Hochzeitstag
Der Wind spielte mit dem trockenen Laub und trieb es in unregelmäßigen Böen mal in die eine Richtung, dann wieder in eine andere und wirbelte es schließlich mehrmals im Kreise.
Das Pärchen, das auf der Parkbank die letzten warmen Sonnenstrahlen des Oktobers genoss, schaute den kleinen Laubwirbeln zu. Seit Stunden saßen sie schweigend nebeneinander, offensichtlich aber ohne sich zu langweilen - nur ab und zu bewegte sich die Hand des Mannes und suchte die der Frau. Wenn sich beide Hände berührten, huschte ein stilles Lächeln über die Gesichter der beiden, sie schauten sich an und ihre Blicke schienen in der Erinnerung zu versinken. Zwischen ihnen schien eine Vertrautheit zu bestehen, so dass sie ohne Worte miteinander kommunizieren konnten.
„Woran denkst Du?“, fragte sie plötzlich in die Stille, während ihr Blick gerade nach vorn in den rotglühenden Sonnenuntergang gerichtet war. „Hm!“, kam es einsilbig von ihm zurück. „Meinst Du, wir können es ihnen sagen?“ Zweifel lag in ihrer Stimme. „Warum nicht?“, gab er kurz zur Antwort. „Sie werden es nicht verstehen“, gab sie zu bedenken. „Sie müssen es einfach akzeptieren!“ hielt er ihr entgegen. „Sie haben bestimmt andere Pläne mit uns“, erwiderte sie. „Was interessieren mich deren Pläne“, seine Stimme klang schroff, „nur du bist für mich wichtig!“ fügte er mit sanften Worten hinzu. „Wann willst du es ihnen sagen?“ wandte sie sich an ihn. „So schnell wie möglich – je eher desto besser. Dann können sie ihre Pläne nämlich vergessen!“ „Sie werden alle von uns enttäuscht sein!“ „Wir müssen uns nicht rechtfertigen – es ist unser Leben!“ Die letzten Wörter seiner Antwort betonte er besonders.
„Ja, sicher es ist unser Leben, aber sie sind uns doch auch sehr wichtig!“ Noch immer nicht hatte er ihre Zweifel am gemeinsam geplanten Vorhaben ausgeräumt.
„Sie sind wichtig für uns – sie werden auch immer wichtig sein, denn sie sind ein Teil unseres Lebens. Dieser Tag aber gehört uns, basta!“
„Lass uns noch einmal überlegen, ob unsere Entscheidung richtig ist!“
„Wir haben bisher alle Entscheidungen gemeinsam getroffen und es waren meist die richtigen Entscheidungen! Warum sollten wir jetzt anders handeln?“
„Gut, wir machen das so!“ Zustimmend blickte sie ihn an, wandte sich zu ihm und küsste ihn auf die Wange. Er legte seinen Arm um ihre Schultern, zog sie an sich und erwiderte ihren Kuss lange und innig.
„Na also, dann werden wir zwei ganz allein sein!“
„Nur wir zwei!“, sie strahlte, „aber in die Kirche gehen wir auch!“
„Wenn du das möchtest!“
„Es ist schließlich unser Hochzeitstag!“
„…unser fünfzigster Hochzeitstag!“ bestätigte er stolz.
Längst war die Sonne hinter dem Horizont versunken und der Wind war stärker und kühler geworden. Im Dämmerlicht saß ein Pärchen eng umschlungen auf der Parkbank…
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