Das Klassenbuch
Es war einmal ein hellgrünes Klassenbuch. Pünktlich zur ersten Stunde lag es auf dem Lehrertisch, wanderte dann Stunde um Stunde mit der jeweiligen Klasse brav mit in den Unterricht und wurde nach der letzten Stunde sorgsam wieder in das Fach der Klasse 7b ins Lehrerzimmer gelegt. Die Klassenbuchverantwortliche war eine zuverlässige Schülerin, bei der sich das hellgrüne Klassenbuch in sicheren Händen fühlte.
Eines Tages, kurz vor den Sommerferien, kam sie verstört zu ihrer Klassenlehrerin. „Unser Klassenbuch ist weg.“ „Wie weg?“ „Es war heute morgen nicht im Lehrerzimmer. Frau Meyer wollte es gestern nach der Physikstunde mit ins Lehrerzimmer nehmen.“ Die Klassenbuchverantwortliche schaute betreten drein. „Es wird schon wieder auftauchen, so ein Klassenbuch verschwindet doch nicht einfach“, tröstete die Klassenlehrerin ihre Schülerin und nickte ihr aufmunternd zu.
Aber das Klassenbuch blieb verschwunden. Nach zwei Tagen begann eine großangelegte Suchaktion. Ein großer Zettel hing im Lehrerzimmer, alle Kolleginnen und Kollegen wurden gebeten nachzuschauen, ob sich das hellgrüne Klassenbuch vielleicht in deren Schultasche verlaufen hatte. Schüler und Schülerinnen wurden aktiviert, bei der Suche mitzuhelfen. Vergebens. Die Klasse 7b hatte kein Klassenbuch mehr.
Die ersten Gerüchte kursierten, aber alle Spuren verliefen im Sand. Plötzlich verdichtete sich das Gerücht, ein Schüler der 7b habe das hellgrüne Klassenbuch geklaut und verbrannt. Die Klassenlehrerin ging dieser Spur eifrig nach, lernte durch Hinweise und Telefonate völlig fremde Schüler kennen und war sich sicher, den Jungen, der das Klassenbuch angeblich geklaut hatte, in ihrer Klasse sitzen zu haben. Aber sie konnte nichts beweisen.
Sie beobachtete ihn und fragte sich, weshalb ein Schüler einer 7. Klasse ein Klassenbuch klaut. Etwas Langweiligeres als ein Klassenbuch gibt es nicht. Was steht da schon drin? Die Namen der Schüler und Schülerinnen der jeweiligen Klasse, das, was in den einzelnen Unterrichtsstunden gemacht wurde, eine Übersicht, wann welche Klassenarbeiten geschrieben wurden und…. Das war’s!! Ihr ging plötzlich ein ganzer Kronleuchter auf.
Ein Junge, mit dem sie telefoniert hatte und der an einer anderen Schule war, hatte angeblich gesehen, wie das Klassenbuch verbrannt wurde und deutete an, warum.
Der Übeltäter war stark versetzungsgefährdet und hatte eine Unmenge von Fehltagen, die zum größten Teil nicht entschuldigt waren. Da gab es die regelmäßigen Verschlafstunden, weil er den Wecker nicht gehört hatte, die „Ich hatte Bauchschmerzen-Tage“, Unmengen von „Ich- konnte-nicht-kommen-weil-ich-Kopfschmerzen-hatte-Tage“. Von den vielen Nebenher-Schmerztagen wusste die Mutter offenbar nichts, denn sie hatte solche Tage gar nicht oder Wochen später entschuldigt, was natürlich zu spät war.
An einem Montag morgen kam die Klassenlehrerin mit einem hellgrünen Klassenbuch in die erste Unterrichtsstunde. Freudige Überraschung war in den meisten Gesichtern zu sehen, nur in einem Gesicht entglitten sämtliche Gesichtszüge.
Sie legte das hellgrüne Klassenbuch demonstrativ auf den Lehrertisch. „Da ist unser Klassenbuch ja wieder.“ „Wo war es denn?“ „Wer hat das Klassenbuch verbummelt?“
Erst als alle ruhig waren und gespannt auf ihre Antwort warteten, sagte sie. „Das ist mein Ersatzklassenbuch, das ich immer zu Hause habe. Darin habe ich alle Fehltage und –stunden parallel eingetragen, so dass ich jetzt beruhigt die Zeugnisse schreiben kann. Es sind mir keine unentschuldigten Fehlzeiten abhanden gekommen.“
„Und die Noten? Haben Sie die da auch alle drin stehen?“ fragte ein besorgter Schüler, der sich um seine Versetzung keine Sorgen machen musste.
„Die stehen hier sowieso nicht drin, sondern in einem extra Notenbuch, dass sorgsam im Lehrerzimmer eingeschlossen ist.“ Der eine oder andere grinsende Blick glitt hinüber zu dem verdächtigen Jungen, der keine Miene verzog, aber deutlich an einer plötzlichen Blässe litt.
Was die Klassenlehrerin ihrer Klasse nicht verriet war, dass sie aufgrund der Schließung einer anderen Schule an dieses jungfräuliche Klassenbuch geraten war, in dem sie zu Hause Notizen von Schülern, von Elterngesprächen, von besonderen Vorfällen eingetragen hatte und – glücklicherweise – sämtliche Fehlzeiten dieses Schuljahres dokumentieren konnte.
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