Plötzlich und unerwartet…
Ihr Blick fiel auf den Kalender auf ihrem Schreibtisch. Unglaublich, das Jahr war fast schon wieder vorbei. Sie hatte keine Ruhe, es Revue passieren zu lassen. Vielmehr stieg die innere Unruhe in ihr auf, die Gedanken jagten sich. Wie in den letzten Jahren war es auch dieses Mal unwahrscheinlich, die Vorbereitungen für das Weihnachtsfest und den Jahreswechsel ohne Hektik und Stress zu erledigen.
Weihnachtsgeschenke im Sommer kaufen. Sommer- welcher Sommer? Die wenigen warmen Tage im Frühsommer, das war der Sommer. Dabei hätte es sich angeboten, an den unzähligen Regentagen dieses Sommers durch die Geschäfte zu streifen. Aber auch an jenen Tagen war alles ander immer wichtiger. Und wer denkt schon im Sommer an Weihnachtsgeschenke? Geschenke? Für wen und was? Jedes Jahr dieselbe leidige Frage. Eigentlich hatten sie die leidige Schenkerei in der Familie schon vor Jahren abgeschafft. Einer schoss jedoch immer quer. „Ach, das ist doch nur eine Kleinigkeit, das kannst du doch sicherlich gebrauchen.“ Plötzlich hatte jeder diesen Gedanken. Und das Thema ‚abgeschafft’ war wieder aktuell, denn man konnte ja nie wissen, wer sich in diesem Jahr eine neue Kleinigkeit einfallen ließ.
Notizblock und Stift für die erste Liste: mit wem verbringen wir Weihnachten und wo?
Merke: Kleinigkeiten für alle, mit denen wir an Weihnachten zusammen sind. Rechtzeitig vor Weihnachten will auch die Post verdienen. Weihnachtspost. An wen? Karten oder Briefe? Vorgedruckt oder selbst gebastelt? Natürlich selber basteln, individuell für jeden etwas Passendes. Liste zwei. Merke: Weihnachtskarten selber gestalten, Materialien einkaufen.
Seit September sind die Geschäfte voll mit weihnachtlichen Leckereien. Nicht immer gelingt es, an Marzipankartoffeln, Lebkuchen und Spekulatius vorbei zu gehen. Zu Weihnachten sind selbst gebackene Plätzchen ein Muss. Liste drei. Merke: Zutaten für Weihnachtsplätzchen einkaufen. Nach Totensonntag werden die Fenster dekoriert. Wo sind die Lichterketten? Der Gang auf den Dachboden fördert alles ans Tageslicht. Die Lichterketten vom letzten Jahr finden sich in einer großen Tüte. Lämpchen überprüfen und eventuell Ersatzlämpchen kaufen. In einer Kiste warten die Zutaten für den Adventkranz - Dekoration, in einer anderen findet sich der Baumschmuck.
Ein kritischer Blick auf die Fensterscheiben. Die Fliegenreste aus vergangenen Sommertagen sehen nicht sehr dekorativ zum Lichterglanz aus. Wo war der Terminkalender? Findet sich noch ein freies Wochenende vor dem Totensonntag, um die Fenster zu putzen? Es wird eng, am 11.11. ist Martinsgans-Essen, dann stehen noch zwei Geburtagsfeiern im November an. Nun, wenn gar nichts mehr geht, müssen die Fenster bis Januar warten, schließlich ist es schon zeitig dunkel, wie es auch an manchen Tagen gar nicht richtig hell wird.
Weihnachtsfeiern - die stehen ja auch bald an. Die Termine sind so eng gesteckt, dass sie sich genau überlegen muss, zu welchen Weihnachtsfeiern sie gehen kann. Kann? Muss? Nein, in diesem Jahr gibt es keine Gesichtspflege, in diesem Jahr geht sie nur zu den Feiern, die sie besuchen möchte. Schließlich soll die Adventszeit gemütlich und besinnlich werden.
Heiligabend. Mutter kann sich nicht entscheiden, bei wem sie Heiligabend verbringen möchte, beim Sohn oder bei der Tochter. Am ersten Weihnachtstag treffen sich ja sowieso alle, in diesem Jahr beim Sohn. Bleibt also für Heiligabend nur die Schwiegermutter. Und die will gerade mal wieder sterben, weil die Welt so ungerecht und das Leben so schwierig ist. Sollte sie bis dahin noch leben, und davon kann man bei ihrer guten Verfassung trotz ihrer sechsundachtzig Jahre ausgehen, wird das Gesprächsthema am Heiligabend nur eines sein: Krankheiten und immer wieder Krankheiten. Warum sollte es in diesem Jahr anders als im letzten und vorletzten Jahr sein? Mutter überlegt sich das und entscheidet sich, schon Heiligabend zum Sohn zu fahren. Die andere Schwiegermutter ist nicht so kompliziert und spricht auch über andere Dinge, als Krankheiten. Nicht alle Mütter und Schwiegermütter, die verwitwet sind, sind gleich. Das lässt ja hoffen, dass man selbst später vielleicht nicht ganz so merkwürdig wird.
Soweit ist das wo und wie geregelt. Heiligabend mit Mann und Schwiegermutter zu Hause, vormittags den Baum schmücken, das Abendessen vorbereiten, mittags die Schwiegermutter abholen, Kaffee trinken, gemütliches Beisammensein, Abendessen und Schwiegermutter wieder nach Hause fahren. Vor zwei Jahren konnte man vor Schneegestöber kaum etwas sehen, die Straßen waren glatt und jeder, der irgendwie konnte, ließ das Auto stehen. Aber Schwiegermutter machte das alles nichts aus, 20 Kilometer hin und 20 Kilometer zurück gefahren zu werden. Ist ja auch kein Problem, was tut man nicht alles, um der alten Dame den Heiligabend so angenehm wie möglich zu gestalten. Nur als sie energisch ablehnte, bei den Witterungsbedingungen hier zu übernachten, siegte nach einigen Argumenten der Altersstarrsinn, nur im eigenen Bett schlafen zu können. Auch gut, wer nicht will, der hat schon. Der Klügere gibt nach.
Die Gedanken werden ruhiger, die weihnachtliche Planung steht in groben Zügen, die Merkzettel hängen mit roten und grünen Randbemerkungen an der Pinnwand.
Erste Zweifel machen sich breit. Weihnachtsplätzchen – für wen eigentlich? Die eigenen Hüften brauchen keine weiteren Polster, der Göttergatte ist sowieso kein Plätzchenfan und die Schwiegermutter steht traditionell aus Christstolle. Liste drei kann also getrost wieder in die Altpapiersammlung wandern.
Aus dem Radio ertönt die Meldung „…. in 13 Tagen wird der traditionelle Weihnachtsbaum aufgestellt…“. Tatsächlich werden die Buden für die Weihnachtsmärkte auch schon aufgebaut..
Weihnachten ist also doch nicht mehr fern, obwohl vor vielen Fenstern die Geranien noch in voller Blüte stehen. Wir haben ja den Klimawandel,









