Weihnachtsengel
„Wirf ihn weg! Ich kann ihn nicht mehr sehen! Die Farbe ist abgeblättert und ein Arm ist abgebrochen. – Außerdem habe ich längst einen neuen gekauft!“, rief ihm seine Frau aus der Küche zu, als sie sah wie er den alten Holzengel vorsichtig in den Händen hielt und einen Platz auf dem fast fertig geschmückten Weihnachtsbaum suchte.
Mit einem fragenden Blick drehte er sich um.
„Ja, wirklich – nun mach’ schon. Der neue Engel sieht viel schöner aus und leuchtet auch im Dunkeln!“
Schweigend blickte er auf den Engel in seinen Händen.
‚Schön siehst du wirklich nicht mehr aus’, dachte er leise. ‚Aber es hängen so viele Erinnerungen an dir.’ Er strich dem Engel zart über den Kopf.
Dieser Engel war ein Geschenk an seine Frau zum ersten gemeinsamen Weihnachtsfest und von diesem Zeitpunkt an begleitete er jedes Weihnachtsfest der Familie über Jahre hinweg bis zum heutigen Tag.
Er sah fröhliche, aber auch traurige Weihnachtsfeste. Er sah die Kinder, die von Jahr zu Jahr älter wurden, deren Augen aber immer wieder aufleuchteten, wenn sie den Engel am Weihnachtsbaum entdeckten. Er gehörte einfach zur Familie.
„Bist du bald fertig?“ Die Stimme seiner Frau holte ihn aus seinen Gedanken in die Wirklichkeit zurück.
Schon lange hatte er es aufgegeben, sich gegen den Willen seiner Frau aufzulehnen und so stellte er den Engel einfach beiseite. Es fiel ihm schwer sich so einfach von ihm zu trennen.
Seine Frau kam ins Zimmer. „Hier ist er – der neue Engel!“ Sie hielt einen dieser bunten Leuchtengel in die Höhe. „Setz’ ihn bitte ganz nach oben – das sieht bestimmt gut aus!“
Er tat wie ihm aufgetragen wurde, doch innerlich widerstrebte es ihm.
Auf dem Weg zurück in die Küche griff die Frau nach dem alten Engel.
„Lass’ das!“, entfuhr es ihm ungewöhnlich laut und bestimmend. Sie zog die Hand zurück. So einen scharfen Ton war sie von ihrem Mann nicht gewohnt. „Ich bringe ihn zum Müll!“, fügte er hinzu.
Nachdem er den Leuchtengel nahe der Baumspitze platziert hatte, aller überflüssiger Weihnachtsschmuck aufgeräumt war, zog er seine Schuhe an, nahm den alten Engel vorsichtig in die Hand und verließ wortlos die Wohnung.
Mit gesenktem Kopf und ganz in Gedanken versunken machte er sich auf den Weg zur Mülltonne. Er öffnete den Deckel und setzte den Engel vorsichtig auf den sich türmenden Müllberg. Als er den Deckel schloss, wischte er sich verstohlen ein paar Tränen aus den Augen.
Langsam ging er wieder in die Wohnung zurück. Er hörte nicht, dass die Nachbarn ihm von allen Seiten ‚Frohe Weihnachten’ zuriefen.
„Da bist du ja wieder. Komm’ lass uns jetzt gemütlich essen und dann kann Weihnachten kommen!“ Das Geplapper seiner Frau tat ihm fast körperlich weh.
‚Weihnachten’ – das Wort hatte für ihn an Bedeutung verloren. Etwas war anders geworden.
„Schon wieder ist Weihnachten!“, dachte sich der alte Stadtstreicher. Das Weihnachtsfest hatte seit Jahren keine Bedeutung mehr für ihn. Sie ging mit Familie, Arbeit und dem Zuhause vor Jahren verloren.
Er öffnete den Deckel der Mülltonne. ‚Weihnachten werfen die Leute immer viel weg. Da muss alles vom Feinsten sein’, waren seine Gedanken während er im Müll herumstocherte.
Doch außer einem alten, schäbig aussehenden, einarmigen Holzengel konnte er nichts Interessantes für sich selbst entdecken.
„Na, hat man dich auch entsorgt? Kein Platz mehr für dich? – Siehst ja auch wirklich ziemlich heruntergekommen aus!“, brummte er in Richtung des Engels und nahm ihn aus der Tonne.
‚Ach, und auch noch behindert – nur ein Arm. Kein Wunder, dass für dich kein Platz mehr ist’, fügte er in Gedanken hinzu.
„Na komm’ – du passt zu mir. Dann werden wir beide mal ein uns angemessenes Weihnachtsfest feiern“, sagte er mit einem Lächeln auf den Lippen.
Er klemmte den Engel unter den Arm, ließ den Deckel der Mülltonne mit einem lauten Knall zufallen und schlurfte seines Weges. Unter einer Brücke, die ihm während der kalten Jahreszeit als Zuhause diente, ließ er sich auf einer alten morschen Holzkiste nieder und setzte den Engel neben sich.
„Wollen wir mal sehen, ob wir etwas für dich tun können?“ Er zog ein abgebrochenes Aststückchen, das er unterwegs gefunden hatte, sowie ein verrostetes Taschenmesser aus der Manteltasche.
„Als erstes bekommst du mal einen Ersatzarm“, erklärte er dem Engel und lächelte ihn an. „Bei dir ist das keine Schwierigkeit!“, fügte er hinzu und es schien als zog sich ebenfalls ein Lächeln über das Gesicht des Engels.
Mit gezielten Schnitten schnitzte er etwas, das ein bisschen aussah wie ein Arm und passte es dem Engel an. „Na, ja! Besser geht’s nicht mit kalten Fingern!“ Prüfend betrachtete er den Engel.
„So nun zu deiner Farbe! Ich denke mal wir machen dich einfach nackig. Einem Engel macht das sicher nichts aus und vor mir musst du dich auch überhaupt nicht genieren!“, erklärte er dem Engel leise.
Er klappte die kleine Feile aus dem verrosteten Taschenmesser und begann die noch vorhandenen Farbstellen abzufeilen.
Je länger er feilte, desto mehr sah er das helle Holz und nach einer Weile stand ein prächtiger Holzengel mit einem etwas groben Arm neben ihm auf der Bank.
„Bist gar nicht mehr hässlich, wer hätte das gedacht?“, lobte ihn der Stadtstreicher und lehnte sich zufrieden zurück.
‚Stille Nacht, heilige Nacht’, summte er vor sich hin.
„Stille Nacht, heilige Nacht“, klang es aus den Lautsprechern der Stereoanlage. Wortlos saß das Ehepaar nebeneinander und betrachtete den Weihnachtsbaum.
Sie war glücklich, der Weihnachtsbaum sah wunderschön aus und über allem Schmuck erstrahlte der beleuchtete Engel.
Er dagegen war in Gedanken versunken und dachte an die vergangenen Weihnachtsabende mit seinem Engel. Dieses Jahr war es anders. Die Gleichgültigkeit seiner Frau bedrückte ihn sehr. Wie konnte sie nur so ohne weiteres Gefallen an dem kitschigen Leuchtengel haben, da sie doch wusste, wie sehr sein Herz an dem alten Engel hing.
„Was werden wohl die Kinder machen?“, fragte er plötzlich unvermittelt seine Frau. „Sicher werden sie bei Freunden feiern“, antwortete sie ihm. „Wir hätten sie einladen sollen! Weihnachten gehört die Familie zusammen“, sagte er nachdenklich.
„Sie sind doch so beschäftigt…!“, plapperte seine Frau weiter. Ihr war es egal, sie war auch so zufrieden, doch schien sie zu merken, dass keine rechte weihnachtliche Stimmung aufkommen wollte. “Spiel’ doch noch einmal die Platte mit den alten Weihnachtsliedern“, wies sie ihren Mann an, „dann ist es fast wie früher!“ Widerwillig zog er die alte Platte aus der Hülle und legte sie auf den Plattenspieler. ‚Nein, es war nicht wie früher!’
„Oh, du fröhliche…“, klang es aus den Lautsprechern.
„…gnadenbringende Weihnachtszeit“, sang ein Kinderchor. Die junge Frau summte leise mit. „Wir hätten vorher anrufen sollen!“ Sie blickte zu ihrem Mann. „Vielleicht passt es ihnen gar nicht, dass wir so überraschend zu Besuch kommen. Außerdem ist es auch schon spät.“ „Für den Stau kann ich nichts, aber du bist ja nicht fertig geworden“, entgegnete ihr Mann und blickte angestrengt auf die Straße, denn es hatte Schneefall eingesetzt.
Im Stillen war er aber sehr froh über die Idee seiner Frau, seine Eltern über das Weihnachtsfest zu besuchen. Er konnte sich gut an die heimelige Atmosphäre der Weihnachtstage in seinem Elternhaus erinnern. So war er allen steifen gesellschaftlichen Verpflichtungen entkommen.
„Wir haben aber nicht einmal eine Kleinigkeit für die beiden!“, stellte er fest. „Ach, nicht so schlimm. An der nächsten Tankstelle halten wir an und kaufen etwas. Deine Eltern freuen sich bestimmt mehr über unseren Besuch!“ erwiderte sie vergnügt und summte das nächste Weihnachtslied mit.
„Ihr Kinderlein kommet…“, brummte der alte Stadtstreicher. Der Weihnachtsengel hatte ihn in eine ganz besondere Stimmung versetzt. Ihm fielen sogar die alten Weihnachtslieder wieder ein, doch bei allem Zauber der von dem Engel ausging, so war er doch allein in dieser Weihnachtsnacht.
„Ich brauche etwas zum Aufwärmen für Körper und Seele“, erklärte er dem Holzengel als er ihn in die Plastiktüte steckte.
„Wir gehen mal schnell ’nen Pülleken besorgen“, fügte er hinzu.
Er blickte auf das Gesicht des Engels – „sieh’ mich nicht so vorwurfsvoll an. Ich bin ein Mensch und friere – ich bin ja nicht aus Holz“, versuchte er zu erklären. ‚Mann, jetzt rechtfertige ich mich schon vor einem Holzengel“, er schüttelte den Kopf, stopfte den Engel noch ein bisschen tiefer in die Tüte, zog seinen Mantelkragen hoch und schlurfte in die Nacht. Von weitem konnte er schon die bunten Lichter der Tankstelle sehen. ‚Noch jemand, der nicht Weihnachten feiern kann’ dachte er im Stillen und hoffte, dass diese besondere Nacht auch den Angestellten der Tankstelle großzügig machte, denn er hatte nicht einen Cent in der Tasche.
Nur ein Auto stand an der hell beleuchteten Tankstelle und er konnte durch die Scheiben sehen, dass ein junges Paar suchend durch die Regale ging. Ab und zu schüttelte die junge Frau den Kopf, dann winkte wiederum der Mann ab. Offensichtlich konnten sich die beiden für nichts entscheiden.
‚Gut wenn noch andere Kunden da sind! Das erhöht die Chance auf eine kostenfreie Gabe!’ machte sich der alte Stadtstreicher Mut und drückte die Tür zum Verkaufsshop auf. Zielstrebig ging er auf die Kasse zu, doch als er sich an der jungen Frau vorbeidrücken wollte, blieb die Plastiktüte mit seinen Habseligkeiten an den Gitterstäben eines Regals hängen und ihr Inhalt verstreute sich über den Fussboden.
„T’schuldigung!“ brummte er und versuchte schnell alle Dinge wieder in der Tüte verschwinden zu lassen. “Oh je, - warten Sie –ich helfe Ihnen“, sagte die junge Frau, sank in die Knie und griff nach den verstreuten Sachen. Der alte Stadtstreicher zögerte, ließ sie aber doch gewähren. Fast alles war in der Tüte verschwunden, doch sein Blick wanderte immer noch suchend über den Boden. „Mein Engel – wo ist mein Engel?“ Er starrte die junge Frau fragend an. „Ähm – wen meinen Sie?“, fragte sie verwundert. „Meinen Weihnachtsengel“, erklärt er knapp und suchte weiter den Boden zwischen den Regalen ab.
„Ah, da bist du ja!“ Er hob den Engel vorsichtig auf, strich ihm über den Kopf und wollte ihn gerade wieder in die Plastiktüte stecken, da spürte er eine Hand auf der seinen.
„Darf ich ihn mal sehen?“, wandte sich die junge Frau neugierig an den Alten. „Na schön!“, hörte sich der Stadtstreicher sagen. „Oh, Schatz, sieh nur – ein Weihnachtsengel und er sieht fast so aus wie der deiner Eltern. - Was wollen Sie dafür haben?“, fragte die junge Frau forsch heraus. „Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht“, erwiderte ihr Gegenüber. Im Kopf des alten Stadtstreichers begann es zu arbeiten. ‚Klar, irgendetwas war anders, seit ich den Engel bei mir habe, andererseits könnten so ein paar Talerchen mir wieder über die kalte Nacht helfen. – Weihnachten ist ja doch nichts für mich!’ Er versuchte schnell eine Entscheidung zu treffen. ‚Wenn diese junge Frau daran Freude hat, bringt es mir Geld und der Engel würde auch bestimmt nicht wieder in einer Mülltonne landen.’ „Fünfzig Euro“, hörte er sich sagen und war selbst über seinen Mut erstaunt.
„Gib’ ihm das Geld“, forderte die junge Frau ihren Mann auf.
„Du bist doch verrückt“, schüttelte dieser seinen Kopf, zog aber doch seine Geldbörse aus der Hosentasche. Gerade für diese Verrücktheit liebte er seine Frau. Ohne Zweifel würden sich seine Eltern über dieses einfache Geschenk mehr freuen als über teure Präsente.
Der Engel und der Fünfzig-Euro-Schein tauschten den Besitzer. Der alte Stadtstreicher murmelte ein verlegenes ‚Danke’ und das junge Paar verließ glücklich den Verkausfsshop der Tankstelle.
„Gib’ mir ein gutes Tröpfchen!“, wies der Stadtstreicher den Verkäufer an. „Heute ist Weihnachten – da darf es schon etwas Besonderes sein!“ Er griff die Flasche, steckte das Wechselgeld ein, wünschte ‚Frohe Weihnachten’ und verschwand in der Dunkelheit.
Die Platte mit den Weihnachtsliedern lief nun schon zum vierten Mal. Er stand am Fenster und starrte in die Dunkelheit. Seine Frau saß noch immer auf dem Sofa und blickte auf den Weihnachtsbaum. Ab und zu sang sie eine Zeile der Weihnachtslieder mit, aber einen gemeinsamen Gesprächsstoff fanden sie nicht. „Da hat gerade ein Auto gehalten!“, sagte er unvermittelt. „Vielleicht bekommen die Nachbarn Besuch“, kam es belanglos von seiner Frau zurück.
Autotüren klappten, zwei Gestalten liefen durch die Dunkelheit zur Haustür und…
„… es klingelt bei uns!“, stellte er erstaunt fest. „Wer kann das sein?“ fügte er hinzu. „Mach’ einfach die Tür auf, dann weißt du es!“, rief ihm seine Frau zu.
Er ging zur Tür, öffnete sie und blickte überrascht in die Augen seines Sohnes und dessen Frau. „Wo kommt ihr denn her?“, fragte er. „Von draußen – lässt du uns nicht herein!“, entgegnete ihm sein Sohn mit einem breiten Grinsen. Liebevoll nahm der Sohn seinen Vater in die Arme, drückte ihn herzlich und klopfte ihm auf den Rücken. „Ist uns die Überraschung gelungen? – Wo ist Mutter?“
„Sie ist im Wohnzimmer!“, antwortete der Vater und wandte sich seiner Schwiegertochter zu. „Schön, dass ihr gekommen seid. Jetzt ist es doch schon fast wieder wie früher.“ Er nahm sie in den Arm und beide gingen gemeinsam in das Wohnzimmer, wo der Sohn bereits die Mutter in den Arm geschlossen hatte. „Wir haben eine gute und eine schlechte Nachricht. Was wollt ihr zuerst hören?“ Ohne eine Antwort abzuwarten und während er den Mantel auszog, fuhr er fort. „Wir können die ganzen Feiertage bei euch bleiben, aber wir haben keine Geschenke – einfach keine Zeit gehabt…!“
„Doch!“, unterbrach ihn seine Frau und zog den Holzengel, den sie unter ihrem Mantel verborgen hatte, hervor. „Wir dachten, er würde gut zu eurem alten Engel passen“, sagte sie und blickte auf den Weihnachtsbaum. „Ach, wo ist er denn?“, fragte der Sohn und in diesem Moment sah er, wie seinem Vater die Augen feucht wurden. Für einen Moment herrschte bedrückendes Schweigen. Ohne ein Wort drückte die junge Frau ihrem Schwiegervater den Holzengel in die Hand. „Vielleicht kannst du ihn ja ein bisschen herrichten“, sagte sie zögerlich.
Zärtlich strich er über das Köpfchen des Engels und es schien als zog sich ein Lächeln über das Gesicht des Engels. Als er den ersetzten Arm sah und daraufhin noch etwas genauer hinsah, erkannte er seinen alten Holzengel wieder. Jetzt liefen ihm die Tränen über das Gesicht. Verwundert blickte ihn seine Frau an. Tränen, die hatte sie noch nie bei ihm gesehen und sie fühlte, wie
es ihr warm ums Herz wurde. In diesem Augenblick wurde ihr bewusst, dass sie ihn vernachlässigt hatte, ihn aber immer noch sehr liebte.
Still nahm sie seine Hand und drückte sie leicht. Mit Verwunderung blickte er mit tränennassen Augen in das Gesicht seiner Frau und entdeckte ein warmes Lächeln. „Jetzt ist wirklich Weihnachten!“, flüsterte sie ihm zu.
In der Zwischenzeit hatte der Sohn die Gläser gefüllt und hielt ein Glas hoch – „auf ein wunderschönes Weihnachtsfest!“
„Auf das Weihnachtsfest!“, sagte der Stadtstreicher in die Dunkelheit. Seine Wörter waren nicht mehr so ganz klar verständlich und die Augen fielen ihm zu – ihm war wunderbar warm. Der Schlaf überzog sein Gesicht mit einem Lächeln.
Unzählige Schneeflocken tanzten durch die Weihnachtsnacht, lautlos wie kleine Weihnachtsengel, und verbreiteten eine geheimnisvolle Stille.









