Ein Anfang - drei Stories
Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal… Nein, wirklich nicht, sein Gedächtnis ließ ihn jämmerlich im Stich.
Wann hatte er sich zum letzten Mal so niedergeschlagen, so hilflos gefühlt?
Noch immer war er unfähig, sich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Sein Blick glitt wieder nach oben. Der klare, blaue Himmel passte nicht zu dem grauenhaften Szenario, dessen Zeuge er eben unfreiwillig geworden war. Obwohl das Thermometer mindestens dreißig Grad anzeigte, fror er. Eiskalt waren seine Hände und Füße. In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken, aber er konnte keinen so richtig fassen und fest halten.
Wie oft hatte er selbst schon mit dem Gedanken gespielt? Oft – musste er sich eingestehen, aber er war jedes Mal zu feige gewesen. Die gesammelten Schlaftabletten hatte er irgendwann in den Müll geworfen, die Rasierklingen schließlich zum Rasieren benutzt und den Strick in seiner Nachttischschublade als Abschleppseil gebraucht.
Er wagte es nicht, die Blicke dorthin zu bewegen, wo sie lag. Statt dessen begann er mechanisch, die Stockwerke von oben nach unten zu zählen. Vierunddreißig – für so ein Vorhaben eine sichere Sache.
Hinter ihm und um ihn herum wurde die Menschentraube immer dichter. Er vernahm dunkel ein Stöhnen neben sich, hörte ein lautes Schluchzen hinter sich und aufgeregtes Flüstern um ihn herum. Alles drang wie Watte an sein Ohr. Er hörte rechts seinen alten Kumpel, zuverlässig, treu und klar, seinen chronischen Tinnitus.
Langsam zog es seine Augen wie magisch in die Richtung, in die alle blickten.
Ihre langen dunklen Locken lagen in einer Blutlache, die wie eine auslaufende Flasche immer größer wurde. Ihre blauen Augen blickten starr und weit aufgerissen in den wolkenlosen Himmel. Ihr Arme waren rechts und links vom Körper abgespreizt, der linke seltsam verdreht.
Ihre Beine hatten eine Haltung, als gehörten sie ihr nicht.
Warum hatte sie das getan? Sie war höchstens fünfzehn, ein junges Mädchen, das das Leben noch vor sich hatte, der die Welt zu Füßen lag. Aus ihrem zarten, hübschen Gesicht war alle Farbe gewichen. Und diese Blässe hatte sich auf ihr farbenfrohes T-Shirt und ihre blaue Sommerhose übertragen. Die einst leuchtenden Farben waren schlagartig mit ihr verblasst.
Er hatte sie oft im Haus oder auf dem Hof gesehen, aber er kannte sie nicht persönlich.
Hatte der heutige Tag etwas mit ihrem Sprung zu tun? Er war sich sicher.
Im Geiste ließ er die letzten zwei Stunden Revue passieren. Alle hatten es mehr oder weniger geschafft. Er war sich sicher, dass aus seiner Truppe niemand auf solch einen Gedanken gekommen war. Als er sie vorhin verabschiedete, hatte er in überwiegend freudige Gesichter geblickt. Und die wenigen, die etwas betreten waren, hatten sich letztendlich von der Freude der anderen anstecken lassen.
Sie hatte es sicher nicht geschafft, war nicht von Freude beseelt. Aber deshalb das Leben einfach wegzuschmeißen?
Von Ferne hatte er die durchdringenden Sirenen wahrgenommen. Sie kamen immer näher. Als mehrere energische Stimmen die Passanten aufforderten, den Platz zu räumen, wandte er sich schnell ab. Niemand sollte seine Tränen sehen.
Der letzte Schultag war vorbei, die Versetzungszeugnisse ausgeteilt, die großen Ferien fingen an. Morgen würde es groß in der Zeitung stehen: „Gymnasiastin wählte den Freitod. Sie hatte die Versetzung nicht geschafft.“
Und die Diskussion über den Sinn oder Unsinn von Noten, die Vor- und Nachteile des deutschen Schulsystems und PISA gaben wieder ausreichenden Gesprächsstoff, das kommende Sommerloch in den Medien zu füllen.
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