Schatten des Sommers
Es war alles wie immer als sie am frühen, warmen Sommerabend die Haustür aufschloss und doch verspürte sie ein beklemmendes Gefühl. Vielleicht lag ein Gewitter in der Luft, vielleicht war sie auch einfach nur von der Arbeit im Büro geschafft.
Sie hängte ihre Jacke an der Garderobe auf, schlüpfte aus den Schuhen und lief barfuß zur Küche.
Ihr Mann kam immer früher von der Arbeit und nutzte dann die Zeit bis auch sie zu Hause war, um alles für das gemeinsame Abendessen vorzubereiten. So war es auch heute!
Sie warf einen kurzen Blick auf den liebevoll gedeckten Tisch. Er hatte an alles gedacht - sogar eine einzelne, samtrote Rose stand an ihrem Platz. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht und gleichzeitig fühlte sie, wie ein leichter Stich durch ihr Herz fuhr.
Mit einem leichten Kopfschütteln verscheuchte sie das mehr und mehr aufkeimende Gefühl von Besorgnis und Angst.
Ihr Weg durch das bedrückend stille Haus führte sie ins Schlafzimmer. Hier fand sie den Anzug ihres Mannes ordentlich auf den Kleiderständer aufgeräumt und registrierte, dass seine Sportsachen fehlten.
Es gehörte zu seinen Gewohnheiten, nach einem stressreichen Arbeitstag mit dem Fahrrad in den nahegelegenen Wald zu fahren, um Kraft und Ruhe zu finden. Sie wusste, dass er dort mit sich selbst alle Probleme diskutierte und den Frieden des Waldes und der Natur förmlich in sich aufsog. Erst wenn er nach einem solchen Ausflug nach Hause kam, schien er wieder ausgeglichen .
Mit den Fingerspitzen strich sie zärtlich über das Jacket. Also hatte die Arbeitswoche mal wieder mit Stress begonnen. Wie gern wäre sie jetzt bei ihm gewesen und hätte zugehört oder hätte ganz einfach nur seine Hand gehalten. Doch auch in den vielen Jahren ihrer gemeinsamen Beziehung hatte sie in diesem Punkt keinen Zugang zu ihm gefunden. Probleme, die ihn belasteten, machten ihn in zunehmenden Maße verschlossen. ‘ Warum denke ich gerade jetzt darüber nach?’, leise Unruhe machte sich bemerkbar.
Sie ging zurück in die Küche und sah zur Uhr. Es war bereits nach zwanzig Uhr - die Zeit war, während sie ihren Gedanken nachhing, schnell vergangen.
Gleich würde die Tür aufgehen und er würde, schweißnass vom Rad fahren, vor ihr stehen, sie in den Arm nehmen und sie einfach wortlos an sich drücken. Auch ohne Worte würde sie ihn verstehen, nicht nachfragen - einfach nur für ihn da sein!
Lustlos biss sie auf einem Stückchen Brot herum. Draußen war es bereits dunkel geworden und obwohl sie noch immer die Wärme des Tages spüren konnte, lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken. Sie stand am offenen Fenster und blickte in die Dunkelheit. ‘Wo war er? - Warum kam er nicht nach Hause? - Was war geschehen?’ Diese Fragen quälten sie seit Stunden, Tränen rannen ihr über das Gesicht. Es raschelte im Garten, doch das Geräusch verstummte sofort wieder. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie kein Licht eingeschaltet hatte, die Dunkelheit machte ihr Angst.
Immer wieder wanderte ihr Blick zur Uhr - unaufhaltsam verrann die Zeit.
Vielleicht hatte er sein Handy mitgenommen, nervös griff sie nach ihrer Tasche und kramte darin nach ihrem Handy. Mit zitternden Fingern tippte sie die Kurzwahltaste und lauschte angespannt den Ruftönen. War da nicht ein bekannter Klingelton zu hören? Sie klappte das Handy zu und lief ins Schlafzimmer. Auf die Idee, die Jackentaschen ihres Mannes zu durchsuchen, war sie bis heute nicht gekommen.
Doch die Situation hatte sich geändert - das Vertrauen war keineswegs gestört - sie war einfach nur in großer Sorge.
Sie tastete die Jacke ab - ja, das war es - sein Handy und es zeigte auch ihren entgangenen Anruf an. Sie kontrollierte eine Tasche nach der anderen - es war nichts Außergewöhnliches zu finden. Einerseits beruhigt, dass ihr Vertrauen nicht enttäuscht wurde, andererseits aber noch mehr beunruhigt. Was gab es für einen Grund, dass er nicht nach Hause kam?
Zurück in der Küche, griff sie erneut zum Handy, legte es aber sofort wieder zur Seite. Wen sollte sie anrufen? Die Nachbarn? Sie waren höflich und freundlich, aber morgen wäre dann sofort die ganze Straße darüber informiert, dass ihr Mann nicht nach Hause gekommen war.
Hatte er einen Unfall? Dann hätte sie doch sicher die Polizei informiert! Wenn es aber im Wald passiert war, wo er sich meist allein aufhielt?
Sie tippte zögernd die Nummer des örtlichen Polizeipostens. Nach nur einem Rufton meldete sich eine sehr korrekt klingende männliche Stimme. Mit einem Zittern in der Stimme schilderte sie ihrem Gesprächspartner die Situation, um dann zu hören, dass sie einfach abwarten müsse, dass so etwas häufig vorkomme und dass Ehemänner gern mal für ein paar Tage verschwinden. ‘Nicht mein Mann!’ entgegnete sie in Gedanken dem unsensiblen Polizeibeamten und legte, nachdem sie ihre Personalien durchgegeben hatte, wieder auf. Gut, sie musste sich an seine Anweisungen halten und erst einmal abwarten. Morgen würde sie sich wieder melden und viel konsequenter um Hilfe bitten!
‘Morgen?’ - sie ertappte sich bei dem Gedanken, schon damit zu rechnen, dass er heute nicht mehr nach Hause kommen würde. Sie fühlte eine leise, ungute Ahnung, die sie immer mehr in den Bann zog.
Er war ihr nah und gleichzeitig doch so fern. Sie konnte die Wärme spüren, die er ausstrahlte und dennoch fröstelte sie.
Was war passiert, warum ließ er sie allein? Immer wieder versuchte sie eine Antwort auf diese Frage zu finden. Sie versank in einen traumlosen Schlaf.
Als sie erwachte wurde ihr bewusst, dass sie nicht geträumt hatte und die Realität sofort wieder Besitz von ihr nahm.
Er war nicht nach Hause gekommen. Sie musste handeln. Arbeiten, nein - das war ihr heute nicht möglich! Schnell informierte sie mit knappen Sätzen eine Arbeitskollegin über den Grund ihres Fehlens am Arbeitsplatz. Auf Nachfragen ging sie nicht ein und auch mitfühlsame Worte wollte sie nicht hören.
Danach meldete sie sich erneut bei der Polizei. Jetzt konnte sie mit einer Beamtin sprechen - sie fühlte eine Spur von Verständnis und für den Nachmittag sollte eine Suchaktion organisiert werden.
Wo werden sie suchen? Was werden sie finden? Die Antwort auf die letzte Frage machte ihr Angst.
Sie spürte seine innerlichen Zwänge, die ihn belasteten, seine Seele schwer machten und ein Durchdringen unmöglich machten.
Allein, mit einem Gefühl von wachsender Trauer und Selbstzweifel, vergingen die folgenden Tage. Unterbrochen wurde ihr Warten nur durch Telefonanrufe der Polizei und durch das Klingeln an der Tür, wenn der eine oder andere Polizeibeamte erneut nach Einzelheiten forschte.
Auch in der Zeitung war eine Vermisstenanzeige erschienen. Nun wussten auch die Nachbarn über alles Bescheid. Sie wusste, dass jetzt Vermutungen und Tatsachen das aktuelle Dorfklatsch-Thema sein würden.
Jeder gab an, ein bisschen mehr zu wissen, doch keiner wusste etwas Genaues.
Sie verließ das Haus nur kurz um ein paar Dinge einzukaufen, doch merkte sie, wie sie von neugierigen Blicken anderer Mitbürger verfolgt wurde.
Stunden und Tage liefen vor ihr ab wie ein Film. Es schien ihr, als würde sie sich selbst als Darstellerin darin beobachten.
Ihr wurde klar, dass sie nach einer klaren Aussage suchte. Diese Ungewissenheit machte ihr das Leben von Tag zu Tag schwerer.
Es klingelte. Sie fuhr sich durch die Haare, wischte Tränen aus ihren Augen und öffnete die Tür.
Sie schaute in das ernste Gesicht eines Polizeibeamten und einer Zivilperson.
Sofort wurde ihr klar, welche Nachricht sie jetzt erwarten würde. Suchtrupps der örtlichen Feuerwehr hatten ihn, nach nunmehr fünf Tagen, gefunden.
Er war tot - er hatte sich selbst erschossen. Wie durch Watte klangen diese Worte an ihr Ohr.
Sie konnte es nicht verstehen, warum er ihr alle Hoffnung genommen hatte, ein weiteres gemeinsames Leben zu führen. In diesem Moment fühlte sie sich schuldig, seine wahren Gefühle nicht erkannt zu haben und doch musst sie ihn ziehen lassen - in seine eigene Welt, die nicht mehr durch dunkle Schatten belastet war.
Den Händedruck des Seelsorgers spürte sie kaum - sie fühlte sich unendlich allein.
Aber er war auch allein, als er sich entschied, sein Leben zu beenden. Hätte sie ihm helfen können, wäre sie doch früher zu Hause gewesen. Alle Minuten, die sie nicht mit ihm hatte verbringen können, brannten nun kleine Stiche in ihr Herz.
Nur einige Tage später stand sie mit tränenverschleiertem Blick und schwerem Herzen am offenen Grab ihres Mannes. ‘Take me home, country road’ - sein Lieblingslied erklang leise als sich die Urne in die Erde senkte.
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