Abschied

 
Mit einem freundlichen Lächeln schien er die Anwesenden begrüßen zu wollen. Seine Augen, umrahmt von einer dunklen Brille, und sein dunkler Vollbart um den lächelnden Mund strahlten Zuversicht und Lebendigkeit aus. Ein Bild, so wie ihn jeder kannte und ihn in Erinnerung behalten würde. Das Foto in einem buchefarbenen Rahmen war der Strohhalm, an den sich jeder der Anwesenden klammerte, um nicht der Realität ins Auge sehen zu müssen.

Die Realität war eine andere, verkörpert durch den hellen Sarg aus Buche, der, umgeben von einem Blütenmeer aus Lilien und Rosen schräg hinter dem Foto stand.

Stille, ab und zu unterbrochen durch das leise Schluchzen und Schneuzen einzelner Trauergäste. Unmöglich, die Brücke zwischen dem Foto eines Mannes, in der Mitte seines Lebens, jäh rausgerissen aus der Liebe seiner Familie, und dem Verstorbenen im Sarg zu schlagen. Unfassbar, dass diese Zusammenkunft mit ihm die letzte sein sollte, sein letzter Weg, auf dem alle Anwesenden ihn begleiten wollten.

Nur wenige Tage hat es gedauert, bis die Organe in seinem Körper nach und nach versagt hatten, ohne dass es den Ärzten gelang, eine Ursache festzustellen und eine Behandlung für ihn zu finden.

Abschied aus einem Leben, das geprägt war von der Liebe zu seiner Familie, für die er immer wie eine starke Festung war. Für seine beiden angenommenen Töchter, die erwachsen waren und nicht mehr im Elternhaus lebten, für die er aber immer ein offenes Ohr hatte und die immer gerne nach Hause kamen. Für seine Frau, die gerade nach einer Brustamputation so weit genesen war, dass sie wieder arbeiten konnte und ohne ihn diese schwere Zeit nicht durchgestanden hätte.

Seinem Nesthäkchen galt stets seine besondere Fürsorge und Liebe. Was verstand sie von all dem, was um sie herum vorging? Ihr Rollstuhl stand vor seinem Sarg, ihre Augen wanderten ruhelos durch die Kapelle, so weit sie ihren Kopf zu drehen vermochte. Hier war sie noch nie gewesen. Hin und wieder kam ein unverständlicher Laut aus ihrer Kehle, mit dem sie ihre Gefühle ausdrücken wollte. Dazu bewegten sich ihre Hände unkontrolliert hin und her, ihre Beine ließen sich nicht bewegen.

Als die Orgelmusik einsetzte, lauschte und lachte sie, das schien ihr zu gefallen.

Ihre Schwester streichelte ihr ununterbrochen die rechte Wange und lächelte sie unter Tränen an. Selbst, wenn Julchen nicht verstand, was um sie herum vorging, sie würde ihren Vater vermissen, die vielen gemeinsamen Stunden mit ihm, wenn er sie wickelte und anzog, an ihrem Bett saß und mit ihr redete, wenn er im eigens für sie gebauten Swimmingpool mit ihr plantschte, was sie so sehr liebte.

Trotz der kühlen Temperaturen an diesem grauen Julitag, durchwärmten die Worte der Pastorin die kleine Kapelle, als sie sein Leben in Einzelheiten schilderte. Einzelheiten, die sein Leben noch einmal Revue passieren ließen, für die, die ihm am nächsten standen und Stationen aus seinem Leben, für die, die ihn nicht mehr näher kennen lernen konnten.

Als sich der Trauerzug in Richtung Grabstelle in Bewegung setzte, begann der Himmel aufzureißen und die ersten kleinen, blauen Fetzen wurden sichtbar. Die Stille des Friedhofes wurde nur durch das AVE MARIA des Trompeters durchbrochen. Selbst die Vögel schienen zu lauschen.

Der letzte Abschnitt. Sechs Träger ließen den schweren Sarg in die Gruft hinab gleiten. Ein letzter Gruß, ein Sträußchen Blumen, Rosenblätter und Sand fallen fast lautlos auf den Sarg.

Und auf allen Gesichtern die unbeantwortete Frage: W A R U M ?

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