Des Lehrers Feierabend
Schon dieser Satz ist eine glatte Lüge, ebenso wie der weiße Postkartenspruch auf dunkelgrünem Hintergrund „Lehrer haben vormittags Recht und nachmittags frei“.
Ein Lehrer hat nie Feierabend.
Wie jedes Lebewesen muss ein Lehrer essen und trinken. Schulmensen , Pommesbuden oder der fahrbare Mittagstisch sind nicht gerade der Brüller, wenn Lehrer sich halbwegs vernünftig ernähren wollen. So folgt oft nach dem Unterricht, abgehetzt und den Kopf voller schulischer Gedanken, der Run auf den nächsten Supermarkt.
Wer sich in der Pause keinen Einkaufszettel machen konnte, kramt den winzigen Rest von Konzentrationsfähigkeit, der sich um die Mittagszeit noch aufspüren lässt, zusammen und widmet sich ganz dem Was-brauche-ich-denn-heute-unbedingt-Gedanken. Nur ansatzweise ist der Einkaufswagen gefüllt, da pirscht sich doch von rechts jemand heran. „Das ist ja gut, dass ich Sie hier treffe, da brauche ich Sie heute nicht mehr anzurufen.“ (Wenn ich nach Hause komme, stelle ich sofort den Anrufbeantworter an!!) Nach intensivem Austausch (dabei haben wir das Thema bei jedem Elterngespräch mehrmals durchgekaut) über Mäxchens Leistungsstand und wie er sich verbessern könnte (wenn er nur wollte) geht das Abenteuer Einkauf weiter. Am Obststand der nächste Überfall. „Hallo Frau Schulze, was machen Sie denn hier?“ Wonach sieht es denn wohl aus, wenn Frau mit einem Einkaufswagen durch den Supermarkt schiebt?? Die frisch gekochte Mangomarmelade spüre ich fast auf der Zunge, so ausführlich und zeitintensiv ist die Schilderung von Frau R.
Die neuesten Angebote am Tchibo-Stand gerade in Augenschein genommen, sacke ich in die Knie, angerempelt von Pauls Einkaufswagen. Typisch, in der Schule bekommt er auch nie die Kurve. „Tschuldigung“ verhallt es auch schon wieder. Der Tchibo-Stand ist eine Gefahrenquelle, also weiter!
Zur schulinternen Rahmenplanbesprechung mit der Kollegin am Abend muss ich noch eine Flasche Weißwein und etwas Knabberzeug einkaufen. Ein vorsichtiger Blick am Weinregal nach rechts und links – man weiß ja nie, welche Eltern einen hier beobachten und plötzlich als Alkoholiker abstempeln, wenn man Wein in den Einkaufswagen packt.
Diverse andere Artikel, wie Tampons, Rasiercreme mit Aloe Vera und Tönungsshampoo zur Abdeckung der ersten grauen Strähnen verschwinden diskret unter dem Obst und Gemüse. Zu sehr soll ja der Blick anderer nicht in die intimsten Sphären gelangen. Der neue Kajalstift und die Wimperntusche werden deutlich sichtbar in das kleine Körbchen innerhalb des Einkaufswagens gelegt. Undenkbar, wenn das Zeug sich irgendwo versteckt, weil man es an der Kasse bereits vergessen hat (Merke: beim nächsten Einkauf nur mit Zettel und abhaken, was im Wagen liegt!!) und noch als Ladendieb verdächtigt werden würde!
Wen haben wir denn da? Die Kollegin Susanne am Fleischstand? Gerade packt sie ein riesiges Wurstpaket ein, dabei behauptet sie immer, sie sei überzeugter Single und Vegetarierin? Alles glauben darf man den Kollegen scheinbar auch nicht. Bloß weiter und nicht entdeckt werden (wir hatten in der gemeinsamen Hofaufsicht heute schon das Vergnügen!).
Am Zeitungsstand wieder ein verstohlener Blick in alle Richtungen, dann der Griff in die neueste Klatschpresse – Frau will ja schließlich auf dem Laufenden sein, was so über die Promis getratscht wird. Dieses Lesevergnügen hat man ja sonst nur beim Arzt oder beim Frisör und beides fällt zur Zeit wegen Zeitmangel aus.
Der Einkaufswagen ist voller als geplant, die Hitze steigt von unten nach oben auf, der Magen knurrt, denn das Mittagessen liegt im Einkaufswagen und muss noch bezahlt werden. Nun nicht mehr nach rechts und links schauen, damit einen ja niemand mehr von der Seite unaufgefordert anquatscht, bezahlen und weg.
Schlangen an jeder Kasse, das kann dauern. „Frau Schulze, kommen Sie doch hierher,“ ertönt eine kräftige, männliche Stimme von rechts. (Wer hat mich denn nun schon wieder erkannt?) Nichts wie hin, die Kasse ist leer und soll nämlich nach mir geschlossen werden. Der Blick in das Gesicht mit der kräftigen Stimme, oh, nein, Tobias aus der letzten Zehnten, hier im zweiten Lehrjahr. Mit letzter Kraft ein paar interessierte Fragen zur Ausbildung, die Ware wandert übers Band wieder in den Einkaufswagen. Zum Schluss der verlegene Griff zur Plastiktragetasche, denn der Einkaufskorb steht geduldig zu Hause. Und das mir, die intensive Umwelterziehung in dieser Klasse betrieben hat. Es gibt kein Loch im Erdboden, also Ware einpacken, ein lockeres „Tschüss, bis zum nächsten Mal!“ und weg.
Das nächste Mal kaufe ich wieder in Ruhe ein – inkognito, weit weg von der Schule, wo mich keiner kennt, gezielt mit Einkaufszettel und Einkaufskorb.
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