Frühstück unter dem Sternenhimmel
1. Franka lag entspannt auf dem Sofa. Die Augen hatte sie fest geschlossen und ihre Gedanken spazierten in eine sehr angenehme Richtung. Sonne, Strand, rauschende Wellen und eine nette Bekanntschaft im Strandkorb neben ihr. Franka seufzte genüsslich, aber im nächsten Moment weckte sie ein zweistimmiges Brüllen aus dem Kinderzimmer. Franka sprang vom Sofa, um den Grund für das Gebrüll zu suchen. Leider kam sie nicht sehr weit, da ihr Fuß unsanft mit mehreren Bausteinen kollidierte und der stechende Schmerz sie zurück auf ihr Sofa warf… Fluchend betrachtete Franka ihren lädierten Zehen. Viel Zeit blieb ihr dafür aber nicht, da der Lärm im Kinderzimmer zunahm. Humpelnd und fluchend bewegte sie sich zwei Türen weiter. Was Franka dort sah, ließ sie ihren Schmerz vergessen. Ihr Töchter spielten nicht mehr friedlich auf dem Fußboden, sondern stritten sich lautstark um die noch vorhandene Schokolade. Franka stöhnte genervt. Konnten die Zwillinge nicht einmal fünf Minuten ruhig spielen. Andere Kinder konnten das doch auch. In diesem Moment erblickte Nadja ihre Mutter. „Mutti, Mutti, die Nina will das letzte Stück Schokolade essen. Sie hat aber schon ganz viel gegessen. Deshalb gehört mir das letzte Stück. Stimmts, Mama?“ Nadja blickte Franka mit großen braunen Augen an und hoffte auf Unterstützung. Nina äugte grimmig zu ihrer Schwester und schnappte sich ihr Fusselhemdchen. Energisch steckte sie sich ihren Mittelfinger in den Mund und zog das Hemdchen unter ihrer Nase entlang. Franka schaute auf ihre vierjährigen Töchter. „Wir könnten doch das letzte Stück teilen“, schlug sie diplomatisch vor. Keiner sagte ein Wort. Franka seufzte leise. Mittlerweile schmollte auch Nadja. Das Klingeln des Telefons lenkte Franka einen Moment von ihren Zwillingen ab. Wo steckte denn nun schon wieder dieses Mobilteil? Vorhin war es doch noch da. Da Franka es nicht finden konnte, spurtete sie ins Schlafzimmer, wo noch ein Telefon mit Strippe stand. Als sie dort ankam, hörte das Klingeln auf. „Mh, auch gut“, dachte Franka und ging langsam zu ihren Kindern zurück. Vorsichtig sah sie in das Zimmer. Beide Kinder schliefen. Franka schlich leise aus dem Zimmer und schloss die Tür. Sie wollte die ruhige Zeit nutzen, um den Berg Bügelwäsche in Angriff zu nehmen. Allerdings hatte sie dazu nicht die geringste Lust. Träumend schaute sie aus dem Fenster. Wie herrlich wäre es jetzt, mit ihren Zwillingen einen Strandspaziergang zu machen. Leider fehlte ihr dafür aber die Zeit. Also nahm Franka entschlossen das Bügeleisen in die Hand und wollte dem ersten T-Shirt zu Leibe rücken. Sie kam aber nicht weit, da es an der Tür klingelte. Frustriert öffnete sie die Tür und blickte in ein paar strahlend blaue Augen. Wer war denn das? Franka schaute sich das männliche Exemplar genauer an. Es war einige Zentimeter größer als sie und grinste deshalb auf sie herab. „Hi“, sagte diese prachtvolle Erscheinung, „ich bin Nicholas.“ Franka starrte weiterhin auf ihren Gegenüber, bis ihr bewusst wurde, was sie gerade tat. „Ja, hallo, was kann ich für sie tun?“, stotterte sie und fluchte innerlich über ihre Trotteligkeit. Wie konnte man nur so dämlich fragen. Nicholas schaute verlegen auf seine Fußspitzen. Eigentlich hatte er gehofft, dass ihm eine ältere Dame die Tür öffnet, dann hätte er sein Anliegen problemloser vortragen können. So überlegte Nicholas krampfhaft, wie er mit seiner Rede beginnen konnte. „Tja also“, begann er vorsichtig. „Ich bin vor einer Woche in dieses Haus gezogen. Leider muss ich nun kurzfristig verreisen.“ Franka überlegte, was sie die Reise ihres Nachbarn anging. Hatte sie nicht genug zu tun!? Musste sie hier nun auch noch Konversation betreiben. Ein leiser Seufzer schlich sich aus ihrem Mund. Nicholas hörte es und wollte schon den Rückzug antreten, doch Franka bemerkte das Zögern des jungen Mannes und fragte: „ Was für ein Problem gibt es denn nun?“ Nicholas fuhr sich verlegen durch seine schwarzen, langen Harre, die auch mal wieder nachgeschnitten werden mussten. „Könnten sie mal für eine Woche meine Blumen gießen?“, platze es aus ihm heraus. „Ihre Blumen gießen?“, vergewisserte sich Franka. Nicholas nickte. Na eigentlich hatte Franka genug zu tun, trotzdem stimmte sie vorsichtig zu. „Gut, für eine Woche werde ich mich mal um ihre Blumen kümmern.“ Nicholas strahlte über sein attraktives Gesicht und händigte ihr ein Schlüsselbund aus. Franka steckte dieses in ihre Jackentasche und schaute Nicholas fragend an. „Na dann will ich mal meine Koffer packen“, murmelte er und stiefelte ein Stockwerk höher. „Halt“, rief Franka. „Bei wem soll ich denn nun die Blumen gießen?“. Nicholas schaute sich noch einmal um. „Mein Name ist Bodin. Nicholas Bodin.“ Franka nickte: „Na bis nächste Woche Nicholas Bodin.“
2.
Nicholas betrat in dem Moment seine Wohnung als das Telefon klingelte. Gutgelaunt nahm er den Hörer ab und meldete sich. Seine Mutter war am Telefon. Nicholas war drüber nicht begeistert. Seine Mutter hatte die Angewohnheit, stundenlange Gespräche zu führen. Dafür hatte er aber im Moment keine Zeit, denn er war mit seiner Freundin Deborah verabredet. Kurz entschlossen unterbrach er seine Mutter beim Reden und erklärte ihr, dass er noch einen wichtigen Termin wahrnehmen musste. Beleidigt verabschiedete sich diese und knallte den Hörer auf. Nicholas seufzte genervt, schnappte sich seinen Rucksack und machte sich auf den Weg zu Deborah. Er freute sich auf die bevorstehende Reise mit ihr. Sie wollten heute noch das Urlaubsziel besprechen. Nicholas liebte Griechenland und hoffte, dass Deborah seinem Vorschlag zustimmen würde. Sonne, Wasser, Strand und … Nicholas verdrehte genüsslich seine Augen. Er würde Deborah schon überzeugen. Grinsend und pfeifend lief Nicholas weiter. Vor ihrer Haustür stoppte er überrascht ab. Das Auto kannte er doch. Gehörte es nicht Deborahs Verflossenem? Nicholas umrundete das Auto. Keine Zweifel, das Auto gehörte Rene. Nicholas runzelte die Stirn und betrat das Treppenhaus. Zwei Stufen höher klingelte er an Deborahs Tür. Beim Warten hörte er lautes Lachen. Deborah öffnete ihm gutgelaunt mit einer Sektflasche in der Hand. Nicholas sah erst auf Deborah und dann auf die geöffnete Flasche. Er schob Deborah beiseite und stürmte ins Zimmer. Abrupt blieb er stehen, als ihn gutgelaunte Gesichter ansahen. Hinter ihm stand grinsend seine Freundin. „Hallo Nicholas, schön, dass du gekommen bist“, flötete sie an seinem Ohr. Nicholas merkte, wie er rot anlief. Er fühlte sich wie ein Idiot. „Tja also“, fing er an zu stottern, „ich wollte mit dir unsere Urlaubspläne abstimmen. Ich wusste ja nicht, dass du Besuch hast.“ Deborah strich Nicholas über die Wange und gab ihm einen Kuss. „Rene heiratet“, teilte sie ihrem Freund gutgelaunt mit. „Er hat es mir gerade mitgeteilt. Wir wollten eben auf das Brautpaar anstoßen. Hol dir ein Glas und feiere mit uns. Übrigens, die Braut heißt Cara.“ Nicholas nickte in Caras Richtung und verschwand eilig in der Küche. Dort stützt er sich auf das Fensterbrett und schaute den Spatzen beim Raufen zu. Nur gut, dass ihm das erspart geblieben war. Hinter ihm betrat Deborah die Küche. „Verrätst du mir, warum du wie ein Verrückter in die Wohnung geschossen bist?“, fragte sie leise. Nicholas fuhr sich mit beiden Händen über sein Gesicht und druckste herum: „Naja, ich dachte, dass du… Rene… das du und Rene…na das ihr beide wieder zusammen …“ Endlich war es heraus. Deborah schüttelte erstaunt den Kopf. „Hast du denn kein Vertrauen zu mir?“, fragte sie erstaunt. „Doch“, kam es kläglich von Nicholas. Deborah ging zu ihrem Freund und nahm ihn in die Arme. Hoffentlich kam so etwas nicht öfter vor, dachte sie. Nicholas schnappte sich ein Glas und eine neue Flasche Sekt, die er noch auf dem Tisch fand. Deborah ging zum Kühlschrank und überlegte, was sie nun ihren Gästen zum Essen vorsetzte. Immerhin war sie auf Besuch nicht vorbereitet. Sie fand noch eine Packung Hühnchen, Sahne und Käse. Daraus ließe sich etwas machen. Frisches Baguett hatte Deborah heute erst gekauft; Tomaten und Salat hatte sie im Garten. Da Nicholas noch unschlüssig mit seiner Flasche in der Küche stand, schob sie ihn durch die Küchentür zu ihren Gästen. Nicholas war gar nicht begeistert. Er hatte sich den Abend ganz anders vorgestellt. Aber er versuchte ein Lächeln und setzte sich zu Rene und Cara.
3.
Franka hatte endlich ihren Bügelwäscheberg bewältigt und wollte es sich mit einem Gläschen Wein gemütlich machen; vorher sah sie aber noch einmal nach ihren Töchtern. Die Zwillinge lagen schon im Bett. Nadja hielt ihre geliebte Plüschmaus im Arm und Nina war mit dem Finger im Mund und dem Fusselhemd unter dem Kopf eingeschlafen. Franke seufzte beim Anblick ihrer Töchter. Wann konnte sie Nina das Nuckeln am Finger und Hemd abgewöhnen. Alle Versuche waren schon fehlgeschlagen, denn außer Tränen hatten die verschiedenen Maßnahmen nichts gebracht. Nina brauchte ein Hemdchen, mit dem sie sich in den Schlaf nuckelte oder Stresssituationen bewältigte. Als Franka das Wohnzimmer betrat, hörte sie die Haustür, die leise geöffnet und wieder geschlossen wurde. Franka ging in den Flur zurück. „Hallo mein Schatz“, flüsterte Frankas Mann Mark. „Schläft unsere Rasselbande schon?“ Franka seufzte leise. „Ja, sie sind endlich eingeschlafen. Ich bin total geschafft.“ Mark nahm Franka in seine Arme und strich ihr liebevoll über den Rücken. „Komm, wir machen uns noch eine Flasche Wein auf und du erzählst mir alles“, sagte Mark und zog Franka ins Wohnzimmer. „Den Wein wollte ich auch gerade aufmachen“ antwortete ihm seine Frau. Beide gingen Arm in Arm ins Wohnzimmer. Mark entkorkte die Flasche und Franka holte die Gläser. Gerade wollten beide einen Schluck aus ihrem Glas nehmen, als plötzlich Nina in der Tür stand und sich verschlafen die Augen rieb. „Na kleine Maus, ich denke, du schläfst“, fragte Mark liebevoll. Nina trottelte zu ihrem Vater und kuschelte sich in seine Arme. „Ich bin noch gar nicht müde“, nuschelte sie und nuckelte schon wieder an ihrem Fingerchen. „Soll ich dich ins Bettchen bringen?“, fragte Mark. Er bekam keine Antwort, denn Nina war schon wieder eingeschlafen. Franka nahm ihm ihre Tochter ab und brachte sie wieder ins Kinderzimmer. Nina bekam nichts mit. Sie schlief tief und fest und lächelte im Schlaf. Franka war auf dem Weg ins Wohnzimmer, als es an der Eingangstür Sturm klingelte. Franka verdrehte die Augen und öffnete. Vor der Tür stand ihre Schwester mit verheultem Gesicht. „Dieser Schuft. Ich hasse ihn und will ihn nie wieder sehen.“, schrie sie und stürmte an Franka vorbei ins Wohnzimmer. Dort warf sie sich in den Sessel und schniefte vernehmlich in ihr Taschentuch. Mark hatte sich bei ihrem Auftritt verschluckt und rang nach Luft. „Möchtest du ein Glas Wein“, fragte Franka das heulende Elend. „Ja“, kam es gedämpft aus dem Taschentuch. „Kannst du sagen, was dich zu nächtlicher Stunde zu uns führt?“, wollte Franka wissen. Vera schaute Franka mit tränennassen Augen an. „Sascha hat eine andere“, flüsterte sie. „Er hat es mir gerade mitgeteilt.“
Franka und Mark sahen sich an. Sascha war eigentlich ein netter Kerl. Beide konnten sich nicht vorstellen, dass er so ein Scheusal sein sollte. Vera war aber nicht zu bewegen, mehr zu erzählen. Deshalb ging Franka ins Gästezimmer, um dort ein Bett für ihre Schwester herzurichten. Morgen war Sonntag. Vielleicht konnten sie beim Frühstück in Ruhe über sie Sache reden. Franka zog ihre Schwester aus dem Sessel und schuppste sie Richtung Badezimmer. „Wisch dir deine schwarzen Spuren aus dem Gesicht und dann überschlafe die Sache mit Sascha. Sicher sieht morgen alles anders aus. „Das glaube ich nicht“, sagte Vera ganz leise. „Saschas neue Freundin bekommt ein Baby.“
4.
Irgendwie wollte kein richtiges Gespräch aufkommen und Nicholas fing an, sich zu langweilen. Deborah hatte nur Augen und Ohren für Rene und seine Flamme. Nicholas kam sich überflüssig vor.„Also, ich werde mal wieder gehen“, begann er langsam seinen Abschied vorzubereiten. Deborah sah ihn erstaunt an. „Willst du nicht über Nacht hier bleiben?“„Nein, ich muss morgen früh zeitig aus den Federn und mein Schreibtisch quillt auch schon über. Ich muss mich noch auf mein nächstes Seminar vorbereiten.“Deborah zog ein langes Gesicht. Sie wusste, wenn sich Nicholas etwas vorgenommen hatte, war er schwer, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Also stand sie auf und brachte ihren Freund zur Haustür.„Sei nicht sauer Nicholas. Wir holen den Abend nach und denken über unseren Urlaub nach.“„Mh“, war das einige Wort, was Nicholas dazu zu sagen hatte. Er gab Deborah einen flüchtigen Kuss und verließ die Wohnung. Deborah schaute ihm kopfschüttelnd nach, widmete sich dann aber weiterhin ihren Gästen. Als Nicholas wieder auf der Straße stand, fühlte er sich einsam und war noch lange nicht bereit, nach Hause zu wandern. Deshalb beschloss er zu dem kleinen Italiener an der Ecke zu gehen. Dort konnte man eine ausgezeichnete Pasta essen und guten Wein trinken. Nun wieder gutgelaunt lief Nicholas zügig zu der Pizzeria und betrat den Gastraum. Die kleine Nische in der rechten hinteren Ecke hatte es ihm angetan. Er strebte sofort in diese Richtung und lies sich auf den Stuhl fallen. Nicholas bestellte seine Lieblingspasta und ein großes Glas des süffigen Weines, den er beim letzten Besuch so lecker empfunden hatte. Zufrieden schaufelte Nicholas seinen Teller leer und war gerade dabei, sich eine Zigarette anzuzünden, als ein langbeiniges Wesen durch die Tür kam. Auffallend war ihre lange Mähne tiefschwarzer Haare und ihre olivfarbene Haut, die im Kerzenschein schimmerte. Nicholas vergaß das Streichholz in seiner Hand und fluchte leise, als er sich die Finger verbrannte. Die langbeinige Schönzeit strebte zielsicher an die Bar und setzte sich graziös auf einen Hocker. Es dauerte nicht lange und der Barkeeper stellte ihr ein Glas Wein auf den Tresen. ‚Der Abend konnte doch noch amüsant werden’, dachte Nicholas. Sollte sich Deborah doch mit Rene amüsieren. Er, Nicholas, würde kein Trübsal blasen. Nicholas nahm sein Glas Rotwein und begab sich ebenfalls zu Bar. Als er sich neben die Schwarzhaarige setzte, sah diese ihn mit ihren großen braunen Augen fragend an.„Kennen wir uns?“, fragte sie mit leicht rauchiger Stimme.„Nein“, gab Nicholas zu. „Doch können wir das ändern. Wir haben den ganzen Abend dazu Zeit.“„Haben wir das?“, bekam er eine ironische Antwort.
-Fortsetzung folgt!-
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