Worten hatte er ihr mitgeteilt, dass er morgen nach Deutschland zurück flöge und sich kurz von ihr verabschieden wollte und ob ihr 18 [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Martin hatte seinen Koffer gepackt, bis auf das, was er heute Nacht und morgen früh brauchte. Um  halb acht musste er am Flughafen sein. Er hatte Mareike eine SMS geschickt. In kurzen Worten hatte er ihr mitgeteilt, dass er morgen nach Deutschland zurück flöge und sich kurz von ihr verabschieden wollte und ob ihr 18 Uhr recht sei. Die Antwort war kurz und bündig: &#8220;Okay&#8221;.<br />
Er hatte geglaubt, innerlich mit Mareike abgeschlossen zu haben.  Doch je näher der Zeitpunkt ihres Wiedersehens rückte, desto nervöser wurde er. Es war nicht nur die Angst, Mareike könnte etwas mit Julio haben, sondern seine eigenen Gefühle meldeten sich allzu deutlich. In der Woche, die er auf Teneriffa verbracht hatte, war ihm genug Zeit zum Nachdenken geblieben und er musste sich eingestehen, dass er grobe Fehler gemacht und   Mareikes Wünsche zu sehr ignoriert hatte. Er war jemand, der bisher immer kalte Füße bekommen hatte, wenn sich eine Frau enger an ihn binden wollte.  Die Stichwörter &#8216;heiraten&#8217;,  &#8216;Kinder kriegen&#8217; und &#8216;ein Häuschen im Grünen&#8217; waren ein rotes Tuch für ihn. Er wollte Spaß und guten Sex haben, er brauchte jemanden, an den er sich auch mal anlehnen konnte, der ihm zuhörte, er liebte es, mit einer Partnerin um die Häuser zu ziehen, Freunde zu haben - aber feste Bindungen mit Verantwortung und Verpflichtungen, dafür glaubte er noch sehr lange Zeit zu haben.<br />
Inzwischen dachte er anders. Er wusste, dass Mareike das Gefühl brauchte, angekommen zu sein. Eine feste Beziehung und Kinder gehörten zu ihrer Lebensplanung. Umso weniger verstand  er, dass sie vorhatte, ihr Leben in Zukunft hier zu verbringen. Und eine Affaire mit Julio - unmöglich, das war nicht ihr Stil. Oder war sie im Bett nicht mit ihm zufrieden gewesen?<br />
Er konnte es drehen und wenden, wie er wollte, er hatte sie verloren. Er, der ewig große Junge, ohne rechte berufliche und private Perspektive, was wollte er ihr sagen, damit sie es sich vielleicht noch einmal anders überlegen würde?<br />
Nach einer ausgiebigen Dusche zog er sich an, nahm seine immer noch ungeöffnete Flasche Vino Tinto, den extra zusammen gestellten Strauß Strelizien und machte sich auf den Weg.<br />
Mareike öffnete ihm die Tür. Sie sah bezaubernd aus in ihren weißen hautengen Capri-Hosen und der duftenden Seidenbluse. Ihre Haut war tief gebräunt und ein Lächeln spielte um ihren Mund, als sie ihn begrüßte und herein bat.<br />
Sie hatte gekocht und alles auf der Terrasse vorbereitet. &#8220;Setz dich schon mal&#8221;, forderte sie ihn mit Blick auf den gedeckten Tisch auf. &#8220;Ich schaue nur noch mal nach dem Essen und stelle die wunderschönen Blumen ins Wasser.&#8221;<br />
Martin sah ihr nachdenklich nach. Er verfluchte schon jetzt den nächsten Morgen, wenn der Flieger ihn wieder in die Hamburger Realität zurück brachte.</p>
<p>Mareike eilte in die Küche und überprüfte den Inhalt ihrer Töpfe und Pfannen. Das Essen war fertig und konnte aufgetragen werden. Als sie sich umsah, stand Martin in der Küchentür. Wehmütig schaute er auf Mareike. Unzählige Male hatte Mareike schon für ihn gekocht. Allerdings hatte er sich darüber nie große Gedanken gemacht. Nun schien es dafür zu spät zu sein. Mareike sah glücklich aus. Es war lange her, dass sie so sorglos gelacht hatte. Ob Julio tatsächlich die Ursache für Mareikes Veränderung war? Martin konnte sich das nicht vorstellen, da er die Ansicht vertrat, dass Julio für Mareike eine Nummer zu groß war. Doch hatte das wohl nichts zu sagen, wenn es um Sex und Leidenschaft ging. Mareike füllte die Teller mit verschiedenen kleinen Vorspeisen. Martin lief das Wasser im Mund zusammen. „Martin, nimmst du den Wein?&#8221; fragte Mareike und schwebte schon mit den Tellern an ihm vorbei. Martin konnte nur nicken und nahm die Flasche, auf die Mareike gezeigt hatte. Langsam folgte er ihr in den Wohnbereich. Mareike hatte die Kerzen angezündet und sah Martin abwartend an. „Willst du nicht die Gläser füllen?&#8221;, fragte sie sanft. Martin kam ihrer Aufforderung nach und goss den rubinfarbenen Wein in die Kristallgläser. Alles sah nach einem intimen Zusammensein aus. Doch Martin wusste, dass die kommenden Minuten das Ende seiner Beziehung zu Mareike besiegeln würden. Mareike plauderte unterdessen über die Schönheiten von Teneriffa. Julio erwähnte sie mit keiner Silbe. Martin hielt es nicht länger aus und unterbrach Mareikes Wortschwall. „Mareike, ich liebe dich. Ich weiß, ich habe mich dir gegenüber nicht immer korrekt benommen, aber ich würde dir gern beweise, wie wichtig du mir bist, wenn du mir noch eine Chance gibst.&#8221; Mareike ließ ihre Gabel sinken und schaute Martin lange an. „Tut mir leid Martin, aber ich empfinde nichts mehr für dich. Lass uns Freunde bleiben!&#8221;, antwortete sie leise. Doch daran war Martin nicht interessiert. Er stand auf und verließ kurz darauf grußlos die Wohnung. Mareike schlug die Hände vor ihr Gesicht und fing bitterlich an zu weinen. Eine Liebe hatte ihr Ende gefunden. Eine Liebe, die schön begonnen und durch Unachtsamkeit geendet hatte. Müde erhob sich Mareike von ihrem Stuhl und räumte den Tisch ab. Als sie aus dem Fenster sah, fiel ihr Blick auf Martin, der rauchend am Gartentor lehnte und traurig zu ihr hinüber blickte. Mareike wollte gerade in den Garten laufen, doch in diesem Moment trat Martin seine Zigarette aus und verschwand in der beginnenden Dunkelheit.<br />
Ohne Nachzudenken rannte Mareike los. &#8220;Martin, so warte doch.&#8221; Sie hörte weit vor sich schnelle Schritte und hoffte inständig, er würde warten. Die Schritte vor ihr verlangsamten sich und kurz darauf holte sie ihn ein. &#8220;Lass uns nicht so auseinander gehen&#8221;, bat sie ihn. &#8220;Lass uns wenigstens noch zusammen essen.&#8221; &#8220;Also gut&#8221;, sagte er so beiläufig wie möglich, innerlich aber doch sehr erleichtert. Er hätte sich schon wieder ohrfeigen können, dass er so kampflos das Feld verlassen hatte. Aber so war er schon immer gewesen, in schwierigen Situationen schmiss er schnell das Handtuch, anstatt zu kämpfen. Er half Mareike, den Tisch wieder zu decken. Fieberhaft überlegte jeder für sich, was er dem anderen noch sagen wollte. Er begann, von seiner Entdeckung der Insel zu erzählen, von seiner Wanderung durch die Canadas, dem weiten Rund der riesigen Caldera, dem steilen Gipfelpfad, der ihn zum Gipfelkreuz des Teide führte und dem Gefühl, dort dem Himmel ganz nahe zu sein, obwohl die Schwefeldämpfe das Atmen in dieser Höhe erschwerten. Er hatte die Schäden gesehen, die die Waldbrände in den Wäldern hinterlassen hatten und der Insel ein großes Stück kostbare Natur genommen hatten, hatte das malerische Bergdorf Masca besucht, das vor einigen Jahrzehnten nur mit Mauleseln oder zu Fuß erreichbar war. Eine Rundfahrt hatte ihm die Insel mit ihren vielen Gesichtern, unterschiedlichen Klima- und Vegetationszonen, Gebieten voll mit Touristen und Landstriche, in denen die Einheimischen unter sich waren, gezeigt und ihn begeistert. Ja, er konnte Mareikes Liebe zur Insel verstehen, aber nicht ihren Entschluss, hier zu bleiben. &#8220;Was hält dich hier? Ist es ein Mann?&#8221; Er schaute ihr dabei direkt in die Augen und bemerkte ihre Überraschung. &#8220;Ja und nein&#8221;, antwortete sie zögerlich. &#8220;Ich habe jemandem, der nach einem Unfall sehr krank ist versprochen, sein angefangenes Buch mit ihm und für ihn zu beenden. Dann werde ich weitersehen.&#8221; &#8220;Ist er  auch  ein Jäger und Sammler?&#8221; Das klang schärfer, als er gewollt hatte. &#8220;Was meinst du damit?&#8221; &#8220;Ich frage mich, ob seine Sammelleidenschaft sich ausschließlich auf Touristinnen bezieht. Das kommt ja schließlich überall da vor, wo allein reisende Touristinnen sind. Mein spanischer amigo Julio, mit dem ich vorgestern Abend in Los Realejos versackt bin, sammelt Touristinnen für sein Bett wie andere Leute Jagdtrophäen.&#8221; Dabei beobachtete er Mareike genau. Bingo! Der Name Julio und der Ort Los Realejos hatten ein leichtes Aufflackern ihrer Augen erzeugt. &#8220;Ich war ja auch nie ein Kind von Traurigkeit, bevor ich dich kennen lernte, aber wenn man verheiratet ist und ein Kind hat, sollte man sich seiner Verantwortung bewusst sein oder lieber alleine bleiben.&#8221; Mareike sagte kein Wort und so fügte Martin, ohne sie dabei anzusehen, hinzu &#8220;Nimm dich vor ihm in acht. Er ist ein netter Kerl, der Typ, auf den Frauen scheinbar fliegen, aber er verbringt seine Freizeit, wenn er nicht gerade im Casino arbeitet, in irgendwelchen Betten mit netten, süßen Betthäschen.&#8221;  Mareike versuchte sich nichts anmerken zu lassen, aber innerlich zitterte sie. Alles passte auf ihren Julio. Konnte sie so naiv sein, sich einzubilden, er mache sich ernsthaft etwas aus ihr? Sie wusste, dass er verheiratet war und sie hatte Skrupel, denn sie kannte Conchetta. In was war sie da nur wieder herein geraten?<br />
Martin hatte indirekt eine Antwort auf seine Vermutung bekommen und das machte ihm den Abschied noch schwerer.<br />
Und so nahm er all seinen Mut zusammen und verabschiedete sich von Mareike, nicht ohne ihr zu versichern, dass sie alle Zeit habe, es sich noch einmal anders zu überlegen. Er würde auf ein Zeichen von ihr warten, sich selbst aber nicht melden. Für ihn käme nur eine feste Beziehung mit Zukunftsperspektive in Frage, keine Freundschaft. Dieses Stadium hatten sie lange hinter sich. Er wollte eine Familie, und zwar mit ihr.<br />
Mareike konnte kaum glauben, was sie da hörte,  das war nicht der Martin, den sie kannte. Hätte er ihr das vor wenigen Wochen gesagt, wäre sie nicht aus Deutschland geflüchtet.<br />
Sie lagen sich lange stumm in den Armen, ohne ein Wort zu sagen. Dann löste sich Martin von ihr, küsste sie auf beide Wangen und ging, ohne sich noch einmal umzudrehen.</p>
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		<title>15. Männerrunde</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Dec 2008 03:00:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>literatussis</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Der Roman]]></category>

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		<description><![CDATA[Martin sah Nora und ihrem Begleiter fassungslos hinterher. Der Appetit war ihm gründlich vergangen und nur ein Gedanke beherrschte ihn &#8216;Was führte dieses Miststück im Schilde?&#8217; Er entschuldigte sich bei dem Kellner, der ihn mit der Speisekarte in der Hand erwartungsvoll ansah und verließ das Restaurant. Er hatte in den letzten Tagen viel nachgedacht und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Martin sah Nora und ihrem Begleiter fassungslos hinterher. Der Appetit war ihm gründlich vergangen und nur ein Gedanke beherrschte ihn &#8216;Was führte dieses Miststück im Schilde?&#8217; Er entschuldigte sich bei dem Kellner, der ihn mit der Speisekarte in der Hand erwartungsvoll ansah und verließ das Restaurant. Er hatte in den letzten Tagen viel nachgedacht und die Insel intensiv erkundet. Das hatte seine Gedanken geordnet und den Kopf frei gemacht. Nachdem er ein paar Mal bei Mareike vor verschlossener Tür gestanden hatte, war er zu der Überzeugung gelangt, dass jeglicher Druck sinnlos war. Entweder sie würde von allein zu ihm zurück finden oder nicht. Seine plötzlichen Heiratsabsichten fand er selbst lächerlich und deutete sie für sich als eine Art Torschlusspanik.<br />
Seine Urlaubswoche neigte sich dem Ende entgegen und nun passierte das, was er erfolgreich verdrängt hatte. Er traf Nora, die ihm offenbar wirklich hinterher gereist war und brachte sein mühsam erworbenes Gleichgewicht wieder ins Wanken.<br />
Unschlüssig stand er vor der Tür des Restaurants, da fiel sein Blick auf einen Mann, den er schon mal gesehen hatte. Wenn er nur wüsste, wo? Mit düsterem Blick schaute der Fremde in die Richtung, in die Nora und ihr Begleiter verschwunden waren.<br />
Natürlich! Es fiel Martin wie Schuppen aus den Haaren, als er den Fremden wieder erkannte. Das war der Mann, dem Mareike um den Hals gefallen war, nachdem sie ihn abserviert hatte. Was aber hatte der nun mit dieser Nora zu tun?<br />
Martin überlegte fieberhaft. Er musste einen Weg finden, diesen Mann kennenzulernen, das würde möglicherweise etwas Licht in das Dunkel bringen.<br />
&#8220;Hola, Senor&#8221;, sprach er ihn, so unbekümmert wie er eben konnte,  an. &#8220;Sie sehen auch aus, als könnten Sie einen guten Schluck vertragen. Ich suche eine nette kleine Kneipe und würde mich freuen, wenn Sie mein Gast wären.&#8221;<br />
Julio betrachtete Martin durchdringend, ohne eine Miene zu verziehen. Warum eigentlich nicht? Der Abend war sowieso gelaufen. Er reichte Martin die Hand, stellte sich vor und deutete mit dem Kopf zu seinem Wagen. &#8220;Muchas gracias. Vamos!&#8221;<br />
Ohne darüber zu sprechen hatten beide das gleiche Bedürfnis, sich heute voll laufen zu lassen. Julio schlug den Weg nach Los Realejos ein. Wenn er danach nicht mehr fahren konnte oder durfte, hatte er es nur ein paar Minuten zu Fuß zu seinem Haus. Per Taxe kam auch sein neuer Bekannter unproblematisch nach Puerto zurück. Im El Monasterio, einem ehemaligen Kloster, das zum Restaurant umgebaut worden war, ließen sie sich nieder. Martins Magen meldete sich nun doch ganz eindringlich. Eine gute Grundlage zu haben, war ja auch nicht verkehrt. Als sie das erste Bier vom Fass anhoben, prosteten sie sich zu. &#8220;Martin. Nett, dass Sie mich begleiten.&#8221; &#8220;Julio. Danke für die Einladung.&#8221; Beim zweiten Bier saß die Zunge schon etwas lockerer. Und nachdem Martin ein Fischfilet nach Art des Hauses genossen hatte, sorgte der Verdauungsschnaps für ein ungezwungenes Gespräch unter Männern. Martin spürte bald die lösende Wirkung des Alkohols. Aber solange er nicht wusste, was Julio mit Mareike und Nora verband, blieb er auf der Hut. Julio erzählte viel von der Insel, seiner Arbeit und outete sich als Familienvater mit Kind. &#8216;Sieh an&#8217; dachte Martin. Scheinbar war er in dieser Rolle nicht ausgelastet. Auch Julio konnte der Wirkung des Alkohols immer weniger entgegen setzen und wurde noch redseliger. Er plauderte ungeniert über seine neueste Eroberung und deren Vorzüge im Bett, dass Martin ihn neidvoll anblickte. Aber - wen meinte Julio? Mareike oder Nora? &#8220;Und warum beschattest du dein Betthäschen?&#8221; Er musste sich der Wahrheit mit allen Konsequenzen stellen. War es Nora, konnte es Martin nur Recht sein. Aber wenn es Mareike war&#8230; den Gedanken wollte er gar nicht zu Ende denken. &#8220;Die Kleine muss ich unter Kontrolle haben. Der Typ an ihrer Seite ist ja nicht von schlechten Eltern. Angeblich will sie ab morgen bei ihm arbeiten, daher musste sie sich ab und an mit ihm treffen.&#8221; &#8220;Und mich will sie heiraten, weil sie schwanger ist. Dabei habe ich sie nur kurz angebufft.&#8221; Martin fing an zu lachen, bis ihm die Tränen liefen. Er bemerkte nicht, wie sich Julios Augen verengten und ihn ungläubig anstarrten. &#8220;Angebufft - was heißt das?&#8221; &#8220;Na, wir hatten&#8230;&#8221; Julios Gesichtsausdruck bremste seinen Lachanfall kurzzeitig. &#8220;Angebufft - wir hatten eine kurze Begegnung mit unangenehmen Folgen.&#8221; Damit gab sich Julio nicht zufrieden. &#8220;Sagst du mir jetzt mal, was du genau meinst? Sie ist schwanger - von dir?&#8221;<br />
Soweit er noch einen klaren Gedanken fassen konnte, beschrieb Martin Julio, in welcher Verbindung er zu Nora stand. Für Julio zählte nur, dass Martin im Bett kein Konkurrent war. &#8220;Da steckst du ja voll in der Scheiße.&#8221; Mitfühlend sah er Martin an. &#8220;Oder DU gerätst noch rein. Was ist, wenn sie dir das Kind unterjubeln will? Du bist schließlich verheiratet.&#8221; Der Gedanke schien Julio völlig abstrus, aber bei genauerem Nachdenken doch nicht von der Hand zu weisen. Schließlich sah man von Noras Schwangerschaft bisher nichts. Trotz aller Vorhaben, Nora mal so richtig auf den Zahn zu fühlen, wirbelte der Alkohol alle Gedankengänge wieder durcheinander. &#8220;Manjana tambien es un dia&#8221;.  Mit diesem Satz verfrachtete Julio seinen deutschen Freund ins Taxi und ging, so gerade er es noch vermochte, nach Hause.<br />
&#8216;Es wird Zeit, dass ich wieder nach Hause komme. Der viele Alkohol tut mir nicht gut&#8217;,  dachte Martin, als er am nächsten Morgen die Augen öffnete. Der Griff zum Aspirin und zum Mineralwasser erfolgte beinahe automatisch. Schlafen konnte er nicht mehr und so kramte er in seinen bruchstückhaften Erinnerungen vom letzten Abend herum. Nora sah er nicht mehr als Gefahr an. Sie tummelte sich offenbar in sämtlichen Betten herum und ihm wollte sie ihr Kind anhängen? Julio hatte irgend etwas von einer Arbeit auf Teneriffa gefaselt. Was sollte das denn heißen? Wollte sie etwa hier bleiben?  Und wieso wollte sie ihn heiraten? Martin bekam all das nicht in einen logischen Zusammenhang. Er begann, an Noras Verstand zu zweifeln. Auf die für ihn entscheidende Frage hatte er jedoch noch keine Antwort. Was hatte Mareike mit Julio zu tun? Da war es wieder, dieses flaue Gefühl in der Magengegend. Übermorgen würde er nach Deutschland zurück fliegen. Obwohl er sich vorgenommen hatte, sich bei Mareike nicht zu melden, änderte er seine Pläne. Als ein echter Kerl würde er sich von ihr verabschieden. Schließlich waren sie ja lange zeit ein Paar gewesen. Und so ganz nebenher würde er von seinem neuen Freund Julio erzählen und Mareikes Reaktion abwarten&#8230;</p>
<p>Mareike war wieder einmal auf dem Weg zu Carlo. Sie hatte die ganze Nacht sein Manuskript gelesen. Carlo schrieb spannend und es fiel ihm leicht, seine Leser in das Geschehen eintauchen zu lassen. Mareike war sich zwar immer noch nicht sicher, ob sie wegen Carlo auf der Insel bleiben wollte, aber abgeneigt war sie auch nicht mehr. Als Mareike das parkähnliche Gelände der Klinik betrat, sah sie Carlo schon von weitem. Er saß an dem kleinen Teich und schaute den Enten zu, die sich im Wasser tummelten. Mareike tat das Herz weh, als sie Carlos verzweifeltes Gesicht sah. In diesem Moment reifte in ihr der Entschluss, auf der Insel und bei Carlo zu bleiben. Langsam näherte sich Mareike dem Mann. „Hallo Carlo, störe ich dich?&#8221; Carlo schaute auf und schüttelte den Kopf. Mareike ließ sich auf der kleinen Bank nieder, wo sie schon das letzte Mal gesessen hatte. „Ich habe das Manuskript gelesen Carlo. Ich bin begeistert von dem Anfang des Romans. Du musst unbedingt weiterschreiben.&#8221; Mareike holte tief Luft: „Jetzt bin ich mir sicher, ich werde dir helfen. Wann kannst du die Klinik verlassen?&#8221; „Nächste Woche werde ich auf eigenen Wunsch entlassen. Ich halte es hier nicht mehr aus. Diese nervenden Übungen kann ich auch zu Hause machen.&#8221; Er schaute Mareike an. „Ich würde dich bitten, für die Dauer unserer Arbeit zu mir zu ziehen.&#8221; Mareike sah zweifelnd auf den vor ihr sitzenden Mann. Bis vor kurzem war sie froh, weit weg von Carlo zu sein. Doch was sollte er ihr tun? Er saß im Rollstuhl und konnte sich kaum bewegen. Deshalb stimmte sie Carlos Vorschlag zu. „Mareike&#8221;, war Carlos Stimme leise zu hören. „Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt. Sag nichts, ich weiß, dass ich als Krüppel solche Wünsche nicht äußern darf, aber ich muss es dir einfach sagen.&#8221; Mareike wusste auf dieses Geständnis keine Antwort. Sie überlegte fieberhaft, wie sie nun reagieren sollte. Gerade, als ihr die passenden Worte einfielen, kam eine junge Frau auf sie zu. Mareike klappte den Mund wieder zu und sah gemeinsam mit Carlo auf die Näherkommende. „Hallo, ich bin Anna. Ihre Tante schickt mich Carlo. Ich soll Sie schön grüßen. Hier, diese Blumen habe ich für Sie mitgebracht.&#8221; Carlo schaute verwundert auf die vor ihm stehende Frau. Süß schaute sie aus in dem eleganten Kostüm. Ihre dunkelbraunen  Locken umschmeichelten das zarte Gesicht. Unbeschreiblich sanfte  Augen sahen ihn lächelnd an. Bis vor kurzem hätte Carlo sofort einen Flirt angefangen, aber jetzt gehörte sein Herz Mareike. Er wollte sei nicht verlieren. „Hallo Anna, warum schickt mir meine Tante durch Sie Grüße?&#8221; Anna war es etwas unbehaglich zumute. Die Senora hatte sie gar nicht geschickt, aber ihre Sehnsucht nach Carlo war so groß, dass sie ihn unbedingt sehen musste. Dass er im Rollstuhl saß, störte sie nicht, da nicht ausgeschlossen war, dass Carlo wieder das Laufen lernte. Was Anna aber störte, war Mareike, die neben ihm saß. Was spielte diese Frau für eine Rolle in Carlos Leben? Doch Anna kümmert sich nicht weiter um Mareike, sondern verwickelte Carlo in ein Gespräch. Durch dieses Gespräch erfuhr Mareike, das Anna die neue Hotelmanagerin war. Wütend biss sie sich auf die Lippen, um nicht eine unbedachte Äußerung auszusprechen. Anna flirtete ungeniert mit Carlo. Allerdings entging es Carlo nicht, dass Mareike immer ruhiger wurde. „Ich muss mich jetzt leider von Ihnen verabschieden Anna, aber ich brauche noch etwas Ruhe. Mareike, begleitet du mich bitte auf mein Zimmer?&#8221; Mareike erhob sich wortlos und löste die Bremsen von Carlos Rollstuhl. „Auf Wiedersehen Anna und bestellen Sie einen Gruß an meine Tante&#8221;, verabschiedete Carlo die sprachlose Anna. Mareike fuhr den Rollstuhl zum Klinikgebäude zurück. Anna schaute den beiden traurig hinterher. Unsicher kaute sie an ihren Lippen. Hoffentlich bekam sie nun keinen Ärger mit der Senora. Immerhin wollte sie ihren Job nicht verlieren. Doch was sollte sie tun? Ihre Liebe zu Carlo wurde immer größer.</p>
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		<title>14. Verwicklungen</title>
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		<pubDate>Mon, 01 Dec 2008 03:00:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>literatussis</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Der Roman]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p>Nora hatte den Termin mit Michael platzen lassen, da Julio sie wieder einmal voll in Anspruch genommen hatte. Sicher, diese Stunden mit Julio wollte sie nicht missen, aber es war gar nicht so einfach gewesen, Michael zu einem neuen Treffen zu überreden. Mit viel Geschick war es ihr gelungen und nun saßen sie gemeinsam in einem sündhaft teuren Restaurant. Der Abend ging in die Nacht über und Nora war es noch immer nicht gelungen, Michaels volle Aufmerksamkeit zu erringen. Zwischenzeitlich hatte sie immer das Gefühl, beobachtet zu werden. Wieder einmal ließ sie ihre Blicke vorsichtig durch das Restaurant wandern. Nora befürchtete, dass Julio sie immer noch beobachtete. Das machte sie unsicher und störte die Unterhaltung mit Michael. Kam es ihr nur so vor, oder langweilte sich dieser in ihrer Gesellschaft? Nora konzentrierte sich auf ihren Gesprächspartner. Ihr musste es gelingen, Michael von ihr abhängig zu machen. Gerade, als sie diesem Gedanken nachhing, kam Martin in das Restaurant. Er schaute sich suchend um und sein Blick fiel auf Nora. Es war Martin anzusehen, dass er nicht begeistert von ihrem Anblick war. Nora verzog das Gesicht zu einem boshaften Lächeln. „Michael, bitte entschuldigen Sie mich, aber ich habe einen Bekannten entdeckt. Es ist der Bruder meiner Freundin. Ich möchte ihn nur kurz begrüßen.“ Michael nickte zustimmend und Nora ging auf den wartenden Martin zu. „Hallo mein Schatz“, flötete sie zur Begrüßung. „Ich habe noch eine geschäftliche Besprechung, aber ich würde gern mit dir über unsere Hochzeit sprechen.“ „Was wollen Sie von mir Nora? Wir kennen uns doch überhaupt nicht. Uns verbindet ein Autounfall…mehr nicht.“ „Den du verschuldet hast. Dazu noch Fahrerflucht und Gefährdung meines…ach nein, unseres Kindes.“ Martin blieb förmlich die Sprache weg. Welche Welle rollte da auf ihn zu? „Welches Kind?“, konnte er nur stammeln. „Unseres, mein Süßer. Falls du gedenkst, mich nun in Stich zu lassen, werde ich dafür sorgen, dass du und deine so geachtete Familie ein Problem bekommen.“ Martin sah sprachlos auf die Frau, die im Begriff war, sein Leben zu zerstören. Nora drehte sich um und begab sich triumphierend an den Tisch, wo Michael sie fragend ansah. „Gab es Probleme?“, wollte er wissen. „Nein, es ist alles geregelt“, antwortete Nora. Ein zufriedenes Lächeln lag auf ihrem Gesicht, was aber nicht lange anhielt, weil sie in diesem Moment genau in Julios Augen sah. Genervt stöhnte Nora auf. Langsam war sie sich sicher, mit diesem Mann einen Fehler begangen zu haben. „Michael, ich würde gern das Restaurant verlassen. Haben Sie Lust, mit mir einen Spaziergang zu machen? Ich brauche jetzt frische Luft.“ Verwundert nickte Michael, beglich aber die Rechnung und verließ mit Nora das Restaurant. Geschickt lenkte sie ihn zu einem Taxi. Bevor Michael zum Nachdenken kam, fuhr das Taxi los. Nora hatte die Adresse ihres Hotels angegeben. Ihr würde sicher auf der Fahrt eine glaubhafte Erklärung für ihr Handeln einfallen. Ein Blick aus dem Taxi zeigte ihr, dass Julio fassungslos auf der Straße stand und dem Taxi nachsah. Nora machte sich darüber keine weiteren Gedanken. Sie genoss das Alleinsein mit Michael. Sie war sich sicher, dass die nächsten Stunden eine Entscheidung bringen würden. Martin und Julio waren ihr egal, aber Michael konnte ihr das Leben bieten, was sie wollte. Es sollte ihr doch nicht schwer fallen, Martin von ihren Reizen zu überzeugen. Weiter kam sie aber nicht mit ihren Gedanken, da ein schmerzhaftes Ziehen durch ihren Körper jagte…</p>
<p>Senora Alfaro schüttelte Anna die Hand. “Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit und erwarte Sie am Montag pünktlich um sieben Uhr.” “Ganz meinerseits”, antwortete Anna und verließ beschwingt das Zimmer der Senora, die ihrer neuen Hotelmanagerin erwartungsvoll hinterher sah. Die Senora war mit der Entwicklung der Dinge sehr zufrieden. Ihr Plan war aufgegangen. Sie hatte von Anfang an das Gefühl gehabt, dass diese Mareike nicht in ihr Haus gepasst hätte. Ein Hotel, das seit mehreren Generationen im Familienbesitz war und dessen kanarische Tradition sorgsam gepflegt würde, ließ sie nicht von einer jungen Deutschen umkrempeln. Das Hotel in Santa Cruz hatte in erster Linie internationale, spanische und kanarische Gäste, die den Ruf des Hauses schätzten. Senora Alfaro stand dem zunehmenden Tourismus auf der Insel sehr skeptisch gegenüber. Sie sah durchaus die Bedeutung der Devisen, die auf die Insel kamen, verschloss aber auch die Augen nicht vor den Nachteilen. Ihre Familie lebte seit Generationen in und um Santa Cruz und aus der einstigen wichtigen Hafenstadt war eine lärmende Großstadt geworden, die immer mehr über ihre eigentlichen Grenzen hinauswuchs. Wie überall auf der Insel wurden die Hotels aus dem Boden gestampft, neue Straßen und neue Autobahnen  gebaut und das milde Klima zog die Touristen das ganze Jahr über hierher. Hier gab es keine Hauptsaison, nach der die Insel zur Ruhe kommen konnte und die Einheimischen unter sich waren. Nur einer blieb ständig derselbe, der Pico del Teide, der mit seinen knapp viertausend Metern majestätisch von oben auf die Insel herab sah. Sollte der Vulkan wieder mal ausbrechen, hatte wohl auch er von dem Touristenrummel den Krater voll. Besorgt war Senora Alfaro  auch über die ständige Zunahme von Menschen, die sich auf Teneriffa ansiedelten, um den Lebensabend hier zu verbringen oder Aussteiger, die hier die große Chance suchten, neu zu beginnen. Mit den vielen Menschen aus aller Welt kamen auch neue Sitten und Gewohnheiten auf die Insel, die von den Einheimischen der älteren Generation nicht gerne gesehen wurden. Das alles veranlasste die Senora, sich nach einer neuen Hotelmanagerin umzusehen. Die Änderung von Mareikes Arbeitsvertrag war nur vorgeschoben, in der Hoffnung, dass Mareike von sich aus vom Vertrag zurückträte. Somit hatte sie nach Mareikes telefonischer Absage freie Bahn, die angepasste und von Teneriffa stammende Anna einzustellen.<br />
Zufrieden klappte die Senora ihren Terminkalender zu, nahm ihre Handtasche und machte sich auf den Weg zu ihrem Auto. Ihr Neffe Carlo wartete in der Reha-Klinik auf ihren Besuch.</p>
<p>Erleichtert  verließ Anna nach ihrem Gespräch mit Senora Alfaro das Hotel. Sie hatte endlich einen guten Job gefunden! Was aber im Moment für sie noch viel mehr von Bedeutung war, es bot sich vielleicht die Chance, dem Neffen der Hotelbesitzerin näher zu kommen.<br />
Durch Zeitungsberichte war Anna auf Carlo aufmerksam geworden und hatte sich sofort unsterblich in sein Bild verliebt. Wie ein Schwamm sog sie alle Informationen über Carlo in sich auf und in ihren Tagträumen führte sie bereits ein Leben an seiner Seite. Niemand aber hatte bisher von ihrer unerfüllten Liebe zu Carlo erfahren. Anna hatte Angst sich lächerlich zu machen: Carlo ein bekannter spanischer Schriftsteller, sie selbst jung, schüchtern, unerfahren und unscheinbar - es gab wenig Gemeinsamkeiten Und trotzdem, Anna war sich sicher. Sie würde einen Weg zu Carlos Herz finden!</p>
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		<title>13. Leben im Rollstuhl</title>
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		<pubDate>Mon, 24 Nov 2008 03:00:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>literatussis</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Der Roman]]></category>

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		<description><![CDATA[Carlo saß im Garten der Reha- Klinik und sah zwei Vögeln zu, die sich schnäbelnd in den Ästen eines Baumes vergnügten. Heute war wieder ein Tag, an dem  er sich fragte, warum er noch am Leben war. Er saß in seinem Rollstuhl und sah den Tierchen zu, die voller Lebenslust den Tag ausnutzten. Carlo [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Carlo saß im Garten der Reha- Klinik und sah zwei Vögeln zu, die sich schnäbelnd in den Ästen eines Baumes vergnügten. Heute war wieder ein Tag, an dem  er sich fragte, warum er noch am Leben war. Er saß in seinem Rollstuhl und sah den Tierchen zu, die voller Lebenslust den Tag ausnutzten. Carlo schlug die Hände vor sein Gesicht und war den Tränen nah. Er wusste, dass Carmen nun kein Interesse mehr an ihm hatte. Das tat weh, doch hatte sie nicht immer schon mit ihm gespielt? Er war süchtig nach ihr. Doch war er das wirklich? Carlo machte die Augen zu und dachte nach. Es gab eine Zeit, da konnte er von Carmen nicht genug bekommen. Doch seit er Mareike kannte, war er ins Grübeln gekommen. Diese Frau beherrschte sein Denken in einer Art, die er noch nicht kannte. Carlo dachte an sie und schon hatte er das Gefühl, seine Wunden heilten. Carlo stöhnte. Er hatte kein Recht, in dieser Art an Mareike zu denken. Schon gar nicht, seit er in diesem verdammten Rollstuhl saß. Sicher, die Ärzte räumten noch eine Chance ein, dass er irgendwann mal wieder dieses Ding verlassen konnte, aber Carlo zweifelte daran. Jeden Tag mühte er sich ab, über seine Beine die Kontrolle zu bekommen, aber es wollte nicht funktionieren. Hatte sein Leben noch einen Wert? Carlo nahm ein kleines Fläschchen, dass er in seiner Tasche versteckt hatte. Sicher würde ihm der Alkohol helfen, seine Verzweiflung zu bekämpfen. Er wusste, sein Bruder würde ihm diese Schwäche nie verzeihen. Doch was sollte er tun? Mareike hatte sich noch nicht gemeldet. Carlo wusste also nicht, ob sie gemeinsam mit ihm sein Buch weiterschreiben wollte. Es war alles hoffnungslos. Carlo nahm einen tiefen Zug aus der Flasche. Wollte er wirklich noch leben? Trübsinnig schaute er auf die kleinen Vögel, die immer noch zwitscherten. Schaute auf die Sonne, die hell am Himmel schien und hörte das Lachen der Kinder, die hinter ihm über den Rasen liefen. Carlo löste die Bremsen seines Rollstuhles und wollte zum Meer fahren, das ihn schon immer fasziniert hatte, aber in diesem Moment fiel sein Blick auf Mareike, die sich ihm mit schnellen Schritten näherte.<br />
Mareikes Herz zog sich zusammen, als sie Carlo von Ferne sah und den hoffnungslosen Ausdruck in seinem Blick bemerkte. In sich zusammen gesunken schien jegliche Lebensfreude aus seinem Körper gewichen zu sein. Sie hatte Scheu gehabt, ihn zu besuchen, denn irgendwie war er ein Fremder für sie, andererseits kam es ihr vor, als würden sie sich schon ewig kennen. Es war so viel in den wenigen Tagen auf Teneriffa geschehen, für das sie eine Erklärung erwartete. Die mysteriösen Begebenheiten in ihrer Wohnung hatten sie zutiefst erschreckt, ihr Leben durcheinander gebracht und ihr die ersten wertvollen Urlaubstage zerstört. Sie wollte wissen, was da los gewesen war. Als sie Carlo jedoch in seinem Rollstuhl sitzen sah, wusste sie, dass es noch keinen Zweck hatte, ihn zu fragen. Er schien erst einmal Trost und Zuspruch zu brauchen. Seine Augen leuchteten auf, als sich ihre Blicke begegneten. “Danke, dass du mich besuchst”, flüsterte er und hielt ihre Hand mit beiden Händen umklammert. ”Wie geht es dir?” “Unkraut vergeht nicht, wie du siehst.” Er machte ihr was vor, das spürte sie sofort. Von weitem hatte sie gesehen, das er etwas in der Hand gehabt hatte, dessen Resultat sie in seinen Augen ablesen konnte. Sie ging darüber hinweg. Mareike schob den Rollstuhl zu einer kleinen Bank und setzte sich Carlo gegenüber. Erwartungsvoll schaute sie ihn an, ob er von sich aus zu einer Erklärung der Umstände, die ihn hierher gebracht hatten, bereit war. Aber Carlo sagte nichts. “Fernando hat mir erzählt, dass ich dir vielleicht helfen könnte, dein Buch zu Ende zu schreiben”, setzte sie vorsichtig an. Carlos Augen schauten sie erwartungsvoll an. ”Und - würdest du?” “Ich werde womöglich bald nach Deutschland zurück fliegen, daher kann ich dir diese Frage im Moment nicht beantworten.” “Aber du wolltest doch hier bleiben und in Santa Cruz arbeiten”, entgegnete Carlo, den Fernando über Mareikes Pläne aufgeklärt hatte. “Ja, das hatte ich vor. Ich bin von diesem Arbeitsvertrag zurück getreten. Eigentlich will ich ab jetzt noch Urlaub machen und dann in mein altes Leben zurück kehren. Du solltest dich jetzt erst mal von den Folgen deines Unfalls erholen und dann erst wieder an die Arbeit denken.” “Die Arbeit ist das Einzige, was meinem Leben noch einen Sinn gibt, schau mich doch an. Darüber hinaus sitzt mir mein Verleger im Nacken, ich stehe unter Zeitdruck.” Carlos Stimme war deutlich leiser geworden und die Resignation war nicht zu überhören. “Schade, aber eigentlich ist es auch egal. Mein Leben ist zu einem Trümmerhaufen geworden und hat sowieso keinen Sinn mehr.” “Das darfst du nicht sagen, du lebst und hast eine zweite Chance.” Mareike biss sich auf die Lippen. Carlo war ohne Zweifel in einem bedauernswerten Zustand, aber er hatte den Unfall überlebt und musste nun lernen, sich neu zu orientieren. Männer, die vor Selbstmitleid zerflossen, brachten sie auf die Palme. Nun musste es raus. “Bevor wir darüber reden, ob ich dir helfe, bist du mir eine Erklärungs schuldig, was sich in meinem Haus und Garten unmittelbar vor deinem Unfall abgespielt hat.”</p>
<p>Carlo sah Mareike lange an. Hatte es einen Sinn, ihr von Carmen zu erzählen? Sie würde es kaum verstehen, allerdings verstand er es schon selbst nicht mehr. Carlo hatte die letzten Tage viel nachgedacht. Durch seinen Unfall hatte er viel Zeit, sich mit den verschiedenen Stationen seines Lebens zu beschäftigen. Er verstand es selbst nicht mehr, warum ihn eine Frau wie Carmen gereizt hatte. Leise begann Carlo von den Jahren zu erzählen, die er mit Carmen verbracht hatte, von der Hasslieben, die sie beide verband…nein verbunden hatte. Carlo beschönigte nichts. Er versuchte, Mareike zu erklären, warum Carmen dieses Spiel im Garten inszeniert hatte und dass sie durchaus noch am Leben war. Mareike hörte Carlo aufmerksam zu. Langsam begriff sie die Zusammenhänge. „Hilf mir Mareike“, bat Carlo mit trauriger Stimme. „Lass mich jetzt nicht allein. Ich weiß, wir kennen uns noch nicht sehr lange und ich kann meine Gefühle für dich nicht klar umfassen, aber ich möchte, dass du mir hilfst, wieder neuen Lebensmut zu finden. Schreibe mit mir das Buch.“ Mareike fühlte sich etwas unter Druck gesetzt. Eigentlich wollte sie nach Deutschland zurück. Doch konnte sie Carlo diese Bitte abschlagen? Sinnend schaute sie auf den gebrochenen Menschen, vor dem sie sich gefürchtet hatte, der ihr mit seinen erotischen Anspielungen auf die Nerven gegangen war. Mareike stand auf und lief zu dem kleinen Teich, der neben der Bank in der Sonne glänzte. Carlo sah ihr verunsichert nach. Wenn Mareike ihn jetzt im Stich ließ, wollte er nicht mehr leben. „Mareike, gib mir eine Antwort!“, forderte er. Mareike drehte sich um und sah Carlo ins Gesicht. „Gut, ich bleibe bei dir …erstmal jedenfalls…und wir schreiben dein Buch.“ Zum ersten Mal seit Tagen stahl sich ein Lächeln in Carlos Gesicht. „Danke“, flüsterte er so leise, dass Mareike nicht sicher war, ob er wirklich etwas gesagt hatte.</p>
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		<title>12. Lust auf Abenteuer</title>
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		<pubDate>Mon, 17 Nov 2008 03:00:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>literatussis</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Der Roman]]></category>

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		<description><![CDATA[Langsam öffnete Martin die Augen. Das helle Sonnenlicht, das durch seine geöffnete Balkontür hereinfiel, blendete ihn. Rasch zog er die Decke über den Kopf und drehte sich um. Er wollte nichts sehen und hören. Langsam sickerte die Erinnerung an den gestrigen Abend in sein Gehirn. Er konnte nicht sagen, was schlimmer war, seine Enttäuschung, dass [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Langsam öffnete Martin die Augen. Das helle Sonnenlicht, das durch seine geöffnete Balkontür hereinfiel, blendete ihn. Rasch zog er die Decke über den Kopf und drehte sich um. Er wollte nichts sehen und hören. Langsam sickerte die Erinnerung an den gestrigen Abend in sein Gehirn. Er konnte nicht sagen, was schlimmer war, seine Enttäuschung, dass Mareike ihn versetzt und er wie ein Volltrottel eine Ewigkeit vor ihrer Wohnung gestanden hatte oder der Kater, der sich nach etlichen Bieren und einigen Schnäpsen in seinem Körper austobte.<br />
Er war sich einer Versöhnung mit Mareike sicher gewesen und hatte seine Zahnbürste in die Jackentasche gesteckt. Martin litt unter einer Zahnputzphobie. Er wäre eher drei Tage in der gleichen Unterhose herum gelaufen, als sich nicht mindestens fünf Mal am Tag die Zähne putzen zu können. Und da er sicher war, die Nacht in Mareikes Bett zu verbringen, ihren warmen Körper zu spüren und sie leidenschaftlich zu lieben, war die Zahnbürste das Wichtigste, das er aus seinem Hotelzimmer mitnahm. Mit einer Flasche Vino Tinto unter dem Arm stand er vor Mareikes Tür. Er wartete genau zwanzig Minuten, dann ging er. Er hatte einen Bärenhunger und so führte ihn sein Weg in die Altstadt ins Mil Sabores.<br />
Martin war dankbar, als sich zum Essen ein Berliner  Urlauberpärchen an seinen Tisch setzte. Er kannte sich in Puerto nicht aus und hatte schon Sorge, sein Hotel nicht wiederzufinden. Während des lebhaften Gespräches vergaß er seinen Kummer ein wenig. Petra und Bernd konnten ihn nach dem Essen ohne große Mühe  überreden, mit ihnen an der Playa Jardin Richtung Punta Brava zu laufen. In der Bar Julian gab es heute Livemusik. Martin vergaß alles um sich herum. Der laue Sommerabend, das Rauschen der Wellen, Musik und ein ständig steigender Alkoholspiegel vertrieben auch seine düstersten Gedanken. Er erinnerte sich dunkel, mit einer schwarzhaarigen Schönheit eng umschlungen getanzt zu haben. Ein Taxi - ja, daran erinnerte er sich auch - muss ihn zum Hotel gefahren haben. Er fingerte so lange auf seinem Nachttisch herum, bis er die Packung Aspirin und eine angefangene Mineralwasserflasche fand.<br />
Nur noch etwas Schlaf, bis der Kopf wieder klar war, das war das Einzige, was er sich momentan wünschte.</p>
<p>Nora hatte sich erst einmal von Michael verabschiedet, um eine Bleibe für die nächsten Tage zu suchen. Abends wollten sie sich in einem kleinen Restaurant treffen, welches Michael als vorzüglich beschrieben hatte. Nora würde sich diese Chance sicher nicht entgehen lassen. Immerhin bot dieser Michael ihr eine Chance, für längere Zeit auf Teneriffa zu bleiben. Zufrieden stieß Nora einen kleinen Entzückensschrei aus und tanzte auf der Stelle. Gerade, als sie sich wieder gefangen hatte, bemerkte sie dunkle Augen, die intensiv ihren Körper abtasteten. Verwundert schaute Nora auf den Mann, der seine Augen keine Sekunde von ihr lösen konnte oder wollte. Langsam kam der Mann auf sie zu. „Haben Sie ein paar Minuten Zeit, um ein Glas Champagner mit mir zu trinken?“, fragte er mit einer sehr sinnlichen Stimme. Nora überlegte. Eigentlich hatte sie noch genügend Zeit, um sich um eine Unterkunft und Martin zu kümmern. Deshalb nickte sie mit einem verführerischen Blick. „Ja, ich könnte etwas Zeit einrichten, wenn es sich lohnt.“ „Es wird sich lohnen“, antwortete der geheimnisvolle Mann. „Gut, wir können uns bei einem Gläschen kennen lernen“, säuselte Nora. Gemeinsam betraten beide fünf Minuten später ein elegantes Restaurant. Nora fühlte sich in dieser Umgebung in ihrem Element. Sie flirtete mit ihrem Gegenüber und unterhielt sich prächtig. Perlendes Lachen zeigte, dass Nora schon kräftig dem Champagner zugesprochen hatte. „Kommst du mit zu mir?” Diese Frage bekam Nora mit der nächsten Flasche Champagner serviert. Nora überlegte nicht lange. Sie wollte Spaß haben und dieser Mann sah so aus, als ob sie diesen Spaß bekommen würde. „Ich komme mit“, war Noras kurzer Kommentar. „Du wirst es nicht bereuen. Ich heiße übrigens Julio.“<br />
Nora und Julio verließen das Restaurant. Eng umschlungen begaben sie sich zu Julios Wohnung, die er nur für besondere Stunden angemietet hatte.  Nora musste immer wieder kichern, da Julio ihr erotischeAnspielungen ins Ohr flüsterte und der viele Champagner ihr Denken beeinflusste. In Julios Wohnung warf sich Nora auf Julios breites Sofa und sah in unter halb geschlossenen Augen verführerisch an. „Komm“, raunte sie mit heiserer Stimme. Julio hatte nicht vor, diese Aufforderung zu ignorieren. Er näherte sich dem Sofa und forderte: „Zieh dich aus!“ Nora lachte laut und begann, ihre Bluse ganz langsam zu öffnen, so dass Julio die hauchzarte Spitze sehen konnte, die Nora unter der Bluse trug. Julio fing an zu schwitzen. Lange konnte er sich nicht mehr beherrschen. Nora sah das und fuhr mit den Fingern aufreizend an ihrem Körper entlang. „Zieh dich endlich für mich aus!“, forderte Julio eine Spur unwilliger. Nora kam seiner Aufforderung nach und entkleidete sich vor seinen Augen. Julio betrachtete ihren Körper und setzte sich zu Nora auf das Sofa. Nora zog ihn zu sich herunter und fing an, Julio leidenschaftlich zu küssen. Julio konnte sich nicht mehr zurückhalten, griff nach Noras Brüsten, deren Nippel sich ihm schon entgegenstreckten. Julio nahm sie in den Mund und begann, erbarmungslos daran zu saugen. Dabei wanderten seine Hände suchend über ihren Körper. Als Julio merkte, dass sie bereit für ihn war, entledigte er sich seiner Sachen und drang hart und fordernd in Nora ein. Mareike war nur noch eine Erinnerung. Nora wollte wie er hemmungslose Begierde ausleben. Julio würde schon dafür sorgen, dass Nora in der nächsten Zeit nichts anderes wollte. Vor allem war sich Julio sicher, dass Nora keine Gefahr für seine Ehe darstellte. Weiter kam Julio mit seinen Gedanken nicht. Sein Denken setzte aus und sein letzter Stoß schaffte ihm die Erfüllung, die er brauchte. Egal, wer unter ihm lag.<br />
Es dauerte lange, bis Nora in die Wirklichkeit zurück fand. Wow - so einen Sex hatte sie noch mit niemandem erlebt und sie war wahrhaftig kein Kind von Traurigkeit. Ein wissender Blick durch die kleine Wohnung verriet ihr, dass Julio hier nicht dauernd lebte, sondern die Wohnung nur gelegentlich nutzte. Sie wollte auch gar nicht mehr von ihm wissen. Es reichte ihr, dass er im Bett ein feuriger Liebhaber war, dem es nicht an Fantasie mangelte und der sie in die erotischsten Höhen brachte.<br />
Ein Blick auf ihre Armbanduhr verriet ihr, dass es höchste Zeit war, sich für das Treffen mit Michael zurecht zu machen.<br />
“Julio, ich habe noch einen Termin. Meine Cousine erwartet mich und ich möchte mich ungern verspäten. ” Sie stand auf, zog sich an und bemerkte nicht den harten Zug um Julios Augen. Voller Begierde wollte er Nora ein zweites Mal nehmen, als sie plötzlich aufstand. Das hatte noch nie eine Frau gewagt. Er biss sich auf die Lippen, schluckte seine aufkeimende Wut hinunter und sagte nur “Schade, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.”<br />
Er hatte telefonisch vorher ein kleines Hotel unweit des Hafens angerufen, dessen Besitzer er  kannte und für Nora ein Zimmer mit Sonderpreis gebucht. So hatte er sie unter Kontrolle, war von seiner eigenen Arbeitsstelle im Casino Taoro in wenigen Minuten zu Fuß da und wollte sich für die Zeit ihres Aufenthaltes  nichts weiter vornehmen, als viele Stunden mit dieser aufregenden Touristin zu verbringen. Wenn sie in zwei bis drei Wochen wieder abreiste, fand sich sicher schnell etwas Neues.<br />
Nora nahm ihre Reisetasche und machte sich auf den Weg ins Puerto Azul, das nur zwei Straßen von Julios Liebesnest entfernt lag. In Windeseile packte sie ihre Tasche aus, duschte sich ausgiebig und zog sich einen dezenten Hosenanzug an. Darunter trug sie, außer einer luftigen Seidenbluse und einem hauchdünnen, hautfarbenen BH nichts. Ihr Treffen mit Michael war rein geschäftlich, was danach kam, stand in den Sternen. Ein letzter Blick in den Spiegel, das Make-up saß perfekt, der Lippenstift betonte ihre sinnlichen Lippen und der entspannte Blick um den Mund und die Augen verrieten nur einem  geübten Beobachter, dass inzwischen etwas mit ihr geschehen war. Als sie ihren Schlüssel an der Rezeption abgab, wartete bereits das Taxi zum Restaurant La Papaya auf sie. Sie schaute dem Treffen mit Michael erwartungsvoll entgegen und bemerkte nicht, dass Julio dem Taxi mit dem eigenen Auto folgte.</p>
<p>Michael erwartete sie bereits. Anerkennend glitt sein Blick diskret an Nora herab. “Schön, dass Sie hergefunden haben”, begrüßte er sie freundlich und streckte ihr die Hand entgegen.<br />
Nora nahm keine Rücksicht auf ihre Schwangerschaft und stimmte begeistert zu, als Michael eine Karaffe Sangria bestellte. Sie ließ sich auch vertrauensvoll von ihm in die Geheimnisse der kanarischen Küche einführen und folgte bei ihrer Bestellung seinen Empfehlungen. Da ihre weitere Existenz in Michaels Händen lag, war sie sorgsam darauf bedacht, sich ganz auf ihn einzustellen und so bemerkte sie nicht, dass Julio in einem Winkel des Restaurants saß und sie beide beobachtete.<br />
Als Nora hell auflachte und Michael ihr Glas zum Anstoßen hinhielt, schoss Julio aus seinem Versteck hervor und ungeachtet der anderen Gäste, nahm er Nora das Glas aus der Hand, stellte es auf den Tisch und fuhr sie an “Das also ist deine Cousine? Mich lügt man nicht an!” Und an Michael gewandt setzte er hinzu “Nora ist meine Geliebte. Lassen Sie die Finger von ihr.”<br />
Ohne ein weiteres Wort abzuwarten, drehte er sich um und verließ das Restaurant.<br />
Peinliche Stille, auch drum herum, denn den Gästen an den benachbarten Tischen war dieser Auftritt Julios nicht entgangen. Michael räusperte sich und schob seine dunkle Brille zurecht, bevor er sich weiterhin seinem Knoblauch-Kaninchen zuwandte. “Das war wohl Ihre dringende Angelegenheit auf Teneriffa?” murmelte er und schaute Nora fragend an.<br />
“Eigentlich hatte ich diese Angelegenheit längst geregelt, aber offenbar nicht deutlich genug. Bitte, verzeihen Sie diesen peinlichen Auftritt meines Ex-Freundes.” Nora versuchte, so gleichmütig wie nur eben möglich auszusehen. Der Anblick Julios hatte ihren Körper in sofortige Schwingungen versetzt, sein Auftritt jedoch die Wut in ihr aufkochen lassen. Was bildete sich dieser Macho eigentlich ein?<br />
“Nun, Ihre privaten Angelegenheiten gehen mich nichts an. Sollten Sie jedoch für mich arbeiten, trennen Sie bitte Privates und Berufliches voneinander. Mein Hotel hat einen sehr guten Ruf und von meinen  Angestellten  erwarte ich,  diesen Ruf zu bewahren.”<br />
Nora setzte das  ehrlichste Lächeln auf, zu dem sie in der Lage war. “Selbstverständlich, darauf können Sie sich verlassen.” Sie war sich ganz sicher, dass sie auf Teneriffa alles finden würde, was sie brauchte,  finanzielle Sicherheit, aufregenden Sex und einen Vater für ihr Kind.<br />
Julio lief zornig die nächtlichen Straßen entlang. Was er gerade erlebt hatte, nagte an seinem Ego. Was dachte sich dieses Miststück von Nora eigentlich? Erst verbrachte sie mit ihm den Nachmittag im Hotel und nun vergnügte sie sich mit einem anderen Mann und ließ ihn kalt abblitzen. So etwas war Julio noch nie passiert. Grimmig schaute er auf das Meer. Leise plätscherten die Wellen zu der romantischen Musik, die aus irgendeiner Strandbar zu ihm drang. Julio lief zum Strand und setzte sich in den Sand. Grübelnd hörte er auf die vielen nächtlichen Geräusche. Irgendwo maunzte eine Katze. Ein Hund bellte zu den Tönen einer Gitarre. Julio war wütend auf Nora. Wieso wollte sie jetzt nicht bei ihm sein? Die gemeinsamen Stunden mussten doch auch bei ihr Wirkung gezeigt haben. Julio nahm einen Stein und warf ihn ins Wasser. Seine Gedanken wanderten zu Mareike. Er dachte an die Stunden, die er mit ihr verbracht hatte. Mareike war eine Frau, die sanft und liebevoll war. Nora war fordernd und verlangend. Julio seufzte. Er brauchte Nora. Diese Frau erfüllte seine Wünsche und ließ ihn erbeben. Der Sex mit ihr war traumhaft. Er wollte es noch einmal mit ihr tun. Julio hing noch seinen Gedanken nach, als das Handy in seiner Hosentasche klingelte. Unwillig griff Julio danach und meldete sich. Es war seine Frau, die wissen wollte, wann er nach Hause kam. „Ich bin gleich bei euch“, versprach Julio. Doch kaum hatte Julio sich verabschiedet, klingelte das Handy noch einmal. „Ja, hier Julio“, meldete er sich genervt. „Na Süßer, wie geht es dir?“, hörte er Noras Stimme. Sofort war Julio hellwach. „Was willst du?“, fragte er zähneknirschend. „ Ich will dich sehen“, lachte Nora. „Komm zu mir. Du weißt, wo ich dich erwarte“, zischte Julio in das Handy. Mehr konnte er nicht sagen, denn Nora hatte ihn weggedrückt. Julio erhob sich aus dem Sand und lief fast rennend zu der von ihm gemieteten Wohnung. Doch er kam nicht weit, da plötzlich Mareike vor ihm stand.“ Da bist du ja Julio“, seufzte sie erleichtert. „Ich brauche dich jetzt. Kommst du mit mir?“, fragte sie und schaute liebevoll auf ihren vermeintlichen Liebhaber. Julio dachte fieberhaft nach. Was sollte er jetzt tun? Er wollte zu Nora, aber Mareike schien ihn immer noch zu reizen. Süß sah sie aus, wie sie so erwartungsvoll vor ihm stand. „Was ist Julio?“, fragte Mareike unsicher. Julio trat von einem Fuß auf den anderen und wusste nicht, wie er sich aus der Situation winden sollte. Da fiel ihm seine Frau ein. „Tut mir leid Mareike, ich muss nach Hause. Es gibt Probleme mit meinem Sohn.“ Mareike schaute sehnsüchtig zu Julio. „Das verstehe ich. Du musst dich um deinen Sohn kümmern. Telefonieren wir Julio?“. Julio nickte und verabschiedete sich hastig von Mareike.  Sie schaute Julio traurig nach, als der sich mit schnellen Schritten von ihr entfernte.<br />
Julio hatte Mareike schon längst wieder vergessen. Sein Ziel war der Ort, den er für sich und Nora reserviert hatte.</p>
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		<title>11. Klarheit</title>
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		<pubDate>Mon, 10 Nov 2008 03:00:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>literatussis</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Der Roman]]></category>

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		<description><![CDATA[Carmens Kopf sank vor Erschöpfung auf ihre Brust. Seit unzähligen Stunden saß sie an Carlos Bett und hoffte auf eine Reaktion seines Körpers. Nur das Summen und Piepen der Überwachungsgeräte war  zu hören. Carlo lag still und regungslos in den weißen Kissen, die Augen geschlossen. In welcher Sphäre zwischen Leben und Tod er sich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Carmens Kopf sank vor Erschöpfung auf ihre Brust. Seit unzähligen Stunden saß sie an Carlos Bett und hoffte auf eine Reaktion seines Körpers. Nur das Summen und Piepen der Überwachungsgeräte war  zu hören. Carlo lag still und regungslos in den weißen Kissen, die Augen geschlossen. In welcher Sphäre zwischen Leben und Tod er sich befand, wagte niemand zu sagen. Carmen hatte sich bittere Vorwürfe gemacht, als Fernando sie angerufen und ihr von dem Unfall berichtet hatte. Sie hatte seinen aggressiven Unterton gespürt und wusste, dass auch  er sie für den Unfall verantwortlich machte, ohne es auszusprechen.<br />
Als sie in der Klinik eintraf und er ihr von dem Ausgang der Operation berichtete, machte er keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen sie und ließ sie mit den Worten &#8220;Wenn Carlo stirbt, mache ich dich dafür verantwortlich&#8221; einfach stehen.<br />
Seitdem war sie nicht mehr von Carlos Seite gewichen. Mehrfach schon hatte das Dienst habende Personal sie angesprochen. &#8220;Senora Rodriguez, fahren Sie nach Hause und ruhen Sie sich aus. Sie können ihrem Freund nicht helfen. Es liegt jetzt alles in Gottes Hand.&#8221; Aber Carmen blieb.<br />
Sie schreckte hoch, als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte und drehte sich um. &#8220;Ich löse dich ab. Geh nach Hause&#8221; vernahm sie knapp Fernandos Worte. Sie hatte keine Kraft mehr und wusste, dass er Recht hatte. Müde und mit bleiernen Knochen erhob sie sich, nickte ihm kurz zu und wandte sich zum Gehen. &#8220;Ruf mich bitte sofort an, wenn sich etwas verändert&#8221;, bat sie ihn flüsternd.<br />
Nachdenklich sah Fernando ihr nach &#8230;</p>
<p>„Mareike&#8221; &#8230; Immer wieder hörte Fernando in den kommenden Stunden diesen Namen aus Carlos Mund. Was hatte das zu bedeuten? Warum flüsterte Carlo ständig diesen Namen? Fernando sah grübelnd vor sich hin. Er wurde aus der ganzen Sache nicht schlau. War es nicht Carmen, die Carlos Gehirn dermaßen vernebelt hatter, dass dieser keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte? Was war aber mit Mareike? Sicher, die junge Frau war eine nicht zu übersehende Erscheinung, aber mit Carmen nicht zu vergleichen. Fernando war noch mit seinen Gedanken beschäftigt, als genau diese Mareike den Raum betrat. „Hallo Fernando, wie geht es Carlo?&#8221;, fragte Mareike vorsichtig. „Keiner kann im Moment eine sichere Antworten geben&#8221;, antwortete Fernando und sah Mareike prüfend an. „Warum bist du hier Mareike?&#8221; „Ich musste immer wieder an den Unfall denken und möchte dir gern helfen Fernando.&#8221; Fernando schüttelte den Kopf. „Mareike, im Moment müssen wir abwarten, was die kommende Zeit bringt, aber vielleicht kann Carmen von uns allen am besten helfen, Carlo aus diesem schweren Trauma zu erlösen.&#8221; „Carmen? Wer ist das?&#8221;, fragte Mareike. „Carlos Geliebte&#8221;, war die kurze Antwort. Komisch, diese Aussage gefiel Mareike überhaupt nicht. Wo kam diese Geliebte so plötzlich her? Mareike stand unschlüssig vor Fernando und dachte nach. Eigentlich sollte sie doch jetzt beruhigt wieder gehen können, doch irgendetwas hielt sie zurück. Deutlich sah sie Carlo vor sich und konnte seine blitzenden Augen und seinen Charme noch intensiv spüren. Mareike schüttelte den Kopf. Was ging sie denn Carlo an, wenn Julio auf sie wartete. Julio mit seiner ungezügelten Leidenschaft und seinen Händen, die das Paradies versprachen. Mareike verabschiedete sich knapp von Fernando und verließ den Raum. Sie musste zu ihrer neuen Arbeitgeberin.</p>
<p>Wütend schloss Mareike die Tür des Hotel Pelinor hinter sich. Eins, zwei, drei und einmal tief durchatmen. Sie entdeckte eine kleine Bodega und schritt zielstrebig darauf zu. Nach diesem bisher anstrengenden Tag und dem unerfreulichen Gespräch mit Senora Alfaro musste sie sich erst einmal stärken.&#8221;Buenas tardes&#8221;, erwiderte sie knapp auf die freundliche Begrüßung des Kellners, der zielstrebig auf sie zugesteuert war, nachdem sie Platz genommen hatte. &#8220;Un cafe con leche y un Quarenta y Tres, por favor.&#8221;<br />
Als der Likör durch ihre Kehle rann und seinen lieblichen Geschmack verbreitete, wurde sie ein wenig ruhiger und ließ das Gespräch mit der Senora Revue passieren.<br />
Mareike saß am goldgelben Terresitas-Strand in Santa Cruz und schaute gedankenverloren aufs Meer hinaus. Tief in ihrem Inneren hatte sie plötzlich Sehnsucht nach Hause.<br />
Ihre Idee, Deutschland zu verlassen und sich auf Teneriffa ein neues Leben aufzubauen, kam ihr plötzlich widersinnig vor. Sie hatte ihre Brücken in Hamburg noch nicht abgebrochen. Die Wohnung hatte sie noch nicht gekündigt, ihre Freunde waren im Glauben, sie sei für einige Wochen in Urlaub und bei ihrem Arbeitgeber hatte sie für drei Monate unbezahlten Urlaub genommen. Was hinderte sie eigentlich daran, nach ihrem Urlaub zurückzukehren, als sei nichts weiter gewesen? Martin hatte sie den Laufpass gegeben. Julio war eine Sünde wert gewesen, aber da gab es eine Ehefrau und einen Sohn, die sie beide nicht aus ihrem Gedächtnis und ihren Empfindungen streichen konnte. Carlo hatte sie innerlich ebenso berührt wie Julio, aber er war schwer verletzt und würde vielleicht nicht überleben.<br />
Sie musste eine Entscheidung treffen. Entweder sie nahm unter veränderten Bedingungen die neue Stelle an und blieb oder sie teilte Senora Alfaro ihre definitive Entscheidung mit, den Vertrag unter beiderseitigem Einverständnis aufzulösen. Morgen früh um neun Uhr erwartete die Senora ihren Anruf und ihre Entscheidung</p>
<p>Die Füße taten ihr vom vielen Laufen weh und sie sehnte sich nach einer heißen Dusche und ihrem Bett. Aber ihr Innerstes war aufgeräumt,  sie hatte sich entschieden, Senora Alfaro eine Absage zu erteilen und Teneriffa als das zu sehen, was es bisher immer für sie war: ihre Lieblingsinsel, auf der sie ihren Urlaub verbringen wollte, so oft sie dazu Zeit hatte. Mit ihren Ersparnissen konnte sie sich noch ein paar unbeschwerte Urlaubswochen leisten, um dann mit neuer Kraft und gut erholt in ihr altes Leben, allerdings ohne Martin, zurück zu kehren. Martin - sie erinnerte sich plötzlich daran, dass er heute Abend vorbei kommen und mit ihr reden wollte. Das hatte sie ganz vergessen. Nun war es fast acht Uhr und er war sicher wieder gegangen, denn länger als eine Viertelstunde wartete Martin nicht. Und er war auch der Letzte, den sie heute Abend noch sehen wollte.<br />
Als sie ihren Garten betrat, sah sie eine Gestalt im Halbdunkel vor ihrer Eingangstür sitzen und verlangsamte ihren Schritt. Saß er da tatsächlich und wartete auf sie?<br />
Mareike überlegte fieberhaft, wie sie ihn elegant loswerden konnte. Gleichzeitig ärgerte sie sich über sich selbst. Sie würde ihm klar sagen, dass sie heute Abend keine Lust auf ihn hätte und ihn wegschicken. Sollte er doch selbst sehen, wie er damit klar kam. Sie hatte ihn ja nicht eingeladen.<br />
Als sie jedoch näher kam, hob die Gestalt vor ihrer Tür den Kopf und schaute sie mit tränenverschleierten Augen an. &#8220;Carlo ist tot.&#8221;<br />
„Tot&#8221;, fragte Mareike entsetzt. Fernando ließ sich auf die kleine Bank sinken, die neben ihm stand. „Nicht direkt&#8221;, kam die leise Antwort. „Carlo lebt, aber eigentlich auch nicht. Er ist querschnittsgelähmt. Die Ärzte können zwar nicht genau sagen warum, aber Carlo wird ab jetzt sein Leben in einen Rollstuhl verbringen müssen. Mareike, er will dich sehen.&#8221; „Warum?&#8221;, kam die erstaunte Antwort. „Carlo will, dass du ihm beim Schreiben seines Buches hilfst.&#8221; Mareike setzte sich neben Fernando und wusste keine Antwort. Was ging sie die Probleme der Brüder an? Sie hatte schon genug eigene. Allerdings &#8230;bot sich hier nicht die Gelegenheit, auf der Insel zu bleiben und der hochmütigen Senora Alfaro eine Absage zu erteilen? „Fernando, ich werde mit deinem Bruder reden. Ich weiß nicht, ob ich in der Lage bin, den Wünschen deines Bruders nachzugeben, aber dazu muss ich tatsächlich erst mit ihm sprechen. Sag ihm, ich komme morgen. Und noch etwas Fernando, denke daran, dein Bruder ist am Leben, auch wenn er an den Rollstuhl gefesselt ist. Vielleicht kann er diesen ja auch mal wieder verlassen, wenn man die Ursache für die Lähmung gefunden hat und ihn gezielt behandeln kann.&#8221; Fernando nickte, erhob sich von der Bank und verließ das Grundstück.</p>
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		<title>10. Der Ausweg</title>
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		<pubDate>Mon, 03 Nov 2008 03:00:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>literatussis</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Der Roman]]></category>

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		<description><![CDATA[Nora van Melin hatte sich nicht umsonst in Schale geworfen. Sie war immer noch wütend, dass ein Mann es wagte, sich einer Verabredung mit ihr sang- und klanglos zu entziehen. Kurzentschlossen hielt sie an einem Biergarten an, dessen Tische und Bänke an diesem lauen Sommerabend gut gefüllt waren. Sie quetschte sich in eine Parklücke, ihre [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nora van Melin hatte sich nicht umsonst in Schale geworfen. Sie war immer noch wütend, dass ein Mann es wagte, sich einer Verabredung mit ihr sang- und klanglos zu entziehen. Kurzentschlossen hielt sie an einem Biergarten an, dessen Tische und Bänke an diesem lauen Sommerabend gut gefüllt waren. Sie quetschte sich in eine Parklücke, ihre Fahrertür dicht an dicht an die Fahrertür eines silbergrauen Ford Mondeo und stieg umständlich an der Beifahrerseite aus. Ein letzter Blick in den Spiegel, Rouge und Lippenstift saßen immer noch perfekt. Während ihr Blick gezielt die Reihen der Gäste entlang glitt, erfasste sie insgesamt drei Männer, die offenbar ohne Begleitung da waren. Den ersten hakte sie insgeheim gleich ab, zu dick, ein Allerweltsgesicht und mit gelangweiltem Gesichtsausdruck, der zweite schlief am Tisch bald ein, aber der dritte erweckte ihre Aufmerksamkeit. Ein etwa Mittvierziger, mit grauen Schläfen, strahlend blauen Augen und einem freundlichen Lächeln - das sah doch vielversprechend aus. Und der Platz neben ihm war frei.<br />
Im nächsten Moment bekam Nora große Augen. Im Begriff, dem Auserwählten schöne Augen zu machen, erhob sie sich von ihrem Platz- plumpste aber sofort wieder auf ihren Stuhl zurück. Ein gutaussehender junger Mann setzte sich auf den freien Stuhl und strich dem Objekt ihrer Wünsche zärtlich über den Kopf. Beide sahen sich tief in die Augen und tauschten ein Lächeln. Nora sah sprachlos auf diese Szene und konnte sich nicht rühren. Ging den in letzter Zeit alles den Bach runter? Müde fuhr sie sich durch die Haare und schaute auf die vorbeifahrenden Autos. Da kam ihr ein Gedanke. Teneriffa! So schwer konnte es doch nicht sein, Martin dort zu finden. Nora griff nach ihrem Handy und rief Helga Thiel an. Als die sich meldete, sagte Nora überaus freundlich: „Hallo Frau Thiel, hier ist Nora van Melin. Martin hat mich gebeten nach Teneriffa zu kommen, doch leider habe ich seine Adresse verlegt. Können Sie mir helfen?&#8221; Helga Thiel runzelte die Stirn und räusperte sich: „Nun,  Martin hat mir gesagt, er kennt Sie überhaupt nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob ich Ihnen deshalb die Adresse &#8230;&#8221; „Machen Sie sich da bitte keine Gedanken Frau Thiel, er kennt mich überaus gut- wenn Sie wissen, was ich meine!&#8221; Nora lachte frivol in das Telefon. Helga Thiel war total verunsichert. Was sollte Sie nur tun? „Ich denke, Ihr Sohn wird Ihnen dankbar sein, wenn Sie mir seine Adresse geben Frau Thiel. Ich werde auch noch einmal mit Martin sprechen, damit er diese Geheimnistuerei unterlässt. Wir lieben uns doch.&#8221; Geschlagen von Noras Überredungskunst gab Helga nach und Nora die Adresse. Nora verabschiedete sich mit einem katzenhaften Lächeln und war gleich darauf auf den Weg zu ihrer Wohnung, um ihre Koffer zu packen. Spätestens morgen war sie auf Teneriffa und Martin würde sein blaues Wunder erleben.<br />
Über zwei Dinge hatte sich Nora allerdings noch keine Gedanken gemacht: Würde sie überhaupt so kurzfristig einen Flug nach Teneriffa buchen können und wie sollte sie ihn bezahlen? Nachdem sie mit sicherem Griff ein paar Kleidungsstücke und Dessous aus ihrem Kleiderschrank in einen kleinen Koffer gepackt hatte, setzte sie sich auf das Sofa und griff nach dem Ordner mit ihren Kontoauszügen. Der aktuelle Kontoauszug bewies es ihr schwarz auf weiß: Ihr Konto war bis an das Limit überzogen.<br />
&#8216;Na gut - dann eben anders&#8217;, dachte Nora, griff das Telefon und tippte die Nummer ihrer Bank ein.  Zum Glück war da ja noch der ansehnliche Betrag aus dem Erbe ihrer Mutter.<br />
Nach einer kurzen Zeit meldete sich am anderen Ende der Sprachcomputer der Bank, der sie völlig emotionslos mit gleichbleibender Stimme alle relevanten Daten abfragte. Nora gab sorgfältig alle geforderten Daten an und erhielt schließlich eine Mitteilung, die ihr die Zornesröte ins Gesicht steigen ließ. &#8220;Sie sind nicht berechtigt, über dieses Konto Transaktionen vorzunehmen! Bitte wenden Sie sich an Ihren Kundenberater!&#8221; Wütend drückte Nora die Auflegetaste des Telefons und stampfte zornig mit dem Fuß auf den Boden.<br />
Hatte also ihr Vater auch hier seine Beziehungen spielen lassen. Die Verwirklichung ihrer Idee, Martin nach Teneriffa zu folgen, war vorerst einmal in weite Ferne gerückt.<br />
Es musste aber eine Lösung geben!</p>
<p>Nora grübelte über genau diese Lösung nach. Sie kaute vor Anstrengung an ihren Nägeln, die sie doch eigentlich pflegen wollte. Als ihr diese Tatsache bewusst wurde, lies sie sofort die Hände sinken. Tja, aber eine Lösung hatte Nora immer noch nicht. Nach Teneriffa wollte sie aber unbedingt. Doch WOHER nahm sie nun das Geld? Ihr kam eine Idee. Unter ihren Schmuckstücken befanden sich durchaus wertvolle Dinge. Sie könnte ja einige davon verkaufen &#8230; genau das würde sie auch tun. Nora ging in ihr Schlafzimmer, nahm ihr Schmuckschatulle aus dem Safe und wühlte darin herum. Sie fand ein paar Ohrringe, von denen Nora wusste, dass sie einen hohen Wert hatten. Schnell packte Nora diese Ohrringe in ihre Handtasche und machte sich auf den Weg zum Juwelier, den sie durch ihren ehemaligen Geliebten gut kannte. Nora würde schon dafür sorgen, dass eine Flugkarte nach Teneriffa das mindeste war, was sie von dem Erlös kaufen konnte. Nora brauchte nicht weit zu laufen, da der Juwelier ganz in ihrer Nähe sein Geschäft hatte. Durch ihr überaus liebenswürdiges Auftreten, bekam sie von dem alten Herrn eine ansehnliche Summe für die Ohrringe. Kaum wieder auf der Straße, hielt Nora ein Taxi an und ließ sich zum Flughafen bringen. Die Sachen, die sie benötigte, konnte sie sich nun kaufen. Sie musste also nicht noch einmal nach Hause, um Koffer zu packen und auf Teneriffa musste sich dann Martin um ihre Belange kümmern. Am Flughafen sprang Nora aus dem Taxi und lief in die Eingangshalle. Nicht lange und sie hielt triumphierend ihren Flugschein in der Hand. Kurze Zeit später wurde ihr Flug aufgerufen und Nora begab sich zur Abfertigung. Endlich im Flugzeug schloss sie die Augen und wartete auf den Start. Sie liebte das Starten der schweren Maschinen. Als das Flugzeug losrumpelte, schaute Nora mit zusammengekniffenen Augen aus dem Fenster. Nicht mehr lange und Martins Leben würde sich ändern. Endlich in der Luft gönnte sich Nora ein kleines Schläfchen.</p>
<p>Martin erwachte vom Klingeln seines Handys. Als seine Mutter in leicht verärgertem Ton darauf drängte zu erfahren, was es mit dieser Nora van Melin nun wirklich auf sich hatte, verstand er zunächst gar nichts. &#8220;Sie wollte unbedingt deine Hoteladresse haben und ist auf dem Weg zu dir,&#8221; schloss seine Mutter. Martin saß aufrecht auf dem Sofa. &#8220;Sie ist waaas?? Das ist jetzt nicht dein Ernst, Mutter.&#8221; &#8220;Was sollte ich denn machen? Sie klang sehr überzeugt, dass du sie heiraten willst. Also, bringe in Ordnung, was du in Ordnung zu bringen hast und melde dich wieder.&#8221; Martin starrte auf sein Handy, als ob er noch einen Nachsatz erwarte, aber seine Mutter hatte das Gespräch bereits beendet. Was, zum Teufel, geht hier ab? Seine Freundin verschwindet sang- und klanglos nach Teneriffa. Er reist ihr hinterher und wird eiskalt abserviert - das war´s! Dann diese idiotische Idee, hier bleiben zu wollen, in einem fremden Land mit fremden Menschen? Man bricht doch nicht einfach - mir nichts, dir nichts - alle Brücken in der Heimat ab? Der attraktive Unbekannte - wer war er und was hatte Mareike mit ihm zu tun? War das ihr eigentlicher Grund? Wollte sie wegen ihm alles aufgeben? Martin biss sich hart auf die Unterlippe, als wolle er 